Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Entwicklung des frühkindlichen Schreiens – vom Schrei zur Interaktion

von Joachim Bensel

„Keine Sprache, nur ein Schrei“ heißt ein Artikel von Barry Lester, einem bekannten amerikanischen Schreiforscher. Er fasst treffend zwei Aspekte dieser ersten menschlichen Laut-äußerung zusammen. Zum einen betont er die Schwierigkeit des Babys, sich ohne Wortsprache verständigen, mitteilen und verstanden werden zu müssen, zum anderen soll der Titel aber auch verdeutlichen, dass das Schreien in der ersten Lebenszeit durchaus eine kommunikative Funktion erfüllt. Schreien ist tatsächlich ein sehr wirksames Signal, um die Aufmerksamkeit der Bezugspersonen, der ganzen sozialen Gruppe zu erregen. Es lässt sich nicht ignorieren und das darf es auch nicht. Es hat seine Ursprünge in der Stammesgeschichte als Distanzsignal, um Hilfe herbeizuholen, wenn Gefahr von außen droht oder der Nachwuchs sich verlassen fühlt.

Schreien ein Mehrzweckverhalten

Schreien ist zwar wirksam, aber leider sehr unspezifisch. Während es im Labor Spezialisten, die sich mit der sogenannten Schreiakustik beschäftigen, vielleicht noch gelingt, anhand spezieller phonetischer Eigenschaften, allein anhand einer Tonbandaufnahme zu entscheiden, ob es sich um einen Hunger-, Frustrations- oder Schmerzschrei handelt, sind Eltern, mit den rein akustischen Informationen überfordert. Ihre Einschätzungen liegen kaum über der Zufallserwartung. Ihre Bestimmung der Schreiursache erfolgt zum einen über die Schreiintensität: stärkere Schreie werden meist als Schmerz interpretiert, schwächere, die man auch als Quengeln oder Nörgeln bezeichnet, als Unwohlsein aufgrund eines ungestillten Bedürfnisses. Da Schreien als Mehrzweckverhalten nicht nur Kontaktbedürfnis bei Verlassenheit anzeigt, sondern auch ein dringender Appell an die Betreuungspersonen sein kann, gegen Hunger und Durst, gegen Müdigkeit, gegen Unwohlsein und Schmerzen, gegen Langeweile und Überstimulation etwas zu unternehmen, erschließt sich die Ursache häufig erst durch Kenntnis von Vorgeschichte und zusätzlichen Indizien. Darum sind besonders Erstgebärende verunsichert, was zu tun ist, um das Baby zu beruhigen. Mit der Zeit wächst die Kompetenz der jungen Eltern und damit gleichzeitig die Erfolgsquote bei den Beruhigungsversuchen. Das zweite Kind wird dann meist bereits von schrei- und beruhigungserfahreneren Eltern empfangen und betreut.

Der Schreiverlauf

Das Quengeln und Schreien ist nicht zu jeder Stunde und an jedem Tag gleich häufig zu hören. Genauso wie die anderen Verhaltensbereiche entwickelt sich die Unruhe vor allem in den ersten Lebensmonaten quantitativ aber auch qualitativ. Ein Baby schreit nie mehr soviel, wie in seinen ersten drei Lebensmonaten, dabei zeigte sich in fast allen bisher untersuchten Kulturen ein typischer n-förmiger Verlauf, d. h. die Schreimenge stieg nach der Geburt zu einem Maximum in der 3. bis 6. Lebenswoche an (in unserer Freiburger Studie auf 1½ Stunden am Tag) und nahm danach kontinuierlich bis zum Ende des ersten Lebensjahres ab. Dieses universelle Muster des Wochenverlaufs im ersten Trimenon hat sein Pedant im Tagesverlauf. Es gibt zwar Babys, die mehr und solche die weniger schreien, aber fast alle schreien besonders viel am Abend zwischen 17 und 22 Uhr. Längere Schreiphasen in der Nacht sind selten. Ein kurzes Quengeln nach dem Aufwachen um kundzutun, dass es Hunger hat, ist meist alles. Nach der Mahlzeit wird der Schlaf fortgesetzt. Diese Muster gehören zur ganz normalen Entwicklung eines Kindes und sind wahrscheinlich Ausdruck steigender und schließlich gemeisterter Entwicklungsaufgaben bzw. einer besonders schwierigen Erregungsregulation von Mutter und Kind am Ende eines Tages.

Individuelle Unterschiede und kulturabhängige Betreuungspraktiken

Große Unterschiede finden sich jedoch in der absoluten Schreidauer von Säugling zu Säugling bzw. von Kultur zu Kultur. Bereits in der ersten Lebenswoche zeichnet sich ab, ob das Neugeborene in seinem späteren Leben zu den ruhigeren Babys, zu den durchschnittlichen oder gar zu den exzessiven Schreiern gehören wird; letztere schreien mindestens drei Stunden am Tag und dies mindestens drei Tage in der Woche, mindestens drei Wochen lang. Die Unterschiede sind z. T. im Kind selbst angelegt, z. B. in Form einer verringerten Selbstregulationsfähigkeit, z. T. sind sie umweltbedingt, wobei die Betreuungspraktiken dabei eine wichtige Rolle spielen, dies zeigt auch der Kulturenvergleich. In solchen Kulturen, in denen die Betreuung des Babys noch sehr traditionell verläuft, sind die Schreidauern wesentlich geringer, in Teilen Afrikas, Asiens, aber auch in nordeuropäischen Ländern wie Dänemark, besteht eine hohe Bereitschaft, prompt auf das kindliche Schreien zu reagieren, zudem werden die Babys häufig gestillt, ohne Einhalten irgendwelcher Stillpläne, sie haben sehr viel Körperkontakt, werden häufig mit Tragetüchern o. ä. herumgetragen und schlafen am Körper der Mutter ein. Die Angst, das Baby zu verwöhnen, besteht nicht. Studien haben zeigen können, dass das Schreien vor allem zur Zeit seines Maximums durch vermehrtes Tragen und gesteigerte Responsivität reduziert werden kann. Ursprüngliche Betreuungspraktiken sind jedoch kein Allheilmittel. In einigen Studien an Schreibabys verringerte vermehrtes Tragen die Unruhemenge nicht. Tragen lässt sich nicht wie ein Medikament verordnen und führt nach „Einnahme“ zu der gewünschten Wirkung, es muss ein stimmiges und gewolltes Moment einer alternativen Betreuungskultur sein. Betreuungspraktiken können einen Teil des vermehrten Schreiens in unserer westlichen Kultur erklären, aber nicht alles.

Säuglingslaute

Schreien ist sicher das auffälligste Lautsignal des Säuglings, aber es gibt mindestens noch fünf weitere Möglichkeiten, sich bei den Eltern bereits am Lebensanfang Gehör zu verschaffen. Damit ist nicht das Lallen oder Babbeln gemeint, das ein Baby mit ungefähr 6 Monaten zeigt, als Vorstufe der Sprachentwicklung, sondern die frühkindlichen Vokalisationen, die bereits nach der Geburt vorhanden sind als wichtige Signale in der Kommunikation zwischen Säugling und Bezugspersonen. Diese Laute wahrzunehmen, sie richtig und rechtzeitig zu interpretieren, kann verhindern, dass es überhaupt zum Schreien kommt. Zu den angeborenen Babylauten gehört der kurze einzelne Kontaktlaut, der vor allem nach dem Aufwachen geäußert wird, wenn keine Bezugsperson in der Nähe ist. Beim Unmutslaut handelt es sich um eine Serie mehrerer kurzer Einzellaute, die sich rhythmisch wiederholt. Das Baby signalisiert damit ein aktuelles Unbehagen und fordert seine soziale Umwelt auf, Abhilfe zu schaffen oder die eben an ihm durchgeführte Handlung nicht zu wiederholen. Eltern, die Zimmer oder Bett mit ihrem Baby teilen, kennen den sogenannten Schlaflaut. Er rückversichert die Mutter über das Wohlbefinden des Säuglings. Am bekanntesten, weil er jedes Füttern begleitet, ist der Trinklaut; das Baby gibt damit zu erkennen, dass die Synchronisation zwischen ihm und der Mutter stimmt und die Milch in der richtigen Menge nachfließt. Der Wohligkeitslaut schließlich dürfte der beliebteste unter den frühkindlichen Lautäußerungen sein, weil er deutlich signalisiert, dass alle Bedürfnisse befriedigt sind und das Baby sich geborgen fühlt.

Das kindliche Lautrepertoire ist eine Komponente unter mehreren, um von Kind (Säuglingskompetenz) und von Erwachsenenseite (intuitive Elternschaft) gut funktionierende soziale Interaktionen zwischen Kind und Bezugspersonen biologisch zu sichern und damit das Zustandekommen einer frühkindlichen Bindung zu gewährleisten.

Stufen der Erregung

Das Verhalten des Säuglings wird nicht nur bezüglich seiner Tätigkeiten (Essen, Schlafen, Spielen etc.) eingeteilt und in seiner Entwicklung beobachtet, sondern auch im Hinblick auf sein Erregungsniveau. Die sogenannten Verhaltenszustände beschreiben den Grad der Ansprechbarkeit und der Wachheit des Säuglings. Sie reichen vom Tiefschlaf, über den Traumschlaf, dem aufmerksamen und normalen Wachzustand bis hin zum Schreien, der höchsten Erregungsstufe.

Soziales Wachstum

Während das Säuglingsschreien im zweiten Lebensmonat weniger wird, nehmen in der gleichen Zeit die Wahrnehmungs- und Lernfähigkeiten rasch zu, der Säugling schläft weniger und regelmäßiger, sein circadianer Schlaf-Wach-Rhythmus etabliert sich, seine sozialen Kompetenzen nehmen zu. Mit ca. 6 Wochen zeigt ein Baby sein erstes „soziales Lächeln“, verfolgt mit den Augen verstärkt die mütterlichen Aktivitäten, vokalisiert mit sozialem Muster und wird damit für die Eltern zunehmend erkennbar zu einem „echten“ sozialen Wesen mit steigender zielgerichteter Interaktionsfähigkeit. Diese neuen sozialen Kompetenzen verlängern die Interaktionszeit mit den Bezugspersonen und stabilisieren dadurch den alerten Wachzustand. Die fortschreitende Hirnentwicklung führt zu der gesteigerten Fähigkeit des Säuglings, seinen Verhaltenszustand selbst zu regulieren, also den Wechsel zwischen Zuständen des Schlafs und des Wachseins aktiv zu beeinflussen. Auch seine neurophysiologische Organisation verändert sich drastisch. Dieser fundamentale Entwicklungssprung wird als „biologischer Verhaltenswechsel“ („biobehavioral shift“) bezeichnet. Insgesamt zeigt sich ein deutlicher qualitativer Unterschied zwischen dem Säugling zu Beginn seines Lebens und dem über 2 Monate alten Säugling. Gründe genug, um die Abnahme der instabilen Unruhephasen mit zunehmenden sozialen und selbstregulatorischen Kompetenzen begründen zu können.

Austausch von Unruhe gegen soziale Interaktion

Insbesondere die Abendstunden scheinen aufgrund des erhöhten Aktivitäts- und Erregungsniveaus eine für den Säugling besonders geeignete Zeit zu sein, um seine dingliche und soziale Umwelt zu erkunden. Verhaltensprotokolle über die erste Lebenszeit haben gezeigt, dass einige Säuglinge die Abendstunden anfänglich bevorzugt mit Unruhe belegen und dann kontinuierlich zu Interaktionsphasen umwandeln. Die Haupterregungsphasen bleiben bestehen, aber wechseln ihren Inhalt. Damit diese Ablösung stattfinden kann, brauchen die Kinder einen prompt reagierenden, sensitiven und zuverlässigen Interaktionspartner, der seine intuitiven Betreuungsqualitäten zum Einsatz bringt. Mikroanalysen von Mutter-Kind-Interaktionen zeigen, dass 30 % aller Interaktionen bereits sofort koordiniert sind, also passen, aber auch die restlichen 70 % der nicht sofort passenden Interaktionen, der Missverständnisse, innerhalb von zwei Sekunden nachgebessert werden. Gerade diese erfolgreich verlaufenen Spannungs- und Interaktionsregulierungen geben dem Säugling das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Die Rahmenbedingungen für gelungene Mutter-Kind-Interaktionen sind in der modernen Gesellschaft jedoch keineswegs ideal. Die Situation der Mütter vor, während und nach der Geburt des Kindes weicht in industrialisierten Kulturen in vielen Punkten von der in traditionalen Gesellschaften ab. Es gibt keine dezidierten Übergangsrituale für werdende Mütter mehr, die Geburt findet meist mit Hilfe Unbekannter in einer unvertrauten Umgebung statt und die soziale Einbettung, vor allem in der postpartalen Phase, ist mangelhaft. Belastungsmomente für die Mütter, die sich wiederum auf Seiten des Interaktionspartners Säugling bemerkbar machen können.

Schreibabys

Besonders betroffen sind die schätzungsweise 100.000 Schreibabys pro Jahr (Zahlen hochgerechnet für Deutschland), deren Verhalten die junge Familie gleich zu Lebensbeginn in eine Krise stürzen kann, wenn die Eltern keine Erfahrung und keine Unterstützung im Umgang mit dieser aufreibenden aber nicht gesundheitsgefährdenden Verhaltensauffälligkeit haben. Meist ist das Schreien nach den ersten drei Monaten überstanden und viele Eltern haben gelernt, mit dieser Besonderheit umzugehen. Ein gesteigertes Kompetenzgefühl im Umgang mit dem Säuglingsschreien aber auch eine größere Gelassenheit gegenüber den Unmutsäußerungen hat sich eingestellt. Vor allem, wenn die Mütter sich Auszeiten nehmen können, Leidensgenossinnen als Gesprächspartnerinnen finden und familiärer Rückhalt existiert, ist die schwierige Anfangszeit bald vergessen. Bei einigen Säuglingen hält das Schreien jedoch auch nach dem dritten Monat an, Schlaf- und Fütterungsstörungen treten hinzu, das Kind wird als noch fordernder empfunden und die Belastung der Eltern erreicht ihren Höhepunkt. Spätestens jetzt ist der Besuch bei einem Kinderpsychiater oder –arzt angezeigt, der sich mit frühkindlichem Schreien auskennen sollte. Schreiambulanzen und –sprechstunden sowie Selbsthilfegruppen für Eltern von Schreibabys nehmen in den letzten Jahren an Zahl zu. Neben einer Verminderung psychosozialer Belastungsfaktoren der Eltern und einer Hilfe beim Strukturieren des Tagesablaufs steht die Eltern-Kind-Beziehung im Mittelpunkt der meisten Interventionsansätze. Die Gefahr besteht, dass das exzessiv schreiende Kind wichtige Interaktionszeit verschreit und statt erste Kommunikationserfahrungen in der sozialen Interaktion zu sammeln, diese beim Schreien und dem Beruhigtwerden durch die Eltern macht. Dies könnte einen entwicklungsprägenden Lernprozess in Gang setzen. Darum werden in der Intervention gelungene Interaktionsabläufe zwischen Mutter und Kind betont, Hinweise zur besseren Signaldeutung des Babys gegeben und die intuitiven Elternkompetenzen gestärkt, um schrittweise den Weg zu einer befriedigenden Eltern-Kind-Beziehung zu finden. Damit nach überstandener Schreiphase auch das „andere“ Baby, mit dem man spielen und lachen kann, auf das man sich vor der Geburt gefreut hat, wieder oder erstmals genossen werden kann.

Joachim Bensel ist Diplom-Biologe, Gesellschafter der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM GbR) in Kandern bei Freiburg