Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Aggressives Verhalten als Krankheit?

von Franz Resch

Immer wieder sind es plakative Gewalttaten, die uns aufhorchen lassen. Die biographischen Hintergründe der Täter entsetzen uns. Immer wieder stellt sich die Frage nach Schuld und Selbstverantwortlichkeit neu. Opferschutz und die richtige Behandlungsweise von Tätern im Sinne der Prävention weiterer eskalierender Gewalt müssen unser Anliegen sein.

Meist unbemerkt von medialer Aufmachung findet sich aber bei Kindern und Jugendlichen auch stille Gewalt: Selbstverletzungen, schwere Verzweiflung, vermeintliche Ausweglosigkeit, die sich in mittelbarer oder unmittelbarer Gewaltausübung gegenüber dem eigenen Körper der Betroffenen äußern.

Den nach innen gerichteten Störungen (internalisierende oder emotionale Störungen) wird in der Regel die nach außen gerichtete Verhaltensproblematik (externalisierende oder expansive Störungen) bei Kindern gegenübergestellt. Im Folgenden soll von diesen expansiven Störungen die Rede sein. Ein typisches Merkmal dieser Verhaltensauffälligkeiten ist die Übertretung sozialer Regeln, Grenzen werden überschritten: Intimitätsgrenzen, Schamgrenzen, Schmerzgrenzen, Körpergrenzen.

Was bringt ein Kind dazu, „schlimm” zu sein? Im Folgenden sollen einige Überlegungen zum Entwicklungsweg expansiver Störungen angestellt werden und dabei auch eigene Forschungsergebnisse der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung der Universität Heidelberg eingebracht werden.

Der klassische Entwicklungsweg von delinquentem Verhalten beginnt oft bereits mit erzieherischen Problemen beim Klein- und Vorschulkind. Oppositionell-aggressive Verhaltensweisen führen auch zu Auffälligkeiten im Kindergarten. Die expansiven Schwierigkeiten erstrecken sich nicht nur auf die Beziehungen zu den Elternfiguren oder anderen Erwachsenen, sondern auch bereits auf die Gleichaltrigengruppe. In der Schule führen negative Schulbilanz und sozialer Misserfolg zu derartigen Einschränkungen der Entwicklungsmöglichkeiten, dass sich schließlich beim Jugendlichen das Risiko für die Annäherung an kriminelle oder Drogen missbrauchende Gruppen eklatant erhöht. Auf diese Weise münden die Betroffenen schließlich in die Zielgerade einer delinquenten Entwicklung ein.

Oberflächlich betrachtet erweckt dieser Entwicklungsweg den Eindruck einer Einbahnstraße, so als wäre die delinquente Karriere durch Genetik oder Erziehungsfehler determiniert. Die Mannheimer Studie (z.B. Laucht et al. 1992, 1993) zeigt, dass expansive Störungen bei Dreijährigen in 50% bis zum Vorschulalter stabil bleiben. Mehr als 50% der Achtjährigen mit dissozialer Symptomatik werden mit 18 Jahren ebenfalls als dissozial beschrieben. Daraus zu folgern, dass expansive Störungen eine hohe biologisch begründete Stabilität aufweisen erscheint jedoch verfrüht. Es lässt sich aufzeigen, dass in jeder Phase der negativen Entwicklung auch die Umwelteinflüsse, die gesellschaftlichen Wirkfaktoren zumindest mitbeteiligt sind an einem Prozess, den man unter psychodynamischen Gesichtspunkten mit den zwei Schlagworten „Demütigung” und „Desintegration” bezeichnen kann.

Risikofaktoren expansiver Störungen

Als Risikofaktoren expansiver Störungen beim Kind gelten u.a. Temperamentsfaktoren (difficult temperament – erhöhte Erlebnisintensität, Reizempfindlichkeit und mangelnde Selbstberuhigungstendenz), Sprachentwicklungsstörungen, die die verbale Ausdrucksfähigkeit von Kindern beeinträchtigen, und Impulshaftigkeit, wie sie im Rahmen des hyperkinetischen Syndroms zu beobachten ist. Gerade hyperkinetische Kinder stellen oft für ihre Eltern ein schwieriges Erziehungsproblem dar und bedürfen nach Diagnosestellung der ärztlichen und psychotherapeutischen Betreuung. Aufmerksamkeitsstörungen und Impulshaftigkeit können die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig beeinträchtigen, weil sich Eltern ohnmächtig und unfähig erleben, die Intentionen und Handlungen des Kindes zu verstehen und zu lenken.

Weiterhin gelten Kontakt- und Empathiestörungen, wie wir sie beispielsweise beim Asperger’schen Syndrom finden, als Risikofaktor. Kinder, die wenig soziale Kompetenz besitzen und sich nur schlecht in die Gefühlslagen und Interessen anderer einfühlen können, zeigen ein erhöhtes Risiko, in Gruppen- und Schulkontext durch Übertretung sozialer Regeln auffällig zu werden.

Schließlich sind noch als Risikofaktoren Teilleistungsschwächen zu nennen (z.B. Legasthenie), die den Kindern zusätzliche Misserfolge im Leistungsbereich bescheren.

Als Risikofaktoren expansiver Störungen, die durch die Eltern an die Kinder herangetragen werden, gelten emotionale Vernachlässigung durch die Bezugspersonen, inkontingenter Erziehungsstil mit Verwöhnung und Nachlässigkeit einerseits und/oder drakonischen unangemessenen Bestrafungen andererseits. Elterliche Streitigkeiten stellen für Kinder auch einen schweren Belastungsfaktor dar. Nicht nur die Gewaltanwendung gegenüber dem Kind selbst, sondern auch Gewalttätigkeiten unter den Bezugspersonen sind als Traumatisierungen zu verstehen. Verhaltensstörungen und Übertretungen sozialer Regeln bei den Eltern führen nicht zuletzt im Sinne einer schlechten Vorbildwirkung zum erhöhten Risiko von Verhaltensstörungen bei den Kindern. Körperliche Misshandlung durch Bezugspersonen und sexueller Missbrauch innerhalb der Familie zählen wohl zu den schlimmsten Traumatisierungen der Kinder, wobei expansive Verhaltensstörungen neben emotionalen Schwierigkeiten auftreten können.

Störungen in der Entwicklung des Selbst

Ein erweitertes entwicklungspsychopathologisches Modell zur Entstehung expansiver Verhaltensweisen unter den skizzierten ungünstigen Entwicklungskonstellationen geht von Störungen in der Entwicklung des Selbst und des Selbstwertes beim Kind aus. Man muss davon ausgehen, dass ein negatives Selbstbild und eine Verzerrung der sozialen Wahrnehmung bei expansiven Kindern zu Problemen in Schule und Gleichaltrigengruppe führen. Dadurch kommt es zu vermehrten sozialen Anpassungsschwierigkeiten und Konflikten. Viele Probleme können vom Kind, das durch ungünstige Entwicklungskonstellationen bereits psychische Strukturschwächen aufweist, nur noch in abwehrender Weise bewältigt werden. Unter diesen Entwicklungsbedingungen zeigt sich schließlich eine erhöhte Auftrittswahrscheinlichkeit von adoleszenten Risikoverhaltensweisen.

Die Störungen des Selbstkonzeptes und die Beeinträchtigungen des Selbstwertes erscheinen als zentrale Faktoren, denn sie führen zu Problemen bei der Bewältigung der adoleszenten Entwicklungsaufgaben. Schließlich sieht der Jugendliche nur noch wenige Entwicklungschancen im sozialen Feld und schließt sich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit devianten Gruppen an, die sich bewusst nicht normenkonform verhalten, wobei dadurch das Risiko für delinquente Handlungen und eine Fixierung der Sozialverhaltensstörungen ansteigt. Als Motoren ungünstiger Entwicklungen können wir also neben angeborenen ungünstigen Handlungsbereitschaften auf der Erlebnisebene Traumen und Konflikte benennen.

Ist die affektive Reagibilität angeboren?

Aus der modernen Säuglingsforschung gibt es eine Reihe von Befunden, die aufzeigen, dass die affektive Reagibilität nicht allein angeboren ist. Unter dem Begriff affect attunement (Stern 1985) wird verstanden, dass von der Mutter auf bestimmte Gefühlsäußerungen des Kindes differenziert geantwortet wird, wobei die Antwort stärker oder schwächer ausfällt als der kindliche Ausdruck. So kann die Mutter affektive Äußerungen des Kindes variieren, abdämpfen oder stimulieren und schließlich durch diese Akzentuierung gestalten. Wenn Bezugspersonen auf das Kind unsensibel reagieren, Handlungsintentionen immer wieder unterbrechen oder in unberechenbarer Weise mit eigenen wechselnden Verhaltensweisen beantworten, kann dies die Affektregulation des Kindes negativ beeinflussen. Eine überschießende affektive Reagibilität eines Kindes muss also nicht immer angeboren sein, sie kann sich vielmehr historisch in der Interaktion mit den Bezugspersonen entwickeln.

Unter dem Begriff soziale Vergewisserung (social referencing) versteht man, dass ein Kind nach der Beantwortung seiner momentanen Gestimmtheit sucht, indem es sich mit fragendem Blick zur Bezugsperson wendet. Wenn das Kind sich bezüglich seiner Situation oder der Bedeutung eines Ereignisses ungewiss fühlt, konsultiert es den Gesichtsausdruck der Mutter, um für diesen unbekannten Prozess eine Sinnzuschreibung zu ermöglichen. Lächelt die Mutter, wendet sich das Kind dem Reiz wieder zu, mütterliche Ängstlichkeit oder Ablenkung lässt das Kind zurückschrecken. Aus dieser frühen sozialen Vergewisserung erwächst im Rahmen einer Vertrauensbeziehung die Fähigkeit, unbekannte Ereignisse und mögliche Gefahren mit Hilfe von Bezugspersonen zu erkennen und richtig zu deuten. Auf diese Weise entwickelt sich die Fähigkeit, eigene Gefühle im Austausch mit Bezugspersonen zu erfahren, zu benennen, zu kontrollieren und Ereignisse der Umwelt zu interpretieren.

Schließlich ist noch das Phänomen der Bindung zu beschreiben: Bindung ist eine besondere Art einer affektiv getragenen, hierarchischen sozialen Beziehung zwischen dem Kind und einer – oder mehreren – bevorzugten, von anderen unterschiedenen Personen, die als stärker, wissender und beschützend angesehen werden. Wichtig erscheint, dass Bindung nicht eine Eigenschaft des Kindes oder der Mutter allein darstellt, sondern eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird.

Bindungsmuster (sichere Bindung, unsicher vermeidende Bindung, ambivalent unsichere Bindung und desorganisierte Bindung) zeigen im Kindesalter eine relativ hohe Stabilität und scheinen mit bestimmten Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang zu stehen. Bindung selbst erfüllt das Bedürfnis nach Nähe, Bindungsbeziehungen stellen einen Zufluchtsort dar, in dem Schutz, Trost, Unterstützung und Sicherheit gewährt werden. Dadurch ergibt sich eine sichere Basis für exploratives Neugierverhalten. Bindung kann als basales Vertrauen in eine Bezugsperson umdefiniert werden. Ambivalent unsichere Bindungsmuster können über vermehrte Schutzsuche schließlich zu internalisierenden Störungsbildern überleiten. Unsicher vermeidende Bindungsmuster zeigen in der Folge mehr erpresserisch eskalierende Beziehungskonstellationen, die schließlich beim Kind im Schulalter ein erhöhtes Risiko für expansive Verhaltensweisen nach sich ziehen.

Thesen zur Entwicklung aggressiver und expansiver Verhaltensweisen

These 1: Es gibt einen fließenden Übergang von physiologischen zu pathologischen Aggressionsmustern.

Mehrere Untersuchungen zur dimensionalen Erfassung von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern können einen solchen fließenden Übergang bestätigen. Unsere eigene Studie ist ein Kooperationsprojekt des Gesundheitsamtes Rhein-Neckar-Kreis und der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg. Bei der Untersuchung handelte es sich um eine anonymisierte Befragung von Eltern aus dem Rhein-Neckar-Kreis und der Stadt Heidelberg anlässlich der Einschulungsuntersuchung ihrer Kinder 1996. Die Gesamtpopulation der Einschulungskinder im Schulamtsbezirk betrug für das Jahr 1996 7.647 Kinder; 6.746 Personen konnten erreicht werden, ein Rücklauf von 84,4% und die Untersuchung der Datensätze auf Vollständigkeit erbrachte schließlich einen Datensatz von 4.363 Kindern, dies entspricht 64,7% der angesprochenen Personen. Als Untersuchungsinstrument wurde die Child Behavior Check List (CBCL) in der Elternversion eingesetzt. 5,4% der Einschulungskinder waren nach Angaben der Eltern wegen Verhaltensproblemen in den letzten zwölf Monaten in ärztlicher oder psychologischer Behandlung. Sowohl der CBCL-Gesamtwert als auch der Skalenwert für aggressive Verhaltensweisen (Subskala Aggression) ließen eine rechtsschiefe Verteilung erkennen. Hohe Skalenwerte werden kontinuierlich seltener in zunehmend auffälligeren Wertebereichen. Eine natürliche Grenze zwischen auffälligen und unauffälligen Werten ist nicht zu erkennen. Die Entscheidung, welcher Summenscore an kindlichem Verhaltensbesonderheiten als auffälliger oder unauffälliger Wert anzusehen ist, obliegt damit immer dem Untersucher. Immer sind Bewertungen, die Berücksichtigung der Gesamtsituation und eigene Haltungen in der Feststellung aggressiver und expansiver Verhaltensweisen mit eingeschlossen!

These 2: Pathologische Aggressionen gehen mit tief greifenden Störungen emotionaler Bewertungsstrukturen einher.

Die Ergebnisse einer an unserer Abteilung durchgeführten Studie zeigen, dass Kinder mit aggressiven und expansiven Verhaltensweisen auf der Basis eines erniedrigten Selbstwertes operieren und sich dadurch leichter durch schulische Herausforderungen, Eingrenzungen oder Anforderungen durch andere aus dem seelischen Gleichgewicht bringen lassen. Die Innenseite aggressiver oder regelübertretender Verhaltensweisen ist also weniger durch das Gefühl der Überlegenheit als durch das der Unterlegenheit gekennzeichnet.

These 3: Es gibt einen Bezug zu seelischen Traumen in der Biographie. Aggressive und expansive Jugendliche zeigen eine erhöhte Dissoziationsneigung.

Traumen sind seelische Verletzungen, die von Seiten der psychosozialen Umwelt an das Kind herangetragen werden und die die Entwicklung des Kindes entscheidend beeinflussen können. Als bedeutsamer pathogenetischer Faktor bei der Entstehung psychischer Störungen aufgrund von biographischen Traumen wird der Mechanismus der Dissoziation angesehen. Die Dissoziation ist ein komplexer psycho-physiologischer Prozess, der als besonderer Modus der Informationsverarbeitung zu einer teilweisen oder völligen Desintegration psychischer Funktionen führen kann. Dissoziative Mechanismen können katastrophale Erlebnisse isolieren. Auf diese Weise werden überwältigende traumatische Erfahrungen in einen abgeschlossenen Teil des Bewusstseins geschoben, bis die betroffene Person außerhalb der Situation in der Lage ist, sie wieder in das normale Bewusstsein zu integrieren.

Die Ergebnisse einer Heidelberger Untersuchung zeigen, dass die Beurteilung der Aggression durch Eltern bei jenen Jugendlichen höher ist, die Traumen erlitten haben. Sie steigt außerdem mit dem Ausmaß der dissoziativen Erlebnisse. Aggressivität hat auf der Erlebnisseite Verwundungen im Rahmen der Biographie aufzuweisen. „Schlimme Kinder“ – also Kinder, die sich durch expansive Verhaltensweisen und soziale Regelübertretungen in den Vordergrund rücken –, sind in besonderer Weise verletzte Kinder. Sie haben oft einen traumatischen Hintergrund und Selbstwertprobleme zu verarbeiten.

Therapeutische Aspekte

Wie können wir Abhilfe schaffen? Wie können Weltbild und Affektregulation des Kindes auch unter ungünstigen Entwicklungsbedingungen verbessert werden? Wie können wir die Selbstentwicklung fördern und produktive Erfahrungsräume schaffen, in denen Kinder eine emotionale Differenzierung erfahren? Aus therapeutischer Sicht geschieht dies nicht durch pädagogische Umprogrammierung, sondern nur durch erlebnisorientierte und beziehungsorientierte Umstrukturierung. Es geht nicht darum, Kinder wehrlos zu machen, sondern die Art und Weise, wie sie die Umwelt erleben und interpretieren, zu verändern.

Das Kind ist nicht nur folgsam, weil es sich vor mächtigen Konsequenzen fürchtet. Das Kind ist auch oder gerade deshalb gewillt, soziale Regeln einzuhalten, weil es dies einer geliebten Bezugsperson zuliebe tut. Vor dem Hintergrund von Vertrauen und in einer positiven Beziehung entwickelt sich das moralische Bewusstsein mit der Fähigkeit, Schuldgefühle erleben zu können und nicht nur Scham und Beschämung zu empfinden.

In der Therapie kann und soll man über Beziehungsaspekte Einfluss auf affektive Steuerungsmechanismen nehmen. Die konsequente Gestaltung von Erfahrungsräumen, die zugleich mit Beziehungsangeboten erfüllt sind, erscheint notwenig. Über Beziehungsgestaltung sollen interpersonale Erwartungen verändert werden. Die misstrauische Grundhaltung aggressiver Kinder und Jugendlicher lässt sich nur durch Umstrukturierung im Rahmen neuer Beziehungserfahrungen nachhaltig verändern.

Manche pädagogischen Konzepte versuchen für Kinder ein belehrendes, lenkendes Vorgehen zur Anwendung zu bringen, das aggressive Verhaltensweisen negativ konnotiert und statt dessen andere Formen der Selbstentfaltung und Selbstdurchsetzung zu implementieren trachtet. Durch solche Konzepte erreichen wir aber nicht die Risikogruppe, um die es geht. Lehrerfortbildungen, die für Kinder einen aggressionslosen Umgang vermitteln sollen, erreichen die wirklich aggressiven Mitglieder der Klassengemeinschaft nicht. Denn wer sich angegriffen und gedemütigt fühlt, wehrt sich und lässt sich nicht auf den Regelkodex der Gruppe ein. Wer glaubt, um seinen Stolz, seinen Selbstwert, seine Identität oder gar sein Überleben kämpfen zu müssen, wird Regeln brechen und aggressive Verhaltensweisen zeigen. Es gilt nicht, Kinder in ihrer Aktivität, Selbstbehauptung und Wehrhaftigkeit zu verteufeln, sondern einen angemessenen Umgang mit den eigenen „Waffen” zu vermitteln, Schmerzgrenzen, körperliche Integrität und Verletzlichkeit aufzuzeigen und Bedrohungsgefühle abzubauen. Das expansive Kind, das aggressive Kind wird nur von innen erreicht über ein Verständnis seines Erlebens. Täter können nur von ihren Übergriffen lassen, wenn ihr Bindungsbedürfnis geweckt, gestärkt, durch Vertrauen entfaltet und erhalten werden kann.

Wir müssen den Teufelskreis von frühen Beziehungsstörungen, Demütigung und Desintegration rechtzeitig unterbrechen! Und das geschieht nicht durch Strafandrohung und Verängstigung. Aus Hoffnung und jemandem zuliebe, der als durchsetzungsfähig und beschützend erlebt wird, entwickelt sich das prosoziale Verhalten. Warmherzigkeit, Klarheit und Strenge sind die Zauberworte der Hilfe bei expansiven – „verletzten” – Kindern. Weder der laissez faire-Stil noch der autoritäre Erziehungsstil sind hilfreich. Unter permissiven Erziehungsbedingungen entwickeln die Kinder eine Pseudogröße, die nicht durch Selbstkontrolle und soziales Verantwortungsbewusstsein gekennzeichnet ist. Unter autoritären Rahmenbedingungen lernen die Kinder nur, dass Macht gewinnt: Die Regeln erscheinen willkürlich, und das Kind erfährt, dass die Eltern etwas durchsetzen wollen. Warmherzigkeit, Klarheit und Strenge kennzeichnen hingegen den „autoritativen Erziehungsstil”, der Grenzen setzt, aber die Regeln erklärt und Kindern dabei hilft, eine eigene moralische Haltung zu erwerben. In der autoritativen Erziehung findet der Respekt vor dem Kind seinen hilfreichen Ausdruck.

Die vollständige Fassung ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Franz Resch ist Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Heidelberg und Präsident der Deutschen Liga für das Kind