Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Präventionspreis Frühe Kindheit 2004

Laudatio für die Preisträger von Lore Maria Peschel-Gutzeit

Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Liga für das Kind

Die Deutsche Liga für das Kind ist durch die großzügigen Spenden eines ihrer Kuratoren in die Lage versetzt, seit Anfang dieses Jahrtausends alle zwei Jahre einen Präventionspreis Frühe Kindheit zu verleihen. Das erste Mal konnte der Preis 2002 in Berlin verliehen werden, jetzt, da wir diesen Preis das zweite Mal verleihen, geschieht dies im schönen Heidelberg.

Der Präventionspreis hat sehr unterschiedliche Zielrichtungen, was sich ohne weiteres daraus erklärt, dass die Prävention für Kinder – insbesondere im sehr frühen Alter – an ganz verschiedenen Punkten ansetzen kann und muss. So werden mit dem Präventionspreis wissenschaftliche Leistungen ebenso ausgezeichnet wie praxisbezogene Projekte. Stets geht es um die Förderung der seelischen Gesundheit ebenso wie um die Rechte der Kinder in den ersten sechs Lebensjahren. Die ausgezeichneten Leistungen sollen, so der Ausschreibungstext, Ergebnisse haben, die eine wegweisende und beispielgebende Funktion erwarten lassen.

Erster Preis: „Müttercafé“ in Düsseldorf

Den ersten Preis erhält das „Müttercafé“ aus Düsseldorf. Diese Einrichtung ist eine Gründung des Deutschen Kinderschutzbundes, Ortsverband Düsseldorf. Das „Müttercafé“ ist vor fast vier Jahren in einem Krankenhaus in Düsseldorf-Gerresheim eingerichtet worden. Ziel dieses Projektes war und ist es, ein niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, um möglichst vielen Müttern (Eltern) mit Säuglingen und Kleinkindern die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren und bei Bedarf auch Hilfsangebote anzunehmen. Es ist ein offener Treff mit sehr vielfältigen Angeboten. Im letzten Jahr ist noch eine Schrei-Baby-Beratung hinzugekommen. Von Anfang an hat das „Müttercafé“ großen Zulauf gefunden, möglicherweise auch dadurch, dass es an die Geburtshilfestation des Krankenhauses angebunden ist. Fast 2.000 Besucher und Besucherinnen haben das „Müttercafé“ inzwischen aufgesucht und fast ebenso viele Kinder waren dabei.

Ursprünglich war das „Müttercafé“ Teil eines Projektes des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen des Deutschen Kinderschutzbundes und trug den Namen „Lieber alle Säuglinge und Kleinkinder vor Vernachlässigung bewahren“. Damals fand die Neugründung rasch Unterstützung, und zwar so große, dass das „Müttercafé“ sich im Jahre 2002 selbständig machen konnte.

Das „Müttercafé“ will die seelische Gesundheit und die Rechte der Kinder in den ersten Lebensjahren fördern. In dem offenen Treff für werdende Mütter, für Wöchnerinnen und für Mütter mit ihren Babys und Kleinkindern bietet das Café Möglichkeiten, sich kennenzulernen, miteinander zu klönen, Informationen auszutauschen, Rat zu erfragen, aber auch, sich auszuruhen, einmal zu entspannen und jemanden zu haben, der einem zuhört. Im Angebot sind außerdem eine Kleiderkiste, die schon erwähnte „Schrei-Baby-Beratung“, aber auch eine individuelle Beratung und es gibt auch Elternseminare. An drei Tagen in der Woche ist das „Müttercafé“ geöffnet.

Das „Müttercafé“ will Familien so früh wie möglich erreichen, um frühzeitig belastende Lebenssituationen zu erkennen, in denen Kinder erhöhte Risiken für Vernachlässigung laufen. Dabei möchte das „Müttercafé“ das Vertrauen der Eltern in ihre eigenen Fähigkeiten steigern und zu diesen Fähigkeiten gehört auch, Hilfen anzunehmen, ohne damit dem eigenen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl Verletzungen zuzufügen.

Grund für die Schaffung dieser Einrichtung im Jahre 2000 war die Erkenntnis, dass zwar viele Väter und Mütter in die Gründung einer Familie große Hoffnungen setzen, dass sie dann aber rasch feststellen, dass sie ohne Hilfe nicht wirklich auskommen. Diese Erkenntnis ist für viele junge Väter und Mütter beunruhigend, darüber hinaus auch beschämend. Hier hilft nun das „Müttercafé“ und macht den jungen Eltern Mut und gibt ihnen Zuversicht.

Junge Mütter und Väter können hier ihre elterlichen Fähigkeiten erkennen, sie lernen, sie zu nutzen und durch die gegenseitige Unterstützung auch voneinander lernen.

Das „Müttercafé“ hat mindestens zwei Ansprechpartner, eine hauptamtliche Familienpflegerin und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die jeweils während den Öffnungszeiten da sind. Damit die Mütter und Väter ein wenig zu sich kommen können, ist für die Kinder gesorgt, auch kalte und warme Getränke stehen für Eltern und Kinder kostenlos zur Verfügung. Inzwischen ist auch eine Stillgruppe, die schon vorher im Krankenhaus vorhanden war, zu dem Café gestoßen.

Heute,vier Jahre nach der Gründung, lässt sich erkennen, dass diese Einrichtung das richtige, weil sehr niederschwellige Angebot ist. Wenn die jungen Mütter über die Station des Krankenhauses gehen, lernen sie zwanglos die Mitarbeiterinnen des Cafés kennen. So ist der erste Kontakt hergestellt und damit ist das Überschreiten der Schwelle zum „Müttercafé“ nicht mehr schwierig. Auch in der Zeit, die sich anschließt, ist es den Eltern sehr leicht gemacht: Eine Anmeldung oder Abmeldung ist nicht nötig.

Wenn die steigenden Besucherzahlen ein Maßstab des Erfolges sind, so gilt dies für das „Müttercafé“. Eine wissenschaftliche Auswertung dieser Einrichtung besteht zwar nicht. Aber die Mitarbeiterinnen dort haben den sicheren Eindruck, dass ihre Besucherinnen und Besucher, wenn sie von dort wieder weggehen, gelassener, sicherer und zuversichtlicher sind. So kann man getrost das „Müttercafé“ als eine soziale Einrichtung bezeichnen, die ein hervorragendes Bindeglied zur Bevölkerung aller Schichten in dem betroffenen Stadtteil von Düsseldorf geworden ist. Damit ist das „Müttercafé“ ein Vorbild und bestens geeignet, den Präventionsgedanken aufzunehmen und umzusetzen. Und dies führte zur Vergabe des Ersten Präventionspreises mit einem Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro.

Zweiter Preis: Projekt „Fit durchs Jahr“ der Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ in Kissenbrück

Den zweiten Preis erhält das Projekt „Fit durchs Jahr“ der Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ aus Kissenbrück in Niedersachsen. Kissenbrück ist ein Dorf in der Nähe von Wolfenbüttel in Niedersachsen mit etwa 1.800 Einwohnern. Die Kindertagesstätte hat 125 Kinder in fünf unterschiedlichen Gruppen. In jeder Gruppe ist entsprechendes pädagogisches Personal vorhanden, also Erzieherinnen und ein Erzieher, Sozialassistentinnen und eine Sozialpädagogin.

Die Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ legt ihren Schwerpunkt auf Bewegung, Naturbegegnung und Gesundheitserziehung. Grund für diese Schwerpunktsetzung war für die Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ die Erkenntnis, dass die seelische und körperliche Gesundheit der Kinder in beunruhigender Weise gefährdet ist.

Die Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ nennt dieses Phänomen „Veränderte Kindheit“ und sie definiert sie so:

  • übermäßiger Konsum
  • veränderte Familienverhältnisse
  • vielfältige, oft ungeeignete Medienangebote
  • mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten in der Familie
  • veränderte Schlafgewohnheiten
  • geringe Entspannungsmöglichkeiten
  • ungesunde Ernährung (Fast Food)
  • Leistungsdruck
  • weniger Naturerfahrung
  • möglicherweise sogar Medikamenteneinnahme

Hier setzt die Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ an und richtet ihr erstes Augenmerk auf die Gesundheitsprävention. Sie beschloss deshalb das Projekt „Fit durchs Jahr“. Dabei hat sie fünf Säulen im Blickfeld, nämlich die Ernährung, die Kommunikation, die Bewegung, das Spiel und die Entspannung. Die Kindertagesstätte „Kleine Strolche“ möchte, dass die Kinder ihren Körper selbst kennenlernen und ein Körpergefühl entwickeln, dass die Kinder sich wohl fühlen und Glück empfinden und dass sie darüber hinaus Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstgefühl erlangen, dass sie Bindung erfahren, dass sie lernen, Konflikte zu bewältigen, dass sie selbständig werden und vor allem auch, dass sie Spaß haben. Um dies zu erreichen, geben die „Kleinen Strolche“ den Kindern eine für sie geeignete Umgebung, genügend Zeit, es sind Menschen da, die Kinder ernst nehmen, auf deren Bedürfnisse eingehen. Die „Kleinen Strolche“ haben sich lange und intensiv mit diesen Themen beschäftigt, sie haben sich vernetzt, so dass an dem Projekt „Fit durchs Jahr“ Schule, Kirche, AOK, Kinder, Eltern, Turnverein, Bürgermeister und andere Institutionen teilnehmen. Auch der Präventionsbeauftragte des Landkreises ist hinzu gestoßen. So ist ein umfangreiches und für Kinder nicht nur interessantes, sondern wirklich weiterführendes Programm entstanden.

Die Köchinnen der Kindertagesstätte arbeiten nach Plänen der ausgewogenen Ernährung, so dass Kinder dort neue Speisen kennenlernen und auch wagen, sich auf ganz Neues einzulassen. Einige Kochkurse und Informationskurse waren für Eltern bestimmt, andere auch nur für Kinder. Eine Mutter hat mit dem Turnverein eine neue Gruppe koordiniert, so dass eine Walking-Gruppe entstand, es ist ein Workshop entstanden, der für die ganze Familie interessant ist für Ernährung, Bewegung und Entspannung, es gab einen Erste-Hilfe-Kurs für Eltern und für Kinder.

Das Projekt „Fit durchs Jahr“ beherzigt die Erkenntnis, dass seelische und körperliche Gesundheit zusammengehören. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es wichtig, den Kindern zu ermöglichen, dass sie sich erfahren und erleben, wie sie selbst für ihre Gesundheit Verantwortung übernehmen können und wohl auch müssen. So fördern die dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Kinder in spielerischer Form, begleiten und informieren und unterstützen sie.

Die Deutsche Liga für das Kind meint, dass dies eine vorbildliche Einrichtung ist, die viele Nachahmer finden sollte. Deswegen haben wir uns mit großer Überzeugung dazu entschlossen, diese Initiative mit dem zweiten Präventionspreis 2004 in Höhe von 2.000 Euro auszuzeichnen.