Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Das friedliche Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Rasse, Sprache und Kultur gehört wohl zu den größten Herausforderungen in einer Welt, die immer mehr zu einem Weltdorf zusammenrückt. Wie bei vielen großen Herausforderungen erfolgt die Probe aufs Exempel im Kleinen: im Alltag der Familien, Nachbarschaften und Kommunen. Die Geschicke im Großen werden nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit es gelingt, im fremden Anderen zugleich das vertraute Eigene zu entdecken, um dadurch „ohne Angst verschieden sein“ (Theodor W. Adorno) zu können.

Bei mehr als zwanzig Prozent der in Deutschland geborenen Kinder hat zumindest ein Elternteil einen ausländischen Pass. Zählt man die Großelterngeneration hinzu, so haben rund ein Drittel der hier aufwachsenden Kinder einen Migrationshintergrund. Im Weltmaßstab sieht es noch weitaus bunter aus: es gibt rund dreißig Mal so viele Sprachen wie Länder und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist zwei- oder mehrsprachig.

Lange Zeit herrschte der Glaube vor, dass ein Aufwachsen in zwei oder mehr Sprachen sich nachteilig auf die Entwicklung eines Kindes auswirken müsse. Heute wissen wir, dass eine zweisprachige Erziehung auch mit besonderen Chancen verbunden sein kann. Diese Chancen können Kinder nutzen, wenn die Sprachsysteme nicht vermischt werden, beide Eltern mit ihrem Kind vor allem in ihrer jeweiligen Erstsprache kommunizieren und die unterschiedlichen Sprachen gleichermaßen Wertschätzung erfahren.

Interkulturelle Kompetenzen und Mehrsprachigkeit sind nicht allein für Kinder ausländischer Herkunft von Bedeutung. Alle Kinder können davon profitieren. Die frühe Begegnung mit einer zunächst noch fremden Sprache weitet den Horizont und schärft den Blick für die Besonderheiten der eigenen Sprache. Denn „wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ (Johann Wolfgang von Goethe).

Ein Jahr ist es nun her, dass frühe Kindheit in neuem Layout und mit einem neuen redaktionellen Konzept erscheint. Auch für das kommende Jahr haben wir uns vorgenommen, Sie aus erster Hand über die faszinierenden Themen rund um die frühe Kindheit zu informieren.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit und alles Gute für das Jahr 2004!

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind