Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kinder als Opfer von Krieg und Verfolgung

Die Arbeit der Stiftung „Children for Tomorrow“

von Hubertus Adam

Von den Kriegen der Gegenwart wird immer mehr auch die Zivilbevölkerung betroffen; in vielen Fällen ist sie sogar das Ziel von Angriffen, so dass Millionen von Kindern und Jugendlichen direkt oder indirekt die Folgen von Krieg, organisierter Gewalt, Verfolgung oder Flucht spüren. Sie sind von diesen so genannten „man-made disasters“, in besonderem Maße betroffen, da diese Ereignisse sich auf die familiären Beziehungen und Reifungsprozesse des Kindes auswirken und diese nachhaltig stören können. Neben dem indirekten Erleben von Gewalt und Leid (Beobachtung von Verletzung, Tötung, Folterung nahestehender Personen) sind sie zunehmend auch direkt Leidtragende: Sie werden bedroht, verletzt, körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht, von Eltern und Geschwistern getrennt oder z. B. als Kindersoldaten selbst zur Beteiligung an Gewalttaten gezwungen. Krieg und Verfolgung lösen oder zerstören soziale Bezüge, wie etwa die familiären Strukturen oder die Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft oder Peer-Group.

Konnten die Kinder bzw. die Familien fliehen, leiden sie im Exil meist unter rechtlicher Unsicherheit, Anpassungsdruck und Marginalisierung. Ob bei den Kindern tatsächlich Symptome auftreten, hängt von den Variablen der traumatischen Situation ab, aber auch von ihren zuvor gemachten Erfahrungen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass Auftreten und Art von Symptomen bei Kindern auch von deren Fähigkeit abhängt, die Erlebnisse in einen (veränderten) Lebensplan dadurch zu integrieren, dass sie ihnen eine Bedeutung zumessen und dadurch wieder das Gefühl gewinnen, das was war, ist und sein wird, kontrollieren zu können. Es muss also die Gesamtkonstellation erfasst werden, in der die Ereignisse auf ein Kind in einer bestimmten Entwicklungssituation treffen und von diesem – abhängig vom Stand seiner Entwicklung zu diesem Zeitpunkt – mit einer ganz spezifischen Bedeutung versehen werden.

Das Spektrum der kinder- und jugendpsychiatrischen Auffälligkeiten bei den betroffenen Kindern ist breiter als das der bei Erwachsenen beobachtbaren Symptom-Trias (Übererregung, Intrusionen, Vermeidungsverhalten). Zusätzlich können agitiertes Verhalten, Spiele, in denen wiederholt Themen oder Aspekte des erlebten Traumas ausgedrückt werden, stark beängstigende Träume ohne wieder erkennbaren Inhalt oder traumaspezifische Neuinszenierungen bei bestimmten Handlungen auftreten. Die kognitive und moralische Entwicklung können darüber hinaus langfristig ebenso beeinträchtigt sein wie die Persönlichkeitsentwicklung, die Beziehungsfähigkeit und die Fähigkeit, schwierige Lebensumstände zu bewältigen. Wie man aus den Erfahrung mit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg weiß, können sich die Traumata sogar noch auf die nächste Generation auswirken und bei dieser Symptome verursachen. Verschiedene Autoren konnten nachweisen, dass – unabhängig vom direkten Erleben der Kinder – verfolgungsbedingte Probleme über Generationen weiter bestehen können. Emotionaler Austausch, die Fähigkeit, sich auf eine gemeinsame Geschichte und eine Identität der Familie zu einigen, und zumindest eine gewisse Gemeinsamkeit der Zukunftsplanung wiederaufzubauen, ist für Flüchtlingskinder und ihre Familien daher besonders wichtig.

Psychische Symptome können einerseits als bio-psycho-soziale Abwehr- und Bewältigungsmechanismen des durch traumatisierende Erfahrungen ins Wanken geratenen Individuums verstanden werden, können doch Aggression, Wut und Hass beim Umgang mit schrecklichen Erfahrungen hilfreich sein. Andererseits kann jedoch durch diese Symptome und Emotionen der Wiederaufbau von Gesellschaften, die durch Krieg, Bürgerkrieg oder ähnliche Formen von Gewalt in ihrer Struktur erschüttert worden sind, erschwert oder unmöglich werden. Kindern, die in der Zeit nach dem Krieg bzw. nach der Flucht aufwachsen, kommt hier eine besondere Bedeutung zu, sei es im Exil oder, wenn sie in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, da sie im Heranwachsen eine zunehmend wichtige gesellschaftliche Rolle spielen und sie neben ihrer Bedeutung für das Land, in dem sie leben, auch eine „Brücke“ zwischen den Kulturen bilden können.

Die Versöhnungsbereitschaft von diesen Kindern hat letztlich auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Sie sind direkt oder indirekt Opfer von Krieg gewesen und leiden über viele Jahre an den Folgen. Ihre Beziehungsfähigkeit, die Fähigkeit, wieder Vertrauen zu anderen Menschen zu gewinnen, ist erschüttert. Wenn sie trotzdem in der Lage sind, sich besonnen mit denjenigen, sie sie selbst oder die Eltern bedroht haben, auseinanderzusetzen, nicht den Hass zur Handlungsmaxime werden lassen, sondern sich sowohl innerlich mit den ehemaligen Gegnern versöhnen als auch auf diese zugehen, können sie, wenn sie im Exil bleiben, eine wichtige Brücke zu ihren Herkunftsregionen bilden. Aber auch wenn sie in ihrem Heimatland geblieben sind bzw. dorthin zurückkehren, können die Versöhnungsbereiten dort eine wichtige Rolle spielen: Sie gehören dort dann zur Nachkriegsgeneration und können aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer Haltung – eventuell in wichtigen gesellschaftlichen und politischen Positionen – Bedeutendes zur Gestaltung des Wiederaufbaus beitragen, nicht zuletzt dadurch, dass sie den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen. Dazu ist es einerseits erforderlich, eigene Kriegserlebnisse bzw. die der Eltern differenziert durchzuarbeiten. Andererseits muss die Frage der Mittäterschaft, die Rolle der Zivilisten, die der Soldaten und die Rolle der Kriegsverbrecher erörtert werden. So können in der Summation der intrapsychischen und interpersonellen Versöhnungsprozesse schließlich gesellschaftspolitische Prozesse wie „Runde Tische“, die es z. B. auch im ehemaligen Jugoslawien gegeben hat, gelingen.

Hier setzt die Arbeit der 1998 von Stefanie Graf gegründeten Stiftung „Children for Tomorrow“ an: Von Beginn an unter kinderpsychiatrischer Leitung wurde die Ambulanz für Flüchtlingskinder am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ausgebaut und weitere Projekte in Südafrika, Kosovo und Eritrea gegründet, mit dem Ziel, die seelische Gesundheit von Kindern zu fördern, die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung wurden.

Hamburg
1992 begann die „Ambulanz für Flüchtlingskinder und ihre Familien“ in Hamburg mit der Behandlung dieser Kinder, Erfahrungen, die letztlich zur Gründung der Stiftung führten. Kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung sowie stationäre Aufnahme in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ist bei Bedarf möglich. Kunsttherapie, Beratung, Supervision, Aus- und Weiterbildung sind darüber hinaus Angebote der Ambulanz. Ungefähr 700 Kinder aus Afghanistan, Kosovo, Bosnien und Westafrika wurden bisher in Hamburg behandelt. Behandlungsziel ist, den seelischen Wiederaufbau zu fördern, um Chancen für die Kinder zur Beteiligung an gesellschaftlichen Versöhnungsprozessen zu schaffen.

Südafrika
Seit 1998 werden traumatisierte Kinder und Familien in den Slums von Kapstadt behandelt. Die Behandlung findet in Kooperation mit den Universitäten Stellenbosch und Western Cape statt. Politisch motivierte Gewalt war während der Apartheid in Südafrika ständig präsent und steigerte sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Die alltägliche Gewalt in der Gesellschaft heute hat sich allerdings nicht vermindert. Die Verfremdung und Entmenschlichung der südafrikanischen Gesellschaft durch die Apartheid hat nachhaltige Auswirkungen auf das Individuum, die Familien und Gemeinden: Alkoholismus, sexuelle Gewalt, und allgenwärtige soziale Gewalt prägen das leben in den Townships abseits des touristischen Südafrikas. Viele Eltern leiden noch fortwährend unter den traumatisierenden Erlebnissen und auch heute noch werden Kinder und Jugendliche Zeuge extremer Gewalttaten. Diese Folgen zu verringern ist wesentliches Ziel: Ungefähr 35 Kinder und Jugendliche bekommen wöchentlich im Projekt kostenlose individuelle Psychotherapie. Zusätzlich finden Gruppenangebote zur Gewaltprävention in Schulen statt.

Kosovo
Begonnen wurde das Projekt im Jahr 2000 in Gjakova. Das Angebot beinhaltet kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung und Beratung, Aus- und Weiterbildung von lokalen Fachkräften sowie psychoedukative Angebote. Gerade Kinder in Südosteuropa leiden unter den vielfältigen Folgen des Krieges. Sie vermissen den Vater oder die Geschwister, erleben oft eine in vielen Bereichen überforderte Mutter, die kaum in der Lage ist, ihren Bedürfnissen nach Halt und Schutz gerecht zu werden, oder entwickeln unberechtigte Schuldgefühle für den Tod von Angehörigen. Die Trauerarbeit ist gerade in Gjakova durch die Nichtauffindbarkeit von Kriegsopfern erheblich erschwert. Es wird durch Kooperation mit Lehrern sowie mit Beratungsstellen versucht, traumatisierte Kinder gezielter zu erkennen und einer Behandlung im Projekt zuzuführen. Ferner werden in Einzel- und Gruppenangeboten Modelle zur konstruktiven Konfliktlösung in einer Nachkriegsgesellschaft erarbeitet. In den letzten Jahren wurden multiethnische Jugendcamps durchgeführt, in denen serbische, albanische und Roma Kinder gemeinsam mehrere Tage gemeinsam verbringen und angeleitet werden, Vorurteile abzubauen.

Ausbildung in Mosambik und für den Irak
Seit dem Jahr 2000 werden für Ärzte, Psychologen und Pädagogen kinderpsychotherapeutische Aus- und Weiterbildungscurricula nach international anerkannten Maßstäben durchgeführt. Projekte in Afrika zur Unterstützung von traumatisierten Kindern, Kindersoldaten, Aids-Waisen oder Opfern von Naturkatastrophen greifen häufig auf lokale Mitarbeiter mit hoher Motivation aber geringer Ausbildung zurück. Dies führt manchmal zu Überlastung und Fehlschlägen. In Mosambik wurde in Kooperation mit der Universität Eduardo Mondlane ein dreijähriges Curriculum durchgeführt. Für Ärzte und Psychologen aus Irak, Palästina und Syrien wurden seit Februar 2005 mehrere Ausbildungseinheiten in sicheren Nachbarländern organisiert. Ziel ist, neben einer den internationalen Kriterien entsprechenden qualifizierten kinderpsychotherapeutischen Ausbildung auch die regionalen, kulturellen Besonderheiten in die Ausbildung zu integrieren. Letztgenannte Projekte wurden in Kooperation mit den Organisationen „Children of Bagdad“, dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst und dem IPPNW durchgeführt.

Eritrea
Die Stiftung hat am Horn von Afrika 2006 ein neues Projekt begonnen, mit dem Ziel, auch hier den Kindern, die als Folge der Kriege, bei denen sie zum Teil als Kindersoldaten missbraucht wurden, Hilfe beim seelischen Wiederaufbau zukommen zu lassen. Da inzwischen auch die ehemaligen Kriegskinder Eltern werden, soll an mehreren Orten Unterstützung insbesondere für die kleinen Kinder in Kinderzentren mit Betreuungs- und psychotherapeutischem Angebot geschaffen werden. Eltern sollen lernen können, Eltern zu sein und Kinder die Möglichkeit erhalten, schlimme Erlebnisse zu verarbeiten. In Kooperation mit dem eritreischen Erziehungsministerium werden Kindergärten mit so genannten „Inclusive-Programmen“ für benachteiligte Kinder errichtet. In einem ersten Schritt werden Kapazitäten für etwa 1000 Kinder errichtet. Projektorte sind Asmara, Massawa und Adi Keyh.

PD Dr. med. Hubertus Adamist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde und Ärztlicher Leiter der Stiftung Children for Tomorrow.