Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

die Gewichte zwischen den Generationen haben sich verschoben. Die Zahl der älteren Menschen steigt, die der Kinder und Jugendlichen geht zurück. Aufgrund einer anhaltend niedrigen Geburtenrate werden die verwandtschaftlichen Netzwerke immer kleiner. Bereits heute bleiben viele Ältere lebenslang ohne Enkel, während für die Jungen die Zahl der Geschwister, Onkel und Tanten stark abnimmt.

Die gesellschaftlichen Folgen sind widersprüchlich. Einerseits steigt die Dominanz alter Menschen, im Straßenbild ebenso wie bei politischen Entscheidungen. Andererseits hat gerade diese Entwicklung zu einer Aufwertung des Kindes geführt. Wenn die Zahl der Kinder zurückgeht, steigt zugleich der Wert der wenigen, noch verbliebenen.

Die Wandlungen setzen sich in den Familien fort. Die steigende Lebenserwartung bringt es mit sich, dass Enkel anders als früher oft bis weit ins Erwachsenenalter von Großeltern profitieren können. Der Trend zur Langlebigkeit in Verbindung mit den geringen Geburtenraten führt dazu, dass die Zahl der Großeltern nicht selten die Zahl an Enkelkindern übersteigt. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung sozialer Großelternschaft, bedingt durch die Häufigkeit von Trennungen und Scheidungen sowohl bei Eltern als auch bei Großeltern.

Auch wenn heutzutage mehr als zwei Generationen nur noch im Ausnahmefall unter einem Dach leben, so gehören die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern doch zu den intensivsten sozialen Kontakten. Ohne die Pflicht zur Erziehung und „anders“ als die Eltern sind Großeltern besonders gut in der Lage, Kinder bei ihren Schritten in die Welt jenseits der Kernfamilie zu begleiten und ihnen Orientierung zu vermitteln.

Während die Beziehungen zwischen den Generationen innerhalb der Familie trotz größerer räumlicher Distanz unvermindert vital sind und emotional sogar aufgeladen werden, so sieht dies im öffentlichen Raum anders aus. Im Alltag außerhalb der Familie haben Alt und Jung wenig miteinander zu tun. Hierfür bedarf es der Schaffung eigener Gelegenheiten und Treffpunkte, wie dies gegenwärtig mit Unterstützung der Politik u.a. durch die Förderung von Lesepaten-schaften oder den Aufbau von Mehrgenerationenhäusern versucht wird.

Um allerdings die politisch aus dem Lot geratene Gewichtung zwischen den Generationen neu zu balancieren, bedarf es mehr. Ein wichtiger Schritt wäre die Einführung eines Wahlrechts von Geburt an, wie es von der Deutschen Liga für das Kind seit Jahren gefordert wird. In der Rubrik „Kinderrechte aktuell“ dokumentieren wir den Entwurf eines Antrags „Mehr Generationengerechtigkeit durch ein Wahlrecht von Geburt an“, der Parteien übergreifend noch in diesem Herbst in den Deutschen Bundestag eingebracht werden soll.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind