Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Wenn Eltern ihr Kind in Tagesbetreuung geben, wollen sie es „in guten Händen“ wissen. Was aber bedeutet dies? Wodurch zeichnet sich ein qualitativ hochwertiges Angebot aus? Welche Rolle spielen dabei Lage und Ausstattung, Gebühren, Ausbildung der Fachkräfte, Grup-pengröße, pädagogische Konzeption, Bildungsangebote, Art und Wei-se der Zusammenarbeit mit den Eltern?

Die Ansprüche an eine gute Kindertageseinrichtung oder Kindertages-pflege sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Sehr zu Recht, denn im Extremfall ist eine gute Betreuungsqualität für einen Entwicklungsunterschied von bis zu einem Jahr verantwortlich. Kinder, die vor Eintritt in die Schule keinen Kindergarten besuchten, haben deutlich schlechtere Chancen auf ihrem weiteren Bildungsweg. Dies gilt umso mehr für diejenigen, die bereits aufgrund ihrer Familiensituation benachteiligt sind.

Üblicherweise entsteht Qualität im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Sobald Kunden mit einem Produkt nicht zufrieden sind, geben sie es zurück oder wechseln den Anbieter und erhöhen dadurch den Druck in Richtung Qualitätsverbesserung. Im Bereich sozi-aler Dienstleistungen und insbesondere in der Kindertagesbetreuung funktioniert dieser Mechanismus nur eingeschränkt. Eltern sind zu einer Qualitätsbeurteilung nur begrenzt in der Lage, da sie während des Betreuungsprozesses meist nicht anwesend sind und auch nur bedingt über professionelle Kriterien verfügen. Kinder wiederum, insbesondere jüngere, können die Qualität ihrer Bildung, Betreuung und Erziehung ebenfalls kaum umfassend bewerten und ihre Unzufriedenheit den Eltern mitteilen.

Aufgrund dieser Schwierigkeiten müssen von staatlicher Seite Vorkehrungen für eine Qualitätssicherung in der Kindertagesbetreuung getroffen werden. Die Festlegung von Mindest- und wünschenswerten Standards gehört ebenso dazu wie Instrumente interner und externer Evaluation, die auch die Möglichkeit einer Zertifizierung vorsehen. Nicht zuletzt muss ausgewiesene Qualität für die Nutzer erkennbar sein. Eine Gütesiegel an der Ein-gangstür eines Kindergartens kann ebenso dazugehören wie die Mög-lichkeit der Eltern, Einsicht in das Profil der Einrichtung mit ihren Stärken und Schwächen zu nehmen.

Die Definition dessen, was unter guter Qualität zu verstehen ist, wird je nach Perspektive unterschiedlich sein. Während manche Eltern vor allem an den Öffnungszeiten interessiert sind, wird der Gemeindekämmerer die Qualität vermutlich in erster Linie an der Höhe der Kosten pro Kind festmachen. Angesichts solcher unterschiedlichen Interessen ist eine klare Orientierung unabdingbar. Der Vorrang des Kindeswohls erfordert den Vorrang pädagogischer Qualität. Denn wenn es um eine qualitative Bilanz geht, darf eines nicht übersehen werden: Auf die Kinder kommt es an!

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind