Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kinderbetreuung im Szene-Viertel

Wie der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf die Abwanderung von Familien reagiert

von Verena Sommerfeld

Den Kollwitz-Platz in Prenzlauer Berg müßten Sie eigentlich kennen. Er ist mit seinen vielen Szene-Kneipen eine Hauptattraktion für Berlin-Touristen. In der Nacht zum 1.Mai liefern sich hier jährlich Autonome und Polizei Straßenschlachten.

Wo heute die Autos Stoßstange an Stoßstange parken und die Anwohner in Sommernächten wegen des Kneipenlärms wenig Schlaf finden, war früher eine ruhige Gegend. Zu DDR-Zeiten waren die Wohnungen in einem schlechten Zustand, meist mit Ofenheizung und ohne Bad. Trotzdem war das Viertel mit den billigen großen Altbauwohnungen beliebt. Viele Mieter sanierten ihre Wohnungen auf eigene Kosten. „Damals war es für Kinder noch ganz anders“, erklärt Judith Pfennig, die als Jugendhilfe-Planerin die sozialstrukturellen Veränderungen im Bezirk Prenzlauer Berg beobachtet. “ Draußen gab es wegen der vielen Baulücken noch natürliche Streifräume. Heute haben wir außerdem das drei- bis fünffache an Verkehr.“

Im September 1993 faßte die Bezirksversammlung einen Beschluß: Prenzlauer Berg soll ein kinderfreundlicher Stadtbezirk werden. „Wir stellten uns vor, daß es Familien auch in der Innenstadt gut gehen sollte“, sagt Gertrud Franke, die Amtsleiterin für Kindertagesstätten im Bezirk. „Ausreichend Kita-Plätze hatten wir ja. Zusätzlich wollten wir neue Freizeit- und Kulturangebote für Kinder und Familien schaffen.“ Diese Planung erwies sich als Irrtum. Seit 1994 wanderten Familien aus dem größten Sanierungsgebiet Europas rapide ab. Allein im ersten Halbjahr 1998 zogen verzogen dreitausend Menschen aus dem Bezirk, vor allem Familien. Die sanierten und verkleinerten Altbauwohnungen wurden zu teuer. Das Flair der Prenzlberg-Szene zieht Künstler, Studenten und Kinderlose an. Damit setzte eine Entwicklung ein, die aus westdeutschen Großstädten bekannt ist. Bestimmte Innenstadtbezirke der großen Städte sind inzwischen weitgehend kinderfrei, stellt der Familiensoziologe Hans Bertram fest. „Die urbanen Zentren sind immer weniger als Orte anzusehen, in denen Kinder aufwachsen können, weil der Wohnraum fehlt, weil die Kultur sich zunehmend zu einer Kultur der Ledigen entwickelt und weil die Kommunikationsmöglichkeiten für Kinder immer schlechter werden.“ (Hans Bertram, S. 135) Auch in Berlin ist der Exodus junger Familien an den Stadtrand in vollem Gange. Gut so, könnte man denken, da haben es doch die Kinder viel besser. Aber was ist mit den Bleibenden ? In Prenzlauer Berg bleiben diejenigen, die kein Geld für die Eigenheime im Umland haben oder das Zeitpuzzle mit langen Wegen zur Arbeit und Kinderbetreuung alleine nicht hinkriegen. Bereits zu DDR-Zeiten lag Prenzlauer Berg mit 49% Alleinerziehender an der Spitze dieser Familienform. In urbanen Zentren leben viele Kinder ohne Geschwister. Sie haben kaum Möglichkeiten, spontan andere Kinder zu treffen. Ein Ausweg sind allerlei Kurse und organisierte Aktivitäten. Diese kosten allerdings meist Geld. Damit öffnet sich eine Schere zwischen Kindern, die mit einem vollem Terminkalender überversorgt sind und Kindern, zu Hause vor dem Fernseher sitzen und wenig Kontakte und Anregungen erhalten. Gerade diese Familien bräuchten besondere Entlastung. Wenn sich die Probleme verschärfen, entstehen „Problemfamilien“.

„Bestimmte Dinge können wir nicht beeinflussen“, stellt Judith Pfennig fest. Aus den Sozialraumanalysen der Jugendhilfe-Planerin sind aber eine Reihe von Vorschlägen entstanden, wie Kindertageseinrichtungen auf die Veränderungen im Stadtteil reagieren können.

„Die Kita-Leiterinnen haben ja sozusagen das Ohr an den Massen“, weiß auch die Amtsleiterin Gertrud Franke. „Viele sind schon mehr als zwanzig Jahre Leiterinnen. Die heutigen Eltern waren zum Teil selbst als Kinder in dieser Einrichtung und vertrauen ihnen. Die Wünsche sind heute ganz anders. Zu DDR-Zeiten war der Betrieb der Lebensmittelpunkt für Erwachsene. Heute suchen Eltern auch die Kita als Ort für Kommunikation und um Freundschaften zu schließen. Deshalb richten wir zum Beispiel Eltern-Cafes ein.“ Weil der Bezirk mit seiner dichten Bebauung kaum Grünflächen hat, überlegt man, ob die Familien die Gärten der Kindertagesstätten für Freizeit und Erholung nutzen können. In einer katholischen Kita haben Eltern bereits einen Gartenschlüssel.

Nicht der Betreuungsbedarf sei zurückgegangen, ist man sich im Amt für Kindertagesstätten sicher, sondern der Bedarf an Plätzen alter Tradition. „Wir haben heute sehr viele unterschiedliche Situationen in den Familien. Wenn eine Mutter im Erziehungsurlaub ist oder arbeitslos, hat sie eigentlich keinen Betreuungsbedarf. Aber woran mißt man Bedarf ? „fragt sich Judith Pfennig. „An den Arbeitsszeiten der Eltern, wie wir es jetzt tun, oder am Kindeswohl ? Gerade in spannungsgeladenen Wohnquartieren ist die Kita die wichtigste kulturelle Erfahrung für Kinder. Da haben wir doch Eltern, die sagen ihren Kindern, vor zwanzig Uhr brauchst du gar nicht nach oben zu kommen und wenn du woanders was zu essen kriegst – auch gut. Und über die Kita erreichen wir diese Eltern ja noch am besten. Die Kita ist ja das niedrigschwellige Angebot überhaupt. Warum sollten deshalb nicht bestimmte Beratungsangebote anderer Ämter dort stattfinden ?“

Viele Eltern in Prenzlauer Berg benötigen flexible Kita-Öffnungszeiten. Neben einer Öffnungszeit bis in die Abendsstunden werden dabei auch ganz neue Wege angedacht. Im Kita-Entwicklungsplan des Bezirks ist ein Kinderhotel geplant, das Kinder auch über Nacht und am Wochenende betreuen kann. „Die Kinder lieben es doch, in ihrer Kita zu übernachten“, weiß Gertrud Franke. „Warum sollten Erzieherinnen das nicht regelmäßig zweimal im Monat anbieten, um Eltern den teuren Babysitter zu ersparen? “

Diese Pläne erfordern ein Umdenken in Ämtern und beim Personal von Kindertagesstätten. „Zum einen dürfen wir das Kindeswohl nicht mehr trennen vom Elternwohl. Wenn wir durch unsere Öffnungszeiten verhindern, daß eine alleinerziehende Verkäuferin in die Sozialhilfe rutscht, ist das auch positiv für die Kinder. Kinder brauchen vor allem zufriedene Eltern. Deshalb dürfen wir auch die Kindertagesstätte nicht mehr isoliert sehen. Ich als Jugendhilfeplanerin,“ sagt Judith Pfennig „setze mich dafür ein, die Einrichtungen als Teil des Lebensraums von Kindern und Familien zu sehen.“ . Damit verändert sich die Rolle der Leiterin einer Kita. Judith Pfennig beteiligt sie an den Sozialraum-Analysen und jährlichen Fortschreibungen des Kita-Entwicklungsplans. Leiterinnen besuchen Jugendhilfe-Ausschüsse und Anwohnerversammlungen. In Prenzlauer Berg hat man erkannt: Kindertagesstätten werden in Zukunft weniger denn je eine Standardform für alle haben können. Die Erzieherinnen erarbeiten vor Ort eine Konzeption, die zu der Lebenswelt ihrer Kinder und deren Familien paßt. Auf das Personal kommen damit zusätzliche Aufgaben und veränderte Arbeitszeiten zu. Im Augenblick fängt der Bezirk dies durch Überhang-Stellen auf, die durch Kita-Schließungen und Abwanderung entstehen. Spätestens in zwei bis drei Jahren, da sind sich Judith Pfennig und Gertrud Franke einig, wird man sich im Prenzlauer Berg damit auseinandersetzen müssen, daß neue soziale Dienstleistungen nicht kostenlos zu haben sind.

Verena Sommerfeld ist selbstständige Supervisorin und Organisationsberaterin im Bereich Kindertagesbetreuung.