Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Kindergarten plus vermittelt Sicherheit und öffnet Raum für neue Erfahrungen“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Stella Valentien, Diplompädagogin und Mitarbeiterin der Deutschen Liga für das Kind.

Maywald: Kindergarten plus wird inzwischen bundesweit in rund 500 Kindertageseinrichtungen durchgeführt. Von Beginn an waren Sie – in unterschiedlichen Funktionen – an der Entwicklung und Umsetzung beteiligt. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an diesem Programm?

Valentien: Als Frühpädagogin ist für mich besonders wichtig, dass Kindergarten plus aufgrund seiner klaren Strukturierung den Kindern Sicherheit vermittelt und zugleich Raum öffnet für neue und individuelle Erfahrungen. Außerdem schätze ich sehr, dass das Programm von den Erzieherinnen als flexibles Werkzeug einsetzbar ist.

Maywald: In jeder guten Kindertageseinrichtung gehören ein respektvoller Umgang und die Achtung vor der Individualität jedes Kindes zum Alltag. Warum bedarf es dennoch eines speziellen Bildungsprogramms zur Förderung der emotionalen und sozialen Kompetenzen?

Valentien: Als Leiterin von Fortbildungen in ganz Deutschland erlebe ich die pädagogischen Fachkräfte als sensibilisiert für den emotionalen Entwicklungsbereich, der von ihnen als wichtige Grundlage des Lernens angesehen wird. Insofern bietet Kindergarten plus den Erzieherinnen kein gänzlich neu erfundenes Rad an, aber eine wichtige Möglichkeit, auf fachlich hohem Niveau ihre vorhandenen Kompetenzen in einer schlüssigen, kindgerechten und anregenden Form zu bündeln, um sozialen und emotionalen Lernprozessen in einer kleinen, altersgleichen Gruppe einen Rahmen zu geben. Außerdem erhalten Erzieherinnen die Möglichkeit, die Kinder auf neue Weise kennen zu lernen, die eigene Arbeit zu reflektieren und sich über das Programm hinaus selbst weiterzuentwickeln.

Maywald: Die thematisch gegliederten Module des Programms bauen aufeinander auf und sind in ihrem Ablauf klar strukturiert. Zugleich wird die Bedeutung eines offenen, nicht im Detail planbaren Dialogs zwischen der Trainerin und den Kindern betont. Wie passt das zusammen?

Valentien: Im Verlauf der Module, die durch Anfangs- und Schlussrituale, eine Obstpause in der Mitte und den Wechsel von aktiven und ruhigen Phasen den Kindern Orientierung und Abwechslung bieten, finden sich immer wieder Gelegenheiten zum spontanen gemeinsamen Gespräch und situativen Handeln in der Gruppe. Dialogorientiertes Arbeiten gehört fest zum Programm. Die Trainerin spricht mit einzelnen Kindern über deren Vorhaben, Ideen und Wünsche, zum Beispiel während des Malens oder Modellierens, wenn Ideen frei umgesetzt werden. Die Struktur der Module bietet also eine Form, um sowohl gemeinsame als auch individuelle Erfahrungsmöglichkeiten zu schaffen und Denkanstösse zu geben. Den Inhalt der Gespräche bestimmen in erster Linie die Kinder, indem sie ihre Bedürfnisse und Fragen einbringen.

Maywald: In den vergangenen Monaten wurde Kindergarten plus vollständig überarbeitet. Worin bestehen die wichtigsten Veränderungen und welche neuen Elemente kamen hinzu?

Valentien: Besonders wichtig ist, dass in die Überarbeitung Erfahrungen und Rückmeldungen zahlreicher an dem Programm teilnehmender Einrichtungen einbezogen wurden. Jedes Modul wurde auf seinen Bedeutungsgehalt sowie auf Schlüssigkeit und Nähe zum Entwicklungsstand der Kinder überprüft und entsprechend weiterentwickelt. Neu ist, dass für die Beobachtung und Dokumentation von Lernprozessen konkrete Empfehlungen gegeben werden. Zu diesem Zweck wurde eine Kindergarten plus-Geschichte eingeführt, die von der teilnehmenden Bezugserzieherin für die Kinder geschrieben wird. Die Kinder erhalten also am Ende des Programms eine Rückmeldung zu ihrer Teilnahme. Neu ist auch, dass durch die Einführung von Fingerpuppen, die Rollenspiele ermöglichen, die Symbolisierungsfähigkeit der Kinder unterstützt wird. Außerdem wurde das Handbuch für die Erzieherinnen vollständig überarbeitet.

Maywald: Wenn Eltern Sie fragen, auf welche Weise sie die Ziele von Kindergarten plus zu Hause unterstützen können, was antworten Sie ihnen?

Valentien: Bei Kindergarten plus arbeiten die Kinder unter anderem mit Handspiegeln, um Gefühle darzustellen. „Spiegeln“ ist auch mein Rat an Eltern. Das Kind feinfühlig wahrzunehmen, zu zeigen, dass man verstanden hat, was das Kind sagt, dies dann mimisch und sprachlich auszudrücken, also ein Gefühlsspiegel zu sein, ist eine sehr wichtige elterliche Aufgabe. Auf diese Weise wenden sich Eltern ihrem Kind emotional zu. Das bedeutet beispielsweise, einem wütenden Kind die Wut nicht zu verbieten, sondern ihm zu sagen „Du bist jetzt wütend“, um dann mit ihm zu überlegen, woher die Wut kommt und was getan werden kann, damit es dem Kind besser geht. Wichtig finde ich auch, auf die Bedeutung von Strukturen und Regeln hinzuweisen. Auf Elternabenden spreche ich daher auch die Rolle des Erwachsenen an, der kein Spielkumpel ist, sondern den das Kind braucht, um Orientierung zu finden.

Maywald: In allen Bundesländern existieren Bildungsrahmenpläne für den Elementarbereich. Welche Rolle spielt hierbei Kindergarten plus?

Valentien: Je nach Formulierung der Rahmenpläne lassen sich die Themen von Kindergarten plus einem oder mehreren Bildungsbereichen direkt zuordnen oder finden sich im Rahmen von dort aufgeführten Grundkompetenzen. Mit den Kindergarten plus-Geschichten und den Auswertungsbögen bietet das Programm sehr gute Möglichkeiten, die in diesem Bereich geleistete Arbeit zu dokumentieren, steht also für fachliche Qualität.

Maywald: Inwiefern trägt Kindergarten plus dazu bei, dass die an dem Programm teilnehmenden Kinder später, wenn sie in die Schule kommen, Erfolg haben werden?

Valentien: Emotionale Stabilität und soziale Kompetenzen ermöglichen überhaupt erst, sich auf kognitive Inhalte zu konzentrieren. Entsprechende Lernprozesse zu unterstützen, wie es mit Kindergarten plus geschieht, macht Kinder also nicht nur „netter“ oder „besser erzogen“, sondern bereitet sie darauf vor, schulischen Anforderungen gerecht zu werden.