Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Klug sein allein genügt nicht

Kindergarten plus fördert die emotionale und soziale Kompetenz

von Jörg Maywald

Damit Kinder ihre geistigen Fähigkeiten nutzen können, brauchen sie eine starke Persönlichkeit. Emotionale und soziale Kompetenzen sind der Schlüssel für kognitives Lernen. Dementsprechend nennt die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen in Artikel 29 als wichtigstes Bildungsziel, „die Persönlichkeit (…) des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen“.

Die entscheidenden Grundlagen emotionaler und sozialer Kompetenz werden im frühen Kindesalter gelegt. Das von der Deutschen Liga für das Kind entwickelte Programm Kindergarten plus fördert die soziale, emotionale und geistige Bildung vier- bis fünfjähriger Kinder in Kindertageseinrichtungen. Es stärkt die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der Kinder und beugt Gefährdungen wie zum Beispiel destruktivem Sozialverhalten oder Suchtanfälligkeit vor. Die Erzieher(innen) vor Ort bekommen mit dem Programm ein wissenschaftlich fundiertes und praktisch erprobtes Instrument an die Hand, mit dem sie das in den Bildungsplänen aller Bundesländer an zentraler Stelle genannte emotionale und soziale Lernen der Kinder gezielt fördern können.

Unter Berücksichtigung der individuellen Fähigkeiten der Kinder werden bei Kindergarten plus die für den Lernerfolg unverzichtbaren Basisfähigkeiten gestärkt und entwickelt: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit und Eigenkompetenz, Motivations- und Leistungsfähigkeit. Der dem Programm zugrunde liegende Bildungsbegriff orientiert sich an aktuellen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Sozialwissenschaften, denen zufolge jedem geistigen Lernschritt ein emotionaler Entwicklungsschritt voraus geht.

Die Module für die Kinder
In neun Themenbausteinen (Modulen) an neun Vormittagen geht es um die Themen Körper, Sinne, Gefühle, Beziehungen, Grenzen und Regeln. In Spielen, Übungen, Gesprächen, Liedern und mittels kreativer Methoden werden die Kinder dabei unterstützt, Körperbewusstsein zu entwickeln, sich selbst und andere mit ihren besonderen Eigenarten und Gefühlen wahrzunehmen, die eigenen Gefühle ausdrücken und im Zusammensein mit anderen regulieren zu können, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Kompromisse zu schließen, „nein“ sagen zu lernen. Die Kinder werden von zwei Spielfiguren (Handpuppen) durch das Programm begleitet: ein Mädchen und ein Junge mit Namen Tula & Tim. Zu den weiteren pädagogischen Materialien gehören u. a. Gefühlsgesichter, ein Wutkissen, Fingerpuppen, Gefühlsperlen sowie eine Musik-CD mit speziell für das Programm ausgewählten Liedern.

Kindergarten plus wird von einer Trainerin bzw. einem Trainer im Beisein der vertrauten Bezugserzieherin durchgeführt. Die Trainerin ist eine erfahrene Erzieherin, die zuvor für das Programm geschult wurde. Normalerweise arbeitet sie in einer anderen Gruppe oder Einrichtung. Als zunächst fremde Person bringt sie Abwechslung und weckt die Neugier der Kinder. Am Ende des Programms erhält jedes Kind als Feedback eine so genannte Kindergarten plus-Geschichte. Auf diese Weise wird die Teilnahme jedes Kindes individuell wertgeschätzt. Grundlage der Kindergarten plus-Geschichte sind die von der begleitenden Erzieherin und der Trainerin im Verlauf des Programms gemachten Beobachtungen.

Einbeziehung der Eltern
Die Eltern der beteiligten Kinder werden in das Programm einbezogen: Vor Beginn und zum Abschluss von Kindergarten plus findet ein Elternabend statt. Jeweils am gleichen Tag, an dem die Module mit den Kindern stattfinden, liegt eine Elterninformation bereit, in der die Inhalte beschrieben sind. Außerdem erhalten die Eltern die Kinderlieder-CD. Die im Verlauf des Programms bei den Kindern beobachteten Entwicklungen fließen in die Entwicklungsgespräche mit den Eltern ein.

Kosten und Finanzierung
Die Kosten für das Programm betragen derzeit 750,- Euro pro Einrichtung. Darin enthalten sind sämtliche Materialien für Kinder und Eltern, der Informationsfilm „Klug sein allein genügt nicht. Kinder brauchen emotionale Intelligenz“ sowie die Fortbildung für vier bis sechs Erzieher(innen) einer Einrichtung. Eine Fortbildung vor Ort kann stattfinden, sobald mindestens vier Einrichtungen das Programm durchführen möchten. Die Finanzierung erfolgt über Programmpaten; in vielen Fällen ist dies ein Lions Club, der Kindergarten plus in sein Förderprogramm aufgenommen hat. Rund 500 Kindertageseinrichtungen (Stand: Juni 2008) in 13 Bundesländern führen das Programm bisher durch. Jeden Monat kommen neue Einrichtungen hinzu.

Lebenskompetenzprogramme unter einem Dach
Zusammen mit den Programmen Klasse2000 (Gesundheitsförderung in der Grundschule) und Lions Quest. Erwachsen werden (Life-Skills-Erziehung in der Sekundarstufe 1) ist Kindergarten plus Bestandteil des Jugendprogramms der Deutschen Lions unter dem gemeinsamen Motto „Stark fürs Leben“. Die Schirmherrschaft für alle drei Lebenskompetenzprogramme hat Sabine Bätzing MdB übernommen, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Informationen unter www.kindergartenplus.de.

Dr. Jörg Maywaldist Soziologe und Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind.