Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

GfG – Familienbegleitung/Fabel®

Kurse für junge Familien

von Thea Vogel

Eltern suchen Begleitung auf ihrem Weg als junge Eltern. Sie erleben eine heftige Umbruchzeit, auf die sie weder durch Schule, Ausbildung noch Familie angemessen vorbereitet wurden. Eltern werden – vor allem mit dem ersten Kind – wird heute häufig als Veränderungskrise empfunden. Die neue Rolle als Mutter, als Vater muss gefunden werden. Heute gibt es eine verwirrende Vielfalt von Möglichkeiten, die Elternrolle zu leben. Der persönliche Weg ist nicht auf andere übertragbar, sondern Frauen und Männer sind bemüht, ihren individuell richtigen Weg zu finden. Soziologen bezeichnen diesen Prozess als Individualisierungsprozess, der inzwischen fast alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens erfasst hat.

Frauen geraten durch die Geburt eines Kindes in besonders heftige Widersprüche und werden oft dauerhaft zu Grenzgängerinnen zwischen Erwerbsarbeit und häuslicher Lebenswelt. Und zusätzlich ist die Geburt des ersten Kindes ein besonders gravierender Einschnitt in das Leben eines Paares und deren Partnerschaft.

Familienbegleitung – Entwicklung des Kurskonzeptes für das erste Lebensjahr
Die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit (GfG) setzt sich seit 26 Jahren für eine ganzheitliche Unterstützung von Familien ein. Von 1996 bis 1998 förderte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Entwicklung eines Curriculums zur Familienbegleitung. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom Institut Frau und Gesellschaft, nach dessen Auflösung von der Universität Braunschweig. Von 1999 bis heute wurden in der Weiterbildung zur GfG-Familienbegleiterin® etwa 150 Familienbegleiterinnen ausgebildet.

Die Weiterbildung zur Familienbegleiterin und zum Familienbegleiter beinhaltet eine umfassende, interdisziplinäre Qualifizierung und reicht von familienpolitischen, partner- und kindzentrierten Inhalten bis hin zu einer Grundqualifizierung in Gesprächsführung und Gruppenleitung. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass die zukünftigen Familienbegleiterinnen nicht nur über ein spezifisches Fachwissen verfügen, sondern sich auch Handlungskompetenz zur konkreten Unterstützung der Eltern aneignen.

Wichtigstes Ziel ist die Unterstützung der elterlichen Kompetenz, die Bestärkung in der Eigenverantwortlichkeit. Das geschieht durch non-direktives Lernen, bei dem die Eltern mit ihren Ideen einbezogen sind und Selbstvertrauen entwickeln können. Die Suche nach individuellen Lösungen wird begünstigt, die sich nach der sozialen Situation der Eltern und dem Beziehungsgefüge richtet, in dem sie sich bewegen. Eltern entscheiden, ob sie z.B. in Bezug auf den Schlaf, das Schreien oder die Mahlzeiten ihres Babys bedürfnisorientiert oder, vor allem wenn das Baby etwas größer ist, auch regelorientiert handeln wollen.

Der Arbeitsansatz ist ganzheitlich. Frauen können sich in ihrem veränderten Körper wieder wohl fühlen, Männer die neuen Körperempfindungen mit dem Baby wahrnehmen, z.B. bei der Babymassage. Leiberfahrung ist elementar und stellt, wenn sie reflektiert wird, die Grundlage dar für Lebenserfahrung. Das Kennenlernen anderer Eltern in festen Gruppen wird gefördert und häufig entstehen langlebige Selbsthilfe- und Nachbarschaftshilfestrukturen oder Freundschaften.

Die Partnerschaft als Basis der neuen Familie wird gestärkt. Die Eltern werden dabei unterstützt, ihre neuen Rollen auszuhandeln und angemessen zu leben. Gleichzeitig werden Alleinerziehende beim Entwickeln eines sozialen Netzes unterstützt. Die Bedürfnisse aller Beteiligten – der Eltern und des Kindes – werden berücksichtigt. Die Kursschwerpunkte wechseln zwischen kindzentrierten, mütterzentrierten und elternzentrierten Anregungen. Eltern werden darin bestärkt, kritisch mit Angeboten der Medizin umzugehen und lernen, eigenverantwortlich auszuwählen, was sie von den vorhandenen Angeboten für sich nutzen wollen.

Die professionelle Gesprächsführung begünstigt ein Klima der Toleranz gegenüber anderen Kulturen und sonstigen Unterschieden der Kursteilnehmer(innen). Auch behinderte Babys werden integriert. Schwierigkeiten und Ängste werden feinfühlig und offen angesprochen. Das kann ein erster Schritt zur Entlastung der Eltern sein, die mit Schwierigkeiten oder manchmal auch Schicksalsschlägen fertig werden müssen.

Das Konzept ist sehr flexibel und praxisnah und richtet sich nach den Bedürfnissen der Eltern vor Ort. Darüber hinaus wirkt die Weiterbildung in einem doppelten Sinne Familien unterstützend. Zum einen dadurch, dass die ausgebildeten Kursleiter(innen) mit einer neuen, fundierten Qualifikation jungen Eltern Unterstützung anbieten können. Aber auch durch die spezifische Struktur der Fortbildung ist sie ideal für Frauen, die sich selbst gerade in der Familienphase befinden, keiner Erwerbstätigkeit nachgehen und sich in der Elternzeit weiterqualifizieren möchten.

Fabel® – ein bewährtes Konzept im neuen Gewand
Fabel® ist ein aus dem Konzept der GfG-Familienbegleitung® heraus entwickeltes Kurskonzept für junge Familien. Es beinhaltet schwerpunktmäßig Beobachtungsaufgaben, Spiel- und Bewegungsanregungen, Lieder und Sinnesreize. Beobachten ist deshalb so wichtig, weil die Eltern dadurch Vertrauen entwickeln in die durch die Natur vorprogrammierte ökonomische Bewegungsentwicklung und stetige Reifung ihres Kindes. Eltern lernen dabei, die Entwicklung ihres Kindes zu würdigen. Wir machen deutlich, dass das Kind mit der Kompetenz geboren wird, auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Eltern greifen intuitiv die Lautierungen des Babys auf und lernen, sich mit ihm zu verständigen. Hier werden die Grundlagen zum Sprechen gelegt. Sinnesanregungen und Forschungen mit Materialien können Eltern mit eigenen Experimenten nachvollziehen.

Das Baby zeigt den aufmerksamen Eltern in vielen Bereichen den Weg. Wenn die Eltern auf die Art der Kontaktaufnahme, das Laute bilden, das Kuschelbedürfnis, das Spielbedürfnis, den Wunsch nach Ruhe eingehen können, gedeiht ihr Baby in einem ihm angemessenen Entwicklungstempo. Fördern ist nicht nötig, das nimmt den Eltern Stress. Austausch und Zusammenhalt in der Gruppe, Informationen und Strategien für die Alltagsbewältigung sind Teil der Gruppenaktivität, um Sicherheit im Umgang mit dem Kind zu bekommen.

Ziel ist es, den Eltern ein „Rund-um-Paket“ für die Zeit nach der Geburt anzubieten, wobei sich die Kurse nicht darauf konzentrieren, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch den Bedürfnissen und Belangen der Frauen und Männer als Eltern und Paare Raum zu geben und diese zum Thema zu machen.

In den letzten Jahren ist der individuelle Beratungsbedarf zu Fragen von Ernährung und Beikost, zum Schreien von Babys, vor allem aber zum Thema Schlafverhalten stark angestiegen. Wir interpretieren das so, dass Eltern Probleme nicht mehr aussitzen, sondern sich um konkrete Hilfen bemühen. Voraussetzung ist das schwierige Eingeständnis: „Ich brauche Unterstützung!“, zu dem sie in der Gruppe ermutigt werden.

Familienbegleitung und Fabelkurse – eine Erfolgsgeschichte
Durch die Evaluation im Auftrag der BZgA in den Jahren 1999/2000 konnte gezeigt werden, dass das Konzept der GfG -Familienbegleitung® von Multiplikatorinnen als Kompetenzerweiterung empfunden wurde. Im zweiten Schritt wurden Familienbegleitungskurse auf ihre Praxistauglichkeit mit den jungen Eltern überprüft. Als Ergebnisse aus der direkten Befragung der Eltern zeigte sich folgendes Bild: (1) die Selbstsicherheit im Umgang mit dem Kind wurde verstärkt; (2) der Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern wurde als besonders entlastend für die eigene Situation empfunden; (3) die individuellen Beratung durch die Kursleiterin wurde von vielen Müttern hervorgehoben; (4) durch die Kurse wurden soziale Netzwerke aufgebaut; (5) 89 Prozent der Eltern erlebten sich in ihrem eigenen Handeln ermutigt und bestärkt. Aus Sicht der BZgA war das Projekt im Förderzeitraum sehr erfolgreich und hat sein „Klassenziel“ erreicht.

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Thea Vogel ist Pädagogin und GfG-Ausbilderin in Frankfurt am Main.