Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Den eigenen Weg in der Erziehung finden

In unserer heutigen pluralen Gesellschaft stehen den Menschen vielfältige Entscheidungsmöglichkeiten für ihr Leben zur Verfügung, so auch Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder. Von einigen werden die Anforderungen, die sich ihnen dadurch stellen, als kreative Herausforderung empfunden, von anderen eher als Belastung und Überforderung. Die Freiheit der Entscheidung kann sich in einen Entscheidungsdruck wandeln, der schnell als anstrengend, kompliziert und mühsam erfahren wird.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler hat einen, jetzt als Broschüre erschienenen, „Eltern-Stärken-Test“ konzipiert, der Eltern ein Instrument der Selbstanalyse ihrer Erziehungshaltung liefern möchte. Anhand von 20 Fragen, fußend auf den ebenfalls von ihr entwickelten „Fünf Säulen der Erziehung“ (mit den Begriffspolen: Liebevolle Zuwendung – Überbehütung; Achtung – Missachtung; Kooperation – Bevormundung; Struktur – Chaos; Förderung – Perfektion), können Eltern ihren eigenen Erziehungsstil zwischen diesen Polen einordnen.
Die Fragen können hilfreich sein, sich seiner eigenen Einstellungen bewusst zu werden, seine Stärken wahrzunehmen und das Augenmerk auf Punkte zu legen, die man vertiefen möchte.
Das große Plus dieses Tests liegt darin, dass es einzig um die Selbstreflexion der elterlichen Persönlichkeit geht und selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Kinder ein Recht auf Vertrauen, liebevolle Zuwendung, Respekt, Möglichkeiten der Mitbestimmung, haltgebende Strukturen und Unterstützung bei der Bewältigung von Aufgaben haben.

Marita Salewski

Sigrid Tschöpe-Scheffler
Der Eltern-Stärken-Test
Verlag Barbara Budrich 2007
26 Seiten
7,90 €

Sehen – Verstehen – Handeln

Die entwicklungsbedingten Bedürfnisse und Rechte insbesondere junger Kinder geraten bei Eltern, aber auch in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe leicht aus dem Blick. Dies sollte sich ändern. Voraussetzung dafür ist, dass die Fachkräfte in der Lage sind, Eltern eine fundierte entwicklungspsychologische Beratung anzubieten.

Einer der wichtigsten Schutzfaktoren für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist eine sichere Bindung an mindestens eine emotional verfügbare Bezugsperson. Mit der entwicklungspsychologischen Beratung werden Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind unterstützt, um diesen Schutzfaktor wirkungsvoll zu nutzen.
Das von vier Autorinnen – alle in Forschung und Lehre erfahrene Praktikerinnen – verfasste, in zweiter Auflage erschienene Buch „Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern“ stellt ein in einem dreijährigen Weiterbildungsprojekt erfolgreich erprobtes Beratungskonzept vor. Auf eine Darstellung entwicklungspsychologischer Grundlagen der frühen Kindheit (sozial-emotionale Entwicklung und Entwicklung von Bindungsbeziehungen) im ersten Teil folgt eine Übersicht über Störungen in der frühen Eltern-Kind-Beziehung im zweiten Abschnitt. Der dritte Teil präsentiert Ziele, Arbeitsschritte, Methoden und Grenzen der entwicklungspsychologischen Beratung im Kontext unterschiedlicher Angebote der Kinder- und Jugendhilfe.
Das Buch ist ein Plädoyer dafür, dem „Handeln“ in der Jugendhilfe ein „Sehen“ und „Verstehen“ vorausgehen zu lassen. Je mehr es gelingt, frühe Anzeichen für Störungen im Zusammenspiel von Kind und Eltern zu erkennen und kompetente Beratung anzubieten, desto stärker kann sich die Jugendhilfe auf die präventive Verhinderung dramatischer Konflikte konzentrieren.

Dr. Jörg Maywald

Ute Ziegenhain, Mauri Fries, Barbara Bütow, Bärbel Derksen
Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern
Juventa Verlag, 2. Auflage 2006
208 Seiten
16,50 €