Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

 

Familienbildung mit hoch belasteten Familien

von Gabriele Koch

„Die größte Herausforderung liegt in der Kluft zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir tun“. Dieser Satz erinnert an die vielen Situationen, in denen uns ein „Hätte ich doch bloß …!“ über die Lippen kommt. Hätte ich mir das bloß früher überlegt …! Hätte ich ihm das bloß nicht erlaubt …! Hätte ich mir bloß auf die Zuge gebissen …! Hätte ich bloß nicht die Hand erhoben …!

Wie wird aus dem Moment, den man bereut, der enttäuscht oder wütend und hilflos macht, eine Lernsituation? Wie kann ich aus dem Dilemma, das ganz bestimmt nicht vor den Türen des Familienlebens halt macht, Nutzen ziehen? Meistens und bestenfalls indem man diese Erfahrung mit anderen teilt, gemeinsam näher hinschaut und mit Zuversicht auf den Fundus der – vielleicht nicht perfekten – aber immerhin gelingenden Lösungsmöglichkeiten zurückgreift, der jedem auf seine Art und Weise zur Verfügung steht. Wie kann es gelingen, innerhalb der familiären Beziehungen das Wissen über die eigenen Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten mit der Perspektive der oder des anderen in Einklang zu bringen? Wie können wir gerade im unwegsamen Terrain multipler psychosozialer Belastungen den bestmöglichen Weg für das familiäre Miteinander finden und den gemeinsamen Alltag somit lebenswert gestalten?

Fragen, von denen niemand unberührt bleibt, der sich für ein Leben in Familie und insbesondere für ein Leben mit Kindern entscheidet. Fragen, die aber umso bedeutender oder brisanter werden, wenn die materiellen und existenziellen Lebensverhältnisse weitgehend ungesichert sind, gemeinsame Zeit in Familie fehlt, partnerschaftlicher Rückhalt nicht gegeben ist, das soziale Umfeld nicht geeignet ist, um sich Lebens- und Erziehungskompetenzen zu erschließen oder wenn der Zugang zu Unterstützungsangeboten, bei denen ein partnerschaftliches Zusammenwirken zwischen Familie und begleitender Institutionen möglich wäre, nicht aktiv genutzt werden kann.

Die Rolle der Familienbildung für das Gelingen von Familienleben und Elternschaft
Unter diesen und ähnlichen Belastungsbedingungen kommt der Familienbildung ein besonderer Stellenwert zu. Es sind Konzepte gefragt, die sich damit auseinandersetzen, unter welchen Voraussetzungen Familienleben und Elternschaft gelingen können, die danach fragen, wo und wie Eltern Ressourcen mobilisieren können, um ein sicheres und gesundes Aufwachsen ihrer Kinder sicherzustellen. Wo sind die Ort und Gelegenheiten, an denen Mütter und Väter ihre elterlichen Kompetenzen und ihre elterliche Identität möglichst gut entwickeln können und wer sind die Ansprechpartner, die trotz äußerer und innerer Wogen ein tragendes und haltendes Element im Miteinander verkörpern?

Die Familienbildungslandschaft ist vielfältig und vielgestaltig. Dieser Beitrag möchte daher keine spezifischen Konzepte sondern vielmehr Prinzipien der Familienbildungsarbeit mit hoch belasteten Familien thematisieren. Wer die Arbeit mit Familien in diesen Lebenslagen kennt, weiß nur zu gut, wie lustbetont, einladend und stützend die Methodik zu sein hat, um Mütter und Väter, die das Scheitern besser kennen gelernt haben als Erfolg und Selbstwirksamkeit, zu einer konstruktiven und wirksamen Auseinandersetzung mit ihrem Familienalltag zu gewinnen.

Der Grossteil jener Menschen, die Erziehungsverantwortung tragen, geht auf unterschiedlichen Wegen ihrem diesbezüglichen Bildungsinteresse nach. Es werden Medien, Ratgeberliteratur, Gelegenheiten zum Austausch mit anderen Familien genutzt oder Unterstützungssysteme aktiv aufgesucht. Ein kleinerer aber nicht unbedeutender Teil der Erziehungsverantwortlichen kann einen solchen Bildungsbedarf entweder nicht erkennen oder nicht füllen. Unabhängig davon, ob der Zugang und die Inanspruchnahme von Lernmöglichkeiten im Bereich der Erziehungskompetenzen genutzt werden oder ungenutzt bleiben, kann es aus verschiedenen Gründen zu dysfunktionaler Erziehung sowie Beeinträchtigungen der Eltern-Kind-Beziehung und der kindlichen Entwicklungschancen kommen. Sowohl in (familien-)bildungsgewohnten als auch -ungewohnten Familien kann es punktuell immer wieder zu Krisen und Entgleisungen kommen, die das Know-how der Eltern und die vorhandenen kommunikativen Lösungsstrategien überfordern. Auch hier scheint das Eingangszitat über die Kluft zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir tun, zu gelten.

Was also kann Familienbildung leisten, wenn die erziehungswissenschaftliche Wissensvermittlung nicht ausreicht, die familiäre oder partnerschaftliche Kommunikation versagt, die Kraft für konstruktive Lösungen nicht mehr reicht oder der Blick in den Ratgeber besser durch einen Blick auf die eigenen Ressourcen zu ersetzen wäre?

Seit zehn Jahren werden am Institut für Fortbildung, Forschung und Entwicklung (IFFE e.V.) an der Fachhochschule Potsdam Erfahrungen im Arbeitsbereich der frühen Prävention und Intervention im Kontext der Eltern-Kind-Beziehung gesammelt. In verschiedenen Praxis- und Forschungsprojekten wurden Konzepte der Früherkennung und Frühintervention sowie der Bildung, Beratung und Therapie entwickelt und erprobt. In Hinblick auf den Bereich der Familienbildung beschäftigen uns dabei insbesondere die zentralen Fragen, durch welche innovativen Konzepte allen Familien, insbesondere auch psychosozial belasteten Familien, der Zugang zu Familienbildungsangeboten ermöglicht wird und wie funktionierende kooperative Strukturen aufgebaut und effektiv genutzt und finanzierbare und qualitativ hochwertige Angebote dauerhaft vorgehalten werden können.

Beziehung als Rahmen für Entwicklung und Lernen
Familien, in denen Alltag, Erziehung und Beziehung „glücken“, entwickeln sich gesünder, leistungsfähiger und sozial kompetenter. Familiäre und individuelle Entwicklung vollzieht sich in Beziehungen. Familienbildung regt das Lernen in und über Beziehungen an und hat das Ziel, Netzwerke zu unterstützen oder zur Beteiligung an Netzwerken zu motivieren. Aus unseren Projekterfahrungen heraus ist uns sehr vertraut, wie viel persönlichen Einsatz und Mühe es erfordern kann, Vorbehalte gegenüber Gruppenkontexten abzubauen und eine gute Form zu finden, auch Menschen, die sozial isoliert leben oder keine positiven Erwartungen an Kontakt und Austausch haben, in eine gemeinsame Lernsituation zu integrieren.

Viele scheinbar organisatorisch, inhaltlich, finanziell, zeit- oder verkehrstechnisch bedingten Gründe, die eine Teilnahme an Familienbildungsangeboten verhindern, können in der Regel nur durch einen meist (zeit-)intensiven Prozess der Vertrauensbildung, Überzeugungsarbeit und häufig auch „Verführung“ entkräftet werden. Familienbildner(innen) benötigen neben ihren fachlichen, inhaltlichen und methodischen Kompetenzen insbesondere gegenüber hoch belasteten Familien mit sozialen Rückzugstendenzen besondere Kompetenzen in der Kontaktanbahnung, Bewerbung, Ermutigung und Einladung zu den Angeboten – und den institutionellen Rückhalt, in diese Beziehungsarbeit zu investieren.

Das gilt gleichermaßen für Kindertagesstätten, die sich zu Eltern-Kind-Zentren entwickeln, für Eltern-Kind-Arbeit, die sich methodisch auf eine Hoch-Risiko-Population spezialisiert wie auch für Familienferienstätten, die ihr Profil auf den Bereich der Familienbildung erweitern, um nur einige Beispiele aus dem Land Brandenburg zu nennen. Wer beabsichtigt, Angebote für alle – also auch für hoch belastete – Familien regelhaft zu etablieren und langfristig anzubieten, sollte weder konzeptionell noch abrechnungstechnisch Unkonventionelles scheuen.

Was wir über Erziehung wissen, ist – wie bereits gesagt – noch nicht das, was wir im Erziehungsalltag tun. Familienbildung lebt vom Erfahrungswissen jener Menschen, die miteinander in Austausch treten und von den Widersprüchen zwischen dem, was wir uns wünschen oder vornehmen und dem, was auch tatsächlich gemeinsam gelingt. Sich für den Familienalltag eine klare und konstruktive Haltung zu erarbeiten, sich realistische Ziele zu setzen und Strategien für den „Notfall“ bereit zu halten, bedeutet vor allem zu verstehen, wie das konkrete Miteinander funktioniert. Was sich im Normalfall wie von selber regelt, nimmt unter Stressbelastung oft die Konturen eines Dramas an. Familienbildung soll darauf vorbereiten, auch unter Stress das Wissen um die kindlichen Bedürfnisse abzurufen, sich auch dann angemessen feinfühlig und responsiv zu verhalten und in der Lage zu sein, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen. Keine leichte Aufgabe, wenn der äußere und/oder innere Druck zunehmend steigt, wie beispielsweise in Situationen der existentiellen Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Depression oder in Momenten, in denen die „Gespenster der Vergangenheit“ uns plötzlich viel näher sind als uns lieb ist.

Familienbildung bietet die Möglichkeit, gemeinsam auf entspannte sowie stressvolle Situationen einzugehen und genau zu identifizieren, welche der eigenen Copingstrategien wirkungsvoll sind und wie sie aktiv genutzt werden können. Familienbildung leitet an, den Blick nach innen, auf die eigenen Möglichkeiten und Fertigkeiten zu richten und aus diesem Selbstbeobachtungsprozess heraus Gestaltungsmöglichkeiten für Alltag, Erziehung und Beziehung zu entwickeln. Familienbildung regt auch dazu an, den Blick auf den anderen und die Beziehungen untereinander zu richten. In gemeinsamen Gruppenaktivitäten wird gelernt, die vielen gelingenden Alltäglichkeiten sichtbar zu machen und zu verstehen, wie intuitive Wissensbestände und interpersonelle Kompetenzen bestmöglich in die familiäre Kommunikation und Interaktion einfließen können. Familienbildung kann uns anleiten, Erwartungen an uns selber und die anderen realistisch zu gestalten und gute und gesunde Entscheidungen zu treffen, die im ersten Moment vielleicht nicht die Option der Wahl wären, aber Stress im Familienalltag deutlich zu reduzieren helfen.

Familienbildung als Motor zur Entwicklung von Basiskompetenzen
Familienbildung ist ein Motor für Wissenserweiterung, Selbstmanagement, Perspektivübernahme und Selbstreflektion. Was hier vielleicht sehr theoretisch klingt, gehört zu den grundlegenden Notwendigkeiten und meist auch Selbstverständlichkeiten der familiären Lebensgestaltung. Wer aufgrund eingeschränkter Lebens- und Lernerfahrungen unter chronischen Belastungsbedingungen auf diese Basiskompetenzen nicht zurückgreifen kann, könnte diesem Bildungsbedarf in einer kompetent angeleiteten Familienbildungsveranstaltung alltags- und erlebensnah nachgehen. Je nach Möglichkeit, Wunsch und Kontaktbereitschaft werden eher mediale Formen der Familienbildung oder aber punktuelle oder kontinuierliche Gruppenangebote, Kurseinheiten vor Ort oder Familienbildungswochenenden jenseits des Alltags das Angebot der Wahl sein.

Wenn Familienbildung das Ziel hat, Müttern und Vätern, die ihre Kinder unter hoch belasteten Lebensbedingungen erziehen müssen, die (Bildungs-)Chance zu geben, ihre Erziehungskompetenzen (weiter-) zu entwickeln, muss betont werden, dass jede Entwicklung Zeit braucht. Familienbildung kann Impulse geben, die im Alltag aufgegriffen werden und zu Veränderung und Entwicklung beitragen. Familienbildung hat präventiven Wert, da sie darauf baut, dass diese gezielten Impulse im Rahmen des Familienlebens zu wertvollen Beziehungserfahrungen heranwachsen, die im Sinne der Resilienz als Schutzfaktoren für kindliche Entwicklung wirksam werden.

Familienbildung als Chance für benachteiligte Kinder
Familienbildung, die sich an hoch belastete, bildungsungewohnte und sozial isolierte Familien richtet, kommt häufig in recht „unakademischem“ Outfit daher. Hohe Qualität der Bildungsarbeit mit Familien verbirgt sich häufig hinter eingängiger, „angstreduzierender“, einfach verständlicher und bildhafter Diktion in Angebotstiteln und Einladungstexten. Aber gerade in den „tollen Tagen in Familie“, sogar im Familienwandertag oder in erlebnispädagogisch angeleiteten Aktivitäten, kann mehr stecken als pure Freizeitgestaltung. Familienbildung basiert auf anspruchsvollen familienpädagogischen Prinzipien, die über kommunikationszentrierte Strategien interpersonelles Lernen, Erfahrungs- und Faktenwissen miteinander verknüpfen. Kinder in benachteiligten Lebenssituationen bekommen wichtige Bildungsanreize, erleben ihre Eltern in neuen sozialen Zusammenhängen, lernen sich und ihre Familie von ihrer besten Seite kennen, können stolz auf sich sein und auf diesen wichtigen Erfahrungen weiter aufbauen. Gerade für diese Familien sind Angebote, die auf Kontinuität und Dauerhaftigkeit angelegt sind, von unschätzbarem Wert.

Ebenso wertvoll wie wichtig ist es, Familienbildung als Schnittstelle zwischen sozialer Arbeit, Bildung, Gesundheitsförderung, Beratung und Kinderschutz wahrzunehmen. Die Vielfalt an Potentialen, aber auch Verantwortlichkeiten, die daraus entstehen, erfordern eine hohe Fachlichkeit, eine stabile institutionelle Einbindung und geklärte finanzielle Ressourcen. Aus unseren langjährigen Projekterfahrungen haben wir gelernt, das sich Familienbildung mit hoch belasteten Familien nur dann realisieren lässt, wenn sie in eine gute und fundierte Beziehungsarbeit eingebettet ist und die Familienbildner(innen) hohe fachliche, kommunikative und selbstreflexive Kompetenzen in die Arbeit mit einbringen. Diese Rahmenbedingungen zu schaffen, gehört zur Kunst guter Familienbildung. Und noch eines: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ – Auch das haben wir in der Arbeit mit hoch belasteten Familien und hoch belasteten Mitarbeiter(inne)n lernen dürfen.

Gabriele Koch ist Diplom-Psychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Potsdam und freie Mitarbeiterinnen in der Elternberatung „Vom Säugling zum Kleinkind“ an der Fachhochschule Potsdam.