Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Die Menschenrechte sind ein Geschenk Gottes“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Dr. Margot Käßmann, Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, zur Bedeutung verbindlicher Werte und den Zielen eines „Bündnisses für Erziehung“.

Maywald: Im April 2006 hat die Bundesfamilienministerin gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz ein so genanntes Bündnis für Erziehung ins Leben gerufen. Was soll mit diesem Bündnis aus Ihrer Sicht erreicht werden?

Käßmann: Zum einen soll die Bedeutung der frühkindlichen Erziehung starker ins Bewusstsein rücken. Meist wird in Deutschland die These vertreten „Mit der Schule fängt der Ernst des Lebens an“. Aber beispielsweise die Beziehungsfähigkeit wird viel früher entwickelt, auch die Lernkompetenz. Die Elementarpadagogik hat ganz neue Erkenntnisse zu Tage gebracht: Gerade im Vorschulalter sind Kinder besonders aufnahmebereit, neugierig, entdecken die Welt. Das sollten wir fÖrdern.
Als Handlungsfelder werden die Familie, Kindertagesstätten und die Medien in den Blick genommen. Vor allem soll überlegt werden, wie diese drei Bereiche besser verknüpft werden können. Etwa durch Runde Tische zu Erziehungsfragen, oder durch den Ausbau von Kitas zu „Nachbarschaftszentren“ oder „Eltern-Kind-Zentren“.
Aus meinen Besuchen in Kitas weiß ich, wie viel qualifizierte Arbeit dort geleistet wird, die öffentlich gar nicht richtig wahrgenommen wird. Es geht ja heute bewusst um eine Kombination aus Erziehung, Bildung und Betreuung. Die Frage ist, wie wir die Erfahrung unsere Einrichtungen bündeln, systematisieren und weiterentwickeln können, um die Praxis zu verbessern. Dazu kann Erfahrungsaustausch, Dialog zwischen Kitas und wissenschaftlicher Forschung oder auch eine best-practice-Vorstellung helfen

Maywald: Kann es in einer pluralistischen Gesellschäft überhaupt verbindliche Werte geben und welche sollten dies sein?

Käßmann: Mir scheint, es ist von großer Bedeutung für eine Gesellschaft, gemeinsame Grundwerte zu vertreten. Das ist allein schon notwendig, um zu sagen, wohin wir Zuwanderer denn integrieren wollen, in welche Wertegemeinschaft. Unsere Verfassung und das Grundgesetz geben klare Werte vor: Freiheit, Gleichheit von Mann und Frau, die Würde jedes Menschen beispielsweise. Auch die Familie wird als besonders schützenswert angesehen.
Als Christin leite ich diese Grundwerte aus dem Glauben ab. Und ich bin froh, in einem Land leben zu können, in dem Religionsfreiheit herrscht. In diesem Land teile ich die Grundwerte mit Menschen ohne Religion und anderer Religion. Wir haben uns sozusagen aus unterschiedlicher Herkunft, humanistische oder religiöse, auf diese Werte geeinigt. Dass es gemeinsam notwendig ist, energisch dafür einzutreten, Kinder auch bewusst in diese Wertegemeinschaft hineinwachsen zu lassen, sehen wir derzeit deutlich, denke ich. Deshalb haben wir das Ministerium von Anfang an darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, mehr Partner für ein solches Bündnis an einen Tisch zu holen.

Maywald: In welchem Verhältnis stehen Ihrer Ansicht nach christliche Werte zu den im Grundgesetz und in den Kinder- und Menschenrechten enthaltenen Wertsetzungen?

Käßmann: Für mich stehen sie in Ubereinstimmung. Auf einer großen ökumenischen Tagung wurde einmal formuliert: „Die Menschenrechte sind ein Geschenk Gottes.“ So kann ich das verstehen, auch mit Blick auf Kinderrechte. Dabei weiß ich sehr wohl, dass manches Mal Rechte wie etwa die Gleichheit von Mann und Frau auch gegen Widerstände in der Institution Kirche erkämpft werden mussten. Im Evangelium sind sie allerdings vorgegeben.
Das gilt gerade mit Blick auf Kinder. Jesus erklärt sie zu Subjekten, auch der Theologie: „Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Lk 18,17) Das finde ich sehr eindrücklich, denn es weist darauf hin, dass Kinder eigene Rechte haben. Sie sind nicht einfach Objekte unserer Erziehung, sie müssen nicht werden, sie sind, ja wir können sogar von ihnen lernen.

Maywald: Kinder orientieren sich vor allem daran, was sie selbst sehen und erleben. Wie können Werte in der Familie sowie in Kindergarten und Schule vermittelt werden?

Käßmann: Vor allem durch Vorbild. Wenn für mich selbst etwa Gottes- und Nächstenliebe, Respekt vor der Würde des anderen und der Schöpfung sowie die zehn Gebote Wertmaßstäbe vorgeben, werden Kinder sich daran orientieren. Sie können sich identifizieren oder abgrenzen, aber sie haben eine Vorgabe. Vorbilder in Familie, Schule und Kindertagesstätte müssen allerdings glaubwürdig sein. Ich kann nicht das Gebot zitieren „Du sollst nicht stehlen“ und dann den Bademantel im Hotel mitgehen lassen.
Kinder lernen Werte auch durch Geschichten und Rituale. Mir ist wichtig, dass die biblischen Geschichten weitererzählt werden. Das ist einerseits eine Frage der religiösen Erziehung, aber doch auch eine Frage unserer Kultur. Die entsteht ja auch durch gemeinsame Erzählungen und gemeinsame Rituale.

Maywald: Bei der Vorstellung des Bündnis für Erziehung kündigte die Bundesfamilienministerin Bausteine aus der Praxis für die Praxis an. Welchen Beitrag wird hierzu die Kirche leisten?

Käßmann: Vor allem können wir aus den rund 20.000 Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft, in die täglich rund 1,2 Millionen Kinder gehen, Erfahrungen einbringen. Auch Erfahrungen zur Integration von Kindern aus anderen Kulturen und Religionen etwa. Und aus den vielfältigen Angeboten für Familien von der Familienbildungsstätte bis zur Müttergenesungskur wollen wir kreative Beispiele einbringen, wie Familien unterstützt werden können in der Erziehungsaufgabe. Wenn so ein Bündnis die Bedeutung der Erziehungsleistung bewusster macht, wäre schon einiges gewonnen.