Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Damit unsere Gesellschaft funktioniert, muss es verbindliche Werte geben“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Frank Jansen, Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband e.V., zur Bedeutung verbindlicher Werte und den Zielen eines „Bündnisses für Erziehung“.

Maywald: Im April 2006 hat die Bundesfamilienministerin gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland ein so genanntes Bündnis für Erziehung ins Leben gerufen. Was soll mit diesem Bündnis aus Ihrer Sicht erreicht werden?

Jansen: Nicht Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat das „Bündnis für Erziehung“ ins Leben gerufen. Gegründet wurde die Initiative im Januar 2005 durch Renate Schmidt. Dies aber nur vorweg. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die interkulturell und interreligiös geprägt ist. Damit diese Gesellschaft funktioniert, braucht sie pluralismusfähige Menschen. Solche Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie konsensfähig sind und Menschen anderer Kulturen und Religionen respektvoll begegnen. Dies setzt eine eigene, gefestigte Wertebasis voraus. Ein pluraler und freiheitlicher Staat kann nur dann bestehen, wenn die Freiheit, die den Bürgern gewährt wird, sich aus der moralischen Substanz des Einzelnen reguliert. Diese moralische Substanz wird durch eine wertgebundene Erziehung gefördert. Und genau darauf zielt das „Bündnis für Erziehung“.

Maywald: Kann es in einer pluralistischen Gesellschaft überhaupt verbindliche Werte geben und welche sollten dies sein?

Jansen: Wie schon gesagt, es muss verbindliche Werte geben, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Respekt vor anderen Kulturen und Religionen, Solidarität mit sozial Benachteiligten, ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es schwer sein sollte, sich auf diese Werte zu verständigen und im Dialog darüber nachzudenken, wie diese Werte bereits von Kindern verinnerlicht werden können.

Maywald: In welchem Verhältnis stehen Ihrer Ansicht nach christliche Werte zu den im Grundgesetz und in den Kinder- und Menschenrechten enthaltenen Wertsetzungen?

Jansen: Unser christliches Menschenbild basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch einzigartig ist und eine unverwechselbare Würde in sich trägt. Dass er Anspruch darauf hat, ein selbst bestimmtes und erfülltes Leben zu führen, gleichzeitig aber auch Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt. Grundwerte wie Solidarität, Respekt und Gerechtigkeit finden wir auch im Grundgesetzt und in den Kinder- und Menschenrechten. So besteht also eine enge Verbindung. In uns Christen sind diese Werte jedoch religiös verankert und haben eine tiefe Bedeutung aus unserem Glauben heraus.

Maywald: Kinder orientieren sich vor allem daran, was sie selbst sehen und erleben. Wie können Werte in der Familie sowie in Kindergarten und Schule vermittelt werden?

Jansen: Werte spiegeln sich für mich in den Beziehungen zu Kindern und Eltern wider. Anders ausgedrückt: Sie müssen erlebbar werden. Ein Beispiel: Wenn eine Kindertageseinrichtung sich zu einem familienunterstützenden Netzwerk entwickelt und sich durch seine Öffnungszeiten oder Beratungsangebote mit den Lebenssituationen von Kindern und Eltern solidarisch zeigt, dann sind Werte erlebbar. Dies auf Schulen und auf Lehrer zu übertragen, dürfte nicht schwer fallen.

Maywald: Bei der Vorstellung des „Bündnis für Erziehung“ kündigte die Bundesfamilienministerin „Bausteine aus der Praxis fur die Praxis“ an. Welchen Beitrag wird hierzu die katholische Kirche leisten?

Jansen: Die Arbeit des Bündnisses basiert auf sechs Handlungsfeldern. Dazu gehört unter anderem das Handlungsfeld „Erziehung in der Kindertageseinrichtung“, in dem Themen wie die Integration von Kindern mit Behinderungen oder Erziehung zu Toleranz, Respekt und Verständigung im Vordergrund stehen. Wir werden zu diesen Themen exzellente Praxisbeispiele identifizieren und Module erarbeiten, um die Arbeit dieser Kindertageseinrichtungen zu multiplizieren. Ähnlich verhält es sich in anderen Handlungsfeldern. Und wir werden natürlich Beiträge liefern, die sich aus dem Profil unserer Kindertageseinrichtungen ergeben. Religiöse Erziehung beeinflusst unsere Kultur und das moralische Bewusstsein der Menschen. Sie trägt dazu bei, dass Solidarität und Respekt das Zusammenleben beeinflussen. Mit unseren 10.000 katholischen Kindertageseinrichtungen sind wir ein kompetenter Partner, der seine Erfahrungen selbstverständlich in die gesellschaftliche Debatte einbringt.