Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Annkathrin Menger im Gespräch mit Jenny (15 Jahre)

„Ganz wichtig ist, dass niemand einfach abhaut.“

Menger: Wie hast du die Trennung deiner Eltern erlebt?

Jenny: Ich war noch ziemlich jung und habe gar nicht so richtige begriffen, was eigentlich genau passiert. Es war eine neue Situation für mich. Meine Mama hatte dann relativ schnell einen neuen Partner, den sie letztes Jahr geheiratet hat. Mit ihm habe ich mich von Anfang an gut verstanden. Vor acht Jahren habe ich dann auch eine Stiefschwester bekommen.

Mein Vater ist nach der Trennung aus Berlin weggezogen und ich habe ihn leider erst als ich sechs Jahre alt war wiedergesehen. Als ich nach unserem ersten Treffen wieder nach Hause kam, war ich unheimlich traurig. Wahrscheinlich habe ich erst da verstanden, dass sich meine Eltern getrennt haben und dass mein Papa nicht bei mir zu Hause ist. Mein Papa hat auch eine neue Partnerin, die schon zwei Kinder hat.

Meine Eltern verstehen sich gut und wenn mich mein Papa zu Treffen abholt, dann reden sie auch miteinander.

Menger: Wie ist der Umgang mit deinem Vater geregelt?

Jenny: Es stand von Anfang an fest, dass ich bei meiner Mama leben werde, und es gab auch nie einen Moment, wo ich mir gewünscht habe, dass es anders gewesen wäre. Zu meinem Papa habe ich aber trotzdem eine gute Vater-Tochter-Beziehung.

Wir haben eigentlich keine feste Vereinbarung, wann und wie oft ich meinen Papa sehe. Ich finde auch, dass diese Regelungen nicht fest sein müssen, die Hauptsache ist, dass man sich überhaupt sieht. Bei uns hat sich das einfach so ergeben und ich finde es gut so. Oft ist es so, dass er spontan anruft, ob ich nicht Zeit und Lust habe, mich mit ihm zu treffen. Dadurch, dass mein Papa aber nicht in Berlin wohnt und er auch oft unterwegs ist, sehen wir uns nicht so oft. Meistens ist das dann so fünf Mal im Jahr. Aber dafür telefonieren wir öfters. Wenn wir uns treffen, dann unternehmen wir meistens etwas. Es kommt eigentlich fast nie vor, dass wir nur zu Hause sitzen und vielleicht nur Fernsehen gucken. Es ist aber auch nicht so, dass es dann irgendwie gezwungen ist, so nach dem Motto „Jetzt sehen wir uns schon so selten, da müssen wir auch richtig viel unternehmen“. Ich denke, das kommt eher dadurch, dass mein Papa sehr unternehmungslustig und aktiv ist.

Feiertage und meinen Geburtstag habe ich bis jetzt immer zu Hause bei meiner Mama verbracht. Einmal war ich nur an Sylvester bei meinem Vater.

Menger: Wie verstehst du dich mit den neuen Partnern deiner Eltern?

Jenny: Ich verstehe mich mit allen gut. Nur dadurch, dass sich meine Eltern getrennt haben, als ich noch sehr jung war und ich meinen richtigen Papa dann drei Jahre lang nicht gesehen habe, sage ich zu niemandem Papa. Nicht zu meinem „Richtigen“ und auch nicht zu meinem „Neuen“. Ich spreche beide mit Namen an. Es gab mal eine Zeit, da hätte der neue Partner von meiner Mama es gern gesehen, dass ich Papa zu ihm sage, da wir uns ja auch sehr gut verstanden. Aber das konnte ich nicht, dass war irgendwie komisch. Er ist zwar wie mein zweiter Papa, aber es ging trotzdem nicht. Er hat es mir auch nicht übel genommen. Als meine Stiefschwester geboren wurde, hat sich an unserem Verhältnis nichts verändert. Er bevorzugt niemanden und behandelt uns beide wie seine Töchter.

Menger: Was sollten Eltern deiner Meinung nach beachten, wenn sie sich trennen?

Jenny: Auf jeden Fall sollten Kinder immer mit einbezogen und gefragt werden, denn auch auf sie hinterlässt es einen großen Eindruck. Und auch wenn es den Eltern schwer fällt, sollten sie mit ihren Kindern darüber reden und ihnen erklären, warum das jetzt alles geschieht. Ganz wichtig ist, dass niemand einfach abhaut. Für die Kinder ist der Kontakt zu beiden Elternteilen von enormer Bedeutung. Auch wenn man sich vielleicht nicht so oft sieht, es gibt ja schließlich Telefon oder man schreibt sich. Ich bin auch nicht für strikte Regeln, wann und wie oft man sich sehen sollte. Ich finde es viel besser, gerade wenn die Kinder schon etwas älter sind, wenn Eltern ihre Kinder fragen, wann diese Zeit haben.

Der Name des befragten Kindes wurde geändert.