Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Dialog der Generationen

von Volker Amrhein

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung startete 1994 die Kampagne zur Verbesserung des Dialogs zwischen den Generationen. In der Folge dieser Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entstand 1997 in Berlin das Projektebüro „Dialog der Generationen“.

Wozu ein Dialog der Generationen?

Seit einiger Zeit gibt es eine gleichermaßen erfreuliche wie erstaunliche Konjunktur für Patenschaftsprogramme und Mentoring. Sie entstehen im Zuge von Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, als Nachbarschaftsinitiativen, als Angebote von Freiwilligenagenturen oder als Fördermaßnahmen, die speziell jungen Frauen den Weg in Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Handwerk ebnen sollen. Namhafte Stiftungen sind mit Programmen beteiligt, deren Ziel es zum Beispiel ist, generationsübergreifende Freundschaften auf den Weg zu bringen.

Was sind die Hintergründe dafür, dass scheinbar aus dem Nichts neue Angebote entstehen, die noch vor fünf oder sechs Jahren kaum erkennbar waren? Das sollte deutlicher werden, wenn wir uns die gesellschaftliche Situation und die Motive der Akteure ein genauer betrachten.

Da ist zunächst einmal das viel zitierte Wegbrechen der sozialen Bindekräfte. Die Modernisierung unserer Gesellschaft hat zur Folge, dass sich Nachbarschaften, soziale und berufliche Milieus auflösen oder in starke Fluktuation geraten und eine Gleichzeitigkeit miteinander konkurrierender Lebenshaltungen und -entwürfe das Bild bestimmt.

Die Familie, ehemals dominierendes Modell des Zusammenlebens, nimmt auf der Folie des demographischen Wandels einen Platz neben anderen ein. Ein-Personen-Haushalte haben ihr – zumindest in den Großstädten – den Rang abgelaufen. Jüngste Erhebungen prognostizieren noch eine Geburtenrate von 1,29 Kindern pro Frau. Erheblicher ist, dass die Scheidungsraten unverändert hoch sind, Alleinerziehende eine doppelte Last tragen.

Die Einen geißeln den Egoismus jener, die ihre unterstellte „Selbstverwirklichung“ auf Kosten anderer betreiben. Andere sehen in all dem eine „Umwertung der Werte“, deren scheinbare Beliebigkeit im wachsenden Anspruch der Individuen zu sehen ist, die Sinnorientierung ihres Lebens, die Werte, denen sie sich verpflichten wollen, selbst zu bestimmen.

In diesen relativistischen Tendenzen der postmodernen Gesellschaft liegen – neben den nicht zu leugnenden Gefahren – auch Chancen. Ausgangspunkt ist zunächst eine gewisse Ratlosigkeit, die etwa der Soziologe Ulrich Beck wie folgt beschreibt: „Niemand weiß, wie das traditionelle Autoritätsgefüge der Familie mit den neuen Ansprüchen auf Freiheit und Selbstentfaltung von Männern und Frauen verbunden werden kann… Niemand weiß, wie Individualisierung und christlicher Glaube aufeinander abgestimmt werden können. Obwohl Soziologen zeigen, dass mit der Individualisierung gerade die Bereitschaft, in einem anderen Sinne für andere da zu sein, ja zu glauben, wächst und nicht verschwindet. Niemand weiß, wie die Anforderungen von Massenorganisationen – politischen Parteien, Gewerkschaften, aber auch Städten und Kommunen – die einzelnen zu verpflichten, mit den Ansprüchen auf Selbstbeteiligung und Selbstorganisation vereinbar sind. Niemand weiß, wie unüberschaubare Vielfalt für politisch notwendige Entscheidungen mobilisiert und gebündelt werden kann.“

Zusammenfassend darf man wohl davon sprechen, dass die Welt der Umbrüche, in der wir leben, sehr hohe Anforderungen an die/den Einzelne(n) stellt. Es gilt, die eigene Biographie, den eigenen Identitätsentwurf als Projekt zu betrachten und so zu gestalten, das es möglichst viele Optionen offen hält. Gefragt sind Identitätskonstruktionen, die dem Druck der Verhältnisse standhalten, und Individuen, die mit Niederlagen, beruflichen Veränderungen und/oder Persönlichkeitskrisen umgehen lernen wie mit Chancen, die zu mehr Autonomie und neuen Wahlmöglichkeiten führen können.

Eine Bildungsarbeit und -politik, die Menschen auf diese dramatischen Veränderungen vorbereitet, bzw. sie darin begleiten kann, ist jedoch erst in Umrissen erkennbar.

In dieser ungesicherten Situation ist auch das Verhältnis der Generationen prekär. Die Lebenswelten driften auseinander, Jung und Alt haben nichts oder wenig miteinander zu tun, der Dialog, wenn er denn stattfindet, muss inszeniert oder künstlich erzeugt werden.

Die Kehrseite der Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaften ist – bei Zuwachs der persönlichen Freiräume und der Delegierung von Pflege- und Betreuungsaufgaben an den Staat – ein „Erkalten“ der sozialen Beziehungen. Diese Trends dürfen nicht beschönigt oder ausgeblendet werden. Sie bilden jedoch nur eine Seite der Wirklichkeit ab.

Gründe für die Konjunktur von Patenschaftsprogrammen

Patenschaftsprogramme bilden einen zentralen Bereich generationsübergreifender Projektarbeit. Die Gründe für ihren Erfolg liegen auf der Hand. Die Übergangsbeziehung zwischen jungen Menschen und einem/einer erfahreneren und reiferen Mentor(in) hat in der Regel einen beruflichen Hintergrund und dient der Förderung des Nachwuchses in Universitäten, Handwerk, Betrieben oder in der Politik. Die Tatsache, dass Frauen noch immer in ungleich geringerem Umfang in Führungspositionen aufsteigen, war Anlass für die meisten dieser Programme.

Bei Patenschaften, die auf der Basis eines gleichberechtigten Miteinanders im Rahmen der Freizeitgestaltung stattfinden, sieht es etwas anders aus. Hier stehen für das Patenkind Motive im Vordergrund, die mit der familiären Situation (z.B. alleinerziehende Elternteile) zu tun haben können, dem wenig unterstützenden Umfeld oder auch dem Wunsch, Orientierung zu finden, Austausch zu haben mit einem Erwachsenen, der Anregungen, Perspektiven und Möglichkeiten im Alltag eröffnet, zu denen sonst kein Zugang bestünde.

Aber auch für die Paten ist die Ausgangslage verschieden von derjenigen eines Mentors im beruflichen Feld. Sie sind weniger daran interessiert, berufliche Erfahrungen weiterzugeben, sondern haben andere, persönlichere Gründe, die sie bewegen:

– eine Beziehung zu einem jungen Menschen aufzubauen, die sie als Alleinstehende oder Kinderlose bisher nicht erleben konnten und in der sie ein Stück Lebenssinn finden;

– eigene (mitunter traumatische) Kindheitserfahrungen, die sie bewegen, Kindern in ähnlicher Situation beistehen zu wollen;

– der Wunsch zu geben, gespeist aus der Dankbarkeit, glückliche(re) Ausgangsbedingungen gehabt zu haben.

Weitere Bausteine für das Haus der Generationen

Neben Patenschaftsansätzen gibt es eine Vielzahl weiterer Kooperationen und Unterstützungsleistungen, die Generationenbeziehungen positiv verstärken. Die folgende Aufzählung soll einen Überblick geben.

Bildungsarbeit
Dialogformen, Gesprächskultur und Kommunikation zwischen den Generationen

Integration
Integrationsprojekte von/für Migrant(inn)en, die als Aussiedler nach Deutschland kommen oder als ehemalige Gastarbeiter(innen) hier geblieben sind; interkulturelles Lernen

Bürgerschaftliches Engagement/Hilfsdienste
Vermittlung neuer Formen bürgerschaftlicher Teilhabe in kommunalen Kontexten

Gemeinsam Wohnen und Leben
Generationsübergreifende Wohnformen in Wohn-, Haus- oder Hofgemeinschaften, integrierte Modelle multifunktionaler Wohnkomplexe (Wohngemeinschaften, Kindertageseinrichtungen oder Schulen, Senioren- und Pflegeeinrichtungen unter einem Dach) mit Ausstrahlung ins Gemeinwesen

Generationsübergreifendes Lernen
Seniorenstudiengänge im Rahmen des regulären Studienbetriebs der Universitäten; Öffnung der Schule bzw. Kooperationen von Schulen, die freiwilliges Engagement als Bildungsziel anstreben

Umwelt
Entwicklung generationsübergreifender Ansätze im Umweltbereich

Hospizarbeit
Generationsübergreifende Konzepte der Sterbebegleitung

Zeitzeugen
Vor dem Hintergrund einer zu entwickelnden Gedenkkultur die Erfahrung und Erinnerung alter Menschen für Junge erlebbar machen

Eine Kultur der Anerkennung
Alle diese hier genannten Ansätze zeichnen sich aus durch eine Haltung, die auch für Aushandlungsprozesse zwischen im Wettstreit stehenden oder nicht miteinander zu vereinbarenden Lebensentwürfen zentrale ist: wechselseitige Anerkennung.

In einer Welt, die einen so raschen Wechsel der Moden erlebt, in der die Halbwertszeiten unseres Wissens immer rasender verfallen und für unverbrüchlich gehaltene Institutionen (wie die Normalerwerbsbiographie) ganz zu verschwinden drohen – in einer solchen Welt sind die Generationen stärker darauf angewiesen, sich über die Vergänglichkeit ihrer erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten klar zu werden. Kompetenznetzwerke, in denen es um die Weitergabe und den Austausch von Lebenserfahrungen aller Generationen geht, aber auch Zeitzeugenprojekte sind Orte, die solche Klärungsprozesse fördern. Sie könnten Kristallisationspunkte sein für Wissens- und Erfahrungspools, die allen offen stehen oder deren Inhalte direkt in schulische Zusammenhänge einfließen. Der Schatz, der hier zu heben wäre, ist die Erkenntnis, dass der Wandel das einzig Beständige ist in dieser Welt. Wenn das selbstverständlicher wahrgenommen würde, verlöre er manches von seiner gefährlichen und existenzbedrohenden Ausstrahlung – und etwas könnte zurückkehren, das uns mitunter verloren zu gehen scheint: Vertrauen.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Volker Amrhein ist Leiter des Projektebüros „Dialog der Generationen“ in Berlin

Das Projektebüro „Dialog der Generationen“

Als bundesweit operierende Serviceeinrichtung berät, begleitet und vernetzt das Projektebüro „Dialog der Generationen“ generationsübergreifende Projekte in ganz Deutschland. Das geschieht in Form koordinierender Maßnahmen in den einzelnen Bundesländern (Regionalgruppentreffen), durch Fort- und Weiterbildung der Akteure (Workshops, Tagungen, Kongresse) und ein breit gefächertes Service-Angebot. Präsent ist das Büro auf Jugendhilfe- und Seniorentagen und den Kongressen Soziale Arbeit, aktiv im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und für den Wettbewerb „Video der Generationen“.

Daneben gibt es Beteiligungen an folgenden Programmen:

„Biffy – Big friends for Youngsters“ – Große Freunde für kleine Leute
Träger: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Berlin
www.biffy.de

Generationennetzwerk Umwelt
Träger: Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung (Universität Hannover),
Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter, Deutsche Bundesstiftung Umwelt
www.generationennetzwerk.de

Netzwerk für intergenerationelles Lernen in Europa (NIGEL)
Im Schwerpunkt Europäische Vernetzung koordiniert das Projektebüro das entstehende Netzwerk für intergenerationelles Lernen in Europa (NIGEL), gefördert aus Mitteln der Europäischen Gemeinschaft im Rahmen des Grundtvig-Programms.

International Consortium for Intergenerational Programmes (ICIP)
Auf internationaler Ebene wirkt das Projektebüro mit im International Consortium for Intergenerational Programmes (ICIP), einem Zusammenschluß von Mitgliedseinrichtungen aus 120 Ländern.
Das Projektebüro „Dialog der Generationen“ wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
www.generationendialog.de