Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Typisch Junge, typisch Mädchen?

Die Entwicklung der Geschlechtsidentität in der frühen Kindheit

von Michael Behnisch

Bei einem verstohlenen Blick in das Kinder- oder Spielzimmer mag manchen Eltern und Erzieher(inne)n schon der Gedanke durch den Kopf gegangen sein, ob das, was sie dort sehen, nun Ergebnis ihrer Erziehung ist oder „sich einfach so entwickelt“: Da gibt es für Jonas nichts Faszinierenderes als das batteriegetriebene Dröhnen des Geländewagens und Marie umsorgt hingebungsvoll ihre Puppe im rosa Kleid.

Puppen, Geschirr und Haushaltsgeräte). Das Spielzeug von Jungen ist didaktisch eher dem Bereich des (technischen) Experimentierens und Ausprobierens zugeordnet, das der Mädchen dem Versorgen (Krankenhaus, Pferdestall) sowie der Kreativität und Schönheit (malen, basteln, gestalten). Nach etwa drei Lebensjahren sind diese geschlechtsspezifischen Festlegungen durch die Kinder so weit übernommen, dass Jungen sich keinen Puppenwagen mehr wünschen bzw. es kaum wagen würden, einen solchen Wunsch zu äußern. Mädchen haben diesbezüglich eine etwas größere Bandbreite, weil typisches Jungenspielzeug bei Ihnen zumindest noch als emanzipatorisch gelten und damit eher akzeptiert werden kann.

Bücher, Lieder und Geschichten
Die Inhalte von Büchern, Liedern und Geschichten haben sich aus geschlechterspezifischer Sicht in den vergangenen Jahren verändert; es wird stärker darauf geachtet, Stereotype nicht zu transportieren. Gleichwohl tradieren sich in vielen Kinderbüchern klassische Geschlechterrollen, etwa in den bekannten Produkten „Die Wilden Kerle“ oder „Prinzession Lillifee“. Der Blick in ein beliebiges Kinderbuch (hier als Beispiel die Reihe „Sarah und Simon“) erlaubt einen Einblick in die soziale Herstellung von Geschlechterrollen: Simons Vater tobt im Garten mit den Kindern, die Mutter ist für die Bastelarbeiten zuständig bzw. wird ausschließlich in ihrer Rolle als Hausfrau dargestellt. Simon, der im aktiven Spiel einen Unfall hat und von Sarah schon fast mütterlich versorgt wird, ist auch mal in schmutziger Kleidung abgebildet, während Sarah immer adrett bekleidet ist. Geschlechterrollensstereotype finden sich vor allem in den Bereichen Rollenverteilung, Familienalltag, Kleidung, Berufsrollen und Gefühlszuschreibungen.

Rollenspiele mit Eltern und Gleichaltrigen
Rollenspiele repräsentieren geschlechtsspezifischer Werte und Realitäten, gleichzeitig werden diese Werte im Spiel reproduziert: Rollenspiele bei Jungen beinhalten meistens Szenen aus dem Bereich Action und Abenteuer. Dabei werden Rollen gewählt (Held, Bösewicht, Weltenlenker), die in der Wirklichkeit der Jungen kaum existieren bzw. es kommen Gegenstände zum Einsatz, die im konkreten Spiel nicht vorhanden (z.B. Autos) oder von der Alltagswelt der Jungen weit entfernt sind (z.B. Raketen, U-Boote). Weil es Jungen, stärker noch als Mädchen, an nachlebbaren Vorbildern und Einblicken in „typisch männliche“ Berufsalltage mangelt, beziehen sie ihren Stoff zur Nachahmung geschlechtsspezifischer Aktivitäten durch diese Phantasiespiele. Im Gegensatz dazu sind Rollenspiele bei Mädchen viel realistischer, weil sie sich oftmals auf häusliche Szenen und Alltagsbegebenheiten beziehen.

Medien und Werbung
Fernsehsendungen, Werbung und Werbeplakate im öffentlichen Raum sind allgegenwärtig, auch für jüngere Kinder. Einige Kindergartenkinder können bereits entsprechende Slogans aufsagen und benennen, für welche Produkte Männer und für welche Frauen Werbung machen. Werbespots greifen gängige Rollenbilder auf und auch wenn die entsprechenden Stereotype scheinbar ironisch umgekehrt werden (der Mann an der Waschmaschine), dann doch zumeist nur, um diese ungewöhnliche Rolle zugleich wieder lächerlich zu machen.

Umgang mit Geschlechterdifferenz: pädagogische Handlungsmöglichkeiten
Die Geschlechtsidentität bildet eine Voraussetzung des sozialen Lebens in einer Gesellschaft der kulturellen Zweigeschlechtlichkeit. Die Leugnung dieser individuellen Bedeutung von geschlechtlicher Identität ignoriert also den Druck, unter dem schon Kinder stehen, sich in dieses System der Zweigeschlechtlichkeit einzufinden. Daher wäre es pädagogisch unfair, Jungen und Mädchen dieses Identitätsangebot nehmen zu wollen. Ebenso unergiebig erscheint es, die Geschlechterrollenfixierung und die Stereotype einfach umzukehren: Der Mann am Bügelbrett, die Frau auf dem Baukran. Dies kann zwar im Einzelfall eine irritierende und pädagogisch gute Anregung sein, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Vielmehr muss es darum gehen, die Vielfalt von Gefühlen und Verhaltensweisen für beide Geschlechter im Blick zu behalten, um Jungen und Mädchen – trotz der Geschlechterrollenbeschränkung – Handlungsoptionen zu lassen. Diese sollten so groß wie möglich sein, ohne gegen den Wunsch nach eindeutiger geschlechtlicher Identität zu verstoßen. Jungen und Mädchen sollen entdecken lernen, dass jedes Kind verschiedene Fähigkeiten hat, die eben nicht geschlechtsgebunden sind. Es geht also letztlich um Geschlechtergerechtigkeit und das heißt: Jungen und Mädchen sind erstens gleichberechtigt zu behandeln und ihnen sollten zweitens so viele Handlungsspielräume eröffnet werden wie möglich. Diese Forderung wird auch im Begriff des Gender Mainstreaming zu beschreiben versucht.

Gender Mainstreaming
Gender Mainstreaming ist ein politisches Konzept, dass die Beachtung der sozialen und kulturellen Geschlechterrolle mit dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen umsetzen möchte. Das Ziel ist dabei die tatsächliche Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen in allen Lebensbereichen sowie die Erhöhung von Chancen und Handlungsspielräumen für beide Geschlechter.

Wie das konkret und pädagogisch aussehen kann, lässt sich in den folgenden Ideen andeuten:
– Eine stereotype Arbeitsteilung von Jungen und Mädchen sollte (weitgehend) verhindert werden, stattdessen sollte beiden Geschlechtern eine Vielfalt von Erfahrungen zugänglich gemacht werden.
– Jungen und Mädchen brauchen Hilfestellungen, um Alternativen im Spiel und im Alltag entdecken zu können. Stereotypes Verhalten sollte nicht noch verstärkt, sondern durch die Vielfalt von Spielmöglichkeiten aufgelockert werden.
– Fernsehsendungen, Bilderbücher und Lieder sollten kritisch auf Geschlechterstereotypisierungen durchgesehen werden. Alternativ kann mit den Kindern über die Rolle von Jungen und Mädchen in den Büchern und Liedern gesprochen werden.
– Kleine, geplante Rollenspiele und pantomimische Übungen (Wut oder Freundlichkeit nachspielen lassen) tragen zur Erweiterung von Gefühlsäußerungen bei.
– Ein wichtiger Aspekt ist der Umgang mit Sprache: Wie redet man mit Mädchen, wie mit Jungen? Was schreibe ich Jungen zu, was Mädchen? Traue ich den Mädchen etwas zu (oder sage ich häufiger als bei Jungen: das ist zu gefährlich)? Gehe ich weniger auf die Gefühlswelten von Jungen ein? (und sage stattdessen: stell dich nicht so an)?
– Die Kinder können über verschiedene Berufe im Rahmen einer Exkursion informiert werden (Besuch bei einem Hausmann, bei einer Busfahrerin)
– Mit mehreren Kindern (vor allem in der Kindertagesstätte) können geplante Rollenspiele zum Thema angeboten werden mit anschließender Auswertung: Wer konnte was besonders gut? Wie war es, mal eine ganz andere Rolle zu spielen? Gab es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, worin lagen diese?

Durch solche und andere pädagogische Ansatzmöglichkeiten kann und soll die Geschlechterdifferenz nicht aufgehoben werden. Eltern und Erzieher(innen) müssen auch weiterhin über die geschlechterbezogenen Wünsche und Bedürfnisse Bescheid wissen und den Kindern die Möglichkeit geben, diese auch zu leben. Wohl aber sollen Jungen und Mädchen erfahren, dass sie mehr können und mehr zeigen dürfen als das, was die Trennung in „typisch Junge“ und „typisch Mädchen“ ihnen suggeriert.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Michael Behnischist Diplom-Pädagoge und Referent für Grundlagen der Jugendhilfe im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin.