Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühe Tagesbetreuung und Eltern-Kind-Beziehung

von Lieselotte Ahnert

Noch vor 15 Jahren gab es in Deutschland recht widersprüchliche Vorstellungen darüber, ob eine zusätzliche Betreuung von Kleinkindern außerhalb der Familie den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen überhaupt gerecht werden könne. Dabei zeigten sowohl historische als auch kulturvergleichende Analysen über die Lebensbedingungen von Kleinkindern eine große Variabilität von Versuchen, in Erweiterung der mütterlichen Betreuung befriedigende Betreuungsarragements zu schaffen. Richtig ist, dass sowohl aus biologischen wie aus anatomischen Gründen Menschen zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt ihrer individuellen Entwicklung geboren werden als die Jungen jeder anderen Art von Säugetieren. Das führt dazu, dass die Betreuung des Kindes erheblich länger und der Betreuungsaufwand deutlich ausgeprägter als bei anderen Säugetieren ist, um Überleben und spätere Fortpflanzung des Nachwuchses zu sichern. Seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte wurden deshalb komplexe und weitreichende Allianzen und Arrangements ausgeformt, wie sie bereits die Paarbeziehungen von Eltern darstellen, die den Müttern Versorgung, Verteidigung und Betreuung des Nachwuchses erleichtern sollen.

Betreuungsarrangements für Kleinkinder
im historischen und kulturellen Vergleich

Anthropologische Aspekte

Anthropologische Beobachtungen in noch heute existierenden Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften verweisen allerdings auch auf innerfamiliäre Arbeitsteilungen, wie sie sich in den kooperativen Jagdstrategien der Männer und den kooperativen Sammelstrategien der Frauen widerspiegeln können. Die Gemeinschaften der Kung San im Norden Botswanas, der Hiwi im Südwesten Venezuelas, der Ache im Osten Paraguays, der Aka im Norden von Kongo-Brazaville sowie der Efe, die in der nordöstlichen Region des Ituri Gebietes von Zaire leben, erlauben dabei Einblicke in Kinderbetreuungspraktiken wie sie in prähistorischen Gesellschaften organisiert gewesen sein könnten. Abhängig von den Arbeitsaufgaben, der Jahreszeit, und dem Alter begleiten die Kinder ihre Eltern (meistens die Mütter), wobei Kleinkinder aber auch bei älteren (Geschwister)Kindern oder anderen Erwachsenen der Gemeinschaft zurückgelassen werden. Der zeitliche Betreuungsaufwand variiert für die Mütter in diesen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften dabei beträchtlich; von ihrer Ausschließlichkeit bis hin zu einer Betreuung, die sie als eine unter vielen Betreuuerinnen des Stammes ausweist. Es ist deshalb kaum vorstellbar, dass es die ausschließliche Betreuung des Kindes durch die Mutter(Eltern) selbst in der prähistorischer Zeit als dominante Betreuungsvariante von Kindern gegeben haben soll; und es gibt keine Gesellschaft unserer Zeit, in der dies über lange Kindheitsphasen hinweg typisch war. In Weisner und Gallimore’s Analyse (1977) wurden beispielsweise die Kleinkinder in 40% der Kulturen, die sie untersuchten, mehr als 50% der Zeit von anderen Personen als ihren Müttern betreut. Historische Analysen in Deutschland verweisen ebenfalls darauf, dass selbst im Deutschland der letzten 100 Jahre die ausschließliche Mutterbetreuung für Kleinkinder oftmals nur selten; und dann auch nur innerhalb einer kleinen gesellschaftlichen Elite während einer kurzen geschichtlichen Zeitepoche üblich war.

Komplexe Betreuungsarrangements, die die Betreuung des Kindes durch die Mütter unterstützen und erweitern, gehören deshalb zu den geschichtlich ältesten Betreuungsbedingungen von Kindern und nicht — wie fälschlicherweise behauptet — die ausschließlich mütterliche Betreuung. Was sich vor allem aber in der Nachwuchsbetreuung der Neuzeit geändert hat, ist die Bereitschaft von Eltern, ihre Kinder von bezahlten Betreuungspersonen betreuen zu lassen, anstatt dies im erweiterten Familienverband oder mit nachbarschaftlichen Hilfen zu organisieren. Leider hat die historische Überbewertung der mütterlichen Betreuung zu einer inadäquaten Wahrnehmung und Bewertung außerfamiliärer Betreuungsarrangements geführt, in deren Konsequenz die mütterliche Betreuung im Wechselspiel ergänzender Betreuungsbedingungen kaum thematisiert wurde.

Historische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte

Die lange Geschichte von Versuchen, befriedigende Betreuungsarrangements für Kinder zu schaffen hat unterschiedlichste Betreuungsangebote entstehen lassen, die durch die lokale Demographie, Geschichte und Ideologie beeinflusst sind. Der Bedarf an Hilfen bei der Betreuung der Kinder durch andere Personen als die Eltern wurde allerdings zumeist durch ökonomische Faktoren verursacht, auch wenn vereinzelte gesellschaftliche Gruppierungen (z.B. die britische Oberklasse) Unterstützung bei der Kinderbetreuung (z.B. durch Kindermädchen) aus anderen Gründen suchten. In Agrargesellschaften werden Kleinkinder beispielsweise meistens in der Betreuung von Geschwistern, Verwandten oder Nachbarn gelassen, während die Mütter auf den Feldern arbeiten. In Industriegesellschaften (z.B. Schweden) und vor allem während der raschen Industrialisierung der 1960er und 1970er Jahre — die zunächst zu einem Arbeitskräftemangel geführt hatte und berufstätige Frauen brauchte ohne jedoch das Bevölkerungswachstum zu stören — mussten Betreuungsangebote von frühester Kindheit an verfügbar sein. Analoge Zusammenhänge von gesellschaftlich ökonomischen Erfordernissen und der öffentlichen Bereitstellung von Kleinkindbetreuung ließen sich auch für die kommunistischen Länder Osteuropas, insbesondere der ehemaligen DDR, sowie für die israelischen Kibbuzim nachweisen. Im Gegensatz dazu haben Länder, die den Arbeitskräftemangel der 1960er und 1970er Jahre auf andere Weise lösten (wie beispielsweise durch Anwerbung von Gastarbeitern in der (alten) Bundesrepublik Deutschland), kaum öffentliche Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder etabliert.

Aufrechterhaltung der Eltern-Kind-Beziehung in der Familie

Die Bindungsbeziehung des Kleinkindes
Entwicklungspädiatrie und –psychologie haben immer wieder vor Entwicklungsrisiken gewarnt, die die Folgen von kindlichen Betreuungserfahrungen außerhalb der Familie sein könnten, vor allem wenn sie beginnen, die Eltern-Kind-Beziehung „außer Kraft zu setzen“. Den nachhaltigsten Beitrag bei der Erforschung dieses Problems hat bisher die Bindungstheorie ausgeübt (Bowlby, 1969 und 1973). Im Mittelpunkt dieser Theorie steht das Bindungsverhalten des Kindes, das als fundamentales Verhaltenskonzept für die Entwicklung des Sozialverhaltens des Kindes angesehen wird und mit der Ausbildung der primären Bindung des Kindes zu einer ausgewählten Betreuungsperson (zumeist der Mutter) beginnt. Die Bindungsbeziehung vermittelt dem Kind emotionale Sicherheit. Sie ist geprägt durch Beziehungsmuster, in denen das Kind seine Emotionen deutlich ausdrückt, damit sie von der Mutter emotional reguliert werden können. Kinder in solchen sicheren Bindungsbeziehungen empfinden sich selbst als liebens- und beschützenswert und profitieren von der Schutzfunktion dieser Beziehung, vor allem wenn sie in Belastung geraten.

Bowlby (1969) verwendete als einer der ersten Wissenschaftler in Psychologie und Biologie kybernetische Aspekte gängiger Regelkreis-Mechanismen, um die Bindungsbeziehung als ein dynamisches Modell konzipieren zu können, das sich auf Umweltveränderungen stetig neu einstellt. Die ersten Bindungsstudien (Heinecke & Westheimer, 1965) hatten dabei bereits demonstriert, dass signifikante Veränderungen in den Tagesroutinen von Mutter und Kind auch die Qualität ihrer Beziehung verändern kann. Im Fall der Wiederaufnahme der mütterlichen Erwerbstätigkeit und der Inanspruchnahme einer außerfamiliären Betreuung wurden negative Veränderungen in der Mutter-Kind-Beziehung erwartet, und bei einem zu frühem Beginn der außerfamiliären Betreuung sogar befürchtet, dass die Bindungsentstehung gänzlich gestört werden könne. Als maßgeblicher Grund dafür wurde die Verfügbarkeit der Mutter angesehen: Gemäß der Bindungstheorie sollte ein hohes Maß ihrer Verfügbarkeit das Gefühl der Sicherheit beim Kleinkind immer wieder garantieren; das Kind könne nur so Bindungsverhaltensweisen ausformen. Bei mangelnder Verfügbarkeit der Mutter aber sollten diese Bindungsverhaltensweisen nur rudimentär entwickelt oder unterdrückt sein. In diesem Fall der unsicheren Bindungsbeziehung könnten diese Kinder ein Selbstwertgefühl erwerben, das eher auf die eigenen Bewältigungsmechanismen baut, auch wenn dies zu Überforderungen führen sollten. Diese Kinder gelten als sozial weniger zugänglich und weniger kompetent bei der Gestaltung sozialer Interaktionen, was sich dann auch nachteilig auf die alleinige Bewältigung der Situation auswirken kann.

Die Kontinuität der mütterlichen Betreuung
In der Debatte um die außerfamiliäre Betreuung wurde die langandauernde tägliche Abwesenheit der Mutter als äußerst ungünstig für die Bindungsentstehung angesehen, da sich die primäre Bindung desto sicherer entwickeln sollte, je stabiler und prädiktierbarer das Interaktionsgefüge sei. Bowlby (1973) war überzeugt, dass Kleinkinder nur sehr instabile Gedächtnisleistungen aufweisen und deshalb nicht in der Lage sind, ein konsistentes Beziehungsmuster aufzubauen, wenn Trennungserfahrungen diesen Prozess immer wieder unterbrechen. Infolgedessen sollte „die sicherste Dosis [für Trennungen] hier nur die Nulldosis (Bowlby 1976)“ sein. Die Konsequenz für die primäre Bindungsentwicklung wäre demnach Kontinuität und Monotropy („aufgezogen von nur einer Person [grch.]“) in der Betreuung eines Kleinkindes, was im deutlichen Kontrast zu der weltweit praktizierten Vielfalt von multiplen Betreuungsarrangements steht, von denen die ausschließliche Betreuung durch die Mutter nur eine Variante ist. Obwohl die Monotropy-Forderung im Rahmen der Weiterentwicklung der Bindungstheorie recht bald aufgegeben wurde, ist Bowlby’s Kontinuitäts-These lange unwidersprochen geblieben. Die aktuelle empirische Forschung hat allerdings mehrfach gezeigt, dass trotz Diskontinuität in der mütterlichen Betreuung die Mutter-Kind-Bindung entwickelt wird und aufrechterhalten bleiben kann. Damit haben sich Befürchtungen, dass die frühe Inanspruchnahme von Tagesbetreuung mit Notwendigkeit die Eltern-Kind-Beziehung verschlechtert, nicht bestätigt. Das NICHD Early Child Care Network (1997) hat dabei anhand einer Stichprobe von über 1000 Kleinkindern die überzeugendsten Befunde geliefert. Danach war die mütterliche Sensitivität (oder Feinfühligkeit) die dominierende Einflussgröße auf die Bindungssicherheit der Mutter-Kind-Beziehung, unabhängig davon, ob das Kind ausschließlich zu Hause oder in nicht-mütterlicher Betreuung — egal ab welchen Alters und in welcher Weise (z. B. Betreuung durch den Vater, im erweiterten Familienkreis, durch Kindermädchen, Tagesmütter und in Kitas) — betreut wurde. Die Kombination von insensitiver Betreuung sowohl zu Hause als auch in außerfamiliärer Betreuung war allerdings sehr häufig mit unsicheren Mutter-Kind-Bindungen verbunden. Dies zeigt, dass schlechte Tagesbetreuung eher von insensitiven Müttern akzeptiert wird und sich diese Kombination dann besonders problematisch auf die Mutter-Kind-Beziehungen auswirkt.

Die Inanspruchnahme von Tagesbetreuung

Die Inanspruchnahme öffentlicher Tagesbetreuung wurde vor allem in der DDR mit großer Selbstverständlichkeit in die Lebensmuster der Familien integriert und infolgedessen die Diskontinuität der mütterlichen Betreuung als normativ angesehen. Heute muss gefragt werden, ob diese Betreuungspraxis die Mutter-Kind-Bindung nicht doch anders ausgerichtet hat als dies ohne die flächendeckenden außerfamiliären Betreuungsangebote der Fall gewesen wäre. Zur Beantwortung dieser Frage ist uns der glückliche Umstand zugute gekommen, dass bereits vor der Wiedervereinigung Deutschlands Forschergruppen in Ostberlin (mit Ahnert) und Westberlin (mit Rauh und Ziegenhain) völlig unabhängig voneinander Forschung zur Bindungsentwickung von außerfamiliär betreuten Kindern durchgeführt haben. Vergleichenden Analysen dieser Studien zur Mutter-Kind-Bindung vor und nach der Wiedervereinigung in Ost- und Westberlin erbrachten dabei keine Unterschiede in Hinblick auf die Bindungssicherheit von Kindern. Unsichere Bindungsmuster unterschieden sich dagegen konsistent in Ost und West; mit vermeidenden Bindungsbezieungen hauptsächlich bei Ostberliner und desorganisiertem Bindungsverhalten bei Westberliner Klein- und Grundschulkindern. Diese Unterschiede reflektieren vermutlich verschiedene Ambivalenzen im Zusammenleben mit Kindern und verschiedene Erwartungen an die geteilte Rolle einer familiären und außerfamiliären Betreuung. Eltern, die gern mit ihren Kindern zusammen sind, sich den Tagesablauf jedoch ungern durcheinander bringen lassen wollen (Süßmuth, 1990) oder außerfamiliäre Betreuung in Anspruch nehmen und die Erziehungsverantwortung dann nur ungern teilen wollen (Rottmann-Ziegenhain, 1989), könnten eher im Westen als im Osten zu finden sein, wo das soziale Klima es den Eltern erlaubte, sich sowohl um Kinder als auch um eigenen Bedürfnisse kümmern zu können.

Während die Frühsozialisation im Osten generell keine erkennbar anderen Einflüsse als die im Westen auf die Bindungssicherheit von Kindern ausgeübt hat, haben die sozialpolitischen Veränderungen zwischen 1990 und 1991 sowohl in Ost- als auch Westberlin den Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind allerdings empfindlich gestört, insbesondere wenn die Anpassung der Familien an die neuen sozialpolitischen Verhältnisse nicht gelingen wollte. Hierbei hat eine öffentliche Tagesbetreuung mit guter Betreuungsqualität wahrscheinlich sogar noch kompensatorisch auf die betroffenen Kinder einwirken können.

Anpassungsprobleme bei zusätzlicher Tagesbetreuung

Kleinkinder zeigen erhebliche Anpassungsbelastungen, wenn sie die Tagesbetreuung beginnen. Einblicke in die Art dieser Belastungen verdanken wir entwicklungspädiatrischen Studien aus den Ostblockländern der 1970er Jahre zur Krippenadaptation, die vor allem bei Kleinkindern im Alter von 10 bis 18 Monaten Schlafstörungen, Appetitmangel und erhöhte Infektionserkrankungen sowie Veränderungen in den Spiel- und Sprechaktivitäten der Kleinkinder dokumentierten. Obwohl auch heute, nach signifikanter Verbesserung der außerfamiliären Betreuungspraxis, die Inanspruchnahme einer Tagesbetreuung vor allem für ein Kleinkind als eine außergewöhnliche Belastung angesehen wird, sind psychologische oder gar physiologische Untersuchungen zu diesem Problemkreis selten geblieben. Fein und Gariboldi (Fein, Gariboldi, & Boni, 1993, 1995) beobachteten die Kita-Aufnahme von Kleinkindern in italienischen Kitas und registrierten Verzweiflungsreaktionen bei einigen dieser Kinder noch sechs Monate nach Kita-Aufnahme, obwohl die Erzieher sich gerade um diese Kinder am fürsorglichsten gekümmert hatten. Da diese Verzweiflungsreaktionen bereits mit früheren Reaktionen in Zusammenhang standen, interpretierten Fein und Gariboldi diese Ergebnisse als temperamentsbezogene Reaktionsmuster, die relativ resistent gegenüber erzieherischen Einflüssen seien. Rauh und Mitarbeiter (Rauh & Ziegenhain, 1996; Ziegenhain, Rauh & Müller, 1998; Ziegenhain & Wolff, 2000) sowie Ahnert und Rickert (2000) interessierten sich vor allem für Zusammenhänge von kindlichen Anpassungsbelastungen und Mutter-Kind-Bindung. In Rauhs Studien wurden Kleinkinder beobachtet, für die nach dem ersten Lebensjahr („später Krippeneintritt“) oder aber schon viel früher („früher Krippeneintritt“) eine Tagesbetreuung begonnen hatten. Obwohl Irritierbarkeit und negative Stimmung ausgeprägter in der Gruppe mit „spätem Krippeneintritt“ waren, waren Zusammenhänge von Mutter-Kind-Bindung und emotionaler Befindlichkeit widersprüchlich. Die Adaptationsprobleme der Kinder waren jedoch deutlich mit der Art der Eingewöhnung verbunden und wenig ausgeprägt, wenn eine langsame Eingewöhnung des Kindes (stundenweise und in mütterlicher Begleitung) erfolgt war.

Da negative Stimmungen nur unzuverlässig Belastung reflektieren, setzten Ahnert & Rickert (2000) zur Beschreibung des Adaptationsprozesses auch physiologische Parameter ein, die aus der Herzaktivität des Kindes abgeleitet wurden. Danach hatte die Mutter-Kind-Bindung einen charakteristischen Einfluss auf die Verminderung der Adaptationsbelastung, solange die Mutter das Kind begleitete. Sicher gebundene Kinder zeigten danach niedrige Belastungswerte schon bei Ankunft in der Kita, aber auch in der Gruppe und beim Spiel. Geringere Belastungswerte für Kinder mit sicheren im Vergleich zu unsicheren Bindungserfahrungen waren teilweise auch noch am ersten Trennungstag typisch, obwohl sicher gebundene Kinder durch negative Emotionsäußerungen besonders auffielen.

Diese Befunde bestätigen Bowlby’s Modell der primären Bindungsbeziehung, nach dem Kleinkinder neue Situationen mit ihren Müttern besser bewältigen als ohne sie. Besteht eine sichere Mutter-Kind-Beziehung, ist die Belastung sogar noch geringer als in unsicheren Beziehungen, da in der sicheren Beziehung die kindlichen Unsicherheiten effektiv reguliert werden. Diese Befunde dürften auch deutlich machen, dass die Anwesenheit der Eltern während der Adaptation des Kindes in der Kita wirklich eine Entlastung für das Kind darstellen, selbst wenn die Kinder ausgeprägter protestieren, nachdem die täglichen Eltern-Kind-Trennungen einsetzen.

Kita und Familie als kombiniertes Betreuungsfeld für Kleinkinder

Auswahlkriterien für eine außerfamiliäre Betreuung

Eltern von außerfamiliär betreuten Kindern verfolgen andere Betreuungskonzepte als Eltern von ausschließlich familienbetreuten Kindern; und dies wahrscheinlich schon vor Aufnahme der mütterlichen Erwerbstätigkeit. Dennoch wollen Eltern bei Inanspruchnahme einer Tagesbetreuung die Eltern-Kind-Beziehung aufrechterhalten, derentwegen sie die außerfamiliäre Betreuung mit der Betreuungsleistung der Familie in sinnvoller Weise zu verbinden suchen. Aufschlussreich sind hierzu insbesondere US-amerikanische Studien, die auf eine große Vielfalt außerfamiliärer Betreuungsangebote zurückgreifen können, deren Qualität deutlich ausgeprägter als in Europa variieren, wo die institutionelle Kleinkindbetreuung generell auch auf einem höheren Qualitätsniveau angesiedelt ist (Scarr, 1998). Die Studien verweisen auf ausgewählte Kriterien bei der Wahl einer außerfamiliären Betreuung in Abhängigkeit von bestimmten Mütter- und Familiencharakteristiken. So wählten Eltern mit höherer Bildung und Einkommen auch qualitativ bessere Betreuungseinrichtungen. Mütter mit besserer Ausbildung tendierten dazu, eher eine institutionelle (center-based care) als eine private Betreuung (family day care) zu nutzen und legten dabei größten Wert auf die pädagogischen Charakteristiken der Betreuungsangebote. Allerdings relativierte sich dies mit dem Alter des Kindes. Je früher außerfamiliäre Betreuungsangebote in Anspruch genommen wurde, desto eher suchten Eltern nach einer behütenden und warmen Betreuungsatmosphäre und legten weniger Wert auf die Betreuungsprogramme. Kinder, die noch vor dem ersten halben Lebensjahr in außerfamiliärer Betreuung waren, hatten Mütter, die besser ausgebildet und engagierter in ihrem Beruf waren und an die Vorteile ihrer Erwerbstätigkeit für die Entwicklung ihres Kindes glaubten. Kinder, die in qualitativ unzureichender außerfamiliärer Betreuung untergebracht waren, kamen zumeist aus Problemfamilien; die Eltern hatten zumeist restriktive Erziehungseinstellungen und schienen weniger in ihre Kinder investieren zu wollen. Die Auswahl eines Betreuungsangebotes schien dabei vorrangig aus persönlichen Bequemlichkeitserwägungen vorgenommen zu sein.

Aus diesen Studien lässt sich eine Wechselwirkung von familiärer und außerfamiliärer Betreuung erkennen, die mit der elterlichen Auswahl der Betreuungseinrichtung beginnt. Außerfamiliäre Betreuungsarragements wurden deshalb auch schon charakterisiert als „…extension of the home environment, and both [familiäre und außerfamiliäre Betreuung] represent parental characteristics…“ (vgl. Scarr, 1997, p. 146). Im folgenden wollen wir deshalb diskutieren, ob diese Feststellung berechtigt ist und aufeinander abgestimmte Betreuungsmodi in diesem geteilten Betreuungsfeld wirklich existieren.

Beziehungen zwischen Eltern und Erzieher(inne)n

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Als eines der wichtigen Beschreibungskriterien in kombinierter familiärer und außerfamiliärer Betreuung wird die „Partnerschaft“ der Betreuung von Eltern und Erziehern immer wieder angeführt. In Kontrast zu Untersuchungen über generelle Einstellungen von Eltern gegenüber Erzieher(inne)n und Erzieher(inne)n gegenüber Eltern zeigen Untersuchungen von konkreten Eltern-Erzieher-Kontakten, dass die gegenseitige Wertschätzung nicht immer positiv ist und vor allem die Eltern der betreuten Kinder von den Erzieher(inne)n kaum als „Partner“ betrachtet werden. Durchgängig werden niedrige Kontaktraten zwischen Eltern und Erzieher(inne)n berichtet, diese aber keinesfalls als Risiko-Faktoren in der Betreuung der Kinder angesehen (Shpancer, 1998). Im Gegensatz dazu sind die Wertschätzungen der Eltern den Erzieher(inne)n gegenüber eher positiv und relativ unabhängig von den negativen Einstellungen der Erzieher(innen). Die Elternurteile werden allerdings durch vielfältige Faktoren von Zufriedenheit bestimmt und sagen ebenfalls kaum etwas über „Partnerschaft“ und Betreuungsqualität aus. Ähnlich diskrepant sind Befragungen und Beobachtungen, die von Erzieher(inne)n und Eltern bei ein und demselben Kind zu ausgewählten Alltagssituationen vorliegen. Insgesamt gesehen müssen wir deshalb im Wechselspiel von familiärer und außerfamiliärer Betreuung erhebliche Kontraste vermuten, die durch Eltern-Erzieher-Beziehungen nicht zu überbrücken sind. Kleinkinder in außerfamiliärer Betreuung sind von daher um so mehr auf die Sensitivität ihrer Eltern angewiesen und vor allem darauf, wie diese ihr eigenes Betreuungsverhalten auf die außerfamiliäre Betreuung ausrichten.

Die Gestaltung kombinierter familiärer und außerfamiliärer Betreuung

Erstellt man von außerfamiliär betreuten Kleinkindern das gesamte Tagesprofil ihrer Erfahrungen in Familie und Kita, stellt man fest, dass das tägliche Ausmaß von bestimmten Betreuungsleistungen sich für diese Kinder nicht von denen unterscheidet, die ein Kind erfährt, das ausschließlich zu Hause betreut wird. In einer eigenen Forschungsstudie (vgl. Ahnert, Rickert & Lamb, 2000) ergaben sich im Vergleich von Kita und hausbetreuten Kindern keine Unterschiede hinsichtlich der allgemeinen Aufmerksamkeit, Zuwendung und Stimulation sowie Gesprächen mit der Mutter oder anderer Betreuungspersonen. Die Betreuungserfahrungen der Kinder unterschieden sich jedoch erheblich in Abhängigkeit davon, zu welcher Zeit und wo das Kind betreut wurde. Wie bei Gruppenbetreuung durch wenige Erzieher(innen) nicht anders zu erwarten ist, waren diese Betreuungsangebote während der Zeit des Kita-Besuchs deutlich vermindert, wenn man sie dem gleichen zeitlichen Ausschnitt des Tagesprofils der hausbetreuten Kinder gegenüberstellte. Überraschenderweise zeigten die Mütter der Kita-Kinder jedoch eine Art kompensatorische Betreuung, in dem sie ihre Betreuungsleistungen vor und nach dem Kita-Besuch des Kindes den Müttern von hausbetreuten Kindern gegenüber deutlich intensivierten.

Da promptes Reagieren auf die negativen Signale des Kindes als besonders betreuungswirksam angesehen wird und ein zentrales Moment in der Sensitivität des Betreuungsverhaltens ist, beschäftigte sich diese Forschungsstudie darüberhinaus mit den negativen Emotionen der Kleinkinder. Wir untersuchten Quengeln und Weinen und analysierten die Promptheit der Betreuungsreaktionen. Während Weinen eher sporadisch entstand und gleichhäufig bei Kita- und hausbetreuten Kinder war, schien Quengeln dagegen unterschiedliche Funktionen in Abhängigkeit von Tageszeit und Betreuungssituation zu haben. Allerdings fanden wir keine Belege dafür, dass Kita- im Vergleich zu hausbetreuten Kindern tagsüber generell gestresster erschienen und übellauniger waren. Kita-Kinder quengelten sogar kaum in der Kita, jedoch am ausgeprägtesten, nachdem sie von ihren Müttern abgeholt wurden; wahrscheinlich um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter nun endlich auch für sich reklamieren zu können. Leider zeigten die Betreuungsreaktionen, dass die Kita-Mütter nur mangelhaft auf diese Stress-Signale reagierten.

Kleinkinder finden aber auch Trost bei ihren Erzieher(inne)n. Selbst im Gruppengeschehen von Kitas kann man beobachten, wie sich Kleinkinder in misslichen und belastenden Situationen ihren Betreuungspersonen zuwenden, um sich trösten zu lassen und Sicherheit zu gewinnen. Derartige Beziehungen können als Erzieher-Kind-Bindungen gelten, wobei das Kind Bindungssicherheit seltener mit dem/der Erzieher(in) als mit seiner Mutter ausbildet. Erzieher-Kind-Bindungen sind weder durch die Qualität der Mutter-Kind-Bindung festgelegt, noch können sie die Beziehung zur Mutter ersetzen und scheinen funktionell zunächst auf die Betreuungssituationen in der Kita beschränkt zu bleiben. Eltern sind gut beraten, wenn sie keine Eifersucht entwickeln und die Bindungsbeziehungen ihrer Kinder zu den Erziehern als positiv ansehen, auch wenn die Eltern-Erzieher-Beziehung distanziert bleibt.

Insgesamt gesehen muss die kombinierte Betreuung mit Kontrasten leben, die jedoch an sich kein Entwicklungsrisiko für die betreuten Kinder darstellt, so lange die familiäre wie außerfamiliäre Betreuung für sich genommen entwicklungsangemessen ausgerichtet sind. Darüberhinaus müssen allerdings die Betreuungsanteile in dieser Kombination in vernünftigen Relationen bleiben. Lange Aufenthaltszeiten über lange Zeiträume hinweg können selbst in gut geführten Kitas aggressive Verhaltensweisen des Kindes begünstigen. Dies wird vor allem dadurch verständlich, dass Kleinkinder Emotionen vorzugsweise im Kontakt mit den Eltern regulieren, selbst wenn Eltern nach dem Kita-Besuch nur noch wenig sensitiv auf die Stress-Signale ihrer Kinder reagieren. Sollte die kombinierte Betreuung in Familie und Kita dazu noch zeitlich nicht gut ausbalanciert sein, könnten deshalb diese unbefriedigenden Eltern-Kind-Interaktionen auf lange Sicht einen dauerhaften negativen Effekt auf das kindliche Sozialverhalten bewirken, der auch in Tagesbetreuung nicht kompensiert werden kann.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

PD Dr. Lieselotte Ahnert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin