Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Welche Kinder will das Land?

Thesen zu Kindheit, Beziehungen und Entwicklungen der Demokratie

von Peter Riedesser

Vor genau 100 Jahren gab es Optimisten, die das beginnende 20. Jahrhundert als „Jahrhundert des Kindes“ proklamierten, dieses sollte frei sein von Hunger, Vernachlässigung, Misshandlung, Kinderarbeit, Krieg und Verfolgung.
100 Jahre später ist die Bilanz ernüchternd: Es war ein Jahrhundert zweier Weltkriege, ungezählter Bürgerkriege, das Jahrhundert des Holocaust und einer fortdauernden, gravierenden Verelendung von Milliarden von Kindern in der sogenannten Dritten Welt.

Dennoch hat die Bilanz auch positive Seiten: Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist so viel Wissen über seelische Grundbedürfnisse von Kindern gesammelt und so viel reflektiertes Bemühen um die Herstellung gesunder Entwicklungsbedingungen, Heilung und Verhinderung von Kinderleid erfolgt. Die Wissenschaften vom Menschen sind jetzt imstande, Rahmenbedingungen zu formulieren, unter denen sich Kinder hinreichend gut entwickeln können und Faktoren zu definieren, unter denen die Entwicklung Schaden leidet, blockiert wird oder entgleist. Dazu trugen ungezählte Eltern, Initiativgruppen, Kinderärzte, Psychoanalytiker, Entwicklungspsychologen, Kinderpsychiater, Pädagogen und Juristen, aber auch Journalisten und Politiker bei, die sich systematisch für die Verankerung von Grundrechten von Kindern in Verfassungen und Gesetzen eingesetzt haben, zuletzt in Deutschland für die Abschaffung der Prügelstrafe in Schulen und Familien.

Was Eltern intuitiv schon immer wussten, ist heute durch tägliche klinische Erfahrung und wissenschaftliche Studien bewiesen: Kinder brauchen von der Säuglingszeit an ein Nest von konstanten Bezugspersonen, die kontinuierlich und verlässlich eine ganze Kindheit lang zur Verfügung stehen und Fundament und Struktur für eine stabile Entwicklung bilden. Auf diesem Urvertrauen aufbauend, entwickeln sich Beziehungsfähigkeit und Beziehungsfreude zu anderen Menschen, die Fähigkeit zur Einfühlung und eine stabile Überzeugung vom Wert der eigenen Persönlichkeit. Kinder hingegen, die durch Vernachlässigung, traumatisierende Trennungen, Misshandlung und dauernde kritische Herabsetzung in Familie und Schule in zentralen Entwicklungslinien beschädigt worden sind, geraten in Gefahr, langfristige Folgeschäden zu entwickeln: Dies können z.B. psychische Erkrankungen sein bis hin zu Drogenmissbrauch und Suizidalität. Es kann aber auch geschehen, dass Kinder, die sich eine Kindheit lang als Opfer offener und subtiler Gewalt fühlen, eines Tages aus unbewussten oder bewussten Gefühlen der Rache an die „Gesellschaft“ das zurückgeben, was ihnen an frühen Verletzungen angetan worden ist. Oft geschieht dies ohne Gefühle der Schuld, da die Rache ja „berechtigt“ ist. Dies kann zu den üblichen kriminellen Karrieren führen, aber auch zu politischem Terrorismus und Vandalismus. Die rechtsradikalen „Glatzen“ sind mit ihren destruktiven Aktivitäten gegen ausländische und jüdische Mitbürger nicht vom Himmel gefallen, sondern es sind die psychisch verletzten, vernachlässigten, in den Hass abgeglittenen Kinder von gestern. Die misshandelnden Eltern von heute sind die misshandelten Kinder von gestern, die traumatisierten Kinder von heute sind die potentiellen Täter von morgen.

Wenn dies so ist, hat es gewaltige Konsequenzen für unser präventives Denken und Handeln; denn jetzt ist es nicht nur ein Gebot der Humanität, dass Kinder gut behandelt werden und nicht geschlagen, in ihrem Selbstvertrauen nicht beschädigt, in ihrem Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Kontinuität nicht enttäuscht, nicht vernachlässigt und nicht Opfer seelischer oder körperlicher Gewalt. Vielmehr ist es auch eine politische und ökonomische Notwendigkeit, das destruktive Potential in unserer Gesellschaft konsequent zu senken. Wenn dies nicht geschieht, bedeutet das nicht nur eine Zunahme psychischer Erkrankungen und Gewalt in Schulen und Alltag, sondern auch eine Zunahme von rechtsradikalem Terrorismus, Vandalismus und emotionaler Verführbarkeit zum Militarismus.

In unserer hochverdichteten, verletzlichen Industriegesellschaft ist dies fatal und hat gewaltige Konsequenzen, sowohl in Hinblick auf gesundheitliche Folgeschäden und Sachschäden, wie z.B. Beschaffungskriminalität, als auch hinsichtlich ökonomischer Vernetzungen, und zudem bedeutet es auch eine ständige Bedrohung unserer Demokratie.

Kinderschutz und die Herstellung eines optimalen Entwicklungsklimas für die nächsten Generationen ist also nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine zentrale ökonomische und politische Aufgabe. So wie in den letzten Jahrzehnten Begriffe wie „ökologische Verantwortung“, „Umweltverschmutzung“ und die Notwendigkeit der Organisation „nachhaltiger Strukturen“ zunehmend ins Bewusstsein immer größerer Bevölkerungsgruppen getreten ist, so muss jetzt mit derselben Dringlichkeit die Gefahr der Innenwelt-Verschmutzung, ja Innenwelt-Zerstörung der nächsten Generationen in ihrer gesamten Dimension gesehen und deren Verhinderung als gemeinsame Herausforderung erkannt und angepackt werden. Der Fluch der Weitergabe von Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen von einer Generation von Kindern an die nächste muss durchbrochen werden. Dies sichert langfristig auch unsere Demokratie, die angewiesen ist auf Menschen, die fähig sind zu kreativen, nicht-destruktiven Konfliktlösungen in privatem und öffentlichem Raum. Dies wird schon in der Kindheit erlernt. Dort, wo Diktaturen schon in Familien üblich sind, in der Regel durch einen diktatorischen Vater, sind solche im übrigen gesellschaftlichen und politischen Raum wahrscheinlicher. In den Ländern und Epochen, in denen das Rückgrat der Kinder früh deformiert und der aufrechte Gang in Denken und Sprechen blockiert worden ist, haben wir auch später Untertanen zu befürchten, die sich nur schwer solidarisch gegen Diktatoren verteidigen können, und sich schlimmstenfalls mit den sadistischen Gewaltherrschern identifizieren.

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das heißt: „Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf“. Wenn wir diese Lebensweisheit auf Deutschland übertragen, merken wir, wie klein dieses Dorf oft ist, zum Beispiel für die alleinerziehende alkoholkranke Mutter eines Einzelkindes im 8. Stock einer Sozialwohnung ohne ausreichenden Kontakt im Haus, in der Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wir müssten also für jedes Kind in Deutschland als Kompensation für die über viele Jahrzehnte zerfallenen sozialen Bindungen in unserer Gesellschaft ein neues Dorf schaffen. Zu dieser Schaffung einer neuen solidarischen Beziehungskultur in unserer Gesellschaft gehören viele Menschen: Selbstverständlich die Bluts- und Wahlverwandten, die Nachbarn, aber auch die schon während der Schwangerschaft hellhörigen Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, Kindergärtnerinnen, Lehrer, Sozialarbeiter, die ehrenamtlich im Freizeitbereich Engagierten, kinderfreundlichen Architekten und Städteplaner und viele andere mehr.

Der in Hamburg gegenüber sozial dekompensierenden Jugendlichen als Alternative zu geschlossenen Heimen geprägte Satz: „Menschen statt Mauern“ muss, wenn es nicht nur ein Slogan sein soll, systematisch entfaltet werden: Es müssen sehr viele Menschen, schon von der Schwangerschaft an, im Sinne dieser afrikanischen Dorfgemeinschaft bereit sein, dem Kind ein hinreichend gutes Wachstum zu ermöglichen, damit Mauern, sei es in geschlossenen Heimen, sei es in Gefängnissen, überflüssig werden. Die Prävention psychischer Erkrankungen, Drogenmissbrauchs, Kriminalität, Rechtsradikalismus’ und Militarismus’ beginnt also schon während der Schwangerschaft, die wieder zu einer Zeit der „guten Hoffnung“ werden muss, bevor die Beziehung früh entgleist.

Die Schaffung eines solchen umfassenden Bewusstseins der Prävention wird viele Jahre dauern. In unserem Bereich geht es um Sensibilisierung der Fachleute und der Öffentlichkeit für die Notwendigkeit, Dringlichkeit und Größe dieser Aufgabe. Angesichts des wachsenden psychosozialen Problemdruckes und des Gewaltpegels wird unsere demokratische Gesellschaft jedoch keine Alternative haben, als ausreichende Ressourcen mentaler, personeller und auch letztlich finanzieller Art für diese Aufgabe zur Verfügung zu stellen und gemeinsam unsere gesamte Kreativität zu mobilisieren.

Vortrag anlässlich der Verleihung des HanseMerkur Preises für Kinderschutz 2000 am 9. Oktober 2000

Prof. Dr. Peter Riedesser ist Kinder- und Jugendpsychiater und Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Direktor der Abteilung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf