Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gespräch mit Professor Dr. med. Gerhard Schöch

fK: Wenn Sie von Eltern zum derzeitigen Stand der Säuglingsernährung gefragt werden, welchen Schwerpunkt stellen Sie in den Vordergrund?

Schöch: Wenn möglich sollte ein Säugling 4-6 Monate voll gestillt werden. Die Wissenschaft weist immer wieder neue Vorteile dieser Ernährungsform für Kind und Mutter nach. Wenn die Mutter nicht stillen kann oder will, erhält das Kind eine industriell hergestellte Säuglingsmilch, bei der es sich in den ersten 4 Monaten um eine sogenannte „Säuglingsanfangsnahrung“ handeln muss. Danach kann (muss aber nicht) auf eine sogenannte „Folgemilch“ übergegangen werden. Auch deren Qualität ist heute besser als je zuvor. Bei jeder Form der Säuglingsernährung sollte das Kind im ganzen ersten Lebensjahr zusätzlich täglich Vitamin D (400-500 I.E.), am besten zusammen mit 0,25 mg Fluorid, erhalten.

fK: Stillen ist am besten – sagen Sie das jeder Mutter?

Schöch: Erfahrungsgemäß können weitaus die meisten Mütter stillen und sollten es auch tun. Bei echten Stillhindernissen oder subjektiver Ablehnung der Mutter ist aber eine dogmatische Haltung nicht angezeigt, um so mehr, als die Qualität der heute verfügbaren Muttermilchersatzprodukte so gut ist, dass geringe Unterschiede in der Morbidität bei besonders kritisch angelegten epidemiologischen Untersuchungen nachgewiesen werden können.

fK: Es gibt Stimmen, die sich gegen zu langes Stillen wenden, aber auch entgegengesetzte Forderungen nach einer Stillzeit noch über das erste Lebensjahr hinweg — welche Ratschläge geben Sie?

Schöch: Die hier angesprochene Problematik betrifft eher ein Scheinproblem, das in der Praxis aber so gut wie keine Rolle spielt. Das eigentliche Problem besteht nicht im zu langen Stillen, um eine optimale Entwicklung des Kindes zu gewährleisten, sondern darin, dass die empfohlene Vollstilldauer von 6 Monaten nur von etwa 10% aller Säuglinge erreicht wird. Im zweiten Halbjahr geht es nicht mehr um Vollstillen sondern um Teilstillen. Diesbezüglich spricht nichts dagegen, dass die letzte Milchmahlzeit weiterhin in Form von Muttermilch gegeben wird. Falls das Stillritual aber zu einer objektivierbaren Belastung der Mutter wird, sollte der Kinderarzt versuchen, behutsam entspannend einzugreifen. Meist wird es in solchen Fällen aber auch weitere Besonderheiten geben. Das Argument, dass manche Naturvölker sehr viel länger zu stillen pflegen, trifft auf unsere Lebensverhältnisse deshalb nicht zu, weil auch die Ernährungsbedingungen nur im Kontext aller Lebensverhältnisse Bedeutung haben.

fK: Stillen und Füttern ad libitum — kann man das auch übertreiben und muss dann negative Folgen befürchten?

Schöch: Die Milchproduktion wird durch das Saugen stimuliert. Hunger entsteht nach Entleerung des Magens. Bei ad libitum-Ernährung an der Brust werden die Ernährungsleistungen von Mutter und Kind ideal aufeinander abgestimmt. Insbesondere wird das Kind dann aufhören zu saugen, wenn die Brust unergiebig und das Saugen ermüdend geworden ist, während gleichzeitig der Hunger nachlässt. Ein Übertreiben ist dabei kaum möglich. Füttern ad libitum ist weit weniger eindeutig. Ein Rest in der Flasche kann ebenso zu der Annahme verleiten, das Kind hätte noch Appetit, wie eine leere Flasche zu der Annahme, das Kind müsse nunmehr satt sein. Hieraus geht hervor, dass eine undogmatische und einfühlsame Beobachtung des Kindes wohl die beste Steuerung gewährleistet.

fK: Großmutters Rezepte für Säuglingsbreie und Kleinkindkost werden vielfach noch gelobt und verwendet — raten Sie zu industriellen Fertignahrungen?

Schöch: Das Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund an der Universität Witten/Herdecke hat eine Broschüre („Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen“) herausgegeben, in der u.a. die einfachen Rezepte für die Selbstherstellung der in Frage 1 beschriebenen schmackhaften Beikostmahlzeiten im Rahmen seines Ernährungsplans für das erste Lebensjahr beschrieben werden. Mit diesem Ernährungsplan können sämtliche Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr verwirklicht werden, die heute bekannt sind. In der selben Broschüre wird auch das heutige Angebot an Fertigbreien gemäß den 3 Typen der selbst hergestellten Breie getrennt aufgelistet, so dass der Ernährungsplan auch mit kommerziellen Produkten realisiert werden kann.

Die Vor- und Nachteile der selbstgekochten und der kommerziellen Beikost sind nicht eigentlich gegeneinander aufzurechnen. Die wichtigsten Vorteile der selbst hergestellten Beikost sind ihre besondere Schmackhaftigkeit und ihr günstiger Preis; besondere Vorzüge der kommerziellen Beikost sind ihre zeitsparende Verzehrfertigkeit und die besonders rückstandsarmen Rohstoffe.

fK: Der Kinderarzt sieht eine Zunahme von Allergien schon in den ersten Lebensjahren. Welche ernährungsbedingten Vorsichtsmaßnahmen würden Sie empfehlen?

Schöch: Es ist inzwischen bekannt, dass Kinder, die in den ersten 4-6 Lebensmonaten voll gestillt wurden, in den ersten Lebensjahren seltener an Allergien der Haut, des Verdauungssystems und der Atemwege erkranken. Wenn die Mutter nicht stillen kann, kommt eine Ernährung mit Säuglingsmilch auf der Basis von partiell oder hochgradig hydrolysiertem Kuhmilchprotein in Betracht. Präventiv wirksam ist auch eine späte Einführung von Beikost erst nach dem 6. Monat und mindestens bis zum Ende des 1. Lebensjahres ein Verzicht auf Lebensmittel mit bekannt starker allergener Wirkung: wie Kuhmilch, Ei, Fisch, Soja, Nüsse und Schokolade. Endlich müssen vermeidbare Allergene soweit wie möglich aus der Umgebung des Kindes entfernt werden, insbesondere Tabakrauch und Milben.

fK: Gibt es für die Eltern Alarmsignale für eine fehlerhafte Ernährung, für Unterernährung oder auch für eine drohende Fettleibigkeit?

Schöch: Derartige Risiken lassen sich am ehesten ausschließen oder frühzeitig erkennen, wenn das Kind regelmäßig beim Kinderarzt vorgestellt wird und dieser nicht nur die Entwicklung von Größe, Gewicht und Unterhautfettgewebe prüft, sondern auch eine kompetente orientierende Ernährungsberatung durchführt.

fK: Soll man Kleinkinder zwingen, auch das zu essen, was sie nicht mögen und demonstrativ jedes Mal ausspucken? Erklären Sie den Eltern etwa über Geschmacksrezeptoren?

Schöch: Echte Ablehnung einzelner Komponenten oder auch ganzer Mahlzeiten ist typischerweise ein Problem der Kleinkinderzeit mit der zunehmenden Abgrenzung des Kindes von seiner Umwelt. Hierbei ist daran zu denken, dass das Kind Protest als spielerische Abgrenzungsmaßnahme probt, die von der Mutter ebenso spielerisch aufgenommen werden sollte. Dazu gehört auch, dass beim nächsten Mal alles wieder anders ist. Hier wäre ein Stellungskrieg in jeder Beziehung verkehrt. Wenn das Kind noch älter wird, besteht allerdings die Gefahr einer gelegentlichen Verhärtung der Fronten. Dem lässt sich erfahrungsgemäß sehr oft dadurch vorbeugen, dass dem Kind eine gewisse Wahlfreiheit angeboten wird, z.B. in der Form, dass es grundsätzlich drei bestimmte Speisen ablehnen darf. Diese Selbstverwaltung schließt von vornherein Konflikte wegen definierten Aversionen (Geschmack, Aussehen, Historie usf.) aus und schafft über Freiheit gewissermaßen „mündige“ Esser.

Die Fragen stellte Prof. Anno Dittmer