Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Es gehört wohl zu den wichtigsten Wünschen aller Eltern, den eigenen Kindern und Enkeln später einmal mindestens ebenso gute Lebensbedingungen zu überlassen, wie sie sie selbst vorgefunden haben. Auf den öffentlichen Bereich übertragen beschreibt dieser Wunsch recht gut das Prinzip der Nachhaltigkeit als Grundlage jeder vorausschauenden Politik.

Angesichts zunehmender Kinderlosigkeit und Kinderentfremdung versteht sich eine solche zukunftssichernde Politik nicht mehr von selbst. Gemessen an der Zusammensetzung der Haushalte bilden Eltern mit Kindern bereits heute eine Minorität, nicht selten werden sie als Störfaktor behandelt. Über Parteigrenzen hinweg dominieren die Interessen der Älteren. Der Handlungsspielraum nachfolgender Generationen wird unzulässig eingeengt.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma bietet die Einführung eines Wahlrechts von Geburt an, durch das erstmals auch die Interessen der jungen Generation politisch repräsentiert sein würden. Was auf den ersten Blick illusionär, manchen sogar befremdlich erscheint, hat sich mittlerweile zu einem der interessantesten Zukunftsvorhaben unseres Gemeinwesens entwickelt. Kindern von Anfang an das Grundrecht der Wahl einzuräumen, das bis zur notwendigen Reife stellvertretend von den Eltern wahrgenommen wird – diese Forderung hat inzwischen auch den Deutschen Bundestag erreicht.

Die Einführung eines Wahlrechts von Geburt an würde allen Parteien die gleiche Chance geben, die dann mehr als 15 Millionen neuen Wählerstimmen für sich zu gewinnen. Absehbar ist allerdings, dass die Parteien ihre Wahlprogramme ändern und die Interessen der jungen Generation stärker in den Mittelpunkt stellen würden. Zu erwarten ist auch, dass in den Familien intensiver als heute über politische Fragen gesprochen und Kinder und Jugendliche früher als bisher an die Politik herangeführt würden. Aufgabe der Eltern wäre es, ihre Kinder entsprechend deren Alter und Reife an den Wahlentscheidungen zu beteiligen. Politikverdrossenheit und politische Kurzatmigkeit könnten zurückgehen.

„Wahlrecht von Geburt an – Konsequenz der Demokratie“ lautete das Thema der Jahrestagung der Deutschen Liga für das Kind am 7./8. November 2003 in Köln. Partner der Veranstaltung waren der Deutsche Familienverband und der Verein „Allgemeines Wahlrecht e.V.“. Wir dokumentieren in dieser Ausgabe die Vorträge dieser Tagung und wünschen dem Anliegen eine breite Unterstützung in Politik und Öffentlichkeit.

Die Diskussion ist eröffnet. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind