Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Grußwort von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt

auf der Festveranstaltung anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Deutschen Liga für das Kind am 5.12.2002 in Berlin

Sehr geehrter Herr Ehrenpräsident, lieber Herr Conrad, seit langen Jahren kennen wir uns, sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Professor Resch, liebe Lore Marie Peschel-Gutzeit, liebe Jutta Limbach!

Ich freue mich einfach, dass ich hier bin. Und für mich war das jetzt nicht nur eine Pflicht, heute Abend hier her zu kommen, sondern für mich ist es eine Freude, heute hier beim 25. Jubiläum meine Glückwünsche der Liga für das Kind überbringen zu können. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen, die Sie diese Liga für das Kind unterstützen.

Meine sehr geehrten Herren, meine sehr geehrten Damen, liebe Festgäste!

„Solange Kinder klein sind, gib’ ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib’ ihnen Flügel“, dieses Goethe-Zitat könnte auch von Ihnen stammen. Seit 25 Jahren widmen Sie sich nun der körperlichen, seelischen und geistigen Versorgung und Förderung von Kindern, weil Sie erkannt haben, dass die Vernachlässigung der frühen Förderung zu dauerhaften Beeinträchtigungen in der Entwicklung eines jungen Menschen führen kann. Ein Gewaltverbrechen war in den 1970er Jahren der Auslöser für die Gründung Ihrer Liga. Inzwischen hat die Gewalt unter Kindern und Jugendlichen, aber auch die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, ein Ausmaß angenommen, das wir uns damals noch gar nicht vorstellen konnten. Sie haben damals schon erkannt, wo die Hauptursachen für diese Gewalt und viele andere Probleme junger Menschen liegen: In der oft unzulänglichen körperlichen, seelischen und geistigen Versorgung und Förderung der Kinder.

Ein Kind, das soziale Kompetenz entwickeln konnte, das Werte wie Achtung vor dem menschlichen Leben und der körperlichen Unversehrtheit des Anderen gelernt und verinnerlicht hat, wird niemals auf andere Menschen einschlagen und sie verletzen. Diese Werte, meine sehr geehrten Herren, meine sehr geehrten Damen, das wissen Sie am besten, diese Werte werden aber nicht vererbt, sondern solche Werte müssen erlernt werden. Und sie lassen sich am leichtesten in kleinen sozialen Netzen lernen, die auf engen personalen Beziehungen aufbauen.

Das erste und wichtigste Netzwerk, das ein Mensch in seinem Leben kennenlernt, ist seine Familie. In der Familie finden Kinder den Raum, in dem Vertrauen, Selbstbewusstsein und Bindung entstehen können. Hier werden die zentralen Werte, Tugenden und Regeln unserer Gesellschaft von den Eltern gelernt. Damit sind Familien die erste und wichtigste Instanz für die Erziehung, Persönlichkeits- und Charakterbildung. Wenn die Familie bei dieser Aufgabe versagt, führt das zu meist irreparablen Schäden bei den Kindern. Und genau hier setzen Sie mit der Liga für das Kind mit Ihrer Arbeit an. Ihre Arbeit hat ein Ziel, das wir heute in der Politik mit dem Begriff „Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz“ beschreiben. Wie wichtig diese Aufgabe gerade heute ist, zeigt der Beschluss der Jugendministerkonferenz, der die Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz zu einem Schwerpunktthema des Jahres 2003 erklärt hat. Auch für das Bundesfamilienministerium, für mich, ist dies eine der vorrangigen Aufgaben dieser Legislaturperiode.

Ich freue mich darüber, dass ich in Ihnen einen starken Partner auf diesem Wege habe. Die Politik kann nicht alles selber machen. Und deshalb sind wir auf die freiwillige Unterstützung der gesellschaftlichen Gruppen angewiesen. Die gute Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Liga für das Kind und dem Ministerium besteht ja schon seit vielen Jahren. Insbesondere möchte ich Ihnen hier für die Projekte in den vergangenen Jahren danken, mit dem Sie unsere Kampagne für eine gewaltfreie Erziehung unterstützt haben.

Im Hinblick auf die Kinderrechte haben wir noch eine Menge vor. Im Mai fand in New York der Weltkindergipfel statt. Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen nahmen rund 360 Kinder und Jugendliche drei Tage vor der Konferenz an einem Kinderforum teil, um sich auf den Gipfel vorzubereiten. Gewählte Kinderdelegierte hatten am ersten Tag der Sondergeneralversammlung die Gelegenheit, die Position der Kinder zu erläutern. Und darüber hinaus hatten viele Mitgliedsstaaten Kinderdelegierte in ihre Delegation aufgenommen. In der deutschen Delegation waren vier Kinderdelegierte vertreten. Das nach langen Verhandlungen am 10. Mai verabschiedete Abschlussdokument „Eine kindergerechte Welt“ enthält an die Mitgliedsstaaten die Aufforderung, bis 2003 einen nationalen Aktionsplan vorzulegen, der Termin gebundene und überprüfbare Ziele zur Umsetzung der im Abschlussdokument formulierten Maßnahmen enthalten soll. Diese Ziele sollten das Wohl des Kindes und das innerstaatliche Recht berücksichtigen. Ein erster Entwurf dieses Aktionsplanes befindet sich derzeit in der Ressortabstimmung. Er soll Ausgangspunkt für den Diskussionsprozess mit allen anderen beteiligten Gruppen sein. Um diesen Diskussionsprozess aufzubereiten, wird eine eigene Struktur eingerichtet. Im Zentrum steht eine Koordinierungsgruppe unter Beteiligung der Länder, von Nicht-Regierungsorganisationen sowie von Kindern und Jugendlichen; die Leitung hat mein Ministerium. Arbeitsgruppen und Workshops werden dazu dienen, die Arbeit an den einzelnen Themen vorzubereiten. Für Kinder und Jugendliche wird dazu eine eigene Gruppe eingerichtet werden. Dafür bietet sich die weitere Zusammenarbeit mit der Gruppe an, die sich im Rahmen des Wettbewerbs für die Teilnahme in New York beworben hatte, und bereits seit einem Jahr in der Vorbereitung aktiv war. Begleitet wird diese Arbeit von einer eigenen Geschäftsstelle. Der weitere Zeitplan sieht so aus, dass Anfang 2003 die Koordinierungsgruppe erstmals zusammentritt, danach eine Auftaktveranstaltung mit den beteiligten Gruppen stattfindet. Der Aktionsplan soll Ende 2003 vorliegen und vom Kabinett verabschiedet werden. Und ich bitte Sie einfach, mit Ihrem Sachverstand an dieser Arbeit in bewährter Weise mitzuwirken.

Heute Abend ist das Thema „Stör’ ich?“ der Titel Ihrer Festversammlung. Nein, Kinder stören nicht, Kinder sind unsere Zukunft und bedürfen unserer besonderen Liebe und Zuwendung. Stören will ich mit Ihnen zusammen all jene, die das noch immer nicht begriffen haben. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft, in der sich Kinder willkommen fühlen. Eine Gesellschaft, in der Kinderlärm akzeptiert wird, eine Gesellschaft, in der Raum für Kinder ist; in den Wohnungen, aber vor allen Dingen auch außerhalb der Wohnungen. In der alle anerkennen, dass unabhängig davon, ob sie alt oder jung sind, ob sie Kinder haben oder nicht, in der alle erkennen, dass wir ohne Kinder ganz schön alt ausschauen. Und dass wir in unserem ureigensten Interesse handeln, wenn wir dafür sorgen, dass sich dieses Willkommenfühlen bei den Kindern und ihren Eltern endlich verbreitet. Mit Geld und Aktienpaketen nämlich ist unsere Alterssicherung garantiert nicht zu machen. Ich habe gesagt, ich habe die Absicht, im Jahr 2040 noch zu leben. Ich werde dann 97 Jahre alt sein. Meine älteste Tochter, die ist dann 79, mein jüngster Sohn ist dann 72, mein älterer Sohn ist dann 77 Jahre alt. Wenn ich dann mit 97 vielleicht doch ein bisschen mehr Hilfe brauche als heute, dann stelle ich mir vor, die drei sollen mich dann betreuen oder gar pflegen. So wie ich den Laden kenne, wird’s wahrscheinlich wieder umgekehrt sein. Aber dieses nur nebenbei. Das müssen wir uns mal vorstellen, und ich sehe hier eine ganze Reihe von Menschen, die im Jahr 2040 auch noch leben werden, und manche werden jünger als 97 sein. Aber wenn ich mich auch umschaue, keiner von Ihnen wird zu diesem Zeitpunkt mehr erwerbstätig sein. Und wir werden eben nicht von unseren Aktiendepots gepflegt werden können. Wir werden eben nicht von unserem Immobilienbesitz, wenn wir es brauchen, herumkutschiert werden können, und wir werden auch nicht von unseren Sparguthaben unsere Brötchen gebacken bekommen, unsere Wurst gemacht bekommen und das, was wir sonst eventuell noch benötigen. Und deshalb ist es notwendig, dass wir ein Umfeld schaffen, in dem Paare sich zu Kindern bekennen können. In dem Kinder optimale Voraussetzungen für ihre geistige, körperliche und seelische Entwicklung haben. Ich weiß, dass ich Sie in diesen Fragen an meiner Seite habe. Und deshalb freue ich mich über die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen und wünsche Ihnen auch in den kommenden 25, 50 und 100 Jahren eine ganz aktive Arbeit. Und ich hoffe, dass viele nicht in 100 Jahren, aber in den nächsten 25 Jahren garantiert noch dabei sein können. Noch mal herzlichen Glückwunsch!

Renate Schmidt ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend