Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Alles fremd und doch auch ähnlich?

Väter mit Migrationshintergrund

Von Michael Tunç

Die Forderung nach mehr Verantwortungsübernahme durch Väter wirft die Frage auf, inwiefern Väter eine Ressource für ein gutes Aufwachsen von Kindern sind. Wann und unter welchen Umständen, beeinflusst von welchen Einflussfaktoren kann man Väter als Ressource für ein gutes Aufwachsen von Kindern beschreiben und wann weniger? Zur Klärung dieser Frage ist es nötig, die Erkenntnisse der Kindheits- und Väterforschung zusammenzubringen, was aktuell noch zu wenig geschieht.

In historischer Perspektive haben sich Konzepte von Väterlichkeit zwar teilweise bereits von patriarchalen Modellen früherer Zeiten emanzipiert, gleichwohl gibt es noch Einiges zu tun, um geschlechtergerechtere Verhältnisse, besser am Kindeswohl orientierte Erziehung und Lebensentwürfe so genannter neuer Väterlichkeit weiter zu entwickeln.

Kritik an ethnisierenden Diskursen und am Forschungsstand
Seit der Einführung des neuen Elterngeldes haben öffentliche wie mediale Diskussionen über Väter, Väterarbeit und Väterpolitik zugenommen. Trotz vorhandener Probleme im Geschlechterverhältnis mehren sich empirische Hinweise darauf, dass auf Seiten der Männer und Väter ein langsamer Wandel in Richtung von mehr Gleichstellung und Geschlechterdemokratie in Gang kommt. Und es wird in solchen öffentlichen wie medialen Männer- und Väterdiskursen ein Idealtypus des engagierten und fürsorglichen Mannes/Vaters konstruiert, der sich aktiver an der Kindererziehung beteiligt, auch im Haushalt zunehmend Verantwortung übernimmt und so die Balance geschlechtlicher und familiärer Arbeitsteilung tendenziell gerechter gestaltet. Ein Leitbild neuer Männer/Väter wurde auch politisch gefördert, weil diese auf männlicher Seite zu Hoffnungsträgern für eine neue umfassendere Gleichstellungspolitik erklärt wurden. Allerdings ist das so konstruierte Bild stark normativ aufgeladen und es ist kritisch zu fragen, welche Bilder konkret erzeugt werden bzw. wer diesen Idealtypus verkörpert und wer nicht. Im Mainstream aktueller Väterdiskurse dominiert ein Bild des Vaters, der jung, weiß, im mittleren Alter und der Mittelschicht zugehörig ist, der keinen Migrationshintergrund und keine Behinderung hat sowie selbstverständlich heterosexuell ist. In diesen Diskussionen und Aktivitäten rund um neue Männer bzw. engagierte Väter mangelt es an Beispielen von Vielfalt, insbesondere bezüglich positiver Bilder von Männern mit Migrationshintergrund.

Sobald die Sprache auf Geschlechterverhältnisse zwischen Frauen und Männern mit Migrationshintergrund kommt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Thema Islam, schwellen negativ konnotierte Problemdiskurse an, die verbunden sind mit Stichworten wie Ehrenmorde, Zwangsheirat, (sexuelle) Gewalt gegen Frauen und weitere Phänomene patriarchaler Frauenunterdrückung. Problematisch daran ist nicht, berechtigte Kritik an Männern/Vätern zu äußern, die traditionelle Männlichkeitsentwürfe leben. Kritikwürdig ist die Tatsache, dass sich die so konstruierten Bilder in öffentlichen Diskursen als weitgehend allgemeingültig für die große Mehrheit von (bestimmten) Männern/Vätern mit Migrationshintergrund durchgesetzt haben. Diese Schieflage im Umgang mit migrantischen Vätern lässt sich charakterisieren als Spannung zwischen der Skandalisierung in öffentlichen Diskursen auf der einen und der Vernachlässigung in der (Väter)Forschung auf der anderen Seite (vgl. Tunç 2007).

Außerdem werden durch solche so genannten ethnisierenden Diskurse andere Facetten bzw. Probleme im Leben von Männern/Vätern mit Migrationshintergrund überlagert bzw. verdeckt wie beispielsweise deren teilweise sozial prekären bzw. von Armut betroffenen Lebenslagen oder Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen (vgl. Tunç 2008). Die hier diskurskritisch angesprochene Situation deutschsprachiger Debatten um Integration und Geschlecht zeichnet sich beim Thema Männlichkeiten/Väterlichkeiten dadurch aus, dass der Fokus zwar auf migrantische Männer/Väter in sozialen Problemlagen und (meist defizitorientiert) auf Integration gerichtet ist, wobei besonders untere Bildungsmilieus und benachteilige sozialräumliche Quartiere im Mittelpunkt des Interesses stehen. Trotzdem wird auf der Suche nach Erklärungen für vorhandene patriarchale Männlichkeitskonzepte oft einseitig und verallgemeinernd auf das Deutungsmuster (vermeintlicher) ethnisch-kultureller Andersartigkeit zugegriffen, das sich als dominantes Erklärungsmuster durchgesetzt hat. Um es zuzuspitzen: Auch wenn ethnisch-kulturelle Deutungsmuster in Geschlechterleitbilder eingeschrieben und mitverantwortlich für traditionelle Männlichkeitsentwürfe bestimmter Milieus sind, werden doch diskursiv häufig soziale Problemlagen von Männern/Vätern unterer Bildungsmilieus ethnisiert.

Das ist unter anderem deshalb problematisch, weil der Mainstream deutschsprachiger Väterforschung sich demgegenüber eher durch eine gewisse Überrepräsentanz der Mittelschichten auszeichnet, in denen Veränderungspotentiale verortet werden. Denn nahezu alle männer-/väterpolitischen Debatten und Aktivitäten lassen sich durch einen Mittelschichtbias kennzeichnen. So fehlt meist die Sensibilität dafür, neben anderen Einflüssen die Effekte der Zugehörigkeit zu verschiedenen Bildungsmilieus auf Konzepte von Männlichkeit/Väterlichkeit wahrzunehmen und zu thematisieren.

Darüber hinaus sind die erwähnten Debatten um fremde Männlichkeiten selten empirisch fundiert und systematisch vergleichende Forschungen über Väter mit und ohne Migrationshintergrund bzw. verschiedener Religionszugehörigkeit gibt es wenige. Zwar wird in Fachkreisen gefordert, dass die Väterforschung Menschen mit Migrationshintergrund stärker wahrnimmt (vgl. Cyprian 2007). Diese Forderung wurde aber bisher zu wenig eingelöst. In der Migrationsforschung existiert zwar eine Vielzahl von Studien über Migrantenfamilien, die vereinzelt Aussagen über Männer/Väter treffen. Problematisch ist dabei aber, dass es oft an Aufmerksamkeit für geschlechtliche Konstruktionsprozesse mangelt, wenn Untersuchungen über Migranten(familien) Väterlichkeit und Männlichkeit thematisieren. Die Theorien, Methoden und Begriffe der Geschlechter-, Väter- und Männlichkeitsforschung werden dabei meist wenig systematisch angewendet. Außerdem gibt es in der Forschung bisher wenige Studien mit Vergleichsgruppen mehrheitsdeutscher Männer/Väter ohne Migrationshintergrund.

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass es bisher zu wenig gelungen ist, Aspekte männlichen wie väterlichen Wandels in vergleichender Perspektive auf Migranten und deutsche Mehrheitsangehörige ohne Migrationshintergrund zu untersuchen (vgl. ausführlicher bei Tunç 2010). Zukünftig sind daher auch stärker migrantische Bildungserfolgreiche zu untersuchen, weil zur Analyse vielfältig ineinander greifender Konstruktionsprozesse ethnischer, geschlechtlicher und sozialstruktureller Vergesellschaftung eine Kontrastierung der Alltagswelten von Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen unerlässlich ist. Was kann nun getan werden, um den geschilderten ethnisierenden Diskursen vielfältigere Bilder entgegen zu setzen, die dem Lebensalltag migrantischer Väter gerechter werden?

Die Programmatik Intersektionalität
Um angesichts der dargestellten Probleme einen dringend erforderlichen Paradigmenwechsel zu forcieren, muss sich der Umgang mit Differenz und Vielfalt grundlegend ändern und verbessern. Das lässt sich gut anhand folgender Aufforderung illustrieren, welche die Afroamerikanerin Pat Parker in einem Gedicht an weiße amerikanische Frauen richtet, die sich mit ihr anfreunden möchten: „Wenn du mit mir sprichst, vergiss, dass ich eine Schwarze bin. Und vergiss nie, dass ich eine Schwarze bin.“ (Pat Parker, zitiert nach Rommelspacher 1995, S. 100). Ihre Aussage verbindet dabei untrennbar die zwei Forderungen, Differenz (und Rassismuserfahrungen) anzuerkennen und gleichzeitig nicht auf diese Differenz festgelegt zu werden.

Dieses Dilemma im Umgang mit Differenz ist auch bedeutsam für Konstruktionsprozesse von Männlichkeit/Väterlichkeit und Migration. Um sich von der Differenzfixierung bisheriger ethnisierter Genderdiskurse zu lösen, kann das Konzept der Intersektionalität fruchtbar sein, das sich in der feministischen Frauenforschung einerseits als gesellschafts- und herrschaftskritische Perspektive und andererseits als anspruchsvolle ungleichheits- und differenztheoretische Programmatik entwickelt hat (vgl. Knapp 2005). Solche intersektionalen Ansätze untersuchen die Überschneidungen verschiedener Kategorien sozialer Differenzierung wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse und Alter. Sie sind daher auch geeignet, um die Komplexität des Themas Männlichkeit/Väterlichkeit und Migration verständlich zu machen (vgl. auch Tunç 2008). Welchen Nutzen, vor allem für empirische Forschung, verspricht man sich von dieser Perspektive?

Männer/Väter mit Migrationshintergrund können einerseits – vor allem gegenüber Migrantinnen – von ihrer dominanten Position als Mann im Geschlechterverhältnis profitieren. Andererseits können Migrantinnen und Migranten von Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen sein, die mit ihrer ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit zusammenhängt, z. B. in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt. So kann auch bei migrantischen Männer ihr „Migrationshintergrund“ als Faktor der Benachteiligung den Faktor „Geschlecht“ überlagern und in bestimmten Kontexten zu Nachteilen führen (vgl. z. B. Spindler 2006, S. 75). Weil ja insbesondere noch Aspekte sozialer Ungleichheit hinzukommen, steht die Männlichkeits- und Väterforschung vor der Herausforderung, ambivalente und widersprüchliche Positionierungen der Männer/Väter (mit Migrationshintergrund) verständlich machen zu müssen. Sie muss offen dafür sein, dass sich kontextabhängig und situationsbedingt andere Differenzkonstellationen ergeben und möglicherweise wechselnde Überlagerungen auftreten: „Ein homosexueller, muslimischer Migrant, der Wirtschaftswissenschaften studiert, könnte beispielsweise aufgrund seiner sexuellen Identität und/oder seiner Religion und/oder seiner ethnischen Herkunft von Diskriminierung betroffen sein. Gleichzeitig stehen ihm aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit und seines Bildungshintergrundes verschiedene Ressourcen zur Verfügung, die ihn in diesen Aspekten privilegieren“ (Czollek/Weinbach 2008, S. 64).

Veränderungen schon bei Vätern aus der ersten Migrantengeneration
Väterstudien auf Basis qualitativer Interviews mit Angehörigen der ersten Generation von Migranten weisen darauf hin, dass sich bei diesen bereits Veränderungen von Konzepten der Väterlichkeit vollzogen haben. Die von Margret Spohn (2002) befragten Väter berichteten von Familienmodellen, die sowohl durch Orientierung an Individualität als auch durch die Pflege familiärer emotionaler Beziehungen gekennzeichnet sind. Die Befragten bildeten ihre eigenen Bilder von Männlichkeit und Väterlichkeit vor allem aus, indem sie sich mit den vom Vater oder anderen Respektspersonen vorgelebten Modellen auseinandersetzten oder ihre eigenen Modelle in Abgrenzung zum türkischen wie deutschen Umfeld gestalteten. In eine ähnliche Richtung gehen die Forschungsergebnisse von Manuela Westphal (2006), die Väter der ersten Migrantengeneration aus Spätaussiedlerfamilien und Familien türkischer Arbeitsmigranten mit Vätern westdeutscher Familien vergleicht. Unter anderem kam Westphal zu dem Ergebnis, dass diese Männer der ersten Generation der Migranten bestrebt sind, sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen und ihr Vatersein insofern nicht nur im Sinne der Versorger- und Ernährerrolle verstehen. Weil sie am sozialen Aufstieg ihrer Kinder interessiert sind, investieren die Väter ihre knappe Zeit in die Familie bzw. die Zukunft der Kinder. „Die männliche Geschlechtstypisierung zeigte sich bei den eingewanderten Männern als ein eindeutiges, im Vergleich zu den westdeutschen Männern kaum in Frage gestelltes Konstrukt, welches in den alltagspraktischen Konsequenzen von starken Umbruchprozessen und Neukonstruktionen gekennzeichnet war“ (Westphal 2006, S. 227). Westphal sieht die verstärkten Erziehungsaktivitäten der Migranten eher als pragmatische Alltagslösungen und weniger als Folge sich wandelnder Überzeugungen, beispielsweise bezüglich des Ideals partnerschaftlicher Arbeitsteilung. Demgegenüber äußern die untersuchten Westdeutschen ohne Migrationshintergrund zwar Orientierungen an neuer Väterlichkeit, in der gelebten Alltagspraxis kommt es aber zu Brüchen, weil das Verhalten den Einstellungen nicht immer entspricht.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich bereits bei Männern der ersten Migrantengeneration die Vaterschaftskonzepte gewandelt haben. In der Lebensphase aktiver Vaterschaft befinden sich derzeit jedoch hauptsächlich migrantische Männer der zweiten Generation, so dass Forschungen über diese Gruppe von besonderer Relevanz sind.

Es kommt Bewegung ins Forschungsfeld
Für das Forschungsfeld Gender und Migration lieferte die Sinus-Studie zu Migranten-Milieus, in der auch genderbezogene Fragen und Gleichstellungsaspekte untersucht wurden, wichtige neue Ergebnisse. Der Erkenntnisgewinn des (Milieu)Ansatzes der Migranten-Milieus ist es, Milieuzugehörigkeit und ethnisch-kulturelle Herkunft der Zugewanderten zu entkoppeln: „Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus. Man kann also nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schließen“ (Hervorhebung im Original, Wippermann/Flaig 2009, S. 7). Diese Studie fand u. a. heraus, dass besser gebildete Migranten-Milieus dem Wert Gleichstellung stärker zustimmen als weniger Gebildete. „Die Milieus, in denen Gleichberechtigung als gesellschaftlicher Wert Fuß gefasst hat, decken sich teilweise mit den Milieus der deutschen Gesellschaft, in denen die Gleichberechtigung verankert ist. Das heißt, es handelt sich auch hier um gut ausgebildete Migrantinnen und Migranten“ (Icken 2010, S.44).

Angesichts dieser Befunde, die auf der Untersuchung von Einstellungen beruht, sind ergänzende empirische Ergebnisse wichtig, die etwas über gelebte Geschlechterarrangements im interkulturellen Vergleich sagen. So belegt beispielsweise die Evaluationsstudie zum Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz vom August 2009 den deutlichen Trend, dass auch Väter mit Migrationshintergrund zunehmend Verantwortung für die Erziehungsarbeit bei Kleinkindern übernehmen. Von allen befragten Partnerhaushalten beziehen in 17 Prozent der Familien beide Partner Elterngeld bzw. haben es bezogen. Gemeint sind mit diesen Partneranträgen die meist so genannten „Papamonate“, also die Elternzeit von Vätern. Der Anteil von Familien mit Migrationshintergrund, in denen beide Partner Elterngeld bezogen haben, liegt bei 11 Prozent (vgl. BMFSFJ 2009: S. 19). Diese Daten markieren also erste positive Trends bzgl. aktiver Väterlichkeit migrantischer Männer und ermutigen dazu, diese mehr in die Debatten um aktives Vatersein und um Lösungen für väterliche Vereinbarkeitsprobleme zwischen Beruf und Familie einzubeziehen als bisher.

Wichtige neue Erkenntnisse erbrachte das Forschungsprojekt „männer leben“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), in der auch Männer/Väter mit Migrationshintergrund untersucht wurden. Noch nicht im Vertiefungsbericht der Studie (BZgA 2006), aber in einer aktuellen Machbarkeitsstudie von Cornelia Helfferich und Kolleg(inn)en (2010) sind umfassende Ergebnisse enthalten, die Zusammenhänge von Familie und Migration im Lebenslauf von Männern mit osteuropäischem und türkischem Migrationshintergrund erhellen. Themen der Studie waren u. a. subjektive Vorstellungen von Familie und Familienplanung, Vaterschafts- und Männlichkeitskonzepte sowie Sichtweisen auf Sexualität und Partnerschaft, die jeweils vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Migrationslagen interpretiert wurden. In einem qualitativen Methodenmix aus Gruppendiskussionen und Einzelinterviews wurden Männer/Väter mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund untersucht, differenziert nach Alter, Generation, familiärem Kontext, Migrationsform, sozialräumlicher Strukturierung.

Rekonstruktionen der Interviews zeigen, dass die Ernährerfunktion in den präsentierten Vaterschaftskonzepten sehr stark verankert ist, in der konkreten Umsetzung aber teilweise Brüche zeigt, insbesondere bei prekärer Arbeitsmarktintegration. Alle Väter bewerten ihre Verantwortung der Vaterschaft aktuell in Deutschland als „schwer“, weshalb eine Begrenzung der Kinderzahl angestrebt wird. Interessant ist weiterhin, dass Vatersein für die Befragten auch heißt, Erzieher der Kinder zu sein. Insofern enthalten die vorgestellten Konzepte von Väterlichkeit eine Verbindung der Orientierungsmuster des Ernährers und Erziehers. Es existiert eine hohe Bildungsorientierung, was die Autor(inn)en mit der väterlichen Verantwortung des Bildungsermöglichers beschreiben. Die befragten türkischstämmigen Väter verbinden mit Vaterschaft rollenspezifischen Aufgaben wie Bedürfniserfüller, Kulturvermittler, Bildungsermöglicher und verantwortlicher Aufpasser, die auf die Beziehung zu den Kindern gerichtet sind (vgl. Niermann u. a. 2010, 111).

Die Differenz des Bildungsmilieus der Untersuchten hat u. a. den Effekt, dass für Ältere und weniger Gebildete Erziehung auch die Stärkung der türkischen Identität umfasst. Bei höherer Bildung der Interviewten gewinnt jedoch das Ziel der Vermittlung hybrider bzw. bikultureller Identität an die Kinder an Bedeutung.

„Vaterschaft wird als Beziehungsgestaltung gelebt, für die die mit dem Kind gemeinsam verbrachte Zeit zumindest auf normativer Ebene eine wichtige Bedingung darstellt“ (Niermann u.a. 2010, 111).
Bezüglich der Rolle des Vaters in der Familie zeigt sich ein Befund, der ähnlich schon von Westphal (2000) beschrieben wurde: Der Status des Vaters erfährt in/nach der Migration insgesamt eine Minderung, was zur Folge hat, dass der Ernährerrolle u. a. die Funktion der Sicherung einer übergeordneten väterlichen Position in der Familie zukommt. Entsprechend gestaltet sich das Ernährermotiv teilweise als unabhängig vom Bildungsgrad.

Ein Erfolg des familiären Migrationsprojektes bewirkt eine Öffnung der Vaterschaftskonzeptionen dahingehend, dass die Rollen von Ernährer und Erzieher eine gleiche Gewichtung erfahren sollen. Verantwortlich dafür ist jedoch nicht nur die höhere Bildungsqualifikation, sondern auch das Erleben von migrationsbedingten Fragmentierungen der türkischen Herkunftsfamilie (vgl. Niermann u. a. 2010, 113). Zusammenfassend bleibt für diese Studie festzuhalten, dass sich migrationsbedingte Lagerungen und Effekte des Bildungsmilieus überlagern.

Abschließend soll ein Forschungsprojekt vorgestellt werden, in dem ein systematischer interkultureller Vergleich von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund durchgeführt wurde. Gerade erschienen ist die Studie „Rollenverständnisse von Frauen und Männern mit Zuwanderungsgeschichte unter Berücksichtigung intergenerativer und interkultureller Einflüsse“ (BMFSFJ u. a. 2010). Die Fragestellungen an Befragte mit türkischer und osteuropäischer Migrationsgeschichte sowie eine Vergleichsgruppe von Deutschen ohne Migrationshintergrund waren u. a.: (1) Welches Rollenverständnis herrscht in den zu untersuchenden Zielgruppen tatsächlich vor? (2) Welche Einflüsse tragen maßgeblich zur Entwicklung von Rollenleitbildern bei jungen Frauen und Männern mit (und ohne) Zuwanderungsgeschichte bei? (3) Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Rollenverständnis (insbesondere junger) Frauen und Männer mit Zuwanderungshintergrund und ihren Integrationsbestrebungen?

In der explorativen, qualitativen Kurzstudie wurden jeweils Mutter und Tochter sowie Vater und Sohn in 35 „Tandem“-Interviews befragt. Die Töchter sind zwischen 20 und 28 Jahren, ihre Mütter zwischen 40 und 60 Jahren alt. Das Alter der Söhne bewegt sich zwischen 18 und 26, das ihrer Väter zwischen 44 und 59 Jahren. Ein Drittel der befragten Vater-Sohn- und Mutter-Tochter-Tandems hat türkische Familienbiographien, ein weiteres Drittel hat Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, der Rest der Befragten hat keine Zuwanderungsgeschichte. Über die Hälfte der befragten Personen hat ein hohes Bildungsniveau. Die andere Hälfte der Befragten setzt sich aus Personen mit mittlerem bzw. niedrigem Bildungsniveau bzw. Schülerinnen und Schülern zusammen.

Die Studie ermittelte u. a. (Einstellungen bzgl. der) Muster der geschlechtlichen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, aus denen die Typen konservative, bedingt egalitäre und egalitäre Geschlechterarrangements entwickelt wurden. Vereinfacht dargestellt lassen sich die Variationen der Arbeitsteilungsmuster wie folgt charakterisieren (vgl. BMFSFJ u. a. 2010, 89 f.): Im konservativen Modell ist der Mann Alleinverdiener und Ernährer der Familie, die Frau ist nicht oder maximal geringfügig erwerbstätig und (fast) allein für den Haushalt und die Kinderbetreuung verantwortlich. Das bedingt egalitäre Modell lässt sich so beschreiben, dass beide Partner erwerbstätig sind, wobei die Frau in diesem Modell oft in Teilzeit arbeitet und der Mann bei der Haus- und Familienarbeit mithilft, wobei die Frau den größeren Teil der Arbeit macht. Im egalitären Modell leisten beide Partner gleichermaßen Erwerbs- sowie Haus- und Erziehungsarbeit, so dass die „geschlechtstypische“ Festlegung von Arbeitsbereichen durchbrochen wird.

Kurz zusammengefasst ist das Untersuchungsergebnis, dass sich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den befragten Frauen und Männern mit Zuwanderungsgeschichte auf der einen und ohne Zuwanderungsgeschichte auf der anderen Seite entdecken lassen. Und es zeigt sich, dass konservative Geschlechterarrangements das dominante Modell darstellen, gefolgt von bedingt egalitären Geschlechterarrangements. Insofern lebt bzw. bevorzugt eine Minderheit der Befragten egalitäre Geschlechterarrangements. Etwas mehr Männer als Frauen praktizieren bzw. vertreten konservative Geschlechterarrangements. Bei jüngeren Befragten bilden bedingt egalitäre Geschlechterarrangements die Mehrheit. Hervorgehoben werden kann aber, dass das Bildungsniveau der Untersuchten das entscheidende Kriterium dafür ist, welche Modelle die Untersuchten präferieren. In der Regel gilt das Prinzip, je höher das Bildungsniveau, desto „egalitärer“ das Geschlechterarrangement.

Folgerungen für weitere Forschungen
In Zukunft sollten systematische interkulturelle Vergleichsstudien zwischen Befragten mit und ohne Migrationshintergrund vermehrt durchgeführt werden. Sie können einen Beitrag dazu leisten, der Bildung von Klischees und Stereotypen vorzubeugen oder diese zu reduzieren.

Da viele Studien zu Männlichkeit/Väterlichkeit Einstellungen erforschen (vgl. Volz/Zulehner 2009), sind ergänzende Daten über gelebte Alltagspraxen in Geschlechterarrangements wichtig, weil männliche Einstellungen und Verhaltensweisen bzgl. der Gleichstellung von Frauen und Männern doch oft noch weit auseinander klaffen. Zeitbudgetstudien sind deshalb ein für die Männlichkeits- wie Väterforschung wichtiger Forschungszugang, mit dem sich empirisch der Wandel familialer Geschlechterarrangements nachzeichnen lässt. Untersuchungen zur Zeitverwendung sollten daher systematisch interkulturell ausgerichtet sein und über Differenzen der Geschlechter hinaus auch einen Vergleich von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund einbeziehen (vgl. Farrokhzad et. al. 2011).

Ausblick
An den Schluss stellen möchte ich einen wichtigen Aspekt neuerer Geschlechterpolitik, der meines Erachtens im Sinne von Gender Mainstreaming auch im Migrationskontext gilt: Trotz vorhandener Grenzen und Konflikte versuchen zunehmend mehr (auch muslimische) Migrantinnen und Migranten Emanzipationsbündnisse zwischen Männern und Frauen zu gestalten, um gemeinsam traditionelle Geschlechterverhältnisse zu überwinden bzw. partnerschaftliche Modelle zu entwerfen und zu realisieren. Solche Entwicklungen gilt es vermehrt wahrzunehmen, anzuerkennen und zu unterstützen.

Allgemein lässt sich die Herausforderung an Forschung wie Praxis formulieren, dass alle Aktivitäten in den Bereichen Männer/Väter wirksamer mit den Tätigkeiten in den Arbeitsfeldern Migration/Integration verzahnt werden müssen. Es erscheint deshalb dringend notwendig, diese beiden Querschnittsthemen stärker als bisher zusammenführen, um das Handlungsfeld Männlichkeit/Väterlichkeit und Migration weiter zu entwickeln. Dazu ist es auf gesellschaftlicher Ebene wichtig, ergänzend zum Gender Mainstreaming das Konzept Ethnicity Mainstreaming zu etablieren und Väterthemen mit intersektionalen Diversitätspolitiken zu verbinden (vgl. dazu ausführlicher Mesghena/Tunç 2010).

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Michael Tunç ist Diplom-Sozialpädagoge in Köln. Er arbeitet an einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Dissertationsvorhaben mit dem Arbeitstitel „Vaterschaft und Vater-Kind-Verhältnis in türkischen Immigrantenfamilien. Eine qualitative Studie mit Migrationsfolgegenerationen“.