Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Verleihung des Präventionspreises Frühe Kindheit 2010 der Deutschen Liga für das Kind

Für die Jüngsten das Beste

Pädagogische Qualität in Krippe und Kindertagespflege

Am 16.10.2010 wurde in der Akademie der Bildenden Künste München der Präventionspreis Frühe Kindheit 2010 der Deutschen Liga für das Kind verliehen. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Jahrestagung „Väter in neuer Verantwortung“ statt. Im Folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus der Laudatio von Prof. Dr. Susanne Viernickel, Mitglied im Vorstand der Deutschen Liga für das Kind.

Der Präventionspreis Frühe Kindheit wird in diesem Jahr zum vierten Mal verliehen. Mit dem Präventionspreis werden wissenschaftliche Leistungen oder praxisbezogene Projekte ausgezeichnet, die sich die Förderung der seelischen Gesundheit und der Rechte der Kinder in den ersten sechs Lebensjahren zur Aufgabe gemacht haben. Ihre Ergebnisse sollen eine wegweisende oder beispielgebende Funktion erwarten lassen.

Die Deutsche Liga für das Kind ist der Überzeugung, dass es in Deutschland viele und vielversprechende Initiativen gibt, die das Wohlergehen und die konkrete Unterstützung von Kindern und Familien in den Mittelpunkt stellen. Fast immer hängt der Erfolg solcher Initiativen von zwei Faktoren ab. Einmal davon, dass einzelne Menschen eine Vision haben, sich für eine Idee begeistern und hierfür Zeit und Energie, häufig auch unbezahltes ehrenamtliches Engagement hinein geben. Zum anderen davon, dass sich die Institutionen oder Träger, in deren Strukturen die Menschen arbeiten, bereit sind, sich auf ungewohnte Pfade zu begeben, sich auf innovative Wege – zunächst mit unsicherem Ausgang – einzulassen und dafür die formalen und administrativen Voraussetzungen schaffen. Solche Projekte können ein Beispiel und eine Ermutigung für andere sein, ihre Konzepte können Verbreitung finden und ihr Nutzen kann multipliziert werden – wenn sie denn bekannt sind. Der Präventionspreis der Deutschen Liga für das Kind soll hierzu beitragen.

Das Motto des diesjährigen Präventionspreises lautet: Für die Jüngsten das Beste. Pädagogische Qualität in Krippe und Kindertagespflege. Öffentliche Angebote der familienergänzenden Bildung, Erziehung und Betreuung sind in den vergangenen Jahren auch für die jüngsten Kinder und ihre Familien immer wichtiger geworden. Die Dynamik des Krippenausbaus verdeutlicht dies. In einigen westlichen Bundesländern, in denen es vor sieben Jahren überhaupt nur für lediglich zwei oder drei Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze gab, sind mittlerweile für zwischen knapp zwölf und 18 Prozent der Kleinstkinder Plätze verfügbar. Immer jüngere Kinder verbringen einen immer größer werdenden Anteil ihrer wachen Zeit in einer Kita oder bei einer Tagesmutter.

Zwar wird heute in der Fachdiskussion nicht mehr die Ansicht vertreten, dass die frühe zeitweilige Trennung von der Mutter und das Aufwachsen in geteilten Sozialisationsfeldern per se nachteilig für die kindliche Entwicklung ist. Dafür ist aber durch wissenschaftliche Forschungen mittlerweile untermauert, dass vielmehr die Frage nach dem „Wie“ zu stellen ist, nach der Qualität, die Kindern und Familien angeboten wird. Nun lässt sich Qualität an vielen einzelnen Punkten festmachen. Immer aber muss sie sich an den Aufgaben und Zielen öffentlicher Bildung, Erziehung und Betreuung messen lassen, nämlich für das aktuelle Wohlergehen der Kinder zu sorgen, ihre Entwicklung bestmöglich anzuregen und zu fördern und Familien in ihren Erziehungsaufgaben und bei der Vereinbarung von Familie und Beruf zu unterstützen.

Um diese umfassenden Aufgaben anzugehen, müssen pädagogische Fachkräfte und Träger umdenken. Die Arbeit einer pädagogischen Fachkraft ist heute nicht mehr nur auf den engen Rahmen der eigenen Kindergruppe beschränkt; sie endet auch nicht an der Tür zum eigenen Gruppenraum. Das Stichwort heißt „Öffnung“. Denn häufig kann weder eine einzelne Person oder Institution allein die für Kinder und Familien notwendigen Unterstützungsleistungen erbringen, noch kann sie ihre pädagogische Arbeit allein auf die Kinder konzentrieren, ohne deren Lebenslagen und familiären Kontexte einzubeziehen. Wir wissen, dass der Einfluss der Eltern auf die Bildung und Entwicklung eines Kindes drei- bis viermal so hoch ist wie der der betreuenden Institution – um diese zu stärken, müssen sie mit ihren Anliegen und Bedürfnissen, aber auch in ihren Kompetenzen ernst genommen und aktiv der Kontakt und die Erziehungspartnerschaft mit ihnen gesucht werden.

Öffnung – das bedeutet auf der strukturellen Ebene Vernetzung, Abstimmung und Kooperation von unterschiedlichen Angeboten und sozialen Diensten. Auf der Ebene der Personen bedeutet es Kommunikationsbereitschaft und ein Agieren auf Augenhöhe bei wechselseitiger Anerkennung der Herangehensweisen und Kompetenzen, die die Beteiligten zum gemeinsamen Ziel beizutragen vermögen.

Die beiden Preisträger, die die Jury unter 30 eingegangenen Bewerbungen ausgewählt hat und die ich jetzt vorstellen darf, haben das Prinzip der Öffnung mit Leben gefüllt. Sie stellen Angebote von hoher Qualität bereit, die der Komplexität des heutigen Aufwachsens von jungen Kindern und Familien Rechnung tragen. Sie haben Lösungen entwickelt, die in der öffentlichen Bildung, Erziehung und Betreuung ungewöhnlich und innovativ sind.

Zweiter Preisträger
mamamia

Der zweite Preis – verbunden mit einem Preisgeld von 2.000,- EURO – geht an die Praxisausbildungsstätte der Fachschule für Sozialpädagogik/Fröbelseminar in Hamburg für das Projekt mamamia, heute hier vertreten durch die Projektleiterin, Edith Burat-Hiemer, und die Projektmitarbeiterin, Elke Wils. mamamia – dahinter verbirgt sich eine kleine Krippe mit einem angegliederten Elterncafé. Die Krippe betreut überwiegend Kinder von minderjährigen Eltern, um ihnen den Wiedereinstieg in Schule oder Ausbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig dient sie den Studierenden der Fachschule als Ausbildungsstätte. Sie arbeitet nach einer überzeugenden fachlichen Konzeption, die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse z. B. zum Wechselverhältnis von Bindung und Bildung oder zur Bedeutung von Wahrnehmung und Bewegung in den ersten Lebensjahren aufgreift. Theorie und Praxis scheinen sich hier auf sehr fruchtbare Art und Weise miteinander zu verbinden. Das Elterncafé wiederum ist als eine niedrigschwellige Beratungseinrichtung konzipiert, die die jungen Eltern nach dem Frühinterventionsprogramm STEEP berät und begleitet mit dem Ziel, die Eltern-Kind-Bindung zu stärken und das Risiko von Kindeswohlvernachlässigung und -gefährdung zu minimieren.

Den Projektverantwortlichen war es ein großes Anliegen, die Unterstützung der Kinder und Eltern eben nicht an der Krippentür enden zu lassen, sondern Strukturen zu schaffen, um diese darüber hinaus professionell begleiten zu können. Sie schreiben: Erfahrungen haben gezeigt, dass die effektivste Unterstützung für Eltern gegeben ist, wenn alle Helfersysteme einer Familie vernetzt miteinander arbeiten. Und sie haben dieser Erkenntnis Taten folgen lassen. mamamia vernetzt nicht nur verschiedene Helfersysteme, sondern integriert frühkindliche Bildung, niedrigschwellige Beratung und Begleitung von Familien mit Risikostatus und die Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte. Mit mamamia ist in Hamburg ein innovatives Angebot von hoher Qualität entstanden, das für alle Beteiligtengruppen Potenziale für persönliche Weiterentwicklung beinhaltet, insbesondere aber die Bildungs- und Lebenschancen der dort betreuten Kinder erhöht.

Erster Preisträger
Stadt Wiesbaden Amt für Soziale Arbeit

Es ist mir nun eine große Freude, den Preisträger des ersten Preises – verbunden mit einem Preisgeld von 3.000,- EURO – anzukündigen. Der Preis geht an die Abteilungen Sozialdienst und Kindertagesstätten des Amts für Soziale Arbeit der Landeshauptstadt Wiesbaden für ein Modell der Kooperation von Kindertagespflege und zwei städtischen Kindertageseinrichtungen – die „Kinderbrücke“. Ich begrüße mit Christa Enders und Harald Engelhard die Leiter der beiden beteiligten Abteilungen.

In vorbildlicher Weise arbeiten in Wiesbaden Amt, Abteilungen, Leitungen und Fachkräfte in den beteiligten Kindertagesstätten sowie Tagesmütter Hand in Hand und schaffen so ein zuverlässiges, qualitativ hochwertiges und auf die individuellen Bedarfe der Kinder und Familien zugeschnittenes Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebot. Die Tagesmütter besuchen mit den von ihnen betreuten Kindern einmal wöchentlich eine feste Patengruppe in den Kindertagesstätten und nehmen dort ein von den Erzieher(inne)n entwickeltes Bildungsangebot wahr. Im Anschluss können sich die Tagesmütter in bereit gestellten Kinderbrücke-Räumen der Kita mit anderen Tagesmüttern austauschen. Sie nehmen außerdem an monatlichen Qualifizierungen teil. In jeder beteiligten Kindertagesstätte ist eine Erzieherin mit 8,5 Stunden pro Woche als Projektleitung freigestellt. Das Amt für Soziale Arbeit hat die Zusammenarbeit durch Leistungs- und Kooperationsverträge abgesichert. Es bietet den Tagesmüttern ein kontinuierliches Gehalt, unabhängig von der tatsächlichen Belegung, und einen Urlaubsanspruch von 25 Tagen im Jahr.

Die Preisträger schreiben: Unabhängig davon, wo Kinder betreut werden, ob institutionell oder in der Kindertagespflege, haben sie einen Anspruch darauf, stabile und gute Beziehungs- und Bildungsangebote zu erhalten und in ihrer Entwicklung optimal gefördert zu werden. Die enge Vernetzung zwischen Kindertagespflege und Kindertagesstätten bietet die Chance, die jeweiligen unterschiedlichen Stärken der Angebote zu nutzen, vorhandene Ressourcen auch für den jeweils anderen Bereich einzusetzen und Betreuungskontinuität zu sichern. Anhand von Evaluationsergebnissen können die Verantwortlichen eindrucksvoll belegen, welche vielfältigen positiven Erfahrungen für die beteiligten Akteure mit dieser Kooperation verbunden sind.

Das preisgekrönte Konzept der Kinderbrücke ist ein echtes best-practice-Modell: sowohl hinsichtlich der konzeptionellen Grundlagen, der geschaffenen Rahmenbedingungen, der engagierten Umsetzung und auch hinsichtlich der Steuerung und eigenen Qualitätssicherung. Mit der Verknüpfung von Kindertagespflege und institutioneller Kindertagesbetreuung schafft es Synergien zwischen zwei Systemen, die sich noch viel zu häufig einander fremd und fremdelnd gegenüberstehen, in denen Vernetzung, Abstimmung und Professionalisierung aber in Zukunft dringend erforderlich sind, um wirklich für alle Kinder Betreuungsplätze in bestmöglicher Qualität zu schaffen.

Beide Projekte entsprechen in hervorragender Weise den Kriterien für den Präventionspreis Frühe Kindheit. Ich wünsche mir, dass ihre Ansätze und Konzepte und ihre Erfolge sich herumsprechen, dass sie bekannt werden über ihren direkten Handlungs- und Wirkungsbereich hinaus und andere Kommunen oder Träger anregen, diese oder andere innovative Wege zu gehen.