Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Chancen und Risiken früher Tagesbetreuung aus der Sicht des Kindes

von Ann Kathrin Scheerer

Vorbehaltlos kann die Freude über den Ausbau der Krippen- und Tagesmutterplätze für Kinder unter drei Jahren nicht sein. Zur Euphorie, dass sich auf diesem Feld politisch nun etwas tut, gehören Wermutstropfen in Form von Risikobewusstsein. Psychoanalytiker gelten mitunter als Pessimisten vom Dienst – was wir nicht sind. Wir befassen uns mit psychischem Leiden und interessieren uns für dessen Ursprung und weisen auf die Schattenseiten einer öffentlich hell erleuchteten Bühne hin; sonst bleibt das Bild einseitig. Wir behandeln Menschen, deren frühkindliche Beziehungserfahrungen häufig unzureichend gut waren, was mit die Grundlage für ihr späteres Leiden legte.

Viel wird von der Depression als „Volkskrankheit Nr. 1“ gesprochen, aber wenig bedacht, wie viel Beziehungs- und Trennungskummer in diesen Symptomen enthalten ist. Wir sollten unser Wissen über lebensgeschichtliche Zusammenhänge, auch wenn wir eine Monokausalität niemals behaupten können, nicht verleugnen. Frühe außerfamiliäre Betreuung bedeutet Trennung von der Mutter. Emil Schmalohr, Autor des Buches über „Frühe Mutterentbehrung“ schrieb schon 1975: „Wer denkt schon daran, in einer frühen Muttertrennung und einem entsprechenden Gefühlsentzug einen massiven seelischen Eingriff zu sehen? Auf diesem Gebiet brauchen wir dringend ein genaues Wissen, damit wir nicht Gefahr laufen, in unseren gut gemeinten Sozialeinrichtungen gerade die Schäden herbeizuführen, die wir verhüten möchten.“

Es ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass in der Krippendebatte, in der es um Kinder unter drei Jahren geht, viel mehr differenziert werden muss hinsichtlich des Alters der betroffenen Kinder. Krippen, nicht alle, aber allerorten, nehmen Babys ab dem Alter von acht Wochen auf und die Plätze sind begehrt. Hebammen mit langer Berufserfahrung sagen mir, dass sie noch nie eine Zeit erlebt haben, in der junge Mütter im Wochenbett so sehr unter Druck zu stehen schienen, möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Realisierung des verständlichen Wunsches nach der viel beschworenen „Vereinbarkeit“ von Mutterschaft und Beruf wird immer weiter vorverlegt entsprechend der großen Veränderung und Erweiterung, die das gesellschaftliche Bild und die Rolle von Frauen in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Und so kommt es, dass sich schwangere Frauen bereits um einen Krippenplatz sorgen, bevor sie ihr Kind kennen gelernt haben: „Trennung“ wird dann vor „Bindung“ gedacht und gute schrittweise Trennung kann doch nur nach gelungener Bindung gelingen.

Wenn sich die Möglichkeiten für uns Frauen in Beruf und Gesellschaft glücklicherweise so erweitert haben, haben sich die Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern nach einer engen und festen, verlässlichen Bindung an die Mutter, deren reale Präsenz dazu erforderlich ist, gleichwohl nicht mit verändert: diese sind wegen der bio-psychischen Unreife, mit der der Mensch geboren wird, universell stabil, insofern über die Zeiten unveränderlich und „konservativ“. Es kann nicht verwundern, dass es hier zu Konflikten kommt, zu deren Lösung sich die Krippenbetreuung quasi als Patentlösung anbietet.

Nur: Der vieltausendfache Ausbau der Krippen- und Tagesmutterplätze führt aus der Sicht vieler Betroffener und vieler Fachleute zu eindeutig inakzeptablen Provisorien der Kleinkindbetreuung und wird vorrangig unter arbeitsmarktpolitischen, wirtschafts- und finanzpolitischen, bildungspolitischen und frauenpolitischen Aspekten diskutiert. Hier fallen viele vernünftige Argumente, die jedoch – zur Konfliktvermeidung – von der unzulässigen allgemeinen Projektion leben, dass das, was für unsere erwachsenen Belange gut ist, für die Kinder, die wir in dieser Projektion zwangsläufig nur als Ausdehnung unseres Selbst verstehen, nicht schlecht sein kann. Qualitätsgesichtspunkten wird in gewisser Weise durchaus Rechnung getragen, was das empfehlenswerte Alter bei Beginn, Beachtung der Bindungsbedürfnisse von Kleinkindern, Gruppengrößen, Frühförderungsinhalte, Altersmischungen der Kindergruppen und Ausbildungsstandards der Betreuungspersonen betrifft und die qualitative Verbesserungswürdigkeit der Betreuungsangebote wird beschworen. Solange diese aber nicht verbessert sind, werden weiterhin vieltausendfach Säuglinge und Kleinkinder unter bedenklichen Bedingungen, also nicht ausreichend gut, betreut.

Krippenbetreuung und Leben in der Kinderkrippe „aus der Sicht des Kindes“ zu betrachten ist durchaus eine ungewöhnliche Perspektive und das hängt nicht damit zusammen, dass uns etwa generell das nötige Einfühlungsvermögen in die Erlebnisweisen des Kleinkindes oder Säuglings fehlt. Es fehlt uns auch nicht an fundiertem Wissen über die existentiellen frühkindlichen Bedürfnisse. Wir wissen ja, dass die stundenweise Krippenbetreuung über Tag eine Trennung von der Mutter und vom heimischen Umfeld voraussetzt, die schmerzlich ist, und folgern daraus, dass die Notwendigkeit einer sorgsamen Eingewöhnung ernst genommen werden muss, um die Trennungsangst durch das Angebot einer neuen Bindung an die vorübergehende Ersatzmutter zu mildern. Wir wissen aber auch, dass Bindung nicht schnell geht, sondern Zeit und Vertrauen braucht, dass Kinder eine sichere Bindungsperson brauchen und bevorzugen und jede andere eine Bereicherung sein kann, aber weniger ein Ersatz für die erste. Jede Mutter wünscht sich, dass ihr Kind und sie selbst die Erzieherin vertrauenswürdig und„nett“ finden möge, aber wünscht sie wirklich eine ähnlich intensive Bindung? Wohl eher nicht, obwohl ihr Kind sich eigentlich intensiv über die vielen Stunden am Tag binden möchte und muss. Also noch ein Konfliktfeld. Und bei der Lösung dieser Konflikte kommt es dann noch erschwerend hinzu, dass eine Partei nicht um ihre Meinung gefragt werden kann, weil sie noch nicht sprechen kann.

„Die Kinderkrippe ist eine Einrichtung zugunsten von Erwachsenen“, schreibt der tschechische Kinderarzt und Forscher Zdenek Matejcek, „und Kinder würden sie sich nie selber ausdenken.“ Aus der Sicht der Kinder schreibt Louis Cozolino 2006 in seinem Buch „The Neuroscience of Human Relationships“, dass wir es auf unsere menschliche Gesamtheit hin betrachtet mitnichten gut genug schaffen, die nötige Selbstverleugnung, Frustrationstoleranz, aggressive und sexuelle Impulshemmung, den Triebverzicht und Lustaufschub in der Beziehung zu Kindern aufzubringen. Überall könne man beobachten, dass kleine abhängige Kinder schlecht behandelt, in ihrem erst noch zu erwerbendem Selbstwert verletzt, in abfälligem oder scharf schneidendem Ton adressiert oder überhört werden: die Qualität unserer allgemein-menschlichen Fürsorge für die Kinder sei allerhöchstens als „work in progress“ zu bezeichnen – das gilt nun sicherlich für den Krippenausbau in sogar besonderem Maße. Schärfer formuliert es die Psychoanalytikerin und Professorin für Frühpädagogik Christiane Ludwig-Körner, die sich und uns fragt, ob die zu oft völlig unzureichenden Bedingungen in Kinderkrippen, die alles andere als eine „fördernde Umwelt“ darstellen, nicht auf „staatlich geförderte Kindesvernachlässigung“ hinauslaufen. An anderer Stelle schilderte ich meinen gelegentlichen, aber doch zu häufigen Eindruck, in Kinderkrippen sei etwas „Böses“ am Werke, wenn man als Definition des Bösen akzeptiert, dass es das abwesende Gute ist.

Lassen Sie mich hier zwei Anmerkungen einschieben: Erzieherinnen in Kinderkrippen sind zu recht sehr empfindlich gegenüber solchen kritischen Worten, die sie, obwohl nicht so gemeint, natürlich persönlich trifft. Ich war froh, dass eine große Zahl von Erzieherinnen vor einiger Zeit gestreikt hat, um auf unzumutbare Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Dabei habe ich aber auch – aus der Sicht der Kinder – an die durch den Streik entstehenden Betreuungsunregelmäßigkeiten denken müssen, die dadurch erneut in deren Alltag entstehen. Und ich habe darauf gewartet, dass als kritischer Faktor des Krippenerzieher-Berufs auch genannt wird, dass es eine seelische Belastung ersten Ranges ist, aus fremdbestimmten Gründen Säuglingen und Kleinkindern nicht das geben zu können, was sie brauchen, obwohl man genau dazu angetreten ist, diese Aufgabe mit Herz und Verstand auszuüben. Erzieherinnen sind sich als Praktiker der Kindesfürsorge der inneren Konflikte vielfach bewusster als Politiker, die nur die äußeren Bedingungen bestimmen, unter denen diese Fürsorge stattfinden soll.

Und die zweite Anmerkung: schlechte Bedingungen gibt es auch in Familien, ja! Und es gibt auch schlechte Mütter. Von der Krippe hier Kompensation oder prophylaktische Wirkung zu erwarten, ist aber dennoch eine Überforderung der Institution und eine Illusion, selbst wenn sie im Einzelfall durchaus heilend wirken kann. Eine versagende Mutter kann man aber nicht ungeschehen machen und man kann sie nicht durch außerfamiliäre Betreuung umgehen. Es ist ja in der Regel eher auch umgekehrt – das Zuhause muss die Anstrengungen, die der Krippentag für das Kind mit sich bringt, möglichst und meistens wettmachen und wenn das gelingt, ist es gut! Umgekehrt funktioniert es nicht so einfach. Die Mutter ist nun mal – im guten wie im schlechten Sinne – aus Sicht des Kindes die prägende primäre ästhetische Erfahrung im Leben, wie Christopher Bollas es in seinem Buch „Der Schatten des Objekts“ nennt. Er schreibt: „Ohne eine fördernde Mutter werden die im Entstehen begriffenen Ich-Fähigkeiten des Säuglings beeinträchtigt und nehmen möglicherweise nicht wieder gut zu machenden Schaden. Dies ist eine objektive Tatsache.“ Wenn es also auch eine „objektive Tatsache“ ist, das Säuglinge und Kleinkinder über Tag in der Krippe ohne „fördernde Mutter“ sind, was verlangen wir dann und müssen wir aus Sicht des Kindes verlangen, um „nicht wieder gut zu machenden Schaden“ zu vermeiden, von hinreichend guter Tagespflege? Wir müssen verlangen, dass die Ersatzmutter, die Krippenbetreuerin, die Rolle des von Bollas so genannten „Verwandlungsobjekts“ einnehmen und ausfüllen kann. Ein „Verwandlungsobjekt“ ist die reale Person, die dem Baby und Kleinkind ermöglicht, innere Zustände der leeren hungrigen Verzweiflung und Wut, der hilflosen Angst, Anspannung und Verlorenheit in Zustände der Zufriedenheit und Fülle, der Entspanntheit und Kontaktfreude zu verwandeln. Dies ist es, was eine hinreichend gute Mutter für ihr Kind tut, das in den ersten Lebensmonaten und -jahren diesen Beziehungsprozess der wechselseitigen Zustands-Regulierung verinnerlicht, bis es selber in der Lage ist, seine Affekte und Bedürfnisspannungen zu regulieren.

Dieses später übrigens nicht oder nur sehr schwer u. a. in psychoanalytischen Therapiebeziehungen nachzuholende regulierende Wechselspiel zwischen Mutter und Kind beinhaltet unzählige Wiederholungen „sequentierter Erfahrungen(…), die Erwartungen wecken und auf diese Weise zur Grundlage des impliziten Beziehungswissens werden.“ Es wird zu unserem – denn dies galt ja auch mal für uns, die jetzigen Erwachsenen, es ist eine „Universalie“ der menschlichen Beziehungen – frühesten Wissen über uns selbst und darüber, wie sich unser Zusammensein mit Anderen anfühlt. Weil wir es so früh im Leben erfahren, vor aller Sprache, können wir es nicht denken und nicht explizit erinnern: Bollas nennt dieses unlöschbare Beziehungswissen unser „Ungedachtes Bekannte“, das wir als unbewusste ästhetische Erfahrung über die frühen Sinneswahrnehmungen lebenslang zum Ausgangspunkt unsers Selbst- und Beziehungs- und Welterlebens nehmen. Dies wird, wenn emotional ausreichend tragfähig und verlässlich, zu unserem Ur-Vertrauen, u. a. zur Überzeugung, dass wir Krisen emotional überleben und ich-stark bleiben können.

Um diese Basis zu legen, braucht es Zeit – grob geschätzt etwa drei mal 365 Tage (nicht viel, individuell und gesellschaftlich, schließlich geht es um die „Bürger von morgen“) – und viele Wiederholungen und die ausreichende verlässliche Anwesenheit dieses (oder eines ähnlich versierten) Affekt- Verwandlungskünstlers. Wenn die Krippen-Betreuerin das sein kann, ein Affekt-Verwandlungsobjekt, innerlich und äußerlich, kann das Kind die Trennung von der Mutter durch diese neue Bindung überbrücken. Aber die Trennung von der Mutter bleibt natürlich ein Faktum. Kleine Kinder bilden Beziehungs-Hierarchien und wechseln sie keineswegs beliebig und schnell, auch wenn wir inzwischen vom „kompetenten Säugling“ wissen, dass er sehr wohl Beziehungen unterscheiden kann und von verschiedenen wiederkehrenden Beziehungsangeboten lustvoll und lernfähig profitiert. Zur Überforderung des Kindes und der Überschätzung seiner Kompetenzen und Verarbeitungsfähigkeiten ist es aber oft dann nur ein Schritt. Die frühe Trennung kann im Übrigen auch eine emotionale Überforderung für die Eltern sein, die mitunter später im Leben erkennen, dass die frühe Trennung, die in der Regel auch für beide Seiten eine forcierte Trennung war, auch sie als Eltern verletzt hat.

Trennung, Trennungsangst und Trennungsschmerz. Darum geht es eigentlich in der Krippendebatte und deshalb ist sie emotional so aufgeladen und polarisiert. 1987 nennt die Kollegin Veronika Mächtlinger ihren Vortrag auf der Jahrestagung der analytischen Kinder- und Jugendlichentherapeuten „Zum Problem der Trennung bei Kleinkindern“ schon eine „Rückbesinnung“. Bereits damals war auch sie der Meinung, dass wir ausreichend Wissen über Entwicklungspsychologie und Bindungs- wie Trennungskonflikte besitzen, das Wissen aber nicht anwenden und sie schreibt: „Ich frage mich, ob wir nicht alle eigene Gründe haben, solche bedrohlichen Trennungsaffekte zu vermeiden, zu verleugnen. Ist dies vielleicht auch der Grund, warum das viele Wissen, das wir seit Jahren gesammelt haben über die Folgen von Trennungen bei Kleinkindern, uns immer wieder verloren zu gehen scheint?“

Das würde bedeuten, dass die Antwort auf die Frage, warum wir das Wissen immer wieder verdrängen, verleugnen, vergessen möchten, darin zu finden ist, dass Einfühlungsbereitschaft in die „Sicht des Kindes“ die Bereitschaft erfordert, seelischen Schmerz zu fühlen, den wir aus dem eigenen Kindheitsleben bereits kennen, den wir aber verdrängt und dadurch auch hofften, abgehakt zu haben. An diesen eigenen Trennungsschmerz aus grauer Vorzeit, unser eigenes „ungedachtes Bekanntes“ vielleicht, lassen wir nicht gerne rühren. Es ist aber die unvermeidliche und naturgegebene Eigenschaft von unseren eigenen Säuglingen und Kleinkindern, die ihre Befindlichkeiten noch nicht verbal ausdrücken können, ihre rudimentären Kommunikationsmittel dazu einzusetzen, uns ihren Schmerz verständlich zu machen und ihn uns mit-fühlen zu lassen – damit wir ihn verwandeln.

Es ist nicht immer leicht, die Projektion eigener Wünsche von der Einfühlung in die Wünsche Anderer zu unterscheiden, aber um die Sicht des Kindes einzunehmen, müssen wir uns so genau wie möglich um Unterscheidung bemühen. Die empathische Perspektive auf das Kind verlangt die Rückerinnerung an eigene frühkindliche, unbewusst gespeicherte Erlebnisweisen und, was die Krippenfrage betrifft, die Rückerinnerung an eigene Trennungserfahrungen. Diese Rückerinnerung geschieht halt mehrheitlich nicht bewusst, aber in unserem Einfühlungsvermögen, insbesondere in unseren Unbehagensgefühlen angesichts eines trennungsängstlichen Kleinkindes, sind sie enthalten. Und nun ist dann die Frage: projizieren wir unseren Abwehrwunsch ins Kind und sagen ihm: „Stell dich nicht so an, da musst du jetzt durch, mir hat es auch nicht geschadet“, oder sprechen wir ihm buchstäblich aus der Seele und sagen ihm so etwas wie „ich weiß, es ist schmerzlich, dass wir uns trennen müssen“. Es ist unschwer zu erkennen, welchen Unterschied diese beiden Haltungen für das konkrete Verhalten der sich verabschiedenden Elternperson und der an ihre Stelle tretenden Betreuerin macht. Das Bewusstsein und das Anerkennen des Trennungsschmerzes macht den entscheidenden Unterschied, ob das Kind sich verstanden oder unverstanden fühlen wird.

Ich möchte nun drei Kinder unterschiedlichen Alters in Trennungssituationen vorstellen, die durch den morgendlichen Abschied von der Mutter in der Krippe entstehen. Aus Theorie und Praxis der Psychoanalyse wissen wir, dass in Trennungssituationen frühe Abwehrmechanismen gegen Schmerz wirksam werden. Je nach Alter sind sie spezifisch und wenn sie über lange Zeit und in vielen Wiederholungen als eine Art Persönlichkeitsstruktur fixiert werden, bleiben sie die bevorzugten und schwerlich bewusst zu verändernden Abwehrmechanismen, die lebenslang wirksam bleiben und zu einer leidvollen emotionalen Einengung beitragen können. Das kann, wenn es um die notwendige Abwehr früher Verlustangst geht, zu einer früh gebahnten Psychopathologie führen, die insbesondere das spätere Beziehungserleben belasten kann.

Beziehung, Bindung und Trennung: das sind doch unsere lebenslangen Themen, oder nicht? Um es zu wiederholen, was wir alle lange wissen, aber gerne, aus verschiedenen Gründen, wohl auch nicht wahr haben wollen: In den ersten (drei) Lebensjahren sucht und macht das kleine Kind Erfahrungen mit seiner Umwelt, die sein Selbst- und Weltbild und seine Gehirnstrukturen, sein Fühlen und Denken nachhaltig prägen werden. Wiederholte und zu lang anhaltende Erfahrungen der Hilflosigkeit in der Verlust- und Trennungsangst haben dabei besondere entwicklungsbedrohliche Wirksamkeit, sie werden zu einer schwer zu widerlegenden frühen Lebenswahrheit.

Ich habe ein zwölf Wochen altes Baby vor Augen, Carlos, das in einer Kinderkrippe in seinem Kinderwagen liegt, in dem die Mutter es gebracht hat. Es ist früh am Morgen. Die Mutter hat ihr Kind noch gestillt und es nach einer liebevollen Weile zurück in den Wagen gelegt. Nach dreiwöchiger Eingewöhnungszeit ruft die Arbeitswelt, die Mutter geht und die Erzieherin nickt ihr zum Abschied ermutigend zu. Ihre eigene Arbeit besteht darin, über viele Stunden drei kleine Babys und drei Kleinkinder zu betreuen, eine Praktikantin geht ihr zu Hand. Carlos ist nicht gleich eingeschlafen, wie die Mutter vielleicht gehofft hat. Er beginnt, etwas zu weinen, die aufmerksame Erzieherin streicht ihm sanft über die Wange und bietet ihm den Schnuller an. Andere Kinder rufen. Das Baby verstärkt sein Weinen. Die Praktikantin kümmert sich, schaukelt den Wagen, spricht leise mit dem Kind, das sich beruhigt. Andere Kinder rufen. Ein anderes Kind weint. Carlos streckt die Arme nach oben und sucht Antwort und verstärkt sein Weinen. Seine Sicherheit besteht in diesem Alter noch fast ausschließlich im Kontakt mit einem anderen Körper, nur in diesem Kontakt kann ein so kleines Kind seinen eigenen aufgeregten und angespannten Organismus beruhigen. Sicherlich würde Carlos den mütterlichen Körper, dessen Geruch und Lautmalereien er kennt und wiedererkennen will, bevorzugen, aber auch ein fremder Körper wäre eine große Hilfe.

Er braucht so ein „Verwandlungsobjekt“. Während er mit den Armen noch ungelenk und mit aller Anstrengung im leeren Luftraum über ihm sucht und fuchtelt, verstärkt sich sein Weinen weiter, ein Beobachter würde es jetzt „flehentlich“ und dann „verzweifelt“ nennen. Carlos tut, was er kann, um das zu bekommen, was er braucht. Jetzt muss etwas geschehen. Carlos braucht prompt spürbaren Kontakt zu einem lebendigen Körper, eine beruhigende vertraute Stimme – einen Beziehungszauberer, eine Regulationhelferin, um sein Behagensgefühl zurückzugewinnen. Der britische Psychoanalytiker und Kinderarzt D. Winnicott schreibt von der „primären Unintegriertheit“ des Säuglings, um die es hier bei Carlos auch geht: der verzweifelte und verlassene Carlos, der weint und im Weltall fuchtelt, weiß nichts vom zufriedenen und gut aufgehobenen, geliebten Carlos, der er AUCH ist. Das Verwandelungsobjekt in Person von Mutter, Vater, Betreuerin muss die beiden erst noch verbinden, integrieren zu einem ganzen „Ich“: den einen erkennen und ihn zum anderen werden lassen. Die frühe Verlassenheitsangst in Carlos, wenn er sie zu oft und zu anhaltend erlebt, wird sonst abgespalten und un-integriert bleiben müssen mit der Gefahr, dass sie in späteren Situationen, unter Stress, immer wieder auftauchen kann: die Angst, ins Leere zu fallen, ins Nichts, allein im Weltall. Frei flotierende Angst vor etwas undefinierbar Bedrohlichem in ihm oder in der Außenwelt kann auf diese Weise sein Lebensbegleiter werden und, weil sie unerträglich überwältigend ist, heftige und anstrengende Abwehranstrengungen erforderlich machen (denn letztlich ist diese frühe Angst nichts anderes als Todesangst), die ihn emotional so einengen können, dass ihm seelische Kraft für andere Ziele fehlt.

Carlos wird im Kinderwagen und mit erneutem Schnullerangebot in das Zimmer nebenan geschoben, weiterhin verzweifelt weinend. Die berechtigte Angst der vielbeschäftigten und keineswegs gleichgültigen Betreuerinnen ist, dass sein Weinen die anderen Babys und Krabbelkinder anstecken könnte, die gerade gebracht werden und in der Abschiedssituation sowieso auch empfindlich sind und Begleitung brauchen. Auch die Mütter brauchen Beruhigung und Begleitung. Der Personalschlüssel in dieser Krippe an diesem Morgen ist nicht besonders schlecht: drei Babys, drei Krabbelkinder und zwei Betreuerinnen, eins zu drei also. Dennoch: Carlos und auch die anderen brauchen in dieser Trennungssituation eine eins zu eins-Betreuung, oder? Die Betreuerin, die ja weiß, dass sie Carlos abschiebt und dass das keine „hinreichend gute“ Lösung für den Konflikt ist, rationalisiert das Hinausschieben mit den Worten, dass er sich vielleicht nebenan dann schneller beruhigt. Sie unterstellt damit, dass Carlos nebenan seine Ruhe hat, dass er vielleicht durch die anderen Kinder am Einschlafen gehindert wird. Ist das nun Projektion eigener Vorstellungen („Ich hätte gerne meine Ruhe und könnte in diesem Kommen und Gehen nicht einschlafen, das wird Carlos wohl auch so gehen“) oder Vermeidung der Einfühlung in die kindliche Sicht und das kindliche Erleben, weil ihr im Grunde das Weinen des Kindes selber sehr weh tut. Was wird sie aus der Erfahrung machen, dass Carlos tatsächlich bald aufhört zu weinen in der Isolation?

Eine andere Situation, eine andere Krippe: ein zartes anderthalb Jahre altes Mädchen, Camilla, wird ebenfalls am frühen Morgen gegen halb acht, draußen ist es noch dunkel, von der Mutter in die Krippe gebracht. Camilla ist müde, sie war zu Hause geweckt worden, im Auto ist sie noch einmal eingeschlafen und musste zum Aussteigen erneut geweckt werden. Nun sitzt sie auf dem Schoß der Erzieherin, während die Mutter sich verabschiedet, deren Arbeitstag um acht Uhr beginnt. Camilla wirkt traurig, aber vielleicht auch nur müde, sie schaut die Mutter beim Abschied nicht an, sondern scheint noch ein bisschen weiterzuträumen, den Abschied zu verträumen auf dem Schoß der Betreuerin.

Sie geht seit drei Monaten in die Krippe, in der 20 Kinder von wenigen Monaten bis vier Jahren von zwei Betreuerinnen versorgt werden. Eine Ganztagskrippe. Um die Mittagszeit kommt eine weitere Betreuerin, die dann beim Essen und beim Windelnwechseln hilft. An diesem Morgen trudeln wie immer nun weitere Eltern und Kinder ein und Camilla muss den Schoß räumen, die Erzieherin hat zu tun. Sie wird während des Vormittags kein weiteres Kind auf den Schoß nehmen, es sind zu viele, für welches sollte sie sich entscheiden? Camilla läuft, noch ziemlich unsicher auf den Beinen, zum Sofa, das am Fenster steht. Sie kniet sich darauf so, dass sie in die Fensterscheibe schauen kann, wo sie ihr eigenes Gesicht sieht. Sie beginnt einen mimischen Dialog mit sich selbst. Zunächst studiert sie ihr Gesicht ernst und stumm. Sie beginnt Grimassen zu schneiden, mal verzieht sie sie kummervoll das Gesicht, mal grimmig, mal lacht sie laut auf. Sie schaut weg und wieder hin. Sie beugt sich hinunter und taucht wieder auf in der sie spiegelnden Scheibe.

Wie verstehen wir dieses Verhalten? Ist sie selbstversunken und selbstzufrieden? Hat sie eine gute Beschäftigung gefunden und ist zum Glück „pflegeleicht“? Würden wir denken, sie kann sich schon gut alleine beschäftigen? Oder wäre das eher unsere Projektion des Wunsches, sie möge in einer schwierigen Situation schon gut zu recht kommen? Oder ist sie gerade innerlich allein und muss notgedrungen zu einer einsamen Selbstbespiegelung greifen in Ermangelung eines empathischen Verwandlungsobjektes, das ihr hilft, Verlassenheitsgefühle zu besänftigen, mit Worten zu begleiten und sie im Hinblick auf den langen noch vor ihr liegenden Tag zu stärken? Das kleine Mädchen, das in der Entwicklung ihrer Ich-Fähigkeiten, ihrer Denkfähigkeiten und ihres Zeitgefühls noch am Anfang steht und verletzlich ist, sucht sich im Spiegel die Bestätigung, dass es sie gibt, eine Antwort auf die Frage, wie es ihr geht. In dem Moment gibt es den Anderen gar nicht als Anderen, es gibt nur die Frage, ob es sie selbst gibt im Auge des Anderen, das ist durchaus eine altersgemäße Frage, aber unter Getrenntheits- und Belastungsbedingungen auch eine sehr angstvolle und überstrapazierte.

So entsteht, wenn es sich so verfestigt – und man weiß ja nie, was noch kommt im Leben, daher ist die Basis so wichtig! – auch eine narzisstische Beziehungsstörung: das Gegenüber wird vornehmlich dazu gebraucht, sich selbst zu bestätigen und kann als Anderer gar nicht gewürdigt werden, weil es dann zu Selbst-Verlustangst kommen kann. Camilla, so sagt die Erzieherin, ist recht krankheitsanfällig, manchmal wird sie auch mit Fieber gebracht, denn die Mutter kann nicht jedes Mal arbeitsfrei nehmen. Der kindliche Körper reagiert auf die seelische Anstrengung, mit der langen Trennung und Getrenntheit fertig zu werden. Die Erzieherin weiß das, die Mutter weiß das auch. Es ist der äußere Sachzwang, der der Einfühlung keinen Raum lässt und Camillas Somatisierung als emotionale Beschwerde-Sprache resonanzlos bleiben lässt.

Ein drittes Beispiel: David ist schon drei Jahre alt, ein alter Hase in der Krippe, die er seit einem Jahr, inzwischen ganztägig, besucht. Als seine Mutter ihn eilig verabschiedet, bleibt er einen Moment in der Mitte des Raumes stehen, mit hängendem Kopf und hängenden Armen. Dann läuft er zu einem roten Bobby-Car, setzt sich drauf, pest damit herum und fährt der Erzieherin mehrfach gegen das Bein. Sie sagt laut „aua“ und David lacht. Als er in den Morgenkreis gerufen wird, schubst er ein kleines Mädchen so, dass sie beinahe von ihrem Stuhl fällt, sie weint und David lacht. Als er ermahnt wird, scheint er nicht zu hören. Ist er, wird er ein Junge, der irgendwie unverständliche aggressive Verhaltensauffälligkeiten zeigt? Man wird leicht böse auf ihn, weil er die Abläufe stört und offenbar anderen ganz gerne weh tut. Ermahnungen perlen anscheinend einfach an ihm ab. Er ist hier schon ziemlich unerreichbar. Ungehorsam. Seine aggressiven Handlungen sind, wie die Somatisierungen und Selbstbespiegelungen von Camilla, wie das Suchen und Wimmern von Carlos, emotionale Sprache, die in einen Beziehungskontext gestellt werden muss und auch immer noch ein Verwandlungsobjekt braucht. Gerade im Alter zwischen anderthalb und zweieinhalb Jahren, wenn die Kinder auf der Höhe ihrer Aggressionslust sind, brauchen sie die aufmerksamen „Verwandlungskünstler“, um ihre heftigen Affekte zu kanalisieren.

David kann schon sprechen, er könnte vielleicht sogar schon verbalisieren, dass er das Stehengelassenwerden am Morgen hasst, dass ihn das wütend macht, wenn ihm der Abschied für den doch langen Krippentag so schnell und ohne Worte abverlangt wird. Aber würden seine Worte – und wie würden diese ausfallen? – Antworten finden, die ihn verwandeln und versöhnen können? Er hat ja schon selber einen Weg gefunden, sich zu verwandeln, von einem Abschiedsschmerz erfüllten David zu einem Schmerz zufügenden David zu werden. Er verwandelt passiv Erlittenes in etwas, was er aktiv zufügt, auch ein nützlicher Abwehrmechanismus. Er ist nicht mehr ganz so hilflos auf sich selbst zurückgeworfen wie die noch jüngeren Kinder, er agiert und externalisiert aggressiv, lässt den Schmerz andere fühlen, ist ihn auf diese Weise scheinbar los. Er nimmt zwangsläufig in Kauf, dass sein ihn zunächst stabilisierendes Verhalten zu einer Abgetrenntheit von der wohlwollenden Welt führt. Die Abwehr der Einsamkeit führt zu Einsamkeit. So ist das mit Abwehrmechanismen, die wir zum Überleben einsetzen müssen: Sie lösen den Konflikt nur vorübergehend, auf Dauer fixieren sie ihn und er kommt wie ein Bumerang zurück. David macht immerhin auf sich aufmerksam, man übersieht ihn jedenfalls nicht. Er ist im Moment ein kleiner süßer Amokläufer, aber man wird, weil er auffällig ist, ihn wohl unterwegs bremsen, ihn mit angemessenen Antworten hoffentlich noch bremsen und verwandeln.

Mir mag gesagt werden, dass ich mein Thema „Chancen und Risiken früher Tagesbetreuung aus der Sicht des Kindes“ einseitig und explizit auf die Risiken hin untersucht habe. Ja. Welches die Chancen sein können, ist dabei implizit geblieben. Die Chancen der Krippenbetreuung – jeder Familien erweiternden Kleinkindbetreuung – liegen da, wo die Risiken für die emotionale Entwicklung des Kindes wissentlich mitgedacht werden können.

Die Anmerkungen und Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Ann Kathrin Scheerer ist Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin (DPV) in Hamburg.