Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Chancen und Risiken früher Tagesbetreuung

von Lieselotte Ahnert

Die Entwicklung unterbricht nie ihre aufbauende Arbeit, und selbst in den kritischen Perioden sind auch konstruktive Entwicklungsprozesse zu beobachten. Lev S. Vygotsky (1984). Sobranie socinenij. Moskau: Pedagogika. (dtsch. 1987). Ausgewählte Schriften. (Bd.2/S.67). Berlin: Volk & Wissen.

In Europa und in den USA ist eine öffentliche Tagesbetreuung für Säuglinge und Kleinkinder und Vorschulkinder die Regel, und nicht die Ausnahme. Vor allem für Kleinkinder scheint die Nachfrage nach derartigen Angeboten sogar noch weiter zu steigen. Kaum jemanden verwundert das noch: Unsere modernen Gesellschaften, die eine hohe Flexibilität verlangen, haben neue Formen der Lebensführung hervorgebracht und dabei die großen Familienstrukturen mit den ineinander verschachtelten und nebeneinander existierenden Mehr-Generationen-Haushalten zerstört, die einst gemeinschaftlich an der Kinderbetreuung beteiligt waren.

Mütter, die heute alleinerziehend sind, brauchen deshalb öffentliche Betreuungsangebote. Mütter, die die Elternzeit nicht endlos ausdehnen können, ohne Gefahr zu laufen, beruflich den Anschluss zu verlieren, und Eltern, die die neue Lebenssituation mit einem Baby nur bedingt verändern können, brauchen sie ebenfalls. Während die öffentliche Betreuung für Vorschulkinder jedoch schon längst als erfolgreiche Familienergänzung in Vorbereitung auf die Schule verstanden wird, wird sie in ihrer Auswirkung auf Säuglinge und Kleinkinder eher kontrovers diskutiert. Kritiker befürchten Nachteile für die Kinder. Schadet es nicht eher den Kleinen, wenn sie regelmäßig aus dem Haus müssen?

Seit mehr als drei Jahrzehnten haben sich Forscher aus vielen Ländern in den Dienst einer nüchternen, wissenschaftlich fundierten und am Wohl des Kindes orientierten Bewertung öffentlicher Betreuungsangebote gestellt. In einer ersten Phase dieser so genannten „Child Care Research“ ging es in den Jahren von 1960 bis 1970 um die Frage, ob eine Betreuung der Kleinen durch andere Personen als die eigene Mutter gut oder schlecht sei. In diesen frühen Studien wurden deshalb ausschließlich mütterlich betreute Kinder mit jenen verglichen, die daneben auch noch anderweitig betreut wurden; und zwar zumeist in den gut geführten Kindereinrichtungen der Universitäten, mit denen die jeweiligen Studien verbunden waren. Man fand keine Unterschiede in der Entwicklung der Kinder.

In den Jahren von 1970 bis1980 wurden die Forschungsfragen schon bohrender. Zwar wurde weiterhin betont, dass sich Kinder mit nichtmütterlicher Betreuung auch nicht anders entwickeln als Kinder ohne sie. Ob jedoch verschiedene Typen von nichtmütterlicher Betreuung – wie beispielsweise eine Betreuung durch den Vater, die Großmutter oder andere Verwandten, durch Tagesmütter oder in öffentlichen Kindereinrichtungen – die Entwicklung des Kindes in einer bestimmten Weise beeinflussen, interessierte nun doch. Vor allem war bis dahin unverständlich geblieben, warum die unterschiedlichsten Erfahrungen, die Kinder mit verschiedensten Betreuungsarrangements machen, allesamt die gleiche Wirkung auf die kindliche Entwicklung haben sollten.

Da die Forschungsergebnisse nun zunehmend widersprüchlicher wurden, mussten neue Wege beschritten werden. Die „Child Care Research“ hat deshalb weltweit begonnen, die Forschungsarbeit mit anderen Nachbardisziplinen zu koordinieren und sich mit der Entwicklungspsychologie, der Entwicklungspädiatrie, den Neurowissenschaften und der Frühpädagogik noch stärker als bisher auszutauschen. Vor allem aber wurden die vorhandenen Einzelstudien in so genannten Meta-Analysen (meta = grundlegend) zusammenfassend ausgewertet und interpretiert, andererseits jedoch auch imposante Mega-Studien (mega = riesig) organisiert, um die Zusammenhänge von Betreuung und Entwicklung möglichst widerspruchsfrei darstellen zu können.

Widersprüche überwinden
Ganz konkret will man heute wissen, wie entwicklungsprägend Erfahrungen in öffentlicher Betreuung sind, wenn sie schon im Kleinkind- und Säuglingsalter beginnen, und ob tagesbetreute Kinder dann andere Entwicklungsbesonderheiten haben als ausschließlich familienbetreute Kinder. Unter welchen Betreuungsbedingungen müssen Risiken befürchtet, unter welchen Bedingungen können Entwicklungsanreize erwartet werden? Dabei sind die Betreuungsbedingungen in den ersten Lebensjahren besonders wichtig, da sie die Fundamente für die spätere Entwicklung legen. In dieser Zeit bildet sich beispielsweise das Immunsystem aus, das die gesunde Entwicklung der Folgejahre prägt. Es formen sich die Meilensteine in der sozialen, geistigen und sprachlichen Entwicklung. Der frühe Spracherwerb ist dabei besonders abhängig von den Betreuungsbedingungen und davon, wie sehr sich die betreuenden Personen auf einen sozialen Austausch mit dem Kind einlassen. Es entwickelt sich in dieser Zeit auch die Mutter-Kind-Bindung und weitere Beziehungen, die das Kind künftig für ein angepasstes Sozialverhalten und seine emotionale Regulation braucht. Schließlich fallen die frühen Lebensjahre in eine Periode der Hirnentwicklung, in der die Dichte der Synapsen-Verbindungen eine Phase erreicht, die die Hirnaktivität für kommende Anforderungen prägt.

Vor diesem Hintergrund muss Qualität, Typ, Ausmaß und die zeitliche Beanspruchung einer öffentlichen Betreuung systematisch im Hinblick auf die folgenden Fragen untersucht werden: Werden Kleinkinder in öffentlicher Betreuung tatsächlich häufiger krank? Profitieren sie spürbar von den stimulierenden Curricula in Bezug auf ihre intellektuelle und sprachliche Entwicklung? Können sie überhaupt eine Mutter-Kind-Bindung entwickeln und aufrechterhalten? Und wie angepasst und lenkbar sind die Kinder, wenn sie von mehreren Erwachsenen betreut werden und täglich Anweisungen erhalten, die zwangsläufig auch widersprüchlich ausfallen können?

Um auf diese Fragen mit größerer Sicherheit als bisher antworten zu können, entschloss sich das Gesundheitsministerium der USA zu einer Mega-Studie. Das Projekt wurde von einem ihrer Nachfolgeinstitute, dem NICHD (National Institute of Child Health and Human Development) koordiniert. Beauftragt wurden zehn Universitäten des Landes, an denen schon zuvor die Auswirkungen öffentlicher Betreuung auf die Entwicklung von Kindern untersucht wurden. Obwohl sich einige der angesprochenen Forschungsteams wegen differenter wissenschaftlicher Auffassungen unversöhnlich gegenüber standen, gelang es, sie zur gemeinsamen Arbeit an dieser Mega-Studie zu bewegen. Im Umfeld ihrer Universitäten – angefangen beim US-Bundesstaat Washington an der Westküste im Norden des Landes, über Kalifornien bis nach North Carolina an der mittleren Ostküste – wurden im Jahr 1991 unzählige Geburtskliniken aufgesucht. Über tausend Mütter willigten letztendlich ein, sich über einen langen Zeitraum mit ihren Babys an der Studie zu beteiligen. Letztendlich wurden diese Kinder mit ihren Müttern und Familien über die Pubertät hinaus bis zum heutigen Tag untersucht.

Das NICHD-Team war besonders interessiert an den Betreuungsbedingungen und befragte die Personen, die in die Betreuung des Kindes einbezogen waren: Mütter, Väter, Großeltern und andere Verwandte, Au-pair-Mädchen, Kinderfrauen, Tagesmütter und Erzieher(innen). Solange das Kind mindestens zehn Stunde pro Woche von einer dieser Personen betreut wurde, wurde diese aufgesucht und unter die Lupe genommen. Da niemand absehen konnte, welche Betreuung die Familien zu welchem Zeitpunkt wählen würden, mussten die Forscherteams sehr flexibel sein. Alle drei Monate waren sie mit den Familien in Kontakt. Die Familien gaben viele Auskünfte über sich selbst. Sie berichteten über ihre Ausbildungs- und Finanzsituation, Partnerschaftsqualität und Stress, ihre Einstellungen zum Kind und ihre Trennungsängste. Sie ließen es aber auch zu, dass ihr Kind und dessen Betreuung in allen Einzelheiten untersucht wurden. Dazu mussten die Fähigkeiten des Kindes, aber auch sein Umfeld und seine Interaktionen beobachtet und bewertet werden, egal, ob es mit der Mutter oder einer anderen Person zusammen war.

Die Betreuungsbedingungen der Kinder und ihre Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung wurden damit erstmals mit außerordentlich großem Aufwand untersucht: Die NICHD-Studie verwendete vielfältige Methoden der Befragungen, der Interviews, der Beobachtungen und Teste, die auf unterschiedlichen Ebenen oftmals den gleichen Tatbestand mehrfach prüften. Sie wurde als Langzeitstudie angelegt, um in Kenntnis der späteren Entwicklung des Kindes die Entwicklungschancen und Entwicklungsrisiken schon in der Frühzeit herausfinden zu können. Die NICHD-Studie hat schließlich eine Forschergruppe von renommierten Wissenschaftler(inne)n an einen Tisch gebracht, die höchst kritisch ihre Ergebnisse erst diskutierten und ihre Zuverlässigkeit abwogen, bevor sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Immer wieder krank?
In einer ersten zentralen Frage der NICHD-Studie ging es um den Gesundheitszustand der Kinder. Um ihn richtig einschätzen zu können, wurden die Mütter alle drei bis sechs Monate nach typischen Kinderkrankheiten befragt. Erkrankungen der oberen Luftwege, Ohrenentzündungen und Magen-Darm-Problemen der Kinder wurden erfasst, aber auch Unfälle sowie akute und chronische Erkrankungen jeder anderen Art notiert.

Ein- und zweijährige Kinder erwiesen sich besonders erkrankungsanfällig. Das Risiko, eine Ohrenentzündung zu bekommen, war für Einjährige mehr als doppelt so hoch, wenn sie tagsüber in einer öffentlichen Einrichtung betreut wurden. Auch die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung der oberen Luftwege war für tagesbetreute Kinder wesentlich höher als für ausschließlich familienbetreute Kleinkinder. Glücklicherweise verschwanden diese Unterschiede im dritten Lebensjahr. Aber es galt auch hier: Je mehr Kinder in einer Gruppe betreut wurden, desto häufiger war das betreffende Kind krank. Diejenigen Kindergartenkinder waren jedoch am häufigsten krank, die bis dahin ausschließlich familienbetreut worden waren. Und es waren diejenigen Kinder am seltensten krank, die schon früher eine Betreuung in großen Gruppen erlebt hatten. Aus diesen Zusammenhängen lassen sich zwei Dinge ableiten: (1) Die Erkrankungshäufigkeit von Kindern in öffentlicher Betreuung ist abhängig davon, wie viele Kinder mit betreut werden. (2) Mit einer früh einsetzenden öffentlichen Betreuung können Kinder auch früh resistent gegenüber weiteren Ansteckungserkrankungen werden. Dabei darf das Erkrankungsgeschehen jedoch nicht eskalieren, damit sich anstelle der erhofften Widerstandfähigkeit keine chronischen Krankheitsverläufe entwickeln.

Das NICHD-Team überprüfte auch, ob bei der Erkrankungen der Kleinen noch weitere Faktoren mitspielten. Familiencharakteristiken – wie Armut, niedrige Ausbildung der Mutter oder Alleinerziehend-zu-sein – standen in keiner unmittelbaren Beziehung zur Erkrankungshäufigkeit der betroffenen Kinder. Kinder, die zu früh geboren und/oder nicht gestillt wurden, hatten ebenfalls kein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Auch fanden sich keine Hinweise darauf, dass Stress im Familienleben eine Rolle für die kindliche Gesundheit spielte. Selbst für besondere Familiensituationen wie Partnerwechsel, Geburt eines Geschwisterkindes, Umzug und Veränderungen in der Betreuungssituation wurden keine systematischen Zusammenhänge zu etwaigen Erkrankungen des Kindes gefunden. Häufig krank zu sein hatte auch kaum etwas mit Sprachentwicklung, Sozialverhalten und Schulbewährung zu tun. Damit fielen Kinder mit häufigeren Erkrankungen auch nicht notwendigerweise durch Entwicklungsrückstände oder Verhaltensprobleme auf. Die NICHD-Studie kommt deshalb zu dem Schluss, dass die erhöhte Erkrankungshäufigkeit von tagesbetreuten Kindern in den ersten Lebensjahren dem hohen Ansteckungsrisiko in einer Kindergruppe anzulasten ist. Es ergeben sich daraus jedoch glücklicherweise keine unmittelbaren Folgen für die Entwicklung der Kinder.

Wie Bindungen erhalten bleiben
Was mit der Bindung zur Mutter passiert, wenn eine Außerhaus-Betreuung in Anspruch genommen wird, gehört zu den am häufigsten diskutierten Themen in der Debatte um die öffentliche Betreuung. Das Thema ist deshalb so zentral, weil die Mutter-Kind-Bindung in der Regel die primäre (erste und vorrangige) Bindung des Babys zu einer erwachsenen Person ist, die es beschützt und ihm hilft, ebenfalls erwachsen zu werden. Nur schwerlich erhält eine nachfolgende Beziehung eine ähnliche Bedeutung. Primäre Bindungsbeziehungen bilden das Fundament des späteren Sozialverhaltens und der Bindungsfähigkeit: Sie sind prägend für die emotionale Sicherheit und das Selbstbewusstsein.

In der klassischen Bindungstheorie wurde eine tägliche und lang andauernde Abwesenheit der Mutter als äußerst ungünstig für die Bindungsentstehung angesehen. Bowlby war davon überzeugt, dass sich die primäre Bindung desto sicherer entwickeln würde, je stabiler und voraussagbarer die Betreuung durch die Mutter sei. Er war davon überzeugt, dass Kleinkinder nur sehr instabile Gedächtnisleistungen aufweisen und deshalb nicht in der Lage sind, eine Bindung Schritt um Schritt aufzubauen, wenn Trennungserfahrungen diesen Prozess immer wieder unterbrechen. Infolgedessen sollte „die sicherere Dosis (für Trennung) hier nur die Null-Dosis“ sein. Den verunsicherten Londoner Müttern widmete Bowlby später eine eigene Broschüre, in der er diese Forderung milderte und für den Alltag anpasste. Dort ist zu lesen, dass die jungen Mütter während eines Einkaufs oder Restaurantbesuchs ihre Babys auch mal in der Obhut einer sensitiven Ersatzperson lassen können, ohne dass dies die Bindung dauerhaft schädigt.

Mit Unterstützung der Forschungsabteilung „Kindliche Entwicklung“ an der Tavistock Klink in London, die von John Bowlby geleitet wurde, führten Christoph Heinicke und Ilse Wertheimer in den 1960er Jahren jedoch eine Studie durch, die die Mutter-Kind-Beziehung bei zehn gesunden zweijährigen Kindern in einer Ausnahmesituation untersuchten. Für die Dauer von zwei bis 20 Wochen wurden diese Kinder in ein Wochenheim eingewiesen, weil ihre Mütter in ein Krankenhaus mussten. Heinicke und Wertheimer fertigten detaillierte Beobachtungsprotokolle über die Trennungsreaktionen an, die sie später mit ausschließlich familienbetreuten, aber auch tagesbetreuten Kindern verglichen. Danach war nachweisbar, wie traumatisch sich die Trennung von der Mutter und die Betreuung im Wochenheim auf die Kleinen ausgewirkt hatten. Nach anfänglichem Protest und stundenlangem Weinen wirkten die Kinder hochgradig verunsichert und ängstlich. Später waren sie zurückgezogen und abweisend oder übertrieben zutraulich. Die Mutter-Kind-Bindung schien aufgelöst.

Obwohl die Vergleichskinder einer städtischen Tageseinrichtung in London ähnlichen Betreuungsbedingungen wie im Wochenheim ausgesetzt waren, blieb ihnen diese Entwicklung erspart. Heinicke und Wertheimer stellten deshalb später fest, dass die Trennungsbelastung durch eine Tagesbetreuung weniger verheerende Wirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung hatte als durch eine Wochenbetreuung. Dennoch blieben sowohl Experten wie Familien alarmiert. Im Jahr 1986 forderte Jay Belsky von der Pennsylvania State University/USA, den Zusammenhang von Bindung und Tagesbetreuung erneut kritisch zu hinterfragen, nachdem die Forschung viel präziser als bisher die Mutter-Kind-Bindung auch bei tagesbetreuten Kindern untersucht hatte. Anstelle der Beobachtungsprotokolle wurde jetzt vielfach die gerade erst entwickelte „Fremde Situation“ zur Einschätzung der Mutter-Kind-Bindung eingesetzt. Mit Blick auf diese Studien schienen unsichere Bindungsmuster bei tagesbetreuten Kindern häufiger als erwartet aufzutreten. Belsky kam deshalb zu dem Schluss, dass die Mutter-Kind-Bindung an Qualität einbüßt, wenn Babys in die öffentliche Betreuung kommen. Allison Clarke-Stewart von der University of California in Irvine/USA fand diese Schlussfolgerung unberechtigt. Sie zweifelte daran, dass die „Fremde Situation” überhaupt geeignet sei, die Bindungsqualität dieser Kleinen zu messen. Da die Kinder die Trennung von ihren Müttern täglich erleben, dürften die drei-minütigen Trennungsepisoden der „Fremden Situation” das Bindungssystem wohl kaum aktivieren. Ein mangelndes Bedürfnis nach mütterlicher Nähe und Körperkontakt in der „Fremden Situation“ könne dann fälschlicherweise als „Vermeidung“ interpretiert und vorschnell einer unsicher-vermeidenden Bindung zugeschrieben werden.

Die NICHD-Studie nahm die Debatte um die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Mutter-Kind-Bindung außerordentlich erst und als ein zentrales Untersuchungsziel auf. Die „Fremde Situation“ wurde flächendeckend bei allen Kindern der Studie vorgesehen und in den Räumen der nahe gelegenen Universitäten durchgeführt, als die Kinder etwa 15 Monate alt waren. Über tausend „Fremde Situationen“ wurden dann an einen zentralen Ort geschickt, an dem drei Experten jede einzelne davon sorgfältig bewerteten und die bekannten Ainsworth’schen Bindungsmuster darauf anwendeten: Sicher gebunden, unsicher-vermeidend gebunden, unsicher-ambivalent gebunden und desorganisiert. Als die Bindungsmuster im NICHD-Team diskutiert werden sollten, standen die Wissenschaftler(innen) zunächst vor der Frage, ob die „Fremde Situation“ das Bindungsverhalten auch bei den Kleinen aktiviert hatte, die regelmäßig von anderen Personen als den eigenen Müttern betreut wurden. Dazu wurden die „Fremde Situationen“ von 251 Kleinkindern, die seit ihrer Geburt vorrangig von ihren Müttern betreut worden waren, den „Fremde Situationen“ von 261 Kleinkindern gegenübergestellt, die vom dritten Lebensmonat an mindestens 30 Stunden pro Woche außer Haus betreut wurden. Die Episoden 4 und 6 der „Fremde Situation“ sollten hierbei besonders aufschlussreich sein. Da hatten die Mütter ihr Kind im Raum zurückgelassen, wo es mit der Fremden zurückblieb (Episode 4) oder ganz allein auf sich gestellt war (Episode 6). Für die Vermutung, dass die tagesbetreuten Kinder in diesen beiden Episoden weniger gestresst als andere Kinder reagieren würden, fanden die Experten keine Anhaltspunkte. Die „Fremde Situation“ hatte folglich das Bindungssystem der trennungsgewohnten Kleinen in der gleichen Weise aktiviert wie das der anderen Kinder. Die Bindungssicherheit zur Mutter konnte damit bei allen Kindern auf der Grundlage der „Fremden Situation“ bewertet werden.

Die zentrale Frage aber war, ob bestimmte Betreuungsbedingungen die Bindungssicherheit eines Kindes gefährden? Die Antwort ist NEIN. Weder irgendeine bestimmte Art der nichtmütterlichen Betreuung, noch deren Qualität, noch der Beginn und die Anzahl der Stunden hatten einen Einfluss auf die Bindungsqualität der Kinder zu ihren Müttern. Allein die Feinfühligkeit der Mutter und ihre eigene Betreuungsqualität bestimmte die Qualität der Mutter-Kind-Bindung. Danach hatten sensitive Mütter eine sichere Bindungsbeziehung zu ihren Kindern unabhängig davon, welche Betreuungserfahrungen die Kinder außerdem noch machten. Die Mutter-Kind-Beziehung zeigte sich als unsicheres Bindungsmuster besonders ausgeprägt, wenn die Mutter nicht feinfühlig genug und die Betreuung zu Hause insgesamt schlecht war, das Kind in einer Kindereinrichtung von unangemessener Qualität betreut wurde und mehr als zehn Stunden dort verbrachte. Schlechte mütterliche Betreuung in Verbindung mit schlechter nichtmütterlicher Betreuung hatte damit eine besonders negative Wirkung auf die Mutter-Kind-Beziehung.

Kommunikationsfreudig, aufgeweckt und schlau
Die „Child Care Research“ der vergangenen Jahre hat immer wieder gezeigt, dass familienbetreute Kinder keine grundständig andere intellektuelle und sprachliche Entwicklung nehmen als tagesbetreute Kinder. Dies berichtet unter anderem eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2000, die unter der Leitung von Nurit Yirmiya an der Hebrew University of Jerusalem/Israel entstand und über 59 Studien aus den USA, Europa und Israel zusammenfasst. Yirmiya hatte einzelne Studien bis in die 1960er Jahre zurückverfolgt und Kinder mit und ohne öffentliche Betreuungserfahrungen in ihrer intellektuellen und sprachlichen Entwicklung verglichen. Sie fand im Endergebnis keine Unterschiede. Allerdings waren die Einzelvergleiche ausgesprochen unterschiedlich ausgefallen, und es zeigte sich, dass dies eindeutig etwas mit der Qualität der Betreuung zu tun hatte. Während es bei schlechter öffentlicher Betreuung durchaus vorkam, dass der Vergleich zwischen tages- und familienbetreuten Kindern zu Ungunsten der öffentlichen Betreuung ausfiel, zeigte eine exzellente öffentliche Betreuungseinrichtung das Gegenteil, nämlich positivere Auswirkungen auf die intellektuelle Entwicklung der Kinder, die dort betreut wurden.

Besonders aber profitieren Kinder aus anregungsarmen Familien von guter öffentlicher Betreuung, wie dies das ABC-Schützen-Interventionsprogramm (Abecederian Early Intervention Project) aus North Carolina zeigt, das aus den 1970er Jahren stammt. Die Mehrheit der Kinder, die in dieses Projekt aufgenommen wurden, hatten alleinerziehende Mütter, die zu 98 Prozent Afroamerikanerinnen waren und von Sozialhilfe lebten. Die Kinder besuchten vom frühen Säuglingsalter an Kindereinrichtungen von hoher Betreuungsqualität, die auch spezielle Entwicklungsförderungen anboten. Die Projektkinder wurden später mit Kindern einer Kontrollgruppe verglichen, die aus den gleichen Nachbarschaften und Familienmilieus kamen. Nach über 20 Jahren Langzeituntersuchung waren nach Intelligenztestungen die Projektkinder mit durchschnittlich 4.4 Punkten Zuwachs intelligenter als die Kinder aus der Kontrollgruppe. Folgerichtig kam es bei den Projektkindern dann auch sehr viel häufiger vor, dass sie das College besuchten oder besucht hatten (36 Prozent versus 14 Prozent) und Facharbeiter wurden (47 Prozent versus 27 Prozent), während die Kinder der Kontrollgruppe mehrheitlich ungelernt blieben.

Auf der Suche nach den bestmöglichen Betreuungsbedingungen für die Entwicklung von Denken und Sprache in den ersten drei Lebensjahren analysierte das NICHD-Team in systematischer Weise die Bayley-IQs sowie das Sprachniveau der Kinder. Beide Entwicklungsbereiche wurden mehrfach, nämlich im Alter von 15, 25 und 36 Monate erhoben. Diese Werte wurden dann in Verbindung mit den folgenden Betreuungsarrangements unter die Lupe genommen: (1) Kindereinrichtung, (2) Tagesmutter, (3) Kindermädchen (oder auch Großmutter und Vater), (4) sowie eine ausschließlich mütterliche Betreuung. Dabei war auch die Einschätzung der Qualität dieser vier Betreuungsvarianten wichtig. Hierbei wurden das aufmerksame und angemessene Reagieren der Betreuungsperson und ihr freundliches und emotionale warmes Verhalten in den Mittelpunkt gestellt. Die Betreuungspersonen sollten auf keinen Fall einschränkend oder gar belästigend sein. Sie sollten anregen und sich durch einen kindgemäßen sprachlichen Umgang auszeichnen.

Für das NICHD-Team waren insbesondere die Unterschiede zwischen den Kindern interessant, die in öffentlichen Kindereinrichtungen betreut wurden im Vergleich zu den Kindern aus allen anderen Betreuungsarrangements. Man wollte damit Befürchtungen entgegentreten, nach denen ein Kleinkind in einer öffentlichen Einrichtung nicht genügend Anregungen erhalten könnte und dort „untergehen“ würde. Auf den ersten Blick scheinen diese Befürchtungen unbegründet, da es das erklärte Ziel öffentlicher Kindereinrichtungen ist, nun gerade die Denk- und Sprachentwicklung der Kinder mit gut ausgebildeten Erzieher(inne)n und gut begründeter Curricula zu fördern. Andererseits ist die frühe Denk- und Sprachentwicklung des Kindes jedoch an feinfühlige Vermittlungen gebunden, mit denen sich die öffentliche Betreuung wirklich schwer tut. In der NICHD-Studie waren die niedrigen Werte der Feinfühligkeit bereits eher in öffentlichen Einrichtungen als bei Tagesmüttern, Kindermädchen oder gar in der Betreuung durch die eigene Mutter beobachtet worden. Weil jedoch die Feinfühligkeit grundlegend ist, um ein Kind überhaupt für die geistige und sprachliche Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu begeistern und es zu befähigen, die nötigen Anregungen durch andere später auch selbst einzufordern, musste bei der Analyse der Entwicklungsergebnisse zu Sprachen und Denken nicht nur die Art des Betreuungsarrangements (Kindereinrichtung oder anderswo?), sondern auch ihre Qualität berücksichtigt werden.

Insgesamt wurde deutlich, dass die Feinfühligkeit und der stimulierende Umgang durch die Mütter und die Betreuer(innen) einen durchgängig fördernden Einfluss auf den Erwerb von Denk- und Sprachfähigkeit der Kleinen hatten. Besonders bemerkbar machte sich dabei die Qualität der Kommunikation. Ob und wie Mütter und die Betreuer(innen) auf die kindlichen Äußerungen antworteten, wie sie auch selbst Fragen stellten, war von bedeutendem Einfluss auf die Verwendung der ersten Worte und den Wortschatz der Kinder. So gesehen war es für die Bayley-IQS und Sprachstandseinschätzung des Kindes unerheblich, ob die Betreuung mit anderen Personen als der Mutter oder nur mit der Mutter stattfand. Waren die Betreuungspersonen feinfühlig, waren auch die Bayley-IQs und die Sprachniveaus der Kinder gut. Als das NICHD-Team später die nichtmütterlichen Betreuungsarrangements analysierte, hatten die Kindereinrichtungen die Nase vorn. Kinder, die dort betreut wurden, hatten einfach bessere Bayley-IQs und wurden im Hinblick auf ihre Sprachkompetenz besser eingeschätzt als Kinder, die von Tagesmüttern oder Kindermädchen betreut wurden. Dass die öffentlichen Kindereinrichtungen prinzipiell bessere Effekte auf die intellektuelle und sprachliche Entwicklung als andere Betreuungsarrangements haben können, erklärte das NICHD-Team damit, dass die Kinder von vielen, unterschiedlich sprechenden Personen umgeben sind, die sie verstehen müssen und denen sie sich verständlich machen wollen. In Kindereinrichtungen sind die Kinder auch mit mehr Kindern als anderswo regelmäßig konfrontiert, mit denen sie sich sprachlich auseinandersetzen müssen. Außerdem haben öffentliche Einrichtungen in der Regel mehr Möglichkeiten als andere Betreuungsarrangements, eine breitere Auswahl von Spielzeugen anzubieten und musisch-künstlerische, sportliche und abenteuerliche Ereignisse zu organisieren.

Interessanterweise waren die intellektuellen und sprachlichen Kompetenzen der Kinder mit einer Ganztagsbetreuung in einer guten Kindereinrichtung jedoch auch nicht besser entwickelt als bei einer Halbtagsbetreuung. Doch wenn die Kleinen eine exzellente öffentliche Betreuung erst im neunten Lebensmonat begonnen hätten, hätten sie wahrscheinlich noch mehr in ihren Sprach- und Denkfähigkeiten zugelegt. Zu diesem Schluss kommt Jeanne Brooks-Gunn vom Teachers College an der Columbia University/USA, die sich in den USA für eine Erweiterung des Mutterschutzes stark macht, der für nur weniger als drei Monate nach der Geburt eines Kindes gewährt wird. Ihre Analyse unterstreicht, dass eine exzellente mütterliche Betreuung in den ersten Lebensmonaten des Kindes eben noch besser ist als eine exzellente öffentliche Kindereinrichtung, in der es zwangsläufige Einschränkungen im Hinblick auf eine individualisierte Betreuung des Kindes gibt.

Unausgeglichen und aggressiv oder frech und entschlossen?
Kindergruppen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass die Kinder zeitgleich die vielfältigsten Aktivitäten entfalten, die nicht immer koordiniert sind. Sie reden aufeinander ein und haben oft Schwierigkeiten, ihre Missverständnisse aufzulösen, so das sich ihre Gespräche dann typischerweise aufschaukeln. Das Geschehen ist für Betreuer(innen) wie Kinder eine Herausforderung, die seit den 1990er Jahren auch in der Stressforschung thematisiert wird. Zwei Meta-Analysen über „Stress and Child Care“ fanden übereinstimmend, dass öffentliche Kindereinrichtungen, die das Gruppengeschehen nicht in den Griff kriegen, zusätzliche Stresswirkungen für die Kinder mit sich bringen. Während das Stresshormon Cortisol am Morgen in großen Mengen ausgeschüttet wird und die Werte dann über den Tag stetig abnehmen, scheint dieser Prozess nur zögerlich vonstatten zu gehen, wenn sich die Kinder in einer Kindereinrichtung befinden. Sie kommen dann mit erhöhten Cortisol-Werten nach Hause, die ausbalanciert werden müssen. Muss man deshalb davon ausgehen, dass tagesbetreute Kinder unausgeglichener als familienbetreute Kinder sind?

Tatsächlich gab es immer mal wieder vereinzelte Berichte von Müttern, die über heftigere Wutausbrüche und häufiges Weinen klagten, wenn sie ihre Kinder aus der Einrichtung abholten. Ihnen schien es auch, als ob ihre Kinder mit Frustrationen schlechter umgehen können als Kinder, die zu Hause betreut wurden. Diese Beobachtungen sind leider hochgradig davon abhängig, wie groß die eigene Frustrationstoleranz ist: Ist sie gering, könnten bereits kleine Abweichungen von einem erwarteten Verhalten als problematisch bewertet werden. Deshalb ist es wichtig, dass mehrere Personen das Verhalten eines Kindes einschätzen oder unabhängige Beobachter die Verhaltensprobleme aufspüren. In eigener Forschung haben wir deshalb einjährige Kleinkinder in Berliner Familien beobachtet, die zu Hause betreut wurden oder in eine Krippe gingen. Die kindlichen Erfahrungen eines gesamten Tages wurden mit und ohne Krippenaufenthalt protokolliert. Danach konnten wir auch die Stresssignale (Weinen und Quengeln) der Kinder in einem vollständigen Tagesablauf einordnen. Während das Weinen eher sporadisch entstand, schien Quengeln unterschiedliche Funktionen in Abhängigkeit von Tageszeit und Betreuungsort zu haben. Die tagesbetreuten Kinder quengelten danach kaum in der Einrichtung, jedoch sehr ausgeprägt, nachdem sie von ihren Müttern abgeholt wurden. Wahrscheinlich wollten sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter nun endlich für sich einfordern. Die Studie fand keine Belege dafür, dass tagesbetreute Kindern generell übellauniger als familienbetreute Kinder waren.

Um ein Verhalten von Kindern im Allgemeinen danach beurteilen zu können, ob dies „normal“ für ein bestimmtes Alter ist, hat Thomas Achenbach von der University of Vermont in Burlington/USA bereits Ende der 1980er Jahre ein einheitliches System zur Beurteilung von Verhaltensproblemen im Kindes- und Jugendalter entwickelt. Die „Child Behavior Checklist“ erfasst soziale Probleme, Aufmerksamkeitsstörungen und fehlangepasstes Verhalten. Für den Altersbereich von vier bis 18 Jahren existieren zwei verschiedene Fragebögen, einen für Eltern (Child Behavior Checklist, CBCL) und einen für Erzieher(innen) (Teacher Report Form, TRF). Die Fragebögen wurden mittlerweile in 58 Sprachen übersetzt, kommen damit weltweit zum Einsatz und wurden auch in der NICHD-Studie ausgefüllt; von den Müttern und Betreuer(inne)n der Kinder, als diese vier und zwölf Jahre alt waren.

Als das NICHD-Team die ersten Fragebögen auswertete, fand es heraus, dass Kindergartenkinder, die schon seit ihrer frühesten Kindheit außer Haus betreut wurden und dort täglich viele Stunden blieben, zu problematischen Verhaltensweisen neigten. Es war auf einem Symposium der Konferenz der renommierten SRCD (Society for Research in Child Development) im April 2001 in Minneapolis/USA, auf dem diese neuesten Ergebnisse aus der Studie vorgestellt wurden. Sie lösten eine so heftige Debatte unter den Experten wie anwesenden Journalisten aus, dass das NICHD-Team versprechen musste, diese Ergebnisse noch einmal sorgfältig zu überprüfen. Seit ihren Veröffentlichungen im Jahr 2003 und 2007 steht es nun schwarz auf weiß: Im Alter von etwa viereinhalb Jahren wurden die nichtmütterlich betreuten Kinder der NICHD-Studie von ihren Kindergärtnerinnen und Tagesmüttern oder anderen privaten Betreuer(inne)n aggressiver und ungehorsamer eingeschätzt. Die eigenen Mütter empfanden ihre Kinder allerdings in ihrem Verhalten eher entschlossen. Als aggressiv wurde ein Kind eingeschätzt, wenn es dazu neigte, Spielzeug mutwillig kaputt zu machen, Konflikte mit den anderen Kindern anzuzetteln, sie zu bedrohen oder auch schnell handgreiflich zu werden. Als ungehorsam empfand man Kinder, die auf Anweisungen nicht reagierten, eine erwartete Teilnahme verweigerten, zu Trotzanfällen neigten und die Gruppenaktivitäten regelmäßig störten. Als entschlossen verstand man schließlich Kinder, die viel debattierten, immer wieder Zugeständnisse einforderten, viel Aufmerksamkeit wollten und auch prahlten.

Diese Verhaltensweisen waren außerdem vor allem bei den Kindern ausgeprägt, die in öffentlichen Kindereinrichtungen betreut wurden. Die Werte lagen jedoch noch im Normbereich. Deshalb hat sich ihre Interpretation zu einer Glaubensfrage entwickelt: Die Optimisten rücken die Entschlossenheit der Kindern in das Zentrum der Betrachtung und sprechen von einer Übergangsphase der leicht aggressiven Tendenzen mit „Vergänglichkeitseffekt“, in der sich ein starkes Selbstbild herausbilde. Die Pessimisten schauen dagegen auf Aggression und Ungehorsamkeit und sprechen von einem „Schlummereffekt“ innerhalb einer Verhaltensentwicklung, mit der sich in ein paar Jahren seriöse Verhaltensprobleme herauskristallisieren könnten. Um diese Langzeitperspektive etwas besser einschätzen zu können, konnte das Verhalten der Kinder glücklicherweise noch einmal analysiert werden, als die gleichen Kinder zwölf Jahre alt waren. Die Lehrer(innen) der Kinder schätzten dieses Mal das Verhalten ein. Sie berichteten über die gleichen Verhaltensprobleme, allerdings jetzt nur noch bei Kindern, die im Verlauf ihrer Frühentwicklung öffentliche Kindereinrichtungen in Anspruch genommen hatten. Mit anderen Worten: Nicht schlichtweg frühe Außerhaus-Betreuung, sondern die Betreuungserfahrungen aus öffentlichen Kindereinrichtungen schienen sich noch immer auf das Verhalten der Kinder auszuwirken.

Da kaum jemand gern mit Kindern zusammen ist, die sich nicht an verbindlichen Verhaltenserwartungen orientieren können und schon gar niemand ein Verhalten begünstigen will, das bevorzugt durchsetzend-aggressiv und weniger prosozial-empathisch ist, wird dieser Teil der NICHD-Studie noch immer diskutiert. Weltweit hält eine Experten-Diskussion an, die insbesondere die Qualitätsmerkmale von öffentlichen Kindereinrichtungen im Visier hat. Weil eine schlechte Qualität in öffentlichen Kindereinrichtungen die Verhaltensprobleme noch verstärken, muss auf jeden Fall an dieser Stelle angesetzt werden. In großen Kindergruppen eskalieren nun mal die Konflikte schneller und mit ungünstigen Erzieher(innen)-Kind-Schlüsseln gibt es kaum Möglichkeiten, sie zu regulieren oder schon im Vorfeld zu unterbinden. Auch wenn die Erzieherinnen fähig und willens sind.

Der Beitrag ist die gekürzte Fassung des Kapitels „Entwicklungschancen – Entwicklungsrisiken“ in: Lieselotte Ahnert: Wieviel Mutter braucht ein Kind? Spektrum Akademischer Verlag 2010. Wir danken dem Verlag für die Genehmigung.

Prof. Dr. Lieselotte Ahnert ist Inhaberin des Lehrstuhls für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien.