Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

KINDER!
Ein Film über das Lerngenie der Kinder

Was brauchen Kinder um zu lernen? In welcher Umgebung fühlen sie sich wohl und warum? Was können Kinder leisten und was trauen wir ihnen zu? Wann behindern wir sie in ihren Lernprozessen und wodurch? Wie kann Lernen in Institutionen gefördert werden?

Vor dem Hintergrund schlechter PISA-Ergebnisse und der so genannten Bildungskatastrophe ist die frühkindliche Bildung inzwischen in aller Munde. In der Frage wie frühkindliche Bildung funktionieren kann scheint es jedoch mehr Fragen als Antworten zu geben. Der Film „KINDER!“ von Reinhart Kahl zeigt anhand von Beispielen, dass trotz zahlreicher offener Fragen beeindruckende Erfolge möglich sind.
Im Kreuzberger INA.KINDERGARTEN sind die Räumlichkeiten das Besondere. Aus einem ursprünglich als Parkhaus gedachten Gebäude entstand ein großer Kindergarten mit Dachgarten, der die Kinder zum Verweilen einlädt.
Die Kinder in der „Lernwerksatt Natur“ in Mülheim an der Ruhr gestalten ihr Lernen selber und mit allen Sinnen. Die sie beobachtenden Wissenschaftler sind von den ganz eigenen Themen der Kinder überrascht: „Sie nennen das, was sie hier spontan beginnen, Arbeit“, kommentieren sie deren ernsthafte Tätigkeit.
In der Hamburger Kita Tornquiststraße wird der Raum als dritter Erzieher gesehen. Die Kinder können auch innerhalb der Einrichtung klettern, es gibt wenig vorgefertigte Spielmöglichkeiten. Den ganzen Tag über erforschen die Kinder ihre Umgebung und schon den Allerkleinsten wird viel zugetraut.
Beispiele guter frühpädagogischer Praxis werden in dem Film ergänzt durch Statements von Fachleuten aus Pädagogik, Pädiatrie und Neurobiologie, die den Stand ihres Wissens über Lernprozesse bei Kindern darstellen.
Der Film „KINDER!“ regt dazu an, mit Kindern in einen echten Dialog zu treten. Und er zeigt, was Kinder brauchen: Anregungen, keine „fertige“ Umgebung, sondern eher Gestaltungsmöglichkeiten, Vertrauen in die kindlichen Fähigkeiten sowie die Bereitschaft von Erwachsenen, sich auf Unvorhersehbares einzulassen.

Gesine Plessow

Reinhard Kahl
KINDER!
Ein Film über das Lerngenie der Kinder
4 DVD`s mit Booklet
Januar 2009
BELTZ Verlag
38,00 €

Grundlagen der Bindungstheorie

Ein zentrales Merkmal der Bindungstheorie besteht darin, dass sich ihre Annahmen auf beobachtbare Verhaltensweisen stützen können. Umso mehr verwundert es, dass die zahlreich vorhandenen Videoaufzeichnungen aus dem Bereich der Bindungsforschung bisher kaum den Weg über eng begrenzte Fachzirkel hinaus in die breite (Fach-)Öffentlichkeit gefunden haben. Ein an der Universität Köln entstandener Film macht nun den lange erwarteten Anfang.

Als der Kinder- und Jugendpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby nach dem Zweiten Weltkrieg die Leitung der Kinderabteilung der Londoner Tavistock Clinic übernahm, war eine seiner ersten Entscheidungen, sie in Klinik für Eltern und Kinder umzubenennen. Die damit verbundene Verschiebung der Aufmerksamkeit von den innerpsychischen Prozessen des Kindes hin zur Interaktion mit seinen wichtigsten Bezugspersonen kann als symbolische Geburtsstunde der Bindungsforschung verstanden werden. Aufbauend auf historischen Details wie diesem bietet der von Rüdiger Kißgen konzipierte und zusammen mit dem Netzwerk Medien der Universität zu Köln produzierte Film „Bindungstheorie und Bindungsforschung“ einen profunden Überblick über Entstehung und Grundlagen der Bindungstheorie. Die Liste der mehr als zwanzig Mitwirkenden liest sich wie das Who`s who der deutschsprachigen Bindungsforscher: Lieselotte Ahnert, Fabienne Becker-Stoll und Karl-Heinz Brisch sind ebenso dabei wie Martin Dornes, Éva Hédervári-Heller, Lotte Köhler, Gottfried Spangler, Ute Ziegenhain und Peter Zimmerman, um nur einige zu nennen. Eine besondere Rolle nehmen Klaus und Karin Großmann ein, die kenntnisreich die wichtigsten Begriffe der Bindungstheorie erläutern, diese in historische Forschungszusammenhänge einordnen und darüber hinaus Originalaufnahmen mit John Bowlby eingebracht haben.
Der Film über die Grundlagen der Bindungsforschung – ein zweiter Teil über ihre Anwendungen ist bereits angekündigt – ist ein „Muss“ für all diejenigen, die sich aus erster Hand über diesen wichtigen Forschungsbereich informieren wollen.

Dr. Jörg Maywald

Rüdiger Kißgen
Bindungstheorie und Bindungsforschung
DVD
Netzwerk Medien der Universität zu Köln, 2008
34,90 €