Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Das Kind lernt sich im Spiegel seiner Eltern kennen“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Prof. Dr. Mechthild Papoušek, Psychiaterin und Gründerin der Forschungs- und Beratungsstelle Frühentwicklung und Kommunikation (Münchner Sprechstunde für Schreibabys) am Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München

Maywald: Wenn Sie einem jungen Kind begegnen, wie entsteht dann der Kontakt und wie gestaltet sich Kommunikation?

Papoušek: Ich suche mich auf seine Ebene zu begeben, warte ein wenig, bis es mir einen Blick schenkt, lächle und spreche es an. Ich lasse ihm Zeit, mir zu zeigen, ob es offen ist für einen Kontakt. Ich lasse mich ein, lasse mich von ihm leiten und greife auf, womit es soeben beschäftigt ist, wofür es sich interessiert. Am besten gelingt die Verständigung, wenn ich mich im Vertrauen auf meine Intuition vom Kind leiten lasse.

Maywald: Von dem Philosophen Martin Buber stammt der Satz: Der Mensch wird am Du zum Ich. Lässt sich dies entwicklungspsychologisch belegen?

Papoušek: In der Sprache der Entwicklungspsychologie geht es um die Entwicklung des Säuglings und Kleinkindes aus einer primären intersubjektiven Bezogenheit mit seinen Eltern heraus zu einem seiner selbst bewussten Ich. Bildlich gesprochen lernt sich das Kind im Spiegel seiner Eltern kennen. Für diese faszinierende Entwicklung finden sich in Säuglingsforschung und Neurobiologie immer mehr empirische Belege. Die Anfänge liegen in der frühen Zwiesprache des Säuglings mit seinen Eltern, in der die Nachahmung eine zentrale Rolle spielt, die lange Zeit unerklärbare angeborene Nachahmungsfähigkeit des Neugeborenen ebenso wie die intuitive elterliche Bereitschaft, das mimische und stimmliche Ausdrucksverhalten zu „spiegeln“. Indem die Eltern Mimik, Laute und Gesten nachahmen, geben sie die von Joachim Bauer so eindrucksvoll beschriebene Botschaft „ich fühle, was du fühlst“. Lange bevor das Baby sein inneres Erleben bewusst wahrnehmen kann, sind es die Eltern, die aus seinem Ausdrucksverhalten seine Bedürfnisse, Gefühle und Absichten ablesen, sie in sich aufnehmen, deuten, zurückspiegeln und beantworten. In solchen Augen-Blicken der Begegnung kann der Säugling den gespiegelten Ausdruck seines Gegenübers zu seinem eigenen Verhalten und Befinden in Beziehung setzen. Die Eltern bilden somit – dank ihrer intuitiven Kommunikationsfähigkeiten – den intersubjektiven Interaktionsraum, in dem das Kind in den folgenden Entwicklungsphasen seiner Gefühle, Absichten und inneren Welt schrittweise gewahr und schließlich bewusst werden kann. Mit der Entdeckung der Spiegelneurone bietet die Neurobiologie heute ein fassbares Erklärungsmodell für die faszinierenden Entwicklungsprozesse des Kleinkindes „am Du zum Ich“.

Maywald:Wenn von Kommunikation die Rede ist, wird vor allem an sprachliche Verständigung gedacht. Welche anderen, nicht-sprachlichen Formen der Kommunikation sind für ein Kind bedeutsam?

Papoušek: Alle wahrnehmbaren Verhaltensformen kommen als Verständigungsmittel in Frage. Sie geben Aufschluss über körperliche und seelische Befindlichkeiten, momentane Interessen, Aufnahme- und Kontaktbereitschaft, Gefühle und Absichten des Gegenübers. Auch die sprachliche Kommunikation ist auf nonverbale Ausdrucksformen angewiesen, auf Blickverhalten, Mimik, Körpersprache und die Sprechweise mit ihren reichen Ausdrucksmöglichkeiten. Genau dies sind die Attribute, die wir als Eltern und Betreuer im Zwiegespräch mit einem Säugling unbewusst hervorheben und vereinfachen und damit auf die noch begrenzten kindlichen Wahrnehmungsfähigkeiten abstimmen. In der Zwiesprache mit einem Säugling schärfen wir darüber hinaus alle Sinne, um seine noch unverbrämte Körpersprache aufzunehmen, Geruch, Farbe und Feuchtigkeit der Haut, Atmung, Körperhaltung, Muskelspannung und Spontanbewegungen.

Maywald: Die Eltern sind in der Regel die wichtigsten Dialogpartner ihres Kindes. Welche Rolle spielen weitere Personen wie zum Beispiel Großeltern, Geschwister, die Tagesmutter oder eine Krippenerzieherin?

Papoušek: Großeltern, Tagesmutter oder Erzieherin, Geschwister oder andere Familienangehörige und Paten bieten nicht nur eine meist willkommene Entlastung für die Eltern. Sie sind auch eine Bereicherung für das Kind. Und sie gewinnen an Bedeutung, wenn sie sich auf eine dyadische Beziehung mit dem Kind einlassen; d. h., wenn sie sich Zeit nehmen für Zwiegespräch und Spiel mit dem Kind, sich in regelmäßigen Kontakten mit dem Kind vertraut machen und schließlich auch in Belastungssituationen in Abwesenheit der Eltern Trost und Sicherheit vermitteln können. Dies wird erleichtert, wenn zwischen ihnen und den Eltern ein für das Kind erlebbares Einvernehmen besteht. Sie können in Krisen- und Belastungszeiten, z. B. einer psychischen Erkrankung der Mutter, kompensatorisch die Funktion einer weiteren wichtigen Bindungsperson übernehmen.

Maywald:Inwieweit unterscheidet sich die Beziehung des jungen Kindes zur Mutter von der zum Vater?

Papoušek: Die Mutter hat dank ihrer biologischen Rolle und körperlichen Bezogenheit während Schwangerschaft und Stillzeit in der Beziehungsaufnahme und Kommunikation mit ihrem Baby einen Vorsprung gegenüber dem Vater. Dieser Vorsprung kann den Vater entmutigen, von früh auf regelmäßig Kontakt mit dem Baby aufzunehmen. Gelingt es ihm dennoch, so überwiegen unseren Untersuchungen nach die Ähnlichkeiten im intuitiven Kommunikationsverhalten mit dem Kind. Wird das Baby älter und robuster, so treten beim Vater häufiger Spaß und aufregende Körperspiele – rough-and-tumble play – zu Tage, während die Mutter weniger spekulativen, ruhig-ausdauernden Zwiegesprächen und Spielen zuneigt. Diese in der älteren Säuglingsforschung erhobenen Unterschiede hängen jedoch neben anderen Bedingungsfaktoren weitgehend von der Rollenverteilung zwischen den Eltern und ihrem Betreuungsstatus ab. Für die frühkindliche Entwicklung sind Beziehungserfahrungen mit Mutter und Vater vom Säuglingsalter an bedeutsam. Sie ermöglichen es dem Baby, sich mit den geschlechtsbedingten Unterschieden von Mann und Frau in Körperbau, Temperament, Neigungen und biographischen Prägungen vertraut zu machen.

Maywald: Die rasante Entwicklung in Deutschland von Beratungsstellen zur Frühentwicklung von Kindern hat den enormen Bedarf an Hilfen für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern deutlich gemacht. Sind Eltern im Umgang mit ihrem Kind heutzutage tatsächlich unsicherer oder sind die Ansprüche an Erziehung gestiegen?

Papoušek: Ich freue mich sehr über die stetig wachsende Zahl von qualifizierten Beratungsstellen und frühen Hilfen, auch wenn sie in Anbetracht des hohen Bedarfs in allen Bevölkerungsschichten längst nicht ausreichen. Die Zunahme von Anlaufstellen für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern hat zunächst einmal mit der seit langem überfälligen, langsam-stetigen Fort- und Weiterbildung von Fachkräften für den Frühbereich zu tun, aber auch mit einer gewachsenen Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
Die Verunsicherung von Eltern im Umgang mit ihrem Kind ist wohl Hand in Hand mit den Ansprüchen und Erwartungen an die elterlichen Beziehungs- und Erziehungsfähigkeiten gestiegen. Vermutlich waren die Ansprüche an Erziehung auch in früheren Generationen nicht gering – und dies bei noch äußerst geringem Wissen über die frühkindlichen Entwicklungsbedürfnisse. Umso klarer und eindeutiger waren die von Gesellschaft und Fachleuten sanktionierten Erziehungsziele und Umgangsformen mit dem Kind. Ein frühes Beispiel ist das Füttern nach einem strengen, normierten Zeitplan, ohne Rücksicht auf die individuelle Variabilität der kindlichen Bedürfnisse. Inzwischen ist das Wissen um psychobiologische Grundlagen, Risiken und Bedeutung der frühen Eltern-Kind-Beziehungen enorm gewachsen. Wir haben viel gelernt über Erziehung und Beziehung in ihrem wechselseitigen Zusammenhang, über kindliche Kompetenzen, Selbstwirksamkeitsbedürfnisse und Individualität, was jedoch die Ansprüche an Erziehung eher gesteigert hat. Und es ist schwerer geworden, allgemein verbindliche Regeln und Erziehungsempfehlungen zu formulieren. Ausdruck dessen ist der überbordende Markt an Elternliteratur, Ratgebern, widersprüchlichen Empfehlungen und medialen Förderprogrammen, dem die Eltern von Beginn der Schwangerschaft an ausgesetzt sind. Erziehung ist dabei zu einer unsicheren Gratwanderung geworden, mit dem Risiko, auf der einen Seite in Richtung autoritärer Strenge und Gewalt, auf der anderen in Richtung eines resignativen Laissez-faire-Stils abzurutschen. Unsicherheit und Ängste zu versagen, zu traumatisieren, etwas falsch zu machen oder zu versäumen erschweren es den Eltern, sich in der Erziehung auf Kommunikation und Beziehung mit ihrem Kind einzulassen. So erfreulich die Zunahme und Verbreitung gesicherten Wissens über die frühe Kindheit ist, umso bedauerlicher ist die damit unnötigerweise einhergehende Verunsicherung.

Maywald: Ein kleiner Teil hoch belasteter Eltern benötigt intensive Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Wie sollte solche Hilfe aussehen und ist gelingende Kommunikation mit Kindern überhaupt lernbar?

Papoušek: Wir gehen davon aus, dass auch bei hoch belasteten Eltern biologisch verankerte Bereitschaften und Fähigkeiten zur intuitiven Kommunikation mit ihrem Baby oder Kleinkind bestehen, die jedoch unter dem Einfluss ihrer eigenen Beziehungsgeschichte sowie aktueller psychosozialer Belastungen gehemmt, blockiert, verschüttet oder anderweitig außer Kraft gesetzt sein können. Erziehungshilfen sollten daher, womöglich mit Hilfe von Videobeispielen und Videofeedback, an Kommunikation und Beziehung ansetzen. Es liegt an uns Fachkräften in Beratung und Therapie, diese oft verborgenen Fähigkeiten im Umgang und Spiel mit dem Kind aufzuspüren und zu stärken.
Kann es gelingen? In vielen Fällen ja, aber der Einsatz kann hoch sein, um die häufig schicksalhafte transgenerationale Weitergabe von hoch belasteten Beziehungserfahrungen und Traumatisierungen zu durchbrechen. Es bedarf dazu qualifizierter Fachkräfte, die sich auf eine wertschätzende, empathische, Wärme und Sicherheit vermittelnde therapeutische Beziehung mit Eltern und Kind einlassen und damit den Eltern ermöglichen, sich ihrerseits emotional auf Begegnung und Verständigung mit ihrem Kind einzulassen. Es gibt dazu bereits eine Reihe evaluierter Programme, wie zum Beispiel Babysprechstunden; Wait, watch, and wonder; STEEP; Obstapje; traumatherapeutische Interventionen. Sie sind dann besonders wirksam, wenn sie aufsuchende Hilfen, videogestützte Kommunikations- und Beziehungstherapie und alle erforderlichen Interventionen zur Entlastung und Unterstützung bei der Bewältigung aktueller psychosozialer Probleme einschließen.

Maywald:Was halten Sie von der Idee, Jugendliche bereits in der Schule auf Partnerschaft und Familienleben vorzubereiten?

Papoušek: Mancherorts gibt es bereits positive Erfahrungen. So kann es engagierten Fachkräften, etwa aus Familienberatungsstellen, gelingen, auch Jugendliche in Hauptschulen und Berufsschulen für so wichtige Themen und Herausforderungen wie die eigene Entwicklung und Lebensplanung, Beziehungs- und Partnerschaftswünsche, uneingestandene Träume von eigenen Kindern und Familie, Erziehungsvorstellungen und Verantwortung zu öffnen. Entwicklungs- und Familienpsychologie, insbesondere die frühen Bindungsbeziehungen, Elternschaft und Erziehungsfragen, gehören aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die aktuelle und spätere Lebensgestaltung junger Menschen nicht nur einmal, sondern wiederholt in die schulischen Lehr- und Bildungspläne. Dies könnte und sollte mit „Baby-watching“ im Kindergarten beginnen, während der Grundschulzeit in der Latenzphase der Vorpubertät, in der viele Mädchen und Jungen ein spontanes Interesse für kleine Kinder zeigen, weitergeführt werden; und schließlich jenseits der Pubertät mit Fokus auf oben genannte Themen von erfahrenen außerschulischen Fachkräften aus Familien- beziehungsweise Erziehungsberatungsstellen erneut aufgegriffen und bearbeitet werden.

Maywald:Sollten junge Eltern – oder ein Teil von ihnen – Ihrer Meinung nach dazu verpflichtet werden, Elternkurse zu besuchen?

Papoušek: Im Rahmen von Jugendhilfeplänen bei drohender Vernachlässigung oder Misshandlung ist die Verpflichtung zum Besuch eines Elternkurses ein häufiger Baustein. Verpflichtung und Zwang sind im Allgemeinen jedoch kaum in der Lage, Eltern wirksam und nachhaltig dafür zu gewinnen, dass sie sich auf die Inhalte eines Elternkurses einlassen. Es gehört zu den häufig unlösbaren Problemen der Jugendhilfe, wie gerade die Familien zur Inanspruchnahme bereitstehender früher Hilfen motiviert werden können, die sie besonders benötigen.

Maywald: Die gestiegene Aufmerksamkeit, die Themen der frühen Kindheit in der Öffentlichkeit gegenwärtig erfahren, wird zumeist damit begründet, den Schutz der Kinder zu verbessern. Ist dies Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz?

Papoušek: Kinder zu schützen vor ihren Eltern in Fällen drohender oder aktueller Deprivation und Misshandlung ist leider unverzichtbar. Viel wichtiger aber scheint mir ein präventiver Ansatz bei und mit den Eltern; sie zu entlasten und zu stärken, möglichst frühzeitig Überforderung, Belastungen und Störungen von Kommunikation und Beziehung zu erkennen und die Eltern je nach Bedarf für beziehungsfördernde, kommunikations- und beziehungstherapeutische oder auch psychotherapeutische Hilfen zu gewinnen. Dafür braucht es im Bereich der frühen Hilfen ohne Frage nicht nur ein Auffangnetz, sondern auch sehr viel mehr qualifizierte Eltern-Kleinkind-(Psycho)therapeuten.

Maywald: Die Politik in Deutschland versucht Anreize zu setzen, damit junge Paare sich früher als bisher für Kinder entscheiden, zum Beispiel bereits während ihres Studiums oder einer Berufsausbildung. Halten Sie dies für sinnvoll oder ist es für Kinder günstiger, wenn ihre Eltern bereits über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen?

Papoušek: Beide Alternativen haben ihre Vorzüge und Nachteile. Eine generelle Empfehlung ist beim heutigen Wissensstand weder möglich noch sinnvoll. Im Grunde kommt es darauf an, dass die Entscheidung für ein Kind – zu welchem Zeitpunkt auch immer – für beide Partner in ihrer jeweiligen Lebensphase stimmig ist – vor allem in Bezug auf die Stabilität ihrer Paarbeziehung und den beruflichen Werdegang. Verbesserte Rahmenbedingungen wie Krippenbetreuung am Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitsplatz können Paaren die schwierige Vereinbarkeit von Ausbildung, Beruf und Familie in allen Altersphasen erleichtern.