Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühe Kommunikation und triadische Familienbeziehungen

von Kai von Klitzing

Unsere Forschungsgruppe geht davon aus, dass die Triade als die primäre Beziehungsform angesehen werden kann, in die das Kind hineingeboren wird. Bereits mit vier Monaten ist die Fähigkeit des Kindes beobachtbar, in eine Drei-Personen-Beziehung einzutreten und diese eigenständig mit zu gestalten.

In unserer prospektiven Längsschnittstudie an insgesamt 120 Eltern mit ihrem ersten Kind ausgehend von der Schwangerschaft bis hin in das Schulalter konnten wir zeigen, dass der Säugling und das Kleinkind sich bereits von Anbeginn an in triadischen Beziehungen bewegen kann und dass die triadischen Kommunikationen ausgesprochen entwicklungsförderlich sind. Dabei ist es allerdings wichtig, dass Eltern über eigene reiche Erfahrungen mit triadischen Objektbeziehungen – seien sie real oder phantasierter Art – und eine Partnerschaft verfügen, die frei von projektiven Verzerrungen ist, damit sie das Kind mit Hilfe flexibler und triangulärer Phantasien in ihre Beziehungswelt integrieren können.

In unserer Forschungsgruppe haben wir diese triadische Fähigkeit bereits pränatal mittels eines halbstandardisierten psychodynamisch orientierten Erstinterviews mit beiden Eltern erfasst (Triadeninterview). In diesem Interview wurden Themen wie Kinderwunsch, Partnerschaft und Schwangerschaft, Veränderung von Lebensentwürfen im Rahmen der Elternschaft, die phantasmatische Ausgestaltung von Kindsbewegung und Ultraschall sowie die eigenen Erfahrungen der Eltern in der Dreierbeziehung mit ihren Eltern erfasst. Es ist eben ein Unterschied, ob die Eltern ihre Elternschaft mit einem inneren Grundkonzept entwickeln, in dem beide – Vater und Mutter – und auch die elterliche Paarbeziehung wichtig für das Kind sind, oder ob Ausschlusstendenzen gegenüber dem jeweilig anderen Partner im Vordergrund stehen.

Diese im Triadeninterview während der Schwangerschaft mit den Eltern erfassten triadischen Kompetenzen (quantitativ erfasst durch ein standardisiertes Auswertungsverfahren anhand der Videoaufzeichnungen der Interviews) erwiesen sich für einige wesentliche Entwicklungsaspekte beim Kind bis ins Schulalter als prädiktiv. Kinder von Eltern, die eine hohe triadische Kompetenz aufwiesen, zeigten sich in frühen Interaktionssituationen im Alter von vier Monaten („Lausanner Spiel zu dritt“) als flexibler und beziehungskompetenter und sie wiesen im Kindergartenalter weniger Verhaltenssymptome auf. In Interviews mit den vierjährigen Kindern mit Hilfe einer Geschichtenstammmethode wiesen sie weniger Verleugnungstendenzen, eine höhere narrative Kohärenz und weniger dysregulierte Aggression auf.

In jüngsten Auswertungen konnte gezeigt werden, dass die triadische Kompetenz der Eltern sogar wichtige Aspekte der Entwicklung der Kinder im Schulalter voraussagte. So wiesen Kinder von Eltern mit hohen triadischen Kompetenzen wesentlich weniger Angst- und Depressionssymptome und höhere soziale Kompetenzen auf, als Kinder von Eltern mit niedrigen triadischen Kompetenzen. Diese Verhaltenscharakteristika waren nicht nur durch die Eltern, sondern auch von den Kindern selber und von ihren Lehrern eingeschätzt worden. Offensichtlich hatte sich das durch die hohe triadische Kompetenz geprägte günstige Familienklima für die Kinder dahingehend ausgewirkt, dass sie reichhaltigere und flexiblere Beziehungserfahrungen machen konnten und wohl auch im Dialog mit beiden Eltern wesentlich mehr gefördert wurden.

Diese Ergebnisse stärken uns in unserer Ansicht, dass für ein Kind neben der Bindungserfahrung auch die Erfahrung mit sich unterscheidenden und doch harmonisch interagierenden Eltern von allergrößtem Wert ist. Man kann davon ausgehen, dass die Fähigkeit, psychische Vorgänge als solche zu erkennen, sie flexibel zu gestalten und sich auch ein Bild von den Vorgängen im Gegenüber zu machen (reflexive Funktion, Mentalisierungsfähigkeit) sowohl von Sicherheit spendenden und Bedürfnis befriedigenden Bindungserfahrungen als auch von dem Erleben unterschiedlicher Elternfiguren und von wohl dosierten Abwesenheiten des einen Objektes in Anwesenheit des anderen Objektes gefördert werden. Insgesamt ist in der Entwicklungsforschung der Bedeutung der Dreierbeziehung bisher zu wenig Gewicht geschenkt worden.

Aber auch in Therapie und Beratung spielt die triadische Kompetenz eine große Rolle. Wenn beispielsweise ein(e) Therapeut(in) mit einem Kind arbeitet, wird sie/er sich in dieses einfühlen und teilweise mit ihm auch identifizieren. Die therapeutische Bezugsperson muss aber gleichzeitig akzeptieren, dass das Kind auch seine Mutter und seinen Vater hat. Die/der Therapeut(in) wird also nicht nur mit dem Kind konfrontiert, sondern auch mit der Mutter und dem Vater und der elterlichen Beziehung. Wenn sie/er nun innerlich die Phantasie hat, dass sie/er selbst die bessere Elternfigur wäre und damit die realen Eltern ausschließt, ist die Kooperation und damit die Therapie meist zum Scheitern verurteilt.

Auch Pädagogen beispielsweise in Kinderkrippen werden immer wieder damit konfrontiert, dass sie dem Kind sichere Bindungen anbieten, dieses aber gleichzeitig die Beziehungen zu seinen Eltern hat. Wir wissen, dass dieses Spannungsfeld durchaus auch zu Konflikten führen kann, dass es aber für das Kind von größter Bedeutung ist, wenn Krippenerzieherin und Eltern miteinander harmonieren. Hierzu bedarf es der triadischen Kompetenz nicht nur der Eltern, sondern auch der Erzieherin. Von daher sollten die Problematik und die Chance von Dreierbeziehungen in der realen Beziehungs- aber auch in der Innenwelt zum Gegenstand der Ausbildung von Krippenerziehern und Therapeut(inn)en sein.

Schlussfolgernd kann man feststellen, dass der Einbezug des Vaters in die Entwicklungsprozesse aber auch in therapeutische und Beratungsprozesse von allergrößter Bedeutung und in vielen Fällen auch möglich ist. Steht der Vater – aus welchen Gründen auch immer – nicht zur Verfügung, so geht es trotzdem darum, welches innere Bild die Mutter vom Vater hat und welches Bild das Kind vom Vater entwickeln kann. Ein innerer Ausschluss führt oft zu intrapsychischen und interpersonalen Desintegrationsprozessen sowie zur unbewussten Identifikation mit einem fernen – entweder idealisierten oder verteufelten – Vater. Die frühe psychische Entwicklung und die Beobachtung früher Beziehungsprozesse sollte mehr als bisher unter einem triadischen Entwicklungsmodell betrachtet werden. Denn die lebendig und flexibel gelebte Dreierbeziehung ist es schließlich, welche das Kind in eine reichhaltige soziale Beziehungswelt einführt.

Prof. Dr. Kai von Klitzing ist Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Leipzig.