Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Grußwort von Dr. Annette Niederfranke,
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
anlässlich der Jahrestagung und zugleich Jubiläumsveranstaltung zum 30-jährigen Bestehen der Deutschen Liga für das Kind

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Resch,
sehr geehrte Frau Bundesverfassungsrichterin Dr. Hohmann-Dennhardt,
sehr geehrte Frau Kuratoriumsvorsitzende Dr. Peschel-Gutzeit,
sehr geehrte Herren, sehr geehrte Damen!

Ich freue mich, heute den Auftakt Ihrer Jahrestagung und damit des runden Geburtstages der Deutschen Liga für das Kind mit Ihnen gemeinsam zu begehen. Gleichzeitig überbringe ich die herzlichsten Glückwünsche meiner Ministerin zu Ihrem 30jähigen Bestehen.

Dreißig Jahre Deutsche Liga für das Kind bedeutet dreißig Jahre Einsatz für unsere Kinder, für ihre Entwicklungschancen, für ihre Rechte und für die Verantwortung von Familie und Gesellschaft und Politik. Mit Ihnen haben Kinder eine gute Lobby! Für uns – für Frau Ministerin, für das Bundesfamilienministerium – ist die Deutsche Liga ein starker und verlässlicher Partner. Wir sind einig in dem Ziel, in der Politik eine Bresche für Kinder zu schlagen.

Ich sehe es als gutes Zeichen und Grund zur Freude, dass wir heute erstmals seit 30 Jahren feststellen können, dass die Geburtenrate nicht weiter gesunken, sondern sogar minimal gestiegen ist. Wir hoffen, dass dies der Beginn einer Trendwende ist, dass Eltern wieder Mut haben, ihre Kinderwünsche zu verwirklichen und dass die Gesellschaft sich bewegt in Richtung Kinderfreundlichkeit. Denn dafür setzen wir uns ein; dafür schaffen wir die Rahmenbedingungen.

Elterngeld: So haben wir zu Beginn dieses Jahres das Elterngeld eingeführt. Ein voller Erfolg! Fast jede Familie in Deutschland, die in den ersten Monaten dieses Jahres ein Kind bekommen hat, beantragt das Elterngeld. Nach einer repräsentativen Befragung vom Institut Demoskopie Allenbach von Anfang August bewerten 71 Prozent der Bevölkerung das Elterngeld als positiv.

Inzwischen haben 200.000 Väter und Mütter die Lohnersatzleistung in Anspruch genommen. Und wenn wir hier über Kindeswohl und Elternverantwortung sprechen, dann lassen Sie mich besonders hervorheben, dass auch Väter zunehmend nicht nur über ihre Verantwortung reden, sondern ganz praktisch in die tägliche Verantwortung für ihre Kinder gehen. Immer mehr junge Paare wollen die Kindererziehung und die Verantwortung für den Einkommenserwerb teilen. Im vergangenen Jahr haben nur 3,5 Prozent der Väter Elternzeit genommen, heute sind es im Bundesdurchschnitt bereits 8,5 Prozent. Das ist ein ermutigender Trend.

Ausbau der Kinderbetreuung: Doch auch über das erste Lebensjahr hinaus müssen wir das Wohl der Kinder, ihr Recht auf Bildung, Förderung und Erziehung durch verlässliche Rahmenbedingungen stärken. Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass sie ihre Lebenswürfe in Wahlfreiheit verwirklichen können. Wir dürfen die Eltern nicht spalten und gegeneinander ausspielen, wie wir es allzu oft in den Schlagzeichen und Leitartikeln lesen. Die Debatte um „Rabenmütter“ auf der einen Seite und „Heimchen am Herd“ auf der anderen Seite mag schmissige Schlagzeilen geben, sie wird den Bedürfnissen der Kinder und der Verantwortung der Eltern nicht gerecht. Wir setzen auf verlässliche Rahmenbedingungen für die Förderung von Kindern, auch und gerade für die Förderung der ganz kleinen. Durch den Aufbau eines bedarfsgerechten Angebots für die Betreuung der Kinder unter drei Jahren wollen wir die Grundlagen für echte Wahlfreiheit schaffen.

Es ist ein großer Erfolg, dass Bund, Länder und Kommunen sich auf das gemeinsame Ziel verständigt haben, bis 2013 für rund ein Drittel der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz zu schaffen. Dreißig Prozent der neuen Plätze werden in der Tagespflege geschaffen. Mit dem Kabinettsbeschluss zum Kinderbetreuungsfinanzierungsgesetz hat die Bundesregierung hier die erste wichtige Weiche gestellt. Noch in diesem Jahr wird ein Sondervermögen in Höhe von 2,15 Milliarden Euro für Investitionen in Betreuungsplätze für unter Dreijährige errichtet. Ab 2008 stehen den Städten und Gemeinden damit die erforderlichen Mittel für Neubau-, Ausbau-, Umbau-, Sanierungs-, Renovierungs-, Modernisierungs- und Ausstattungsmaßnahmen in Einrichtungen und für die Kindertagespflege bereit. Darüber hinaus wird der Bund die Kommunen ab 2009 bis 2013 mit insgesamt 1,85 Milliarden Euro und anschließend jährlich in Höhe von 770 Millionen Euro bei den Betriebskosten entlasten. Die Städte und Gemeinden haben nun die Planungssicherheit, die sie brauchen, um den dringend notwendigen Ausbau energisch voranzutreiben.

Gleichzeitig müssen und werden wir darauf achten, dass die Qualität der Plätze dem Kindeswohl entspricht. Deshalb werden wir vom nächsten Jahr an mit gezielten Programmen die pädagogische Qualität in der Kindertagespflege und der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher stärken. Dazu erarbeiten wir derzeit Konzepte, damit künftig jedes Kind in seiner individuellen und sozialen Entwicklung gefördert werden kann. Im Fokus stehen dabei eine bessere Sprachförderung sowie gelungene Übergänge vom Elternhaus in die Kindertagesstätte und vom Kindergarten in die Schule. Nur so können wir echte Chancengleichheit in der frühen Bildung schaffen. Erst wenn wir auch in Deutschland ein ausreichendes und vielfältiges Angebot haben, bekommen Eltern die Freiheit zu entscheiden, inwieweit sie ihr Kind zuhause selbst betreuen wollen oder ob eine Tagesmutter oder Kita diese verantwortungsvolle Aufgabe stundenweise für sie übernehmen kann. Wir schaffen flexible und hochwertige Angebote, die sich die Eltern wirklich auch wünschen und die Kinder brauchen.

Frühe Hilfen: Kindeswohl und Elternverantwortung, damit hat die Deutsche Liga ein aktuelles Thema von höchster Priorität aufgegriffen. Denn nicht immer können Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden. Das Ausmaß von Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung und Misshandlung lässt sich nur näherungsweise abschätzen, weil das Dunkelfeld groß ist:
– Schätzungen gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent aller Kinder im Alter bis sechs Jahre vernachlässigt werden.
– Die Anzeigen bei Vernachlässigung und Misshandlung haben sich seit 1990 beinahe verdreifacht.
– Die Zahl der Fälle, in denen die Jugendämter gefährdete Kinder zu ihrem eigenen Schutz in Obhut nehmen mussten, stieg von 1995 bis 2005 um 40 Prozent.
– Im Jahr 2005 bewilligten die Jugendbehörden rund 40.000 überforderten Eltern mit Kindern unter sechs Jahren „Familienunterstützende Maßnahmen“.
– Bei Kindern unter drei Jahren muss das Familiengericht jedes Jahr in etwa 2.200 Fällen das elterliche Sorgerecht entziehen (Münder et. al. 2000).

Hinter diesen Statistiken stehen tausende von Leidensgeschichten einzelner Kinder. Deshalb müssen wir die Familien frühzeitig unterstützen. Wir müssen Hilfen früher und besser aufeinander abstimmen. Geburtshelfer, Hebammen, Kinderärzte oder die Jugendhilfe müssen frühzeitig zusammenarbeiten. Die Kluft zwischen Gesundheitswesen und der Jugendhilfe muss überwunden werden. Dazu dient unsere Initiative „Prävention durch Frühe Hilfen“.

Frau Bundesministerin von der Leyen hat kürzlich das neue Nationale Zentrum Frühe Hilfen in Köln eröffnet in gemeinsamer Trägerschaft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und des Deutschen Jugendinstituts. Hier sollen deutschlandweit mit Expertenwissen lokale und regionale Netzwerke beraten und unterstützt werden. Gestützt wird die Arbeit durch eine Vielzahl ausgewiesener Projekte in den Ländern, mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Allen gemein ist, dass die Angebote des Gesundheitswesens eng mit denen der Kinder- und Jugendhilfe verzahnt werden.

Darüber hinaus trägt mein Ministerium mit zahlreichen weiteren Initiativen und Modellprojekten zur Förderung der elterlichen Erziehungskompetenz und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen bei. Etwa auf dem Gebiet der Elternbildung, der Förderung der Medienkompetenz oder mit der Weiterentwicklung von Erziehungshilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, auf die alle Eltern, die Hilfe benötigen, einen Rechtsanspruch haben.

Nur ein Viertel der Deutschen glaubt, in einem kinderfreundlichen Land zu leben. Die Mehrheit der Deutschen hält Deutschland für wenig kinderfreundlich. Wir wollen das ändern. Wir wollen Mut machen, sich für Kinder zu entscheiden. Und wir wollen diesen Weg mit starken Partnern gehen.

Die neuen politischen Maßnahmen machen vieles leichter. Die Freude an Kindern kann die Politik allerdings nicht verordnen. Diese Freude müssen wir in Deutschland wieder entdecken. Viele engagierte Menschen, Verbände und Organisationen leisten hier einen wesentlichen Beitrag. Die Deutsche Liga für das Kind nimmt eine herausragende Rolle ein. Ich wünsche Ihnen bei dieser Aufgabe weiterhin viel Kraft und Mut und uns gemeinsam eine gute Zusammenarbeit.