Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Präventionspreis Frühe Kindheit 2007
Laudatio für die Preisträger

von Ulrike Lehmkuhl

Kindeswohl und Elternverantwortung – zwei Begriffe, die eigentlich untrennbar zusammen gehören – umschreiben das Motto des diesjährigen Präventionspreises, den die Deutsche Liga für das Kind in unregelmäßigen Abständen vergibt. „Die elementaren Bedürfnisse unserer Kinder werden weder bei uns noch in anderen Ländern wirklich befriedigt“ schreiben Brazelton und Greenspan 2002 in ihrem Buch „Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern“. Grundvoraussetzungen einer gesunden Kindheit sind Fürsorge, Betreuung und Erziehung, ohne die Kinder nicht wachsen, lernen und gedeihen können.

Nur wenige Familien können den Belastungen und Spannungen, die sie selbst erzeugen, ohne äußere Unterstützung standhalten. Die täglichen Anforderungen wachsen kontinuierlich, ohne dass ausreichende gesellschaftliche Unterstützung gewährt wird. Schreckliche Schicksale einzelner Kinder oder Geschwister, von denen immer wieder in der Presse berichtet wird, zeugen von diesem Versäumnis auf besonders drastische Weise.

Was ist das Kindeswohl? – Ludwig Salgo (2007) weist auf das Dilemma hin, in dem der Gesetzgeber steckt, weil er das Kindeswohl weder positiv noch negativ definieren kann. Juristen sprechen dann von Einzelfallgerechtigkeit.

Unsere diesjährigen Preisträger fragten nicht nach juristischen Feinheiten, sondern machten es sich auf sehr verschiedene Weise zur Aufgabe, durch Prävention das Wohl von Kindern zu vergrößern.

In Chemnitz gibt es gleich zwei Initiativen, die sich diesem Ziel verschrieben haben: Die Kindertagesstätte „Filou“ und die Kindertagesstätte „Im Hutholz“. „Im Hutholz“ beschloss das Team vor cirka zweieinhalb Jahren, sich mit der Pädagogik von Célestin Freinet auseinander zu setzen: so wird in dieser Kita Bildung als Selbstbildung praktiziert, in einem entwicklungsfördernden Milieu. Die Kinder werden in ihrer Entwicklung begleitet, die Erwachsenen stehen zum Dialog bereit. Kinder probieren sich aus, erkunden, experimentieren und stellen viele Fragen – und sehen sehr vergnügt und entspannt dabei aus.

In der Kita „Filou“ stellten die Eltern fest, dass ein Spielplatz im Quartier fehlt. Gemeinsam mit dem Kindergarten und einer benachbarten Grundschule suchten sie nach einem geeigneten Grundstück. Für diese Initiative waren Geld und der Rückhalt durch die Stadt erforderlich. Mit dem Projekt „Vernissage“ kreierten die Eltern mit den Erziehern und den Kindern zusammen zunächst ein Teilprojekt, um den Bau eines Spielplatzes in Wohnnähe der Kinder und deren Familien im Stadtteil Hilbersdorf zu erreichen. Unter dem Titel „Kleine Kinder präsentieren große Kunst“ fand im Sommer 2006 die Vernissage statt. Seit Anfang des Jahres waren Arbeitsgruppen tätig, an denen Kinder, Pädagogen und Eltern sowie Fachleute verschiedener Professionen wie zum Beispiel Museumspädagogen teilnahmen. Außerdem trafen sich die Kindergartenkinder mit den Grundschulkindern einmal pro Woche und bereiteten eine zauberhafte und verzaubernde Modenschau vor. An diesem Projekt gefiel uns besonders der Eigen-Sinn, mit dem beharrlich und erfolgreich ein Ziel verfolgt wird.

Aus München kamen zwei Vorschläge, die inhaltlich durch die wissenschaftliche Leitung von Frau Professor Dr. Walper und Frau Dr. Graf verknüpft sind. Während das schon länger existierende FamilienTeam sich an Eltern in allen Lebenslagen wendet und schon umfassend praktisch erprobt ist, bietet das Projekt „Kinder im Blick“ eine Spezifizierung für Familien in der besonderen Lebenssituation einer Trennung oder Scheidung.

FamilienTeam ist ein Elterntraining zur Stärkung der Erziehungskompetenz und der Eltern-Kind-Beziehung. In den Gruppen verfeinern und vervollständigen acht bis zwölf Eltern ihr Handwerkszeug, um für die Klippen des Familienalltags gerüstet zu sein. Das Gruppenangebot „Kinder im Blick“ wurde in Kooperation mit dem Familiennotruf München entwickelt. Es wendet sich an stark konfliktbelastete Eltern in der Trennungssituation und ist auf die spezifischen Bedürfnisse und Probleme von Eltern und Kindern in dieser Lebenslage zugeschnitten. Einzelne Elemente des Elternkurses FamilienTeam sowie die dort eingesetzten Trainingsverfahren für Eltern, die erfahrungsbasiertes Lernen ermöglichen, bilden die Grundlage für den neuen Elternkurs „Kinder im Blick“. Die elterliche Emotionsregelung ist ein wichtiges Thema bei dieser Arbeit.

Die eingesetzte Jury hat entschieden, den Preis aufzuteilen: Als erster Preis gehen 3.000 Euro nach München zu den Erfindern und Machern von „FamilienTeam“ und „Kinder im Blick“. Die restlichen 3.000 Euro teilen sich die beiden Chemnitzer Kitas „Filou“ und „Im Hutholz“. Wir gratulieren herzlich und bedanken uns bei den 45 Bewerberinnen und Bewerbern. Sie alle hatten das Kindeswohl im Blick. Die drei Prämierten haben sich durch die Einbindung des Aspektes der Elternkompetenz besonders hervorgehoben und somit dem diesjährigen Ausschreibungsmotto am meisten entsprochen.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Ulrike Lehmkuhl ist Lehrstuhlinhaberin und Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Charité Campus Virchow Klinikum der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Vorstand der Deutschen Liga für das Kind.