Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühe Kindheit: Entwicklungslinien und Perspektiven

Festvortrag aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der Deutschen Liga für das Kind am 28.9.2007

von Martin Dornes

Die Geschichte der Kindheit ist ein Albtraum, aus dem wir erst im zwanzigsten Jahrhundert erwacht sind. Kindstötung, Verstümmelung, sexueller Missbrauch und alle nur denkbaren Formen der Gewalt und Missachtung waren integraler Bestandteil vormoderner Gesellschaften, die den Rohstoff Kind vernutzten wie wir heute die Natur – so Lloyd deMause (1974) in seiner psychohistorischen Geschichte der Kindheit. Die alternative Sicht von Philippe Ariès (1960) hebt hervor, dass mit der Institutionalisierung der Kindheit seit dem Ancien Régime auch vormalige Freiheiten der Kinder verloren gegangen sind. Diese Freiheiten bestanden vor allem in der gleichsam natürlichen und ungezwungenen Teilhabe der Kinder an der Welt der Erwachsenen – ihrer materiellen und sexuellen Reproduktion, ihrem Alltag sowie ihrem Leben und Sterben.

Wie fast alles kann also die Geschichte der Kindheit entweder als Fortschritts- oder als Verfallsgeschichte geschrieben werden. Der Gewinn an Rücksicht, Respekt, Rechtssicherheit und Bildung wird erkauft mit einer Abtrennung der Kinderwelt von derjenigen der Erwachsenen, der Einrichtung eines Schonraums und Moratoriums, die einhergeht mit einem Verlust an Realitätsgehalt, der für das Selbstbild von Kindern nicht ohne Folgen bleiben kann.

Das Jahrhundert des Kindes und insbesondere sein letztes Quartal hat eine historisch einmalige Berücksichtigung des Kindeswohls mit sich gebracht, ohne dass den Kindern deshalb immer wohler geworden wäre. Zeitgenössische Beobachter und Wissenschaftler berichten vielmehr von einer Persistenz seelischer Leiden bei Säuglingen und Kindern, die in einem eigenartigen Kontrast zu den ernsthaften und nachhaltigen Bemühungen um ihr Wohlergehen steht. Ist also der Fortschritt eine Schimäre oder ein Nullsummenspiel, in dem der Gewinn an Rücksichtnahme auf kindliche Bedürfnisse mit einem Verlust an „Welthaltigkeit“ ihrer Existenz verbunden ist, der ihr Wohlergehen ebenso beeinträchtigen kann wie die vormalige fraglose Be- und Misshandlung als kleine Erwachsene?

Will man diese Eigentümlichkeit verstehen, so ist es nötig, sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob es grundlegende und unverzichtbare Faktoren gibt, die das Wohlergehen und die Autonomieentwicklung von Kindern beeinflussen. Eine der Besonderheiten der menschlichen Spezies besteht darin, dass sie als „extrauterine Frühgeburt“ (Portmann 1951) in einem Zustand von Hilflosigkeit zur Welt kommt, der bei anderen Nestflüchtern nicht gleichermaßen zu finden ist. Der menschliche Säugling erreicht erst mit einem Jahr die motorischen Fertigkeiten, die andere Primaten bereits kurz nach der Geburt haben. Aus dieser langen Periode existentieller Angewiesenheit auf Hilfe und Unterstützung bei elementaren Lebensfunktionen ergeben sich eine Verletzlichkeit der Entwicklung und eine Bedeutsamkeit der Bezugspersonen, für die es im Tierreich keine Parallele gibt.

Eine zweite damit verwandte Eigenart der menschlichen Spezies ist ihre Instinktentbundenheit – sowohl auf Seiten der Eltern wie auf der des Kindes. Elementare Vollzüge der Aufzucht des Nachwuchses werden nicht mehr von Instinktprogrammen sichergestellt, sondern die biologisch noch vorhandenen Dispositionen unterliegen der Beeinflussung durch den individuellen und sozialen „Geist“, was zu einer hohen interkulturellen und interindividuellen Variabilität von Erziehungspraktiken führt. Angesichts dieser Vielfalt scheint es vermessen, nach Invarianten zu suchen, die als unverzichtbare anthropologische Grundvoraussetzungen des Kindeswohls gelten könnten. Dennoch ist ein solcher Versuch nicht nutzlos, öffnet er doch den Blick für die Gestaltbarkeit von Erziehungsverhältnissen und deren identitätskonstitutiven Charakter.

Die letzten 30 Jahre haben zu einer wahren Explosion des Wissens über kindliche Bedürfnisse geführt. Die Vorstellung, Kinder seien im Kern triebhafte Wesen, die mit einer Mischung von Liebe und Strafe sozialisiert werden müssten, hat sich als unterkomplex erwiesen. Ebenso die Idee vom Säugling als einer Tabula rasa, dessen Wohlergehen durch angemessene Konditionierungsprogramme sicherzustellen sei. Als zentral für die gesunde Entwicklung von Kindern hat sich die Bedeutung einer dauerhaft emotional zugewandten Betreuungsperson herausgestellt, die allen anderen bekannten Einflussfaktoren überlegen ist. Ihre Bedeutung ergibt sich aus den oben genannten Faktoren der verlängerten Aufzucht unter instinktlabilen Bedingungen.

Die Angewiesenheit auf Bezugspersonen teilt der menschliche Säugling mit anderen Primaten, die, wenn auch nicht in gleichem Maß und gleicher Dauer, ebenfalls auf Hilfestellung angewiesen sind. Auch sie bedürfen der Pflege und des Kontakts mit einem erwachsenen Artgenossen, um zu überleben und zu gedeihen. Dennoch weist der menschliche Säugling (mindestens) eine Entwicklungsbesonderheit auf – und ist zu seinem Wohlergehen auf sie angewiesen -, die einzigartig ist: Er befindet sich einer Beziehung mit einem erwachsenen Gefährten, die sich dadurch auszeichnet, dass er sich in der Interaktion mit ihm auf eine Art und Weise emotional angesprochen und verbunden fühlt, die sich im Tierreich so nicht finden lässt (Dornes 2006, Kap. 4). Er fühlt, wenn auch auf eine zunächst rudimentäre Weise, dass der andere ein Wesen ist wie er selbst – nicht nur ein interessantes und besonderes Objekt, sondern eine Person, zu der er sich unwiderstehlich hingezogen fühlt, die ihn emotional berührt und eine Ausstrahlungs- und Anziehungskraft hat wie nichts anderes in der Welt.

Die daraus resultierende besondere Weise der Verbundenheit lässt schon beim Säugling das Bedürfnis entstehen, die bewussten und unbewussten Einstellungen dieses faszinierenden Wesens zu erkunden. Er extrahiert aus den Pflege- und kommunikativen Handlungen seines Gegenübers eine Haltung zu sich selbst, die in sein keimendes Selbstverhältnis einwandert und es prägt, färbt, vielleicht sogar allererst konstituiert.

Im Unterschied dazu haben Schimpansen zwar ein elementares Bedürfnis nach Körperkontakt und sie erkranken, wenn es nicht erfüllt wird. Dennoch scheinen sie nicht in gleichem Maße ein Bedürfnis nach Erkundung der Einstellung des anderen, seines Bewusstseins – und seines Unbewussten – zu haben (Gomez 1998, Heyes 1998, Tomasello 1998, 1999). Sicherlich gibt es auch bei Tieren elementare Formen des Ausdrucksverstehens. Die Gazelle tut gut daran, die Jagdbewegungen des Löwen als irgendwie „gegen“ sich gerichtet zu verstehen und die Flucht zu ergreifen; und der Affe ist gut beraten, auf den schlangentypischen Warnruf seines Artgenossen als ein Kommunikationssignal zu reagieren; aber Tiere verstehen (und benutzen) solche Ausdrucksbewegungen nicht als Enthüllung oder Bekundung einer Einstellung zu sich oder anderen, das heißt nicht als Mitteilung einer emotionalen Wertschätzung oder Ablehnung, wie dies der menschliche Säugling spätestens ab neun Monaten tut (Dornes 2006, Kapitel 3 bis 5). Damit entsteht das Bedürfnis, nicht nur die Verhaltensweisen des anderen, sondern auch seine Einstellungen verstehen und beeinflussen zu wollen.

Menschliche Interaktions- und Kommunikationsverhältnisse unterscheiden sich also von tierischen dadurch, dass sie einen „Überschuss“ enthalten, der darin besteht, dass in ihnen Einstellungen transportiert werden, die als emotionale Bewertungen wahrgenommen werden und deshalb für die Entwicklung eines (gesunden) Verhältnisses zu sich selbst von ebenso elementarer Bedeutung sind wie Nahrung und Schutz für das Überleben. Diese Form der Wertschätzung, die sich in Pflege- und kommunikativen Handlungen enthüllt, soll hier in Anlehnung an Honneth (2003a, Kap. 1; 2003b) als emotionale Anerkennung bezeichnet werden. Ich bin davon überzeugt, dass Kinder in ihrem Wohlergehen und ihrer Selbständigkeitsentwicklung auf eine solche emotionale Anerkennung angewiesen sind. Identitätsbildung und emotionale Anerkennung stehen demzufolge in einem notwendigen Bedingungsverhältnis.

Dies ist keine unkontroverse Annahme und sie ist historisch vergleichsweise neu. Vergangene Generationen und Epochen wussten von diesem Bedürfnis noch nichts oder machten zumindest nicht so viel Aufhebens davon wie zeitgenössische (Taylor 1991, S. 56 ff.; Todorov 1995, S. 103 ff.; Gestrich et al. 2003). Es muss also damals andere, funktional äquivalente Formen der Anerkennung dieses Bedürfnisses gegeben haben oder aber das Bedürfnis trat unter einem anderen Namen und in anderer Gestalt auf. Eine dieser Gestalten war sicher die Religion, in der der Mensch sich von Gott gesehen und erkannt fühlen konnte, ohne auch psychologisch anerkannt zu sein. Ein weiteres funktionales Äquivalent war die quasi natürliche Zugehörigkeit zu einer ständischen Ordnung oder einem Clan, bei der allerdings auf die Individualität des Einzelnen wenig Rücksicht genommen wurde.

Bezogen auf Kinder lässt sich vermuten, dass ihr in vergangenen Zeiten ungleich größerer Beitrag zur materiellen Reproduktion der Familie ebenfalls ein solches Äquivalent gewesen ist. Eingebunden in die Notwendigkeit, im bäuerlichen Haushalt Vieh zu hüten, bei der Getreideernte zu helfen, Brot zu backen oder, in industriellen Zeiten, in Manufaktur und Fabrik oft unter härtesten und unmenschlichen Bedingungen zu arbeiten, könnte diese elementare Form des Gebrauchtwerdens in einem handfesten ökonomischen Sinn, trotz aller damit verbundenen Leiden, auch zu einer subkutanen und gar nicht explizit kommunizierten (Selbst)Wahrnehmung von der Bedeutung der eigenen Person geführt haben (Gestrich 1999, Göppel 1999). Sie muss heute, wo diese Notwendigkeiten zumindest in den fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften nicht mehr in gleichem Maß existieren, kompensiert werden.

Wenn das Kind nicht mehr materiell, sondern in erster Linie emotional wichtig ist, erfährt seine Existenz einen Bedeutungsverlust, der nicht ohne Folgen für sein Selbstverständnis bleiben kann und eine Form des Ausgleichs erfordert, die in der Psychologisierung zwischenmenschlicher Beziehungen ihren Ausdruck findet. Der materielle Bedeutungsschwund geht einher mit einer emotionalen Bedeutungsaufwertung, die zu einem expliziten Wertschätzungsbedürfnis führt, dessen zumindest implizite und teilweise Befriedigung in anderen Zeiten ein gleichsam natürlicher Bestandteil der kindlichen Lebens- und vor allem Arbeitswelt war. In anderen Worten: Die Entdeckung, aber auch die Kultivierung emotionaler kindlicher Anerkennungsbedürfnisse ist – in relevantem Ausmaß – überhaupt nur in Gesellschaften möglich, die Kinder weitgehend vom Produktions- und Reproduktionsprozess freigesetzt haben.

Der Fortschritt, der in der Institutionalisierung von Kindheit als einer besonders schutzbedürftigen Lebensphase besteht, ist gar nicht zu überschätzen. Die Lebensbedingungen von heutigen Kindern haben sich – verglichen mit vergangenen Jahrhunderten – in der westlichen Hemisphäre in einem enormen Ausmaß verbessert. Indessen, so will es scheinen, hat diese Besserung ihren Preis, den man in Kurzform so ausdrücken könnte, dass moderne Kinder nicht mehr „für“ etwas anerkennt werden (wollen) sondern „als“ etwas. Schon im Kindergarten wollen oder werden sie nicht mehr nur für ihr Wohlverhalten gelobt, sondern in ihren individuellen Eigenarten respektiert; in der Schule nicht mehr nur für Leistungen prämiert, sondern in ihrer Individualität und Besonderheit gefördert; in der Familie weniger in ihrem sichtbaren Beitrag zum Funktionieren des Familienverbandes gebraucht (Schuhe putzen, in der Küche helfen, Auto waschen, Garten pflegen), sondern in ihrer bloßen Existenz wertgeschätzt; außerdem sind es jetzt, sofern sich die Wertschätzung nicht auf die bloße Existenz, sondern auf bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften bezieht, weniger handfeste und stärker selbstbezogene „kreative“ Tätigkeiten (Musizieren, Ballett), die in den Mittelpunkt des Wertschätzungsbedürfnisses rücken.

Nun ist es nicht so, dass nur die Kinder das wollen, sondern die Eltern wollen und tun es auch. Illustrativ dafür ist ein Vater, der einen modernen, die Frühförderung bevorzugenden Kindergarten besichtigt. Nachdem er das Bildungsprogramm studiert hat, das auch Lesen und Rechnen im Vorschulalter umfasst, sagt er zu der Betreuerin: „Ich möchte nicht, dass mein Kind hier Lesen lernt, sondern dass es glücklich ist“. Solche Äußerungen wären vor 50 Jahren kaum denkbar gewesen und sind indikativ für eine Verschiebung der Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse, die durchaus segensreiche Wirkungen haben kann. Die Kehrseite dieser Verschiebung ist, dass sie für Pathologien von Anerkennungsbedürfnissen ein weites Feld eröffnet. Wenn die Ausbildung eines gesunden Selbstwertgefühls und einer stabilen Identität in erheblichem Umfang auf psychologischen Kommunikationsprozessen innerhalb der Familie beruht, so treten andere Quellen in den Hintergrund, werden nicht mehr genutzt – und die in den Vordergrund getretenen sind darüber hinaus riskant.

Auf anthropologischer Ebene besteht das Risiko im Instinktmangel und der komplementären Ausbildung der Phantasie. Der Mensch ist ein „phantasierendes Tier“ (Nietzsche). Die Wahrnehmung und Interpretation von Bedürfnissen kleiner Kinder durch Erwachsene ist in so erheblichem Maß phantasmatisch aufgeladen, dass ihre Sicherstellung immer riskant ist. Die Phantasie einer Mutter, ihr Kind könne verhungern, kann die Wahrnehmung seiner tatsächlichen Nahrungsbedürfnisse so überformen, dass sie es ständig füttert – und so bereits im Säuglingsalter eine Essstörung induziert.

Dieses Gefährdungspotential durch die Phantasie ist humanspezifisch. In ihr liegt der anthropologische Grund der Neurose. Ihn gab es zu allen Zeiten, ebenso wie auch den entwicklungsfördernden Effekt gutartiger Zuschreibungen. Neu scheint indes die „Entbettung“ solcher Zuschreibungen aus einem weiteren gesellschaftlichen Kontext und die Einkapselung innerhalb der Familie. Es gibt keine tradierten, gesellschaftlich abgesicherten Formen des Umgangs mit Fütterproblemen bei Säuglingen mehr – oder, genauer gesagt, es gibt neue: Eltern-Säuglings-Beratungsstellen, Fütter- und Stillgruppen, Ernährungsberatung für Säuglinge und dergleichen. Dies sind legitime und nützliche Formen der Re-Institutionalisierung, die ein Segen für die Betroffenen sind und die den Spott, der sich über sie gelegentlich ergießt, nicht verdienen. Ihre Existenz indiziert – im Unterschied zur weit verbreiteten Idee vom Bedeutungsverlust der Familie als zentraler Sozialisationsinstanz – eher das Gegenteil: ihre Aufwertung, vielleicht Überlastung. Reduziert auf ihre Kernfunktion der Persönlichkeitsbildung tritt genau diese Kernfunktion, die sie immer schon hatte, deutlich(er) zu Tage – ja, wird erst in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar und gewinnt eine ebenso enorme wie fragile Bedeutung.

So wenig wie die eheliche Beziehung durch wirtschaftliche, politische, religiöse oder sozialmoralische Motive heute noch stabilisiert (oder entfremdet) wird und deshalb neuer Formen der Einbettung bedarf (Ehe-, Paar- und Familientherapie; juristische Gleichstellungsmaßnahmen), so wenig wird auch die Beziehung zu den Kindern noch durch etwas außerhalb dieser Beziehung gestützt. Kinder werden, wie Ehegatten, im besten Falle „nur“ noch geliebt (Anmerkung: Bertram (2002) hat in einer instruktiven Arbeit Skepsis bezüglich der Idee geäußert, dass moderne Familien, insbesondere die von ihm als heute vorherrschend betrachteten multilokalen Mehrgenerationenfamilien, ihren Zusammenhalt ausschließlich auf affektive Beziehungen gründen).

In dieser „thematischen Reinigung der Familie“ (Tyrell 1976, S. 397) liegen Risiken und Chancen. Über die Chancen muss nicht viel gesagt werden. Der damit einhergehende Rückgang gesellschaftlicher Zwänge ist offenkundig. Effi Briest würde heute mit Mann und Eltern in Familientherapie gehen und müsste nicht sterben (Schütze 1984). Wir würden eine untreue Tochter wieder in den Haushalt aufnehmen und wenn ihr betrogener Ehemann auf die Idee käme, seinen Widersacher zum Duell zu fordern, hielten wir ihn im besten Falle für hoffnungslos altmodisch. Auch Romeo und Julia könnte man heutzutage eine Familientherapie zur Bewältigung ihrer Probleme empfehlen und deren Ausgang wäre vermutlich weniger tragisch als der, den wir kennen. Die befreiende und leidmindernde Kraft der Enttraditionalisierung steht also außer Frage. Ihre Risiken sind es, die uns heute zu schaffen machen.

Häufig ist zu hören, wir würden in einem Zeitalter des Narzissmus und der übermäßigen Selbstbezogenheit leben (Lasch 1979). Der Narzisst ist jedoch kein Egoist im herkömmlichen Sinne, der durch kulturkonservative Klagen zur Raison gebracht werden könnte. Er ist vielmehr ein Individuum, das, in chronischem Zweifel über seinen Wert, auf der Suche nach anderen Menschen ist – in der psychoanalytischen Theoriesprache heißen sie „Objekte“ –, die ihm diesen Wert bestätigen. Er ist also in extremem Maß objekt- und nicht nur selbstbezogen. Seine Objektbezogenheit weist allerdings eine spezifische Färbung auf. Die andere Person wird weitgehend unter der Perspektive wahrgenommen, was sie für die Aufrechterhaltung des eigenen labilen Identitäts- und Selbstwertgefühls tun kann. Konturiert sie sich mit eigenen Bedürfnissen, kann sie die ersehnte Bestätigungsfunktion nicht mehr ausüben und wird fallengelassen (Kohut 1971). Solche Persönlichkeiten gab es zu allen Zeiten (Don Juan, Oblomov, Zeno Cosini). Die sie kennzeichnende Gleichzeitigkeit von intensivem Objekthunger und Fragilität der Beziehung tritt dann stärker in den Vordergrund, wenn Beziehungen nicht mehr durch Zwecke außerhalb ihrer selbst stabilisiert werden, sondern tendenziell „reine“ Beziehungen geworden sind.

Dieser Wandel ist durch vielerlei demographische, ökonomische, soziokulturelle und juristische Wandlungen hervorgerufen worden (Rückgang der Kinderzahl, Einführung der Rentenversicherung, Wertewandel, Befreiung der Kinder vom Beitrag zur materiellen Reproduktion der Familie). Gleichzeitig hat sich ein Sensorium innerhalb der Gesellschaft für die verbliebene Kernfunktion der Familie entwickelt: reine, zweckfreie emotionale Zuwendung und Förderung der Persönlichkeitsbildung (Giddens 1992). Die Ablösung traditioneller Erziehungsziele wie Gehorsam und Unterordnung durch das zentrale Ziel der Selbständigkeit reflektiert diesen Wandel der Gesellschaft, in der die genannten alten Tugenden dysfunktional geworden sind. Starre Persönlichkeiten sind dem rapiden Wandel nicht gewachsen.

Eltern wollen deshalb nicht mehr so sehr, dass ihre Kinder sich unterordnen oder gehorsam sind, sondern dass sie selbstständige, flexible Persönlichkeiten werden (Schneewind 2000, Münchmeier 2001) und sie versprechen sich von einer Respektierung kindlicher Anerkennungsbedürfnisse eine Erreichung dieses Ziels (das sich in einer gewandelten Lebens- und Arbeitswelt bewähren muss oder auch scheitern kann). Einschlägige Untersuchungen zeigen, „dass sich die moderne Leitnorm der Erziehung zur Selbständigkeit (gemessen an der hohen Respektierung kindlicher Interessenäußerung und an der geringen Zustimmung zur Anwendung elterlicher Strafen) als dominantes Muster für moderne Eltern-Kind-Beziehungen in über zwei Dritteln der Familien vor allem aus höheren Sozialschichten durchgesetzt hat. Umgekehrt ist eine deutliche Elternzentriertheit der Eltern-Kind-Beziehungen und eine vergleichsweise größere Distanz zwischen Eltern und Kindern nur noch in etwa einem Drittel der Familien zu finden, die eher aus niedrigen sozialen Statusgruppen kommen“ (Büchner et al. 1996, S. 226).

Die mit der Selbständigkeitserziehung einhergehende Lockerung von Disziplinierungszumutungen hat sicherlich einen befreienden, möglicherweise unter bestimmten Bedingungen aber auch einen riskanten, labilisierenden Effekt. Schütze (1988, 2002) vermutet die Entstehung eines strukturell schwer zu lösenden Paradoxes, dass nämlich das vermehrte Engagement der Eltern zur Förderung der Selbständigkeit tendenziell das Gegenteil bewirkt. „Kinder können sich kaum noch alleine beschäftigen, da sie seit der Säuglingszeit daran gewöhnt sind, dass ständig jemand zur Verfügung steht, der sich ihnen widmet“ (1988, S. 110 f.). Dieser Sachverhalt kann unter dem Stichwort der „fürsorglichen Belagerung“ zusammengefasst werden.

Eine zweite Schwierigkeit resultiert aus der veränderten Funktion des Kindes für die Familie. „Das Kind nimmt auf Grund seiner Funktion, emotionale Bedürfnisbefriedigung zu gewähren, Freude zu machen, Lebenssinn zu stiften, die zentrale Stellung in der Familie ein, und die Ehebeziehung scheint gegenüber der Eltern-Kind-Beziehung an Eigenwert zu verlieren. Diese Konstellation könnte aber strukturell dem gleichzeitig herrschenden Leitbild, die Eigenständigkeit des Kindes zu fördern, entgegenwirken“ (ebd., S. 112) – unter anderem deshalb, weil sie die Kinder mit der Verantwortung für den Lebenssinn ihrer Eltern belastet und das elterliche Wohlbefinden in wachsendem Maße in Abhängigkeit von der Zustimmung der Kinder zu ihren Erziehungsmaßnahmen gerät. Damit wächst den Kindern eine unangemessene, der Selbständigkeitsentwicklung eher zuwiderlaufende Verantwortung für ihre Eltern zu. Diese Konstellation wird in der familientherapeutischen Literatur unter dem Titel der „Parentifizierung“ beschrieben, womit die altersunangemessene und potentiell pathogene Übernahme elterlicher Aufgaben durch Kinder gemeint ist. Eine dritte Schwierigkeit könnte daraus resultieren, dass Eltern, auch wenn sie ihre Kinder nicht parentifizieren, gerade in ihrem Bedürfnis, den Kindern ihre Sympathie und Zuneigung zu zeigen, möglicherweise dazu tendieren, deren Ablösung zu verzögern (Stichwort: „Hotel Mama“).

Aber selbst im Fall einer gelungenen Selbständigkeitserziehung ohne diese Nebenwirkungen könnten Kinder – so meine Vermutung – nicht nur freier im Ausdruck ihrer Bedürfnisse, sondern vielleicht auch unfähiger oder unwilliger werden, sich „zusammenzureißen“. Das traditionelle Konzept der Ich-Stärke oder das des Über-Ichs hatte immer auch die Konnotation von Unterdrückung störender Bedürfnisregungen. Mit der durch eine demokratisierte Erziehung hervorgerufenen flexibleren Einstellung zu den eigenen Bedürfnissen und der gesellschaftlichen Tendenz, den Ausdruck solcher Bedürfnisse zu tolerieren oder sie sogar im Namen der Authentizität zu fördern, geht möglicherweise auch eine Schwächung dieses Formierungspotentials einher. Wir stünden dann vor dem Problem, dass sich in den so genannten spät- oder postmodernen Formen von Identität ein erheblicher Wandel psychischer Strukturen anzeigt. Nicht mehr Homogenität und Ich-Stärke, sondern Heterogenität und innere Pluralisierung wären Kennzeichen spätmoderner Subjektivität, die insgesamt plastischer, lebendiger und authentischer, aber auch labiler und verletzlicher geworden wäre (Honneth 2000) – eine Persönlichkeit also, der das „feeling“ wichtiger ist als das „standing“ (Lipovetsky 1993, S. 165).

Unterstützung erhalten diese psychoanalytisch inspirierten Vermutungen zum Persönlichkeitswandel durch empirisch-familienpsychologische Untersuchungen. Schweewind (Kurzfassung 2001; ausführlich Schweewind/Ruppert 1995) hat in einer Longitudinalstudie die möglichen Auswirkungen des Wandels der Erziehungsvorstellungen für die Jahre 1975 bis 1992 untersucht. Sowohl Eltern als auch Kinder entwickeln sich „im Laufe des 16-Jahres-Intervalls gleichermaßen – wenn auch ausgehend von einem unterschiedlichen Anfangsniveau – in Richtung einer größeren Unabhängigkeit sowie einer geringeren Normgebundenheit und Entschlussbereitschaft…“ (2001, S. 29). Die Kindergeneration war im Vergleich zur Elterngeneration weniger belastbar (ebd. S. 31), was sich daran zeigte, dass sie auf kritische Lebensereignisse häufiger mit körperlichen Symptomen reagierte. Diese Befunde konvergieren mit den oben vorgetragenen Überlegungen, dass der moderne „psychische Apparat“ sowohl freier und triebfreundlicher als auch fragiler geworden ist.

Ich will mit einigen Anmerkungen schließen, die die oben skizzierten Schwierigkeiten moderner Kindheit und das Paradox der Gleichzeitigkeit psychischer Entkrampfung und Labilisierung in einer anderen, weniger theoretischen und erfahrungsnäheren Sprache beschreiben. In einer solchen Beschreibung kommt die Irritation klarer zum Ausdruck, die jeden befallen muss, der einerseits die Berichte und Forschungsbefunde zum Zustand von Familie, Kindheit und Jugend rezipiert, andererseits die öffentliche Diskussion über diese Bereiche verfolgt. Nehmen wir die mediale Berichterstattung über Kinder als Exempel. Matthias Krupa (2006, S. 4), ein kluger Journalist der Wochenzeitung DIE ZEIT beschreibt die Situation so: „Keine Frage. Kinder haben Konjunktur. Man schaue nur die Schlagzeilen dieses Jahres an. Kindergeld, Elterngeld, Ganztagsschulen, Pflichtvorsorge, Sprachtest mit vier, Einschulung mit fünf, Abitur nach zwölf Jahren. Die Gewalt an der Rütlischule, der Amoklauf von Emsdetten. Kein Tag vergeht, ohne dass sich ein Politiker Sorgen um die Zukunft unserer Kinder machen würde. Keine Zeitung erscheint ohne neue Nachrichten aus einem lange Zeit vernachlässigten Universum. Andererseits: Wenn Kinder in die Schlagzeilen geraten, ist es oft schon zu spät. Ihre Leiche liegt dann verwest in einem Kühlschrank, wie die des zweijährigen Kevin in Bremen. Oder sie sind verdurstet in einem Gitterbett; so starb der zehn Monate alte Leon im thüringischen Sömmerda…. Kindesmisshandlung – auch solche extremen Fälle – hat es immer gegeben…, dass die Medien ausführlich darüber berichten, ist gut, selbst wenn Sorge und Sensationsgier nicht immer zu unterscheiden sind. … Es ist etwas anderes was irritiert. Das öffentliche Gespräch über Kinder hat eine seltsame Melodie. Sie klingt technokratisch-kalt, wenn von Betreuung oder Beschulung die Rede ist und dramatisch-schrill, wenn es um Armut, Missbrauch und Verwahrlosung geht. Kinder sind in Deutschland per definitionem schlecht erzogen oder falsch ernährt, sie müssen länger betreut und besser gefördert werden, sie sind zu arm, zu dick und zu gewalttätig… und weil das alles noch nicht reicht für ihre schmalen Schultern… sind sie auch noch zu wenige. Spätestens seit dem Beginn der Pisa-Debatte vor fünf Jahren sind Kinder ein Teil des großen deutschen Problemdiskurses geworden, ähnlich wie die Lohnnebenkosten oder der Föderalismus.“

Aber was wissen wir überhaupt von unseren Kindern? Konsultiert man wissenschaftliche Untersuchungen wie die Shell-Jugendstudie oder das Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts, „so hört man eine ganz andere Melodie. Die Zahl der Alleinstehenden wächst zwar und Patchworkfamilien nehmen ebenfalls zu – aber vier von fünf Kindern leben gemeinsam in einem Haushalt mit Mutter und Vater, die in der Regel auch noch verheiratet sind. Einzelkinder sind trotz der niedrigen Geburtenrate die Ausnahme, zwei Kinder sind Standard, nur jedes fünfte Kind bleibt dauerhaft allein. … Auch die oft beklagte ‚Verinselung’ der Kinder, zumal in großen Städten, lässt sich empirisch kaum belegen. Oma und Opa spielen im Alltag immer noch eine große Rolle, nur leben die Generationen nicht mehr unter einem Dach. Acht- bis Neunjährige haben durchschnittlich drei bis vier gute Freunde…, gespielt wird meistens zu zweit. Von den Sechs- bis Neunjährigen sagen 80 Prozent, dass sie gerne zur Schule gehen, erst später lässt das nach. 79 Prozent der Grundschüler finden sich okay, 81 Prozent sind stolz auf das, was sie geschafft haben. 92 Prozent geben an, dass sie gern lachen, 87 Prozent, dass sie gern mit anderen zusammen sind. Wenn Kinder Probleme haben, gehen sie meistens zur Mutter, den Vater sehen sie vorwiegend abends. Gestritten wird mit den Eltern vor allem über das Aufräumen und darüber, wie lange die Kinder abends aufbleiben dürfen. Gewiss: Hinweise auf Schwierigkeiten und ungleich verteilte Chancen finden sich auch in diesen Zahlen. Aber würde man versuchen, mit ihrer Hilfe Durchschnittskinder zu beschreiben, einen achtjährigen Standard-Jakob oder eine neunjährige Standard-Luisa, dann wären das sehr normale, zufriedene Kinder“ (Krupa, ebd.).

Und der Autor konstatiert nach dieser Beschreibung auch ein Paradox, das er so formuliert: „Nie waren Kinder so stark und selbstbewusst, so sehr Persönlichkeit – und nie schien ihre Situation so gefährdet und prekär wie heute. Vielleicht ist es das, was einem am öffentlichen Reden über Kinder irritiert: Die Geschichte der Kindheit, man schaue sich um, ließe sich in Deutschland als Erfolgsgeschichte erzählen. Man könnte aus ihr Kraft schöpfen, eine Idee für die Zukunft entwickeln und eine Vorstellung von dem, was fehlt. Auch für das, was möglicherweise verloren geht. Stattdessen spricht das Land in Moll. Kinder? Sehr problematisch!“ (ebd.).

Ich kann an dieser Stelle nicht mehr der Frage nachgehen, ob es sich bei diesen Molltönen um ein medial fabriziertes Diskursartefakt handelt wie bei der „gefühlten Kriminalität.“ Dieser Begriff beschreibt den Sachverhalt, dass die faktischen Gewalttaten zwar abnehmen, das Bedrohungsgefühl wegen intensivierter Berichterstattung über die weiter vorhandene Gewaltkriminalität aber zunimmt. Ähnlich könnte sich die Gesamtbefindlichkeit von Kindern und Jugendlichen bessern, aber wegen der medialen Berichterstattung über nach wie vor existierende Problemfälle der Eindruck entstehen, es gehe ihnen immer schlechter.

Eine damit zusammenhängende zweite Möglichkeit wäre, dass die Probleme der Kinder zwar nicht zunehmen, aber unsere Sensibilität dafür. Die gewachsene Sensibilität führt dann dazu, dass wir auch mehr Probleme entdecken – etwa die Lese- und Rechtschreibschwäche, die es vor 50 Jahren noch gar nicht als Problem gab. Damals konnten Kinder einfach nicht rechtschreiben und deshalb auch keine höhere Schule besuchen; heute sind sie „Fälle“, die zu Besorgnis Anlass geben und gefördert werden müssen. Darin kommen eine Zivilisierung im Umgang mit Kindern zum Ausdruck und ein gewachsenes Problembewusstsein, das aber, wie jedes Bewusstsein von Problemen, zugleich die Molltöne intensiviert, in denen wir über Kinder sprechen. Ich halte es durchaus für möglich, ja sogar für wahrscheinlich, dass es Kindern heute besser geht als früher, aber wir dennoch mehr Probleme bei ihnen sehen – eben weil wir ein gesteigertes Problemsensorium entwickelt haben.

Eine dritte Möglichkeit wäre, dass sich die verschiedenen Subsysteme von Kinderkulturen zunehmend auseinander entwickeln, also etwa bestimmte Migranten- oder Armutskulturen verstärkt problematisch werden (Stichwort: Neukölln), andere hingegen eine gegenläufige, positive Entwicklung nehmen; die Molltöne würden sich dann vorwiegend auf die problematischen Teile der Kinderkultur beziehen.

Wie dem auch sei: Insgesamt darf man wohl – in Anlehnung an die oben skizzierten Daten über den Durchschnitts-Jakob und die Durchschnitts-Luisa, die auf repräsentativen Untersuchungen beruhen –einen positiven Trend in Bezug auf das Kindeswohl diagnostizieren. Dieser Trend setzt aber das Paradox von größerer Freiheit und größerer Anfälligkeit, von größerem Selbstbewusstsein und größerer Verletzlichkeit nicht außer Kraft. Vielleicht ist es – jenseits des Sensationsbedürfnisses der Medien und vieler anderen Faktoren – auch die (unbewusste) Wahrnehmung dieser Paradoxie, ein intuitives Ahnungsbewusstsein vom inneren Zusammenhang zwischen Freiheit und Verletzlichkeit, das der ständigen öffentlichen, wissenschaftlichen und persönlichen Besorgnis über den Zustand von Kindheit, Jugend und Familie immer wieder Nahrung gibt.

Der dennoch festzustellende positive Trend in Sachen Kindeswohl ist zu einem großen Teil den nachhaltigen und ernsthaften Bemühungen von Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder zu verdanken; zu einem kleineren, wenn auch sicherlich nicht unwesentlichen Teil dem Wirken der Liga, deren 30-jähriges Bestehen wir heute feiern. In diesem Sinne wünsche ich ihr und allen in ihr Tätigen (mindestens) 30 weitere erfolgreiche Jahre.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

PD Dr. Martin Dornes ist Soziologe, Entwicklungspsychologe und Gruppenanalytiker. Er ist Mitglied im Leitungsgremium des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main.