Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Umweltbedingungen und Kindergesundheit

von Karl Ernst von Mühlendahl

Wenn ich als Kinderarzt und Umweltmediziner über Kindergesundheit und Umweltbedingungen spreche, dann werden vielleicht Ausführungen erwartet über schädliche Wirkungen von Amalgam, Dioxinen, elektromagnetischen Feldern und Niedrigstrahlung auf die Häufigkeit von Fehlbildungen, Leukämie, Immundefekten und Hyperaktivität bei Kindern. Dabei handelt es sich um die Langzeiteffekte von anthropogenen Umweltveränderungen – vorwiegend chemischer und physikalischer Natur – auf bestimmte Parameter, die für die Kindergesundheit von Bedeutung sind. Das ist das „klassische“ Terrain der Umweltmedizin, in dem sie sich in den letzten 20 Jahren bewegt hat.

Viele Umweltthemen, mit denen wir uns vor 15 Jahren beschäftigt haben, sind fast ganz aus dem Blickpunkt verschwunden. Manches ist vorübergehend, kann abgestellt werden (Asbest, Zigarettenrauchen, Mobilfunk, Lärm), anderes persistiert über Jahrzehnte (polychlorierte Kohlenwasserstoffe, stratosphärisches Ozon), und wiederum anderes ist geeignet, langfristig, dauerhaft unsere Welt zu schädigen oder gar für Menschen unbewohnbar zu machen (Abholzung der Tropenwälder und – schlimmer noch – der nur langsam nachwachsenden nördlichen Taiga-Wälder, Energieverbrauch und daraus resultierende Klimaveränderungen).

Umwelt und Konstitution

Was bedeutet eigentlich „Umwelt“ in unserem Kontext? Gesundheit und Krankheit werden immer gleichzeitig durch Konstitution und durch externe Faktoren bedingt, manchmal mehr durch die eine Seite, manchmal mit viel mehr Gewicht auf der anderen. Das ist gut erkennbar bei der Betrachtung der Tabellen 1 und 2. Selbst bei der Phenylketonurie, einer erblichen Stoffwechselstörung, ist der aus der Umwelt kommende exogene Auslöser erforderlich, um die Krankheit zum Ausbruch zu bringen; in diesem Falle handelt es sich um die normale Ernährung. Bei Weglassen der essentiellen Aminosäure Phenylalanin kann die Krankheitsmanifestation verhindert werden. Und auch hinsichtlich der Knochenbrüche, die sehr weitgehend durch Umweltfaktoren verursacht werden, spielt die Konstitution noch eine Rolle. Es gibt Menschen mit erhöhter Knochenbrüchigkeit und auch solche mit einer Ungeschicklichkeit, Pechvögel, denen „immer etwas passiert“.

Tabelle 1: Kunstitution und Umwelt
Individuelle Disposition Umweltfaktoren
Genetik Klima
Psyche soziales Umfeld
Geschlecht Allergene
Rasse Infektionen
Immunmangel UV-Strahlung
(Tabelle 2): Krankheiten mit unterschiedlichem Gewicht der bedingenden externen Faktoren
Phenylketonurie
Mukoviszidose
Diabetes mellitus
Asthma
Herzinfarkt
Krebs
Appendicitis
Lebercirrhose
Pneumonie
Bleivergiftung
Schädelfraktur

Anthropogene Umweltfaktoren in Deutschland

In Tabelle 3 sind in der linken Spalte einige anthropogene Umweltfaktoren verzeichnet, über die nachzudenken sich lohnt, die tatsächlich eine gewisse Bedrohung oder Gefährdung für Kinder auch in Deutschland darstellen. In der rechten Spalte sind eher randständige, unbedeutende, gleichwohl aber vieldiskutierte Umweltfaktoren aufgelistet.

(Tabelle 3): Schadstoffe, Rückstände, Noxen, die in Deutschland von Bedeutung bzw. von geringerer Bedeutung sind
von Bedeutung diskutiert, aber von geringerer Bedeutung
Acrylamid Amalgam
Blei Asbest
Feinstäube (PM10) Gentechnik-Nahrung
Ozon Belastung der Nahrung
Phthalate Immissionen aus Kernkraftwerken
olychlorierte Biphenyle „Pestizid“-Rückstände in der Nahrung
Quecksilber
Radon

In Deutschland leben wir in einem reichen Land, in dem viele schwerwiegende, lebensbedrohende Umwelteinflüsse ausgeschaltet sind: Verhungern, Verdursten, Erfrieren, die meisten Infektionskrankheiten. Wir haben Zeit, uns mit esoterischen Seitenthemen zu beschäftigen: etwa, ob der Wein nach Kork schmeckt oder ob man Silikon in Brüste und Lider implantieren soll.Anthropogene Umweltfaktoren; europäische und globale Aspekte

Die Vierte Ministerielle Konferenz Umwelt und Gesundheit (Budapest, Juni 2004) von 52 Europäischen Staaten, wie auch die WHO in einem Children’s Environmental Health Action Plan for Europe (CEHAPE) haben Problembereiche definiert, die deutlich von unseren deutschen Aspekten abweichen. Weltweit muss die Reihenfolge der Schwerpunkte dann noch einmal anders gesetzt werden.

(Tabelle 4): Gesundheitlich relevante Umweltfaktoren in Deutschland, Europa und in der Welt
Deutschland Europa Global
Blei Innen- und Aussenluft Water and Sanitation
Feinstäube (pm10) Unfälle Vector Borne Diseases
Ozon Wasser und Hygiene Indoor and Outdoor Air
Polychlorierte Biphenyle Gefährdung durch Pesticides and Chemical
Quecksilber Chemikalien und Risks
Radon physikalische Injuries
UV-Strahlen Faktoren

Es hat in den letzten 15 Jahren auf hoher und höchster Ebene engagierte Konferenzen und gut ausgewogene Deklarationen gegeben (Europäische Umwelt- und Gesundheitsministerkonferenzen Frankfurt 1989, Helsinki 1994, London 1999, Budapest 2004, Konferenzen der G8 in Miami 1998, in Triest 2004), dazu Bemühungen der WHO auf den verschiedensten Ebenen (z.B. CEHAPE) und in Deutschland seit 1999 das Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG) der beiden beteiligten Ministerien, in das nun auch das Verbraucherministerium eingebunden ist. Weltweit sind die Probleme aber nicht geringer, sondern größer geworden. Das hat seine Gründe wesentlich in den nur schwer beeinflussbaren und insgesamt schlechter werdenden Rahmenbedingungen. Hierzu zählen vor allem Armut, Ungleichheit der Ressourcenverteilung, Klimaänderung mit Ausweitung von Trockenzonen und Überschwemmungen, Hunger, Migration, Mega-Städte mit grossen Slums, Kriege und Kinderarbeit.Umwelt und Gesundheit in Deutschland

Diesen skeptischen, wenig ermutigenden globalen Aspekten mögen konkretere und positivere lokale, deutsche Aspekte folgen. Die Kindergesundheit ist in den letzten Jahren besser, nicht schlechter geworden. Zwar haben allergische Krankheiten – Asthma und Neurodermitis – deutlich zugenommen. Das hat mit unserer zivilisierten Lebensweise in weiterem Sinne zu tun, aber wahrscheinlich kaum etwas mit „klassischer Umweltverschmutzung“. Kinderkrebs hat – entgegen häufigen anderslautenden Behauptungen – nicht zugenommen.

Angeborene Fehlbildungen haben nicht zugenommen, sie dürften eher seltener geworden sein. Hier spielen neben verbesserten sozioökonomischen Bedingungen und der Folsäure- (Vitamin B6-) Prophylaxe in der Schwangerschaft auch die Pränataldiagnostik und die resultierenden Schwangerschaftsunterbrechungen eine Rolle.

Die Referenzwerte (Durchschnittswerte) für Blei im Blut liegen jetzt bei 5 ug/100 dl Blut und damit 4- bis 6-fach unter den Richtwerten, die noch vor einigen Jahrzehnten galten. Der zulässige Bleigehalt im Trinkwasser wird in diesen Jahren von 40 auf 10 ug/l abgesenkt.

Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten oder schwer verletzten Kinder ist in den letzten 20 Jahren um mehr als 50% reduziert worden; durch Vergiftungsunfälle kommen nur noch ganz wenige Kinder ums Leben. Bei den Unfällen haben also Präventivbemühungen gewirkt.

Die Liste solcher positiven Meldungen ließe sich fortsetzen.

Ist denn nun alles gut, bleibt nichts mehr zu tun? Keineswegs, denn wir haben in Deutschland schon erwähnte Umweltprobleme, und wir werden sehr wachsam bleiben müssen. Aber wir müssen beachten, dass diese auf anthropogene chemische und physikalische Noxen begrenzten Gesundheitsgefährdungen gering sind im Vergleich zu den Gefährdungen, Störungen und Krankheiten, die aus einem weiter gefassten Umweltbegriff resultieren, wenn nämlich richtigerweise soziale, psychische und ökonomische Aspekte mit in die Definition dessen einbezogen werden, was für uns die Umwelt ist. Die so verstandene Umweltmedizin ist das eigentliche Thema dieser Fachtagung.

Wenn wir uns mit der Umweltmedizin aber im engeren, auf anthropogene Noxen ausgerichteten Sinne beschäftigen wollen, dann ist es sinnvoll und – wenn man Wirkung erzielen will – effektiv, sich mit den gravierenden Problemen zu beschäftigen, die unsere Welt anhaltend zu schädigen oder zu verderben in der Lage sind. Es ist wichtig, an die Wurzeln zu gehen: nicht gegen Dioxine protestieren, sondern erkennen, dass der Hauptausstoss an Dioxinen aus unseren eigenen Kraftfahrzeugen stammt; nicht so sehr besorgt über Acrylamid in Keksen und Zwieback sein, sondern weniger Pommes frites und Grillfleisch essen, denn die resultierende Fettleibigkeit ist der gravierende Risikofaktor; nicht nur über Mobilfunk-Sendestationen klagen, sondern die 1000fach höheren Belastungen durch die eigenen Telefonate meiden; nicht nur über Radioaktivität im Umfeld von Kernkraftwerken besorgt sein, sondern dann auch über Radon (aus dem Erdreich stammende, radioaktive Gase mit erheblichem, zahlenmäßig ins Gewicht fallendem karzinogenen Potential) im eigenen Keller.

Umwelt und Gesundheit in Europa

Der Versuch, den Einfluss von wichtigen Umweltfaktoren auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen größenordnungsmäßig zu beschreiben, ist kürzlich in einer umfangreichen Publikation in der Zeitschrift Lancet gemacht worden (vgl. Tabellen 5 und 6). In Europa werden nach WHO-Kriterien drei Regionen gesondert betrachtet: Europa A (sehr geringe Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit, sehr geringe Sterblichkeit bei Männern zwischen 15 und 59 Jahren); Europa B (niedrige Sterblichkeit in beiden Gruppen); und Europa C (niedrige Kinder- und hohe Erwachsenensterblichkeit.

Geschätzt wurden die Folgen von Außenluftverunreinigung (Feinstaub, PM10), Innenraumluftverschmutzung (Verbrennung fester Heizmaterialien), unzureichende Trink- und Abwasserhygiene, Bleibelastung (Blutblei-Konzentrationen) und Verletzungen und Unfälle. Die gemessenen Resultanten sind Tod und Behinderung/Einschränkung (DALYs, disability-adjusted life years).

(Tabelle 5): Prozentualer Anteil an den gesamten Todesfällen bei Kindern und Jugendlichen in Europa und Gesamtzahl
Faktor 4 Jahre 5 – 14 Jahre 15 – 19 Jahre
Außenluft 6,4%
Innenluft 4,6%
Wasser, Hygiene 9,6% 0,8%
Verletzungen 6,0% 41,2% 59,9%
Summe 26,5% 42,1% 59,9%
absolute Zahl der Todesfälle 216.194 37.784 77952
(Tabelle 6): Aus Schädigungen durch Umweltfaktoren resultierende Behinderungen und Beeinträchtigungen bei
Faktor 0 – 4 Jahre 5 – 14 Jahre 15 –19 Jahre
Innenraumluft 3,1%
Wasser, Hygiene 7,9% 1,0%
Blei 4,4%
Unfälle 7,3% 29,8% 27,1%
Summe 22,7% 30,8% 27,1%
Zahl der DALYs (disability-adjusted life years), gerundet 11 Millionen 5,6 Millionen 8,6 Millionen

Die Bedeutung der einzelnen genannten Umweltfaktoren in den verschiedenen Zonen Europas ist erwartungsgemäß sehr groß; das wird ersichtlich, wenn man die Sterblichkeit bei den Kindern bis vier Jahre betrachtet: In Europa B auf Grund von Außenluftverschmutzung 10.600, Innenluftverunreinigung 9.300, schlechter Qualität von Wasser und Hygiene 11.900 (zum Vergleich die Zahlen für Europa A plus Europa C: 3.200/556/1.700); angegeben sind gerundete Zahlen.

Sorgen um eine enkeltaugliche Zukunft

Wenn wir uns um Probleme kümmern wollen, die über die persönliche Gesundheit und das Wohl unserer eigenen Kinder hinausreichen, dann müssen wir uns um eine enkeltaugliche Zukunft kümmern. Die gravierenden Probleme, bei denen dringend Abhilfe geboten ist, weil es sonst zu irreversiblen, also nicht wieder gut zu machenden Verschlechterungen der Lebensbedingungen für unsere Kinder und Enkel kommt, sind insbesondere:

– Energiekonsum mit Ressourcenverbrauch und Immissionen als Resultat

– Mobilitätsansprüche mit Energiekonsum und Einengung des persönlichen Bewegungsfeldes

– Vernichtung der tropischen Regenwälder und der nördlichen Wälder (Flächenabholzung)

– Erkennen und Lösen des Endlagerungsproblems für nukleare Rückstände

– Klimaerwärmung (Treibhauseffekt) als Folge unseres Energiekonsums

Was ist eigentlich Enkeltauglichkeit? Es handelt sich letztlich um das, was wir als Nachhaltigkeit bezeichnen, und märchenhaft umschrieben geht das aus der Kurzfassung eines alten Märchens hervor:

„Ich werde dafür sorgen, dass Du Deine alten Tage ruhig und sicher verleben kannst“, sagte der erste. – „Ich werde fleißig lernen und viel arbeiten, so dass Du stolz auf mich sein kannst“, sagte der andere. – „Ich will, so wie Du jetzt, Sorge um meine Enkelkinder tragen.“ Nur diesen dritten Sohn Munin, nur diesen trug der Rabe Hugin ans rettende Ufer, als er aus der steigenden Flut lediglich einen seiner Söhne forttragen konnte.

Prof. Dr. med.Karl Ernst v. Mühlendahl ist Kinderarzt und Umweltmediziner und Geschäftsführer der Kinderumwelt gGmbH in Osnabrück