Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Mit jeder Sprache erschließt man sich eine neue Welt

Jörg Maywald im Gespräch mit Klaus Böger, Senator für Bildung, Jugend und Sport in Berlin

Maywald: Die im vergangenen Jahr in vier Berliner Innenstadtbezirken durchgeführte Sprachstandserhebung „Bärenstark“ hat ergeben, dass rund zwei Drittel aller Kinder am Ende der Kindergartenzeit Förderbedarf oder sogar intensiven Förderbedarf haben. Wo liegen die Ursachen für dieses beunruhigende Ergebnis?

Böger: Die Bedingungen für den Spracherwerb von Kindern und somit auch für die Sprachförderung haben sich erheblich verändert. Innerhalb und außerhalb von Familien wird weniger mit Kindern gesprochen. Außerdem ist eine gemeinsame Verkehrssprache, insbesondere in einer multikulturellen Großstadt wie Berlin, nicht mehr selbstverständlich. Um so wichtiger werden die Kindertageseinrichtungen für die Förderung aller Kinder und auch als Unterstützung der Familien.

Maywald: Ein Jahr nach „Bärenstark“ haben Sie gemeinsam mit Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, einen „Sprachförderkoffer für Kindertagesstätten“ vorgestellt. Was steckt in diesem Koffer und welche Ziele verfolgen Sie hiermit?

Böger: Der Sprachförderkoffer soll als Arbeitsmittel wirken, das die natürliche Lust der Kinder am spielerischen Lernen, ihre Neugier und Kreativität fördert, ihre Sprachkompetenz verbessert und Grundlagen für den späteren Schriftspracherwerb legt. Er wird den Erzieher(inne)n Unterstützung geben, Kinder langfristig in ihrer Sprachentwicklung zu beobachten, erforderliche Sprachfördermaßnahmen einzuleiten und diese mit den Eltern gemeinsam umzusetzen. Dabei geht es um alle Kinder im vorschulischen Alter, besonders aber um Deutsch als Zweitsprache bei Migrantenkindern.

Der Sprachförderkoffer enthält ein Handbuch mit grundlegenden Informationen zur Sprachentwicklung, zum Zweitspracherwerb und zur individuellen Sprachförderung, mit Anleitungen zum weiteren Einsatz von Materialien, Informationen zur Zusammenarbeit mit Eltern sowie eine Literatur- und Materialliste. Außerdem enthält er Wortlernkarten mit den wichtigsten Begriffen, die auf verschiedene Bereiche der Lebenswelt der Kinder im Kindergarten bezogen sind, und beim Fördern einer altersangemessenen Sprachkompetenz helfen sollen: zur Begriffsbildung, zum richtigen und zusammenhängenden Sprechen durch Anwendung vielfältiger Substantive, Verben, Adjektive, Präpositionen bis hin zur Satzbildung. Schließlich enthält der Koffer Satzlernkarten mit „Brückensätzen“, die in der allgemeinen täglichen Kommunikation genutzt werden können. Diese sind in die zehn häufigsten Migrantensprachen übersetzt und sollen helfen, die Eltern von Anfang an in die Sprachförderung einzubeziehen.

Maywald: Die in dem Sprachförderkoffer enthaltenen Materialien sollen in den Kindertageseinrichtungen verwendet werden. Sind Erzieherinnen von ihrer Ausbildung her überhaupt darauf vorbereitet, Kinder sprachlich zu fördern?

Böger: Erzieher(innen) benötigen auf jeden Fall verstärkte Qualifizierung, wenn sie den oben beschriebenen erhöhten Anforderungen genügen sollen. Dazu passiert gegenwärtig viel: Viele Berliner Träger haben in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um das pädagogische Personal zu schulen und spezielle Konzepte der Sprachförderung umzusetzen. Gleichzeitig ist in der landeseigenen sozialpädagogischen Fortbildung die Anzahl der hierfür zur Verfügung stehenden Plätze von 1.000 auf 2.000 verdoppelt worden. Die Fachberater(innen) und KiTaleiter(innen) werden fortlaufend qualifiziert. Außerdem reformieren wir die Erzieherausbildung: Die Ausbildungsqualität soll durch höhere Eingangsvoraussetzungen (Fachhochschulreife) und engere Verzahnung mit der Praxis verbessert werden. Sprachförderung wird im Ausbildungskanon einen breiteren Raum einnehmen.

Maywald: Den stärksten Einfluss auf die Sprachentwicklung besonders in den ersten sechs Lebensjahren haben die Eltern. Was raten Sie Eltern nichtdeutscher Herkunftssprache, wie sie ihr Kind bestmöglich unterstützen können?

Böger: Die Kinder möglichst frühzeitig eine Kindertageseinrichtung besuchen zu lassen, damit sie dort die Chance haben, in einer deutschsprachigen Umgebung mit deutschsprachigen Ansprechpartner(inne)n möglichst frühzeitig die deutsche Sprache zu lernen.

Die Eltern sollten den Austausch mit den Erzieherinnen ihres Kindes suchen und sich mit ihnen über seinen Bildungs- und Sprachlernprozess verständigen. Ganz sicher ist es motivierend und unterstützend für das Kind, wenn sich die Eltern dafür interessieren, dass ihr Kind deutsch lernt, dass sie wissen, wie wichtig das für ihre Kinder ist. In diesem Zusammenhang sind die an Berliner Schulen und in KiTas durchgeführten Deutschkurse für Eltern („Mütterkurse“) von großer Bedeutung: Wenn Kinder erleben, dass zum Beispiel die eigene Mutter sich bemüht, selbst Deutsch zu lernen, kann das ihre Motivation nur unterstützen.

Maywald: Manche Eltern ausländischer Herkunft fragen sich besorgt, ob ihr Kind durch eine zu frühe Förderung im Deutschen den Kontakt zur Muttersprache verlieren könnte. Was antworten Sie diesen Eltern?

Böger: Wir wissen heute, dass Kinder in frühem Alter relativ leicht mehrere Sprachen lernen können. Zweisprachigkeit in früher Kindheit ist eine wichtige Bereicherung für den Lern- und Entwicklungsprozess des Kindes. Es geht beim Deutschlernen in der KiTa nicht darum, die Muttersprache zu verdrängen, im Gegenteil: die Akzeptanz der Muttersprache und ihrer grundlegenden Funktion für die Persönlichkeitsbildung des Kindes ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Deutsch zu lernen.

Maywald: Was halten Sie von einer generellen Sprachstandserhebung bei allen Kindern zum Beispiel zu Beginn und am Ende der Kindergartenzeit?

Böger: In dem Entwurf zum neuen Schulgesetz ist vorgesehen, dass künftig bei allen Kindern im Alter von fünf Jahren eine Sprachstandserhebung gemacht wird. Kinder, bei denen offenkundig ist, dass sie die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, werden dann zu einem halben Jahr Unterricht noch vor Schuleintritt verpflichtet. Bei Kindern, die den Kindergarten besuchen, werden die Erzieher(innen) auf die Defizite hingewiesen, damit sie diese Kinder gezielt fördern können.

Maywald: Immer wieder einmal wird diskutiert, zumindest im letzten Jahr vor der Schule eine Kindergartenpflicht einzuführen und für den Besuch des Kindergartens keine Gebühren mehr zu erheben. Was ist Ihre Meinung hierzu?

Böger: In Deutschland wird allgemein zu spät eingeschult. Statt eine „Kindergartenpflicht“ einzuführen, die auch rechtlich bedenklich wäre, gehen wir andere Wege, um das zu ändern: Nach dem Entwurf des neuen Schulgesetzes wird die Schulpflicht um ein halbes Jahr vorgezogen, so dass alle Kinder schon mit fünfeinhalb Jahren eingeschult werden. Es wird dann auch keine Rückstellungen mehr geben. Kinder, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, werden, wie bereits erwähnt, schon mit fünf Jahren die Schule besuchen. Die vorschulische Bildung wird generell im Kindergarten stattfinden, der in Berlin immerhin von 92% der Kinder besucht wird.

Meine Meinung zur Abschaffung der Kindergartengebühren ist ganz klar: Ich finde, dass der Besuch des Kindergarten eigentlich kostenfrei sein sollte. Ich kann nicht nachvollziehen, warum in Deutschland keine Studiengebühren bezahlt werden, aber für die Bildungseinrichtung Kindergarten Gebühren verlangt werden. Wir sollten mehr dafür investieren, ein solides Fundament für Bildung und Chancengleichheit zu legen. Aber leider ist das Zukunftsmusik. Die Haushaltslage Berlins erlaubt es uns zur Zeit nicht, auf die Gebühren zu verzichten.

Maywald: Das Miteinander mehrerer Sprachen gehört zu einer offenen Wissensgesellschaft.

Was muss sich verändern, damit Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit als Ressource gesehen werden können?

Böger: Ich glaube, da hat sich schon sehr viel verändert. Wir haben in Berlin ein reichhaltiges Fremdsprachenangebot an den Schulen, das gut genutzt wird. Die bilingualen Europaschulen erfreuen sich großer Beliebtheit. Indem wir Englisch bereits ab dritter Klasse unterrichten, ist das eine gute Grundlage, auch weitere Sprachen zu erlernen. Es gibt eine ganze Reihe bilingualer Kindergärten. Bei der Sprachenvielfalt, die wir in der Stadt haben, halte ich es allerdings für unabdingbar, dass alle die gemeinsame Verkehrssprache – nämlich Deutsch – beherrschen. Dann werden die Kinder die Erfahrung machen, von der schon Goethe schwärmte: Mit jeder Sprache erschließt man sich eine neue Welt.