Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die interkulturellen Frühstückscafés MamaMia

Ein Projekt der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle des Diakonischen Werkes Bonn und Region

Von Renate Hauber

Armut hat viele Facetten. Durch den häufigen Kontakt mit Migrantinnen in der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle stellen wir immer wieder fest, dass die mangelnden Sprachkenntnisse und fehlende Bildung der Mütter die größten Hindernisse darstellen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Wir lernen täglich Frauen kennen, die, obwohl sie schon mehrere Jahre in Deutschland leben, kaum Deutsch sprechen und das hiesige Bildungs- und Gesundheitssystem nicht durchschauen und auch nicht nutzen. Die interkulturellen Frühstückscafés MamaMia sind ein Projekt der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle des Diakonischen Werkes Bonn und Region.

Mütter und ihre kleinen Kinder bis zu drei Jahren aus problematischen Verhältnissen können bei MamaMia Kontakt und Hilfe finden. Die regelmäßig stattfindenden Cafés werden dort durchgeführt, wo die Mütter wohnen. Die kurzen Wege ermöglichen es den Frauen, die in der Regel nicht mobil sind, sich auf den Weg zu machen und regelmäßig an einer Gruppe teilzunehmen. Für viele Migrantinnen ist es ein großer Schritt, sich überhaupt auf ein Angebot einzulassen, welches außerhalb des familiären Rahmens stattfindet.

MamaMia spricht Mütter in schwierigen Verhältnissen an: allein erziehend, mit sozial-wirtschaftlichen Problemen, konfliktreichen Familienverhältnissen, von Arbeitslosigkeit betroffen, mit mangelnder Schulbildung, mit Migrationshintergrund. Sie sind oft mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Diese jungen Mütter fühlen sich von Kursangeboten der Bildungseinrichtungen grundsätzlich nicht angesprochen, weil diese Angebote zu mittelschicht- und bildungsorientiert sind. Über den persönlichen Kontakt zur Leiterin und durch den Kontakt zu anderen Müttern lassen sich diese Frauen aber gewinnen.

Gerade Migrantinnen können wir gut ansprechen, da sie die Art der Kommunikation „Frauen unter sich“ von ihren Heimatländern her kennen. Viele kommen im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland, haben hier keine eigenen Angehörigen und leben daher sehr isoliert. Nachweislich kommt Frauen aber eine Schlüsselfunktion für das Gelingen der Integration ihrer Familie zu. Deshalb ist es wichtig, gerade die Fähigkeiten der Mütter zu stärken.

Die Mütter werden in der Gruppe in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt durch: (1) Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Kinder, (2) Information über die Entwicklungsphasen der Kinder, (3) Einübung von kindgerechten Ritualen und Spielanregungen, (4) pädagogischen Hilfe bei Verhaltensauffälligkeiten. Die Frauen erleben, dass sie in ihrer Kompetenz ernst- und angenommen werden und dass Erziehung ein Lernprozess ist. Die Kinder lernen soziales Verhalten in der Gruppe und werden somit für den Kindergarten vorbereitet.

Ausländische Frauen mit mangelnden Sprachkenntnissen sollen durch alltagsnahe Themen an die deutsche Sprache und Kultur herangeführt werden. Wo möglich, vermitteln wir in weiterführende Sprachkurse. Das Selbstbewusstsein und die Fähigkeiten der Frauen sollen gestärkt werden, damit sie persönliche und berufliche Perspektiven entwickeln können. Bei weiterem Unterstützungsbedarf der Frauen und Kinder vermitteln wir und begleiten in passgenaue Hilfen.

Die Frühstückscafés werden in multikulturellen und problematischen Stadtteilen eingerichtet. Dadurch sind die Wege für die Mütter nicht weit. Die Leiterin der Frühstückscafés macht das Angebot über die bestehenden Netzwerke und Institutionen im Stadtteil bekannt. In lockerer Runde werden die Themen, die die jungen Mütter mitbringen und die ihrer Lebenswelt entsprechen, zur pädagogischen Arbeit genutzt. Die Themen sind unter anderem die Ernährung der Kinder, Gesundheitsvorsorge, bewusste Familienplanung, Informationen zu anderen Angeboten für Familien, Umgang mit Behörden sowie die persönlichen Perspektiven der Frauen. Wir fördern die Kinder mit Singen, Basteln und Spielen. Gezielte Beschäftigung ist für die Kinder meist ganz neu. Sie kennen das in der Regel von zu Hause nicht.

Jedes Frühstückscafé wird von einer Fachkraft mit fünf Wochenstunden geleitet. Die Leiterin führt neben den Gruppenangeboten auch die aktivierende und begleitende Arbeit durch. Für diese Einzelfallhilfe hat die Leiterin ein extra Kontingent an Zeit zur Verfügung. Eine Zweitkraft unterstützt sie bei der Gruppenarbeit und sichert die Vertretung; hierfür stehen drei Wochenstunden zur Verfügung.

Alle Mitarbeiterinnen haben eine Ausbildung als Sozialpädagogin. Für den Erfolg des Angebots ist es unabdingbar, dass die jungen Frauen Vertrauen zur Gruppenleiterin aufbauen. Wenn durch Verlässlichkeit und Empathie eine Bindung zur Leiterin entsteht, kann dies schon allein Motivation für das Aufsuchen des Treffs und gleichzeitig Modell für Beziehungsgestaltung sein. Bei der Teilnahme wird Wert auf Kontinuität gelegt. Sollten die Teilnehmerinnen trotz zugesagtem Interesse nicht erscheinen, sucht die Leiterin den Kontakt.

Anfang 2008 wurde das erste MamaMia Frühstückscafé gegründet. Die Aktion Lichtblicke e.V. unterstützte den Aufbau des Projektes über zwei Jahre. Inzwischen existieren fünf Cafés in Bonn und Umgebung. Die Jugendämter befürworten und bezuschussen diese Arbeit. Kirchengemeinden, Stiftungen und Einzelspender unterstützen uns finanziell, damit wir dieses Projekt langfristig weiterführen können.

Renate Hauber ist Diplom-Sozialpädagogin und Beraterin in der Evangelischen Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität und Pränataldiagnostik in Bonn.