Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Der STREET JUMPER

Stärkung von Kindern und Jugendlichen in benachteiligten Wohngebieten in Mainz

Von Gisela Bill

Mit unserem STREET JUMPER, einem auffälligen, geräumigen Wohnmobil mit kleiner Küche, Sitzecke, Stauraum für Materialien etc. suchen wir regelmäßig Kinder und Jugendliche in benachteiligten Wohngebieten in Mainz auf. Die Standorte sind derzeit der Layenhof, die Gustav-Mahler-Siedlung und die Elsa-Brandström-Straße.

Bei uns gibt es einen vollwertigen Imbiss, jahreszeitliches Obst, Gemüserohkost, Suppen, Getränke, ansprechende Sport- und Spielmöglichkeiten, Entspannungsangebote und immer ein offenes Ohr für alles. Eine kleine Bibliothek ist vorhanden, vielfältige Gesundheitsinformationen, Internetzugang, für Eltern und Großeltern gibt es Kaffee und Tee, um auch mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Im Mobil ist auch bei schlechtem Wetter Platz für Gespräche und individuelle Beratung oder um sich zurückzuziehen. Um unterschiedliche Angebote für ca. 30 bis 60 Kinder und Jugendliche (pro Standort) im Alter von vier bis 16 Jahre machen zu können, nutzen wir zusätzlich feste Räume von kooperierenden Jugendhilfeeinrichtungen vor Ort.

Dadurch können wir sehr breit auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen. Wir sind bisher an jedem Standort an einem festen Tag in der Woche, für die Jugendlichen gibt es zusätzlich besondere Angebote am Abend. Ferientage nutzen wir zu attraktiven Tagesausflügen. Ebenfalls beteiligen wir uns an Jugendtagen und Sommerfesten der Stadtteile. Ca. 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. Die Eltern sind sehr froh über unser Angebot, da vor allem die Standorte Layenhof und Lerchenberg sehr abgelegen sind, und ein aufsuchendes Angebot mit vielen Kooperationspartner(inne)n die Kinder und Jugendlichen dort abholt, wo sie sind.

Wir beziehen die Kinder und Jugendlichen in Planung und Umsetzung der Aktivitäten ein, arbeiten geschlechter- und kultursensibel. Mit unserem Freizeit- und Gesundheitsmobil verbessern wir die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen und fördern – im Sinne des Resilienz-Konzeptes – die Befähigung, schwierige Lebensumstände besser und gesünder zu bewältigen, indem wir gesundheitsförderliche Verhaltensweisen vermitteln, soziale Fähigkeiten fördern und die Kinder und Jugendlichen motivieren, diese in ihren Alltag zu integrieren.

In diesem Sinne handelt es sich um ein aufsuchendes, kostenloses, außerschulisches Freizeit- und Bildungsangebot für Kinder und Jugendliche von vier bis 16 Jahren mit gesundheitsförderndem Anspruch. Durch attraktive Angebote im Bereich Ernährung, Bewegung, Entspannung und Kreatives Gestalten fördern wir die personalen und sozialen Ressourcen. Dazu gehört zum Beispiel die Förderung von Sozialkompetenz (z. B. Kooperations- und Kontaktfähigkeit sowie Verantwortungsübernahme) und eines aktiven und flexiblen Bewältigungsverhaltens (z. B. die Fähigkeit, soziale Unterstützung zu mobilisieren sowie Entspannungsfähigkeiten). Auch die Förderung von Talenten, Interessen und Hobbys trägt zur Verbesserung der Resilienz bei. Die Einbeziehung von Eltern und nahen Bezugspersonen, wie z. B. Großeltern, ist uns wichtig, da ein positiver Einfluss in die Familien hinein für die Nachhaltigkeit von erheblicher Bedeutung ist.

Heidi Jung und Timo Müller, unsere beiden fest angestellten, von den Kindern sehr geschätzte Sozialpädagog(inn)en, ist es schnell gelungen, verlässliche Beziehungen zu den Kindern aufbauen. Dies zeigt u. a. eine Blitzbefragung mit ca. 50 Kindern und Jugendlichen an allen drei Standorten. Die Kinder und Jugendlichen haben bereits feste Erwartungen an uns und bringen regelmäßig ihre Vorstellungen für unsere Angebote ein. Auch zu einigen Eltern – vor allem Müttern – gibt es bereits gute Kontakte. Die Kinder lernen sich untereinander besser kennen und es sind neue Freundschaften entstanden. Rassismus, Ausgrenzung und Konflikte thematisieren wir und versuchen sie durch z. B. Kooperationsspiele anzugehen.

Lecker und gesund kochen, backen, essen
Dass wir immer belegte Vollkornbrote, Obst und Gemüse anbieten, wird sehr geschätzt. Die Kinder beteiligen sich auch mit großer Freude an der Zubereitung. Wir mussten die Lebensmittelmenge inzwischen verdoppeln, da hier scheinbar ein Bedarf befriedigt wird, und unsere guten Lebensmittel eine Wertschätzung für die Kinder bedeuten. Unser Essensangebot ist für die meisten ungewöhnlich. So lernen die Kinder und Jugendlichen für sie neue Lebensmittel kennen, tragen dieses Wissen auch in die Familien.

Wir bewegen uns
Unser Outdoor-Spieleangebot (u. a. Slackline, Wickingerschach, Jenga, Bewegungsbaustelle, Schlägerballspiele, Jonglierkeulen und Bälle, Drachen und Schwungtuch), das u. a. Konzentration, Grob- und Feinmotorik, Balance, Strategiefähigkeit und Spielfreude im Allgemeinen fördert, begeistert die Kinder und Jugendlichen immer wieder. Zuletzt konnten bei einem mehrtägigen Zirkusworkshop viele Talente entdeckt werden.Externe Angebote wie Stockkampfkunst und Thai-Boxen verfolgen den Anspruch, konstruktiv mit Aggression umzugehen, Achtsamkeit, Respekt, Selbstkontrolle sowie Grenzen setzen und wahren zu erlernen.

Ruhe und Entspannung
Wir achten darauf, auch ruhige, entspannende Spiele vorzuhalten, durch integrative statt konkurrente Spiele Sozialkompetenz zu fördern. Die Kinder kommen zur Ruhe u. a. durch kindgerechte Shiatsuelemente, Massagen, Traumreisen, etc. Tobespiele werden zum Teil mit einer Entspannungsphase beendet. Kindgerechtes Yoga wird von den Kindern gerne angenommen und wiederholt eingefordert.

Kreativität fördern
Malen mit verschiedenen Utensilien, Basteln, Töpfern ist sehr beliebt bei den Mädchen. Es wird darauf geachtet, dass auch interessierte Jungen integriert werden. Über Kreativangebote kommt man schnell in Kontakt auch zu schüchternen Kindern.

Infos zur Gesundheit
Wir bieten vor Ort Informationen zu gesundheitsrelevanten Themen an. Verschiedenen sozialen Institutionen haben wir bereits zu Themen gesundheitlicher Prävention eine Plattform geboten, ihr Angebot bei uns vorzustellen, sowie kindgerecht in die Thematiken einzusteigen.

Das Besondere an unserem Projekt
Das Besondere an unserem Projekt ist die enge Verzahnung von Freizeitbeschäftigung – der STREET JUMPER hat Elemente eines Spielmobils – und Gesundheitsförderung mit Fokus auf die wichtigsten Aspekte: Ernährung, Bewegung, Entspannung und Gesundheitsinformation. Das Konzept fußt auf der Erkenntnis, im Rahmen von gesundheitsfördernden Interventionen die Chancen von sozial Benachteiligten auf verschiedenen Ebenen nachhaltig zu beeinflussen und langfristig deren Gesundheit zu verbessern.

Das Wohnmobil hat einen ganz besonderen Charakter. Es zieht die Kinder an mit seinem bewegten Äußeren und seiner gemütlichen Atmosphäre im Innenraum. Es gibt immer etwas zu essen und zu trinken und es vereint vielfältige Angebote, für die die Kinder und Jugendlichen sonst verschiedene Institutionen aufsuchen müssten. Das Mobil ist eine Insel, auf der man länger verweilen kann, aber auch als Kurzbesucher(in) willkommen ist, weil man z. B. etwas essen möchte.

Das Projekt in seiner niedrigschwelligen Form spricht ein breites Altersspektrum an. Ohne Bedingungen erfüllen zu müssen kann jede(r) vorbeikommen, wird akzeptiert und angenommen. Wir stellen eine Konstante dar, da wir zuverlässig bei jedem Wetter vor Ort sind. Wir konkurrieren nicht, sondern arbeiten mit den lokalen sozialen Einrichtungen vor Ort zusammen, vermitteln bei Bedarf und bringen Fachleute aus verschiedenen Bereichen zu den Menschen.

Unser Verein setzt sich mit seiner Arbeit ein für (1) ein gerechtes Gesundheitssystem, (2) die Rechte armer Menschen und die Stärkung ihrer Selbstachtung, (3) die Überwindung von Armut in der Gesellschaft, (4) die gesellschaftliche Integration der Betroffenen sowie (5) ein vernetztes Hilfesystem für die Betroffenen im Gemeinwesen.

Als Unterstützer des „Mainzer Modells der medizinischen Versorgung wohnungsloser Menschen“ sowie als Träger von Jugendhilfeprojekten wie dem STREET JUMPER, ist es dem Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“ und seinem Vorsitzenden und Spiritus Rector, Prof. Dr. Gerhard Trabert, ein Anliegen, ganz konkrete Projekte mit und für sozial benachteiligte Menschen zu initiieren und umzusetzen sowie unermüdlich auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen auf armuts- und krankheitsfördernde Strukturen hinzuweisen und deren Veränderung einzufordern.

Mit unserer vielfältigen Öffentlichkeitsarbeit mischen wir uns ein, wenn es darum geht, diffamierenden und diskriminierenden öffentlichen Äußerungen etwas entgegenzusetzen. Wir zeigen die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit auf, um mehr Verständnis für die schwierige Situation der betroffenen Menschen zu bewirken. Wir engagieren uns in zahlreichen Gremien auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Im November 2010 haben wir für die Arbeit mit dem STREET JUMPER den Helmut-Simon-Preis der Diakonischen Werke RLP erhalten. Unsere Arbeit wird seit Oktober 2008 von der Aktion Mensch gefördert.

www.armut-gesundheit.de

Gisela Bill ist Geschäftsführerin von „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“ mit Sitz in Mainz und Leiterin des Projekts „Street Jumper“.