Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Geschichte zum Anfassen – Kinder als Vergangenheitsforscher

Von Diana Schmidt und Peter Schreiber

Der alte Grundstein, ganz unten in der Mauer des Kindergartens ist eigentlich nie richtig bemerkt worden. Kein Wunder, stand doch ein großes Gebüsch davor. Als dieses im Rahmen einer Spielplatzumgestaltung zurückgeschnitten wurde, fiel der weiße Stein in der roten Wand sofort auf.

Einige Kinder hatten sich darum versammelt und versuchten, die Jahreszahlen und deren Bedeutung zu lesen. Die Erzieherin las laut: „1983“. Neugierig fragte Kevin: „Und was bedeutet das?“ Lisa hatte eine Idee: „Das ist ein Jahr gewesen!“ Aber warum steht dieses Jahr in dem Stein? Was bedeutet die Zahl? Diese und weitere Fragen wurden intensiv in der Runde diskutiert. Die Erzieherin begleitete dieses spontane Gespräch, ohne mit fertigen Antworten jegliches Forscherinteresse gleich zu Beginn zu verhindern.

Am nächsten Tag berichten einige Kinder der Gruppe, sie hätten Steine mit Jahreszahlen auch an anderen Häusern im Dorf gesehen. Schnell wird klar: Viele Gebäude verfügen über einen solchen Grundstein, er gibt an, in welchem Jahr mit dem Bau des Hauses begonnen wurde. Die Erzieherin hat einige alte Bilder mitgebracht, die die Einrichtung direkt nach der Eröffnung vor knapp 30 Jahren zeigen.

Gespannt werden die Bilder betrachtet: „Alles sieht ganz anders aus“. „Nein, der Baum dahinten steht immer noch neben der Schaukel“. „Die Farbe der Fenster ist grün, jetzt ist sie weiß.“ Schnell kann sich aus dem Interesse der Kinder ein Projekt ergeben, das sich mit der Vergangenheit der unmittelbaren Umgebung beschäftigt. Hier haben die Kinder die Möglichkeit, sich mit ihrer direkten Lebensumwelt auseinanderzusetzen.

Geschichte: mehr als die alten Römer
Bei dem Wort „Geschichte“ denkt man schnell an die alten Römer, die Ägypter, oder auch die Griechen und es stellt sich die Frage, was Kinder zwischen drei und sechs Jahren mit solchem Geschichtswissen anfangen sollen und ob dieses Wissen überhaupt notwendig ist. Geschichte ist und kann aber weitaus mehr sein, als das Wissen über unterschiedliche Völker in vergangenen Jahrhunderten. Um Geschichte für Kinder greifbar werden zu lassen, muss sie an ihrem direkten Lebensumfeld anknüpfen. Nur so kann ein unmittelbarer Bezug zur eigenen Person erfolgen, welcher die Bedeutung von Vergangenem und Zukünftigen für Kinder erkennbar werden lässt. Geschichte für Kinder darf deshalb nicht trocken sein, sondern muss spannend und mit vielerlei Sinneserfahrungen Vergangenes sichtbar werden lassen. Hauptakteure dabei sind die Kinder selbst, die in ihrer Familie und Umgebung auf historische Spurensuche gehen.

Was uns die Geschichte lehrt – Lernerfahrungen für Kinder
Beschäftigen sich Kinder im Kindergarten mit historischen Begebenheiten aus ihrem direkten Umfeld, trägt dies zu ihrer zeitlichen Orientierung bei. Sie erfahren auf spielerische Weise, dass Oma und Opa auch einmal klein waren oder dass in ihrem Haus andere Menschen gewohnt haben und das Haus früher auch noch ganz anders aussah, als heute. Durch eine historische Spurensuche werden Kinder für Vergangenes sensibilisiert und entdecken Alltägliches in neuem Licht. So ist der Tante-Emma-Laden, in dem Oma und Opa noch einkaufen gegangen sind, nun nicht mehr da. An seiner Stelle steht heute ein Supermarkt. Dort ist das Angebot auch viel großer, als es früher war und man kann sich selbst die Sachen aus den Regalen nehmen.

Schnell wird deutlich: Früher war vieles anders. Kinder lernen zu vergleichen und erleben den technischen Fortschritt. Auf diese Weise erfahren sie, dass sich Dinge, aber auch Personen, im Laufe der Zeit verändern. Durch Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte des Kindergartens oder den Häusern im Stadtteil bzw. Dorf lernen Kinder die regionale Geschichte nähern kennen und werden sensibel für Veränderungen.

Aber nicht nur die Veränderungen um uns herum sind von Bedeutung. Gerade für jüngere Kinder, welche zeitlich noch nicht sicher orientiert sind, ist die Beschäftigung mit der eigenen Familie und der eigenen Geschichte von enormer Bedeutung. Sie trägt dazu bei, sich als Teil einer Familie und im weiteren Sinne auch als Teil eines Ganzen zu sehen. Ein Familienstammbaum mit Fotos oder Zeichnungen des Kindes, auf ein großes Papier aufgeklebt, macht deutlich, dass Oma und Opa die Eltern von Mama und Papa sind und dass auch Oma und Opa einmal jung waren. Er zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse auf und hilft Kindern, die Abfolge der Generationen zu begreifen. Er macht stolz und fördert das Selbstbewusstsein. In der Gruppe können die Familienstammbäume vorgestellt werden. Gemeinsamkeiten und Unterschiede können thematisiert werden.

Oma und Opa im Kindergarten: ein Generationsaustausch
Die Beschäftigung mit der Vergangenheit sollte ganzheitlich stattfinden. Kinder lernen und begreifen die Welt um sich herum durch all ihre Sinne und benötigen deshalb Anregungen, welche unterschiedliche Wahrnehmungsebenen ansprechen. Neben der Verwendung von Fotos sollten deshalb auch andere „Vergangenheitszeugen“ hinzugezogen werden. Hier könnten die Großeltern oder Urgroßeltern eines Kindes oder mehrerer Kinder in die Einrichtung eingeladen werden.

Ein solcher Großelterntag ist eine Bereicherung sowohl für die Kinder, als auch für die Großeltern selbst. In einer gemütlichen Runde können die Großmutter oder der Großvater von früher erzählen:
– Wie sah es früher hier im Ort aus?
– Wo war der Kindergarten?
– Was wurde nachmittags gespielt?
– Was für Spielzeug, was für Spiele gab es?
– Welche Aufgaben (Haushalt, Hof) mussten von Kindern erledigt werden?

Auch können die Großeltern über die Zeit berichten, in der ihre Eltern noch Kinder waren. Die Kinder erfahren, dass früher vieles ähnlich war. So gab es beispielsweise auch einen Kindergarten und eine Grundschule und die Kinder haben gerne draußen gespielt. Andererseits mussten die Großeltern, als sie klein waren, viel zu Hause mithelfen usw. Das Gespräch kann viele unterschiedliche Themenbereiche anschneiden oder nur einen Teilaspekt, wie zum Beispiel alte Kinderspiele.

Eine weitere Vertiefungsmöglichkeit können die Berufe von früher im Vergleich zu den Berufen von heute sein. Die Kinder könnten erzählen, welchen Beruf ihre Eltern haben und die Großeltern, wo sie oder ihre Eltern früher gearbeitet haben. Schnell wird deutlich: die Lebenswelt hat sich verändert. Noch vor 80 Jahren gab es viel mehr Landwirtschaft. Und noch einige Jahrzehnte weiter zurück, gab es Berufe, die es heute nicht mehr gibt, wie zum Beispiel den Müller oder den Postillion.

Neben Besonderheiten, wie die Veränderung der Berufswelt, können auch alltägliche Dinge wie beliebte Kinderspiele und Kinderlieder von früher besprochen werden. Warum nicht einmal einen Spieletag mit Spielen und Liedern von früher veranstalten? Ein Vergleich zwischen den Lieblingskinderspielen heute und früher zeigt, dass es gar nicht so viele Unterschiede gibt. Ein Schwerpunkt des Gesprächs könnte deshalb auch sein, nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten herauszufinden.

Deutlich kann dies auch an alten Rezepten werden, die seit Generationen in Familien weiter gegeben werden. Vielleicht verrät Oma ihr Lieblingsrezept, welches dann von den Kindern mit Unterstützung der Erzieher nachgekocht werden kann? Um den Großelterntag noch anschaulicher zu gestalten, können die Großeltern alte Gegenstände von zu Hause zum Anschauen mitbringen, wie zum Beispiel alte Briefmarken, Fotos, ein altes Kinderbuch oder ein altes Spielzeug.

Der Besuch von Großeltern im Kindergarten ist vielfältig gestaltbar. Wichtig ist, dass die Erzieherinnen das Gespräch anleiten und gegebenenfalls Schwerpunkte setzen.

Mit der Kamera auf Entdeckungstour
Wenn einige Bilder, die den Ort in früheren Zeiten zeigen, von den Großeltern ausgeliehen werden können, kann daraus eine spannende Entdeckungsreise werden, in deren Verlauf die Änderungen deutlich gemacht werden, die eine Stadt, ein Dorf, eine Straße oder auch nur ein Gebäude im Laufe der Zeit durchlebt hat. Die Beispielfotos am Ende dieses Beitrags sind Ergebnis einer solchen Reise: die Schwarz/Weiß-Aufnahmen sind um 1900 entstanden, die Farbigen um 2000, also liegen etwa 100 Jahre zwischen den Fotos. Schnell wird deutlich: Einige Dinge haben sich stark verändert (Straßen, Bäume, einige Gebäude) andere nur sehr wenig (zum Beispiel historische Gebäude wie die Kirche). Warum ist das so? Warum haben sich Häuser verändert? Warum Straßen? Es kann sehr spannend sein, mit Kindern diesen und weiteren Fragen nachzugehen. Dabei gibt es keine falschen Antworten.

Mit einer Digitalkamera ausgerüstet, können die Orte auf den alten Bildern aufgesucht und fotografiert werden. In einer Ausstellung in der Kita kann auf diese Weise (auch Besuchern) eindrucksvoll gezeigt werden, wie sich das Gesicht einer Ortschaft im Laufe der Zeit ändert.

Durch diese intensive Auseinandersetzung mit der näheren Umgebung lernen die Kinder einen direkten Zugang zu ihrem Lebensumfeld kennen. Das Haus auf der anderen Straßenseite ist dann auf einmal mehr als nur ein weiß gestrichenes Haus. Es hat eine Vergangenheit, hatte einmal ein anderes Aussehen, einen Anbau, der nun fehlt, kleine Fester, die durch größere ersetzt wurden und nun eine neue Farbe. Das Haus ist mehr als ein Gebäude; es ist eine Zeiteinheit, eine zusätzliche Dimension, die für die Kinder durch die Beschäftigung damit greifbar wird.

Neben Fotos können aber auch alte Zeitschriften, Magazine und Zeitungen gesammelt werden. Besonders spannend: mit etwas Glück lassen sich alte Zeitschriften finden, in denen darüber spekuliert wird, wie die Zukunft aussieht. Sie berichtet das Magazin „Kristall“ in seiner Ausgabe von 1962, das im Jahr 2000 Autos ohne Motor geräuschlos und umweltfreundlich fahren werden, der Mensch ohne Schlaf auskommt und dass die meisten industriellen Fertigungsprozesse automatisiert ablaufen werden. Mag Letzteres auch zutreffen, auf die Welt mit schlaflosen Menschen, die in sauberen Elektroautos fahren, warten wir immer noch.

In dem Buch von Robert Brenner: „So leben wir morgen“ (1972) finden sich viele Themen aus allen gesellschaftlichen Bereichen: Zukunftsvisionen, von denen vieles noch Vision bleibt. Hier erfahren Kinder, dass auch Erwachsene, wenn es darum geht Dinge vorherzusagen, nicht unfehlbar sind, weil die Zukunft sich jeder Vorhersage entzieht.

Der Blick in die Zukunft
Nachdem soviel in der Vergangenheit geforscht wurde, kann der Blick in die Zukunft eine spannende Möglichkeit sein, über weitere Veränderungen zu spekulieren. Wie kann unser Kindergarten, unsere Straße, der Ort in der Zukunft aussehen? Was kann sich schnell verändern, was wird länger brauchen? Sicher ist es schwer, für Kinder einen Zeitraum von 20 oder mehr Jahren zu überblicken und realistisch abzuschätzen, was für Veränderungen in dieser Zeit stattfinden können. Davon abgesehen, dass dies aber auch für uns Erwachsene recht schwer ist (und wir oftmals keinesfalls mit unseren Zukunftsvorhersagen richtig liegen), ist ein Projekt wie dieses eine erste Annäherung an das Grundthema Zeit.

Die Kinder erfahren, dass sich Zeit nicht nur im Ticken der Uhr messen lässt, sondern auch in der Veränderung und Vergänglichkeit dessen, was uns umgibt. Der bekannte Physiker Stephen Hawking spricht von dem Begriff „Raumzeit“. Er meint damit, dass die Uhr ein von Menschen erfundenes Konzept zur Zeitmessung ist, Zeit aber noch in anderen Größen gemessen werden kann. Genau diese Erfahrung können die Kinder hier machen.

Ein solches Projekt bietet eine vorsichtige erste Annäherung an den Begriff „Zeit“, auch an den naturwissenschaftlich-philosophischen Aspekt des Themas. Verankert in der direkten Erfahrungswelt der Kinder kann so erfahrbar gemacht werden, wie alles einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Verbindungen zur eigenen Familie, zur eigenen Person können da geknüpft werden, wo Menschen lebendig über die eigene Vergangenheit berichten. Wenn die Großmutter oder der Großvater über vergangene Spiele berichten, so ist dies mehr als eine alte Geschichte. Es bietet den Kindern die Möglichkeit, eines der größten Phänomene zu Erforschen: die Zeit.

Diana Schmidt ist Erzieherin, Frühpädagogin (BA) und angehende Sozialarbeiterin (MA) in Oldenburg.

Peter Schreiber ist Sozialassistent, angehender Erzieher und Dozent an der Volkshochschule Hannover und bei der Katholischen Erwachsenenbildung Aschendorf Hümmling.

Altes Kinderspiel: Bäumchen wechsel dich
Dieses Spiel kann gut in einer größeren Kindergruppe gespielt werden. Benötigt wird nur eine große Wiese mit einigen Bäumen und Sträuchern. Jedes Kind, bis auf den Fänger, sucht sich einen Baum oder Strauch und stellt sich davor. Der Fänger ruft nun: „Bäumchen wechsel dich!“ Die Kinder müssen sich nun einen anderen Baum suchen und der Fänger versucht sie zu fangen. Wer gefangen ist, löst den Fänger ab. Steht keine große Fläche mit Bäumen zur Verfügung, können stattdessen auch Hüte oder sonstige Gegenstände die Bäume ersetzen.