Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Mehr Zeit für Kinder?
Ja, bitte!

Von Regina Lindhoff

Welche Interessen und Bedürfnisse haben Familien? Was brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung? Wie lässt sich die gemeinsame Zeit sinnvoll gestalten? Fragen wie diese stellt und beantwortet der Verein Mehr Zeit für Kinder e.V. bei seinen vielfältigen Aktivitäten und Projekten.

Der Verein steht Familien zur Seite mit alltagsnahen Anregungen und Ideen, wie Eltern die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern intensiver nutzen können. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Quantität, sondern auf der Qualität des Miteinanders von Familien.

„Tempus fugit“ – die Zeit flieht; der bekannte lateinische Spruch war als Inschrift auf Uhren früher häufig zu lesen. Dieser Sinnspruch hatte mahnenden Charakter und sollte darauf hindeuten, wie kurz das irdische Leben ist. In unserer heute oft als „schnelllebig“ bezeichneten Zeit scheint dieser Spruch passender zu sein denn je. Die Frage ist: Können wir an unserem Empfinden, dass die Zeit nur so rennt, etwas ändern? Oder zumindest daran etwas ändern, WIE wir unsere Zeit verbringen?

Versetzen wir uns in die Perspektive unserer Kinder. Für sie zählt nicht, ob die Stunde 60, 80 oder 100 Minuten hat. Oder wie lange die nächste Mau-Mau-Runde dauern wird. Ihr Zeitempfinden ist ein anderes als das der Erwachsenen. Kinder wollen am liebsten das tun, was ihnen Spaß bringt, was ihre Neugier befriedigt, was ihnen Wohlgefühl vermittelt. Und das am besten hier und jetzt. Nicht „gleich“, nicht „später“ – jetzt.

Für Kinder zählt also nicht, ob Mama in einer Stunde das Mittagessen auf dem Tisch haben möchte. Oder ob Tante Paula bei ihrem morgigen Besuch eine sauber geputzte Küche erwartet. Und sie rechnen natürlich auch nicht voraus, wann sie sich für den Termin beim Kinderarzt bereit machen sollten.

Es ist gut, sich bewusst zu machen, dass Kinder anders „ticken“. Aus drei Gründen: (1) Wir bringen mehr Verständnis für das Verhalten unserer Kinder auf, können vorprogrammierten Konfliktsituationen entspannter entgegen sehen. Also mit Blick auf den Kinderarzt-Termin lieber mehr Zeit einplanen und früher die 10-Minuten-Parole zum Gehen geben, als sich später über kindliches Trödeln aufzuregen! (2) Wir können von unseren Kindern lernen. „Entschleunigung“ ist ein Modewort der Erwachsenenwelt. Kinder leben Entschleunigung von sich aus. Schauen wir ihnen davon etwas ab. Nehmen wir uns ihre Freude am Augenblick, am Hier und Jetzt ruhig öfter mal zum Vorbild. Die Welt um uns herum bricht deshalb nicht zusammen! (3) Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn keine Zeit für ganze Bastelnachmittage und stundenlange Monopoly-Spiele bleibt. Kinder stehen eben nicht mit der Stoppuhr neben uns und führen Tagebuch über das ihnen gewidmete Zeitkontingent. Die als gemeinsam erlebte, gefühlte Zeit zählt!

Du bist mir wichtig!

Jeder Mensch trägt Erinnerungen an seine Kindheit in sich. Manche sind uns so gut im Gedächtnis, dass wir davon erzählen können. Über andere verfügen wir unbewusst. Was wir erleben und wahrnehmen, was wir sehen, fühlen, riechen, schmecken und anfassen – alle diese Erfahrungen prägen uns und wirken in uns weiter.

Womit Kinder ihre Zeit verbringen, ist bedeutsam für die Gehirnentwicklung und ihre geistigen Fähigkeiten. Und: Wenn Kinder spüren, dass sie ernst genommen werden, können sie Selbstbewusstsein, Lernmotivation und Lebensfreude entwickeln. Im Familienalltag sind daher viele Signale von Bedeutung, die dem Kind immer wieder sagen: „Du bist mir wichtig!“. Das Gefühl, geliebt zu werden, macht Kinder stark und widerstandsfähig, auch wenn sie später längst keine Kinder mehr sind.

Rituale
Soweit die Theorie. Doch wie lassen sich im oft hektischen Familienalltag so schöne Ideale realisieren? Dabei geht es nicht um die Quantität an Zeit, sondern um die Qualität. Jede Familie kann allerdings nur für sich entscheiden, wo die gemeinsamen Zeitfenster sind, die noch so kleinen Nischen, die sich für gemeinsame Erlebnisse nutzen lassen.

Ein wichtiger Schlüssel dazu sind bekanntermaßen Rituale. Kinder lieben die Wiederholung, wenn etwas schön war. Alle Eltern haben diese Erfahrung bereits gemacht. Sie kennen das „Nochmal, nochmal!“, wenn beispielsweise Onkel Thomas zur Begrüßung den Jüngsten durch die Luft gewirbelt hat. Oder wenn nach einem spontanen Sonntagsfrühstück im Bett eine Woche später die Aufforderung kommt: „Heute wieder im Bett frühstücken – bitte ….“ Oder wenn die schon bekannte Gutenacht-Geschichte zum 20. Mal vorgelesen werden soll. Oder, oder, oder …

Rituale geben Sicherheit, vermitteln Geborgenheit, stärken das Selbstvertrauen und das Ichbewusstsein. Es gibt im familiären Alltag viele Gelegenheiten für Rituale, für schöne Gewohnheiten und liebevolle Gesten. Und es gibt viele Möglichkeiten, mehr Zeit für solche Rituale zu gewinnen. Enorme Zeitfresser sind zum Beispiel Bildschirmmedien: Fernseher, Computer, Gameboy & Co. Wenn Kindern am besten von Anfang an interessante Alternativen geboten werden – und dazu gehört auch Exklusivzeit von Mama und/oder Papa –, haben elektronische Medien gleich weniger Zugkraft.

„Wie hat Bella denn der Tag gefallen?“
Wie können Eltern mit Sprösslingen ins Gespräch kommen, die eher wenig reden? Vor allem bei jüngeren Kindern sind Plüschtiere eine große Hilfe: Teddy, Schäfchen Bella oder Hase Hoppel sind gute Vermittler bei einer Unterhaltung zu dritt, beispielsweise vor dem Schlafengehen. Gute-Nacht-Geschichten sind natürlich auch ein sehr schönes Ritual. Und wenn tagsüber dazu wirklich keine Zeit war, sollten Eltern wenigstens vor dem Schlafengehen nach Erlebnissen des Tages fragen und schöne Erfahrungen noch einmal herausstellen.

Rollentausch für einen Tag
Gegenseitiges Verständnis erleichtert den Umgang miteinander sehr. Der Rollentausch für einen Tag – Eltern „sind“ nun die Kinder, die Kinder „sind“ die Eltern – zeigt allen Beteiligten, womit „die andere Seite“ sich täglich auseinandersetzt, welche Aufgaben zu erledigen, welche Entscheidungen zu treffen sind, was schön und was nicht schön ist. Wetten, dass am Abend alle froh sind, wenn sie ihre gewohnte „Rolle“ wieder übernehmen dürfen?

Projekte und Aktivitäen des Mehr Zeit für Kinder e.V.:
Social Sponsoring Plakatkampagnen realisiert der Mehr Zeit für Kinder e.V. gemeinsam mit dem Fachverband Außenwerbung e.V. (FAW) seit 1992. Große Plakattafeln, City Light-Poster und andere Formen der Außenwerbung rücken die Bedürfnisse von Kindern und Familien aufmerksamkeitsstark ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit. Als dritter Partner mit im Boot ist jeweils ein Unternehmen oder eine Institution, die sich auf diese Weise mit dem Anliegen des Mehr Zeit für Kinder e.V. identifizieren. Der Kooperationspartner signalisiert: Familien sind mir wichtig, ich nehme ihre Bedürfnisse ernst. Kooperationspartner waren bisher beispielsweise das Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend, die Deutsche Bahn AG, die Ruhrgas AG, Ravensburger, Lego.

Buchratgeber von Mehr Zeit für Kinder richten sich an die ganze Familie, sind stabil gebunden und farbig illustriert. Die Publikationen und Familienratgeber von Mehr Zeit für Kinder folgen meist dem Motto „von Familien von Familien“. Über Presseaufrufe bittet der Verein Familien, zu einem geplanten Thema Erfahrungen, Erlebnisse, Tipps und Anregungen einzuschicken. Denn die besten Tipps kommen von den Menschen, die Betroffene sind: Sie wissen, wovon sie reden! Also Hilfestellung von erfahrener Seite. Ganz alltagsnah, ganz praktisch und ohne erhobenen Zeigefinger. Das inhaltliche Spektrum der Buchpublikationen ist groß: Gesundheitsthemen, Wissenswertes für Väter, Bilderbücher für Kinder. Die Gesundheitsratgeber mit der BARMER GEK verstehen sich als Informationsmedium zur Prophylaxe und erscheinen seit 1996 – insgesamt neun sind es bisher. Sie behandeln beispielsweise die ersten drei Lebensjahre mit Kind, Bewegungsmöglichkeiten im familiären Alltag, Sprachförderung, Kompetenzförderung, emotionale Kompetenz, gesunde Ernährung.

Die neue Publikationsreihe „Mein Papa / meine Mama arbeitet bei … “ entsteht in Kooperation mit Personalabteilungen in Unternehmen, die sich durch besondere Familienfreundlichkeit auszeichnen. Sie sehen die Bücher als eine von mehreren Maßnahmen, die ihren Arbeitnehmern und deren Familien Wertschätzung signalisieren. Und Kinder wollen schließlich wissen, wo und wie Papa und Mama ihre Zeit verbringen, wenn sie nicht zu Hause sind.

Auch Broschüren und Arbeitsmappen für Erzieherinnen und Pädagogen gibt der Verein heraus. zusammen. Seit 2006 hat der Verein sein Angebot um pädagogisch wertvolle CDs für Kinder ergänzt.

Spielen macht Schule
öSo lautet eine Gemeinschaftsinitiative des Vereins Mehr Zeit für Kinder und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen, Ulm. Schon Kinder im Grundschulalter sind dem ständig wachsenden Einfluss von Bildschirmmedien wie PC-Spielen und Konsolen ausgesetzt. Bewegung und Kreativität, wichtige Faktoren für die kindliche Entwicklung, bleiben dabei auf der Strecke. Dem immer stärker werdenden Einfluss der Bildschirmmedien möchte die Initiative „Spielen macht Schule“ entgegenwirken, indem sie Grundschulkindern wieder mit klassischen Spielen vertraut macht. Seit 2007 erhielten fast 600 Schulen in neun Bundesländern eine Spielezimmer-Ausstattung. Auch in 2011 werden wieder 200 Spielezimmer vergeben. Weitere Informationen sowie die Gutachten des ZNL zu den Spielen sind erhältlich im Internet unter www.spielen-macht-schule.de.

Die KiTa-Spielothek – eine neue Initiative
Neben der Familie sind Kindergärten und Kindertagesstätten der wichtigste Ort für Kinder, um ein gutes Sozialverhalten zu entwickeln, Kenntnisse zu erwerben und Kompetenzen auf- und auszubauen. Familien und Erzieher sollten Hand in Hand gehen, um Kinder in den ersten Lebensjahren in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Der Verein Mehr Zeit für Kinder weiß um die Wichtigkeit dieser Erziehungspartnerschaften und hat zu deren Unterstützung eine neue Initiative ins Leben gerufen: die KiTa-Spielothek.

500 Kindertagesstätten erhalten im Herbst 2010 eine KiTa-Spielothek-Ausstattung. In Kooperation mit den fünf Unternehmen Playmobil, Ravensburger, Bruder, Schleich und Learning Curve hat der Verein Mehr Zeit für Kinder diese Initiative gestartet. Insgesamt enthält eine Spielothek 19 unterschiedliche Spiele und Spielzeuge im Wert von insgesamt 900 €. Die KiTa-Spielothek ist ein Wortspiel, das sich aus den Begriffen „Kindertagesstätte“, „Spielen“ und „Bibliothek“ zusammenfügt. Denn die KiTa-Spielothek ist eine feste Spieleinrichtung mit Ausleihsystem für Kindertageseinrichtungen. Das Besondere an der Idee: Kinder dürfen ihre Lieblingsspiele mit nach Hause nehmen und dort gemeinsam mit Eltern, Geschwistern und Großeltern ausprobieren.

Prof. Dr. Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen aus Ulm (ZNL): „Kinder unterscheiden nicht zwischen Spielen und Lernen, sie lernen spielend. Was ein Kind selbst durch spielerische Beschäftigung, durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten erfährt, hinterlässt deutliche Spuren in seinem Gehirn: Je mehr Erfahrungen es macht, desto mehr und tiefere Spuren bilden sich aus. Einmal vorhandene Spuren ermöglichen, dass neue Informationen leichter verarbeitet werden und erhöhen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit der Informationsverarbeitung im Gehirn. Selbst gemachte Erfahrungen erleichtern und fördern das Lernen.“

Die in der Spielothek enthaltenen Spiele sind von erfahrenen Pädagogen und Wissenschaftlern des ZNL getestet und für gut befunden. Jedes Spiel fördert jeweils einen bestimmten Entwicklungsbereich der Kinder. Durch die Möglichkeit, die Spiele mit nach Hause nehmen zu dürfen, erfahren die Eltern in direktem Bezug, welche Spiele ihr Kind mag. Für Eltern ist die KiTa-Spielothek somit eine Orientierungshilfe bei der Auswahl geeigneter Spielmittel. In Kindergärten kann die Spielothek in das pädagogische Gesamtkonzept sowie in den Alltag der Einrichtung eingebunden werden. Zudem versteht sich die KiTa-Spielothek als Instrument, das den Erziehern einen guten Einstieg in Gespräche mit Eltern über die Entwicklung der Kinder ermöglicht. Sie dient dazu, Eltern auf sympathische Art und Weise zu erklären, wie wichtig eine spielfreundliche Umgebung und das aktive Mitspielen der Eltern für die Entwicklung der Kinder sind.

Die Beschäftigung mit Brettspielen, Spielkarten und Spielzeugen ermöglicht schöne Gemeinschaftserlebnisse innerhalb der Familie, fördert die Spielkultur und hilft, in der heute oft hektischen Zeit einmal zu „entschleunigen“, sich Zeit füreinander zu nehmen. Kinder und Eltern beschäftigen sich mit denselben Dingen, knobeln über Aufgaben, treten gegeneinander in Gruppen an, sprechen und lachen miteinander. Dabei können Eltern die Stärken und Talente ihres Kindes entdecken und gezielt weiter fördern. Feste Spieltage können in der Familie zu Ritualen werden. Weitere Informationen zur KiTa-Spielothek gibt es im Internet unter http://www.sisteitaly.it/index.php/the-legal-environment-of-business/.

Wenn LeserInnen von „frühe Kindheit“ eine KiTa-Spielothek-Ausstattung für ihre Einrichtung im nächsten Jahr gewinnen möchten, schicken sie am besten ihre Kontaktdaten an kitaspielothek@mzfk.de. Der Verein Mehr Zeit für Kinder wird sich rechtzeitig zur neuen Ausschreibung in der nächsten Phase des Wettbewerbs melden.

Regina Lindhoff ist Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins Mehr Zeit für Kinder e.V. in Frankfurt/Main.

Der Mehr Zeit für Kinder e.V.
Seit 1987 engagiert sich „Mehr Zeit für Kinder“ bundesweit für die Interessen von Familien und Kindern, seit 1989 mit dem Status eingetragener Verein. Die Geschäftsstelle ist in Frankfurt am Main. Der Verein finanziert sich vor allem durch Kooperationen mit Unternehmen und Institutionen, die Familien ansprechen möchten, die dabei aber auch die Bedürfnisse von Familien und Kindern ernst nehmen und zu Maßnahmen bereit sind, die Familien zugute kommen.

Neben Plakatkampagnen gibt der Verein alltagsnahe Bücher und Broschüren für Familien heraus, außerdem Arbeitsmappen für ErzieherInnen. Auf Messen und Landestagen veranstaltet er Familienprogramme zum Mitmachen. Bei vielen seiner Projekte arbeitet Mehr Zeit für Kinder mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen: Familienforscher, Ärzte, Psychologen, Verhaltensbiologen, Logopäden und Pädagogen stehen dem Verein zur Seite und bieten fachliche Unterstützung.

Drei neue Initiativen hat der Mehr Zeit für Kinder e.V. in den letzten drei Jahren gegründet: „Spielen macht Schule“ bringt Kindern in Zeiten von erhöhtem Bildschirmkonsum das klassische Spielen wieder näher; „Zeit für Oma & Opa“ widmet sich Senioren und ihren Enkelkindern, die „KiTa-Spielothek“ richtet sich mit einem Ausleih¬system von pädagogisch geeigneten Spielen an Kindertagesstätten. Nähere Informationen gibt es im Internet über http://blog.gratnellstrade.co.uk/articles-writing-services/.