Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Spätestens seit der Aufklärung sind wir Erwachsene es gewohnt, den Fortschritt als eine zeitliche Linie zu sehen, die von der Vergangenheit über die Gegenwart mehr oder weniger gradlinig in die Zukunft reicht. Demgegenüber ticken Kinder anders. Dem linearen Denken setzen sie ihr zyklisches Zeitempfinden entgegen, das von periodischen Wiederholungen geprägt ist: Sättigung löst Hunger ab, auf den Tag folgt der Abend, das Leben wird vom Kreislauf der Jahreszeiten bestimmt.

Zwar besitzen Babys von Geburt an ein Zeitgefühl. Die Zuordnung von Erlebnisinhalten auf einer Zeitachse ist Kindern jedoch erst später im Zuge der Entwicklung des autobiografischen Gedächtnisses möglich. Konflikte zwischen den erwachsenen Zeitvorstellungen und dem subjektiven Zeiterleben des Kindes sind daher unvermeidlich: Minuten der Langeweile können für Kinder „ewig“ dauern, das Trödeln auf dem Weg nach Hause erweckt bei den Eltern das Gefühl, dort „nie“ anzukommen.

Wenn wir Kindern ihre Eigenzeit nehmen und das freie Spiel immer weiter einengen, gefährden wir ihre gesunde Entwicklung. Um den kindlichen Zeitbedürfnissen gerecht zu werden, brauchen auch die Erwachsenen Zeit, um sich zu verlangsamen und frei zu sein für die geteilte Aufmerksamkeit mit dem Kind. Dies gilt ebenso für Institutionen. Kindertageseinrichtungen, die ihre Tages- und Wochenpläne nach dem Vorbild schulischer Stundentafeln immer enger takten, entfernen sich von den Bedürfnissen der Kinder.

Eltern gehören sicherlich zu denjenigen, die besonders stark unter Zeitnot leiden. Zusammensein mit dem Kind, Beruf, Haushalt, Partnerschaft und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, ist häufig kaum möglich. Egal wo gezogen wird, das Hemd ist immer irgendwo zu kurz. Hier ist zunächst die Wirtschaft gefordert. Für die Unternehmen muss klar sein, dass eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten nicht nur betrieblichen Anforderungen genügen muss. Ebenso wichtig ist es, dass dabei die familiären Bedürfnisse der Beschäftigten Berücksichtigung finden.

Aber auch für die Politik besteht Handlungsbedarf. Zeitpolitik muss neben monetärer Transferpolitik und dem Ausbau der Infrastruktur als dritte Säule der Familienpolitik an Bedeutung gewinnen. Denn Zeit ist nicht nur Geld, sondern vor allem Ausdruck von Lebensqualität, die wir uns und unseren Kindern so sehr wünschen. Wichtige Themen einer kinder- und familiengerechten Zeitpolitik sind u. a.: Einrichtung von Optionszeiten und Arbeitszeitkonten, Erleichterung des Wechsels zwischen Voll- und Teilzeit, Wiedereinstiegshilfen nach Familienzeiten, Verbindung von Ausbildung und Kindererziehung.

Bereits vor rund 90 Jahren forderte der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak ein „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ und gab damit seinem Wunsch Ausdruck, Kinder nicht immer nur mit Blick auf die Zukunft als „Werdende“ anzusehen. Kinder leben in der Gegenwart und fordern ihre Rechte im Hier und Jetzt. Im postmodernen Zeitalter der Beschleunigung können von diesem Lebensgefühl der Kinder auch wir Erwachsene profitieren.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind