Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

Mit Zeit ordnen wir unseren Alltag, unseren Lebenslauf, unsere Gesellschaft. Alle Erfahrung, alle Wahrnehmung geschieht im Rahmen des Zeitlichen. Daher ist Politik immer auch Zeitpolitik, denn alle politischen Entscheidungen haben direkte und indirekte Folgen für die Zeitordnung, in der wir uns bewegen.

Arbeit und Nichtarbeit, soziale Zeiten und Zeiten des Alleinseins, aber auch die Möglichkeiten, zu kommunizieren, sich zu unterhalten, mit Kindern zu spielen, sich zu vergnügen, müßig sein zu können und zu dürfen, alles dies ist genauso von zeitpolitischen Entscheidungen abhängig wie unser Umgang mit der Natur und mit der sozialen Mitwelt. Das, was wir beklagen, was uns aufregt und gefährdet, hat ebenso einen Zeitaspekt wie das, was wir genießen, was uns gefällt und Freude und Vergnügen macht. Das „gute Leben“ ist immer auch eine Frage der Zeit und somit auch von Zeitbedingungen, die politisch entschieden werden.

Die Zunahme von Naturkatastrophen, der tiefgreifende Wandel von der Industriegesellschaft zur EDV-gestützten Kommunikations- und Dienstleistungsgesellschaft, die gravierenden Veränderungen bei den Arbeitszeitregelungen, der Wandel der Zeitbedingungen des Familienlebens, die demografischen Veränderungen, die Reformen im Bildungswesen, die Entwicklung unserer urbanen und regionalen Lebens- und Umweltqualität, die steigende Mobilität, die neuen Energiebedarfe und deren Beschaffungsformen – all dies sind politisch relevante Aktionsfelder, in denen auch Zeit neu geordnet wird.

Bislang ist die Zeitrelevanz politischer Entscheidungen meist unbeachtet oder nachrangig geblieben. Um dies zu ändern, wurde im Jahr 2002 die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik gegründet. Diese entwirft Konzepte neuer gesellschaftlicher Zeitordnungen und bündelt interdisziplinär und international Kompetenzen und Arbeitsergebnisse aus der Zeitforschung, aus Ökonomie, Ökologie, Rechtswissenschaft, Soziologie, Alltagsforschung, Arbeitswissenschaft, Frauen- und Familienforschung, Kindheitsforschung, Bildungspolitik, Biologie, Medizin, Stadtplanung und Politikwissenschaft.

Die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik wollen dazu beitragen, dass Zeit in ihrer politischen Wichtigkeit und Wirksamkeit ins Blickfeld rückt. Sie engagieren sich für mehr Zeitwohlstand und Zeitsouveränität. Sie legen Fragen, Analysen und Empfehlungen vor, um eine gerechtere Zeitordnung zu fördern, um mehr zeitliche Lebensqualität zu ermöglichen, um eine Zeitkultur der Selbstbestimmung, Toleranz und Vielfalt zu unterstützen. Sie plädieren dafür, dass gesellschaftliche Zeitordnungen nachhaltig und naturverträglich sind. Denn zu lange haben moderne Gesellschaften nach der Maxime gelebt „Zeit ist Geld“ und dabei eine viel ältere Maxime vernachlässigt: „Zeit ist Leben“.

Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik bringt sich als Akteurin und Partnerin in den öffentlichen Diskurs ein. Sie verbreitet die Einsicht in die Notwendigkeit von Zeitpolitik in der Öffentlichkeit und sie bewegt politische Akteure in Kommunal-, Landes- und Bundespolitik dazu, bei ihren Entscheidungen die zeitlichen Folgen ihrer Maßnahmen für das Leben der betroffenen Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen. Die Kommunikationswege sind vielfältig. Dazu gehören Veröffentlichungen und Tagungen, insbesondere die jeweils im Oktober stattfindenden Jahrestagungen, die Unterstützung von Kampagnen sowie direkte Politikberatung wie zum Beispiel durch die Mitarbeit von Mitgliedern an Familienberichten der Regierung.

Zu aktuellen Themen werden Pressemitteilungen herausgegeben. Grundsatzpapiere und Bücher sind erschienen. 2005 hat die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik ihr arbeitszeitpolitisches Manifest „Zeit ist Leben“ vorgestellt. Grundbegriffe der Zeitpolitik, ihre Felder, Instrumente und Strategien sind im Zeitpolitischen Glossar versammelt. Zweimal im Jahr erscheint das Zeitpolitische Magazin mit einem Themenschwerpunkt, mit Berichten, Rezensionen, Tagungsankündigungen, Mitgliederportraits und Informationen zu zeitpolitischen Projekten. Ferner werden thematische und regionale Arbeitsgruppen (wie die monatlichen Berliner Zeitpolitischen Gespräche) organisiert. Kontakte bestehen zu zeitpolitischen Diskursen und Gestaltungsprojekten in Europa – so u. a. zu „Pianoforte“ in Italien und zur europäischen Assoziation „Excellence Territorial en Europe“.

Weitere zeitpolitische Aktivität richtet sich darauf, Formen zeitpolitischer Arbeit, in denen direkt an der Verbesserung von Zeitbedingungen für die Lebensführung der Bevölkerung gearbeitet wird, zu entwickeln und in der Praxis zu etablieren. Dazu gehören beteiligungsbezogene, kooperative Einrichtungen wie „runde Tische“, zivilgesellschaftliche Pakte und Bündnisse sowie die staatliche Institutionalisierung von Zeitpolitik in kommunalen Zeitbüros und in der Einsetzung von Zeitbeauftragten auf Landes- und Bundesebene. Erfolge sind hier insbesondere in der kommunalen Zeitpolitik und in der Geschlechter- und Familienpolitik bereits zu verzeichnen.

Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik ist wissenschaftlich orientiert, aber keine exklusive akademische Vereinigung. Zeitpolitik wird in der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik von Menschen aus vielerlei Berufen und Tätigkeitsbereichen diskutiert und gestaltet. Neue Mitglieder, die die Arbeit unterstützen, zeitpolitische Impulse einbringen und Zeitpolitik mitgestalten wollen, sind jederzeit willkommen. Sie können sich engagieren in Arbeitskreisen, beim Zeitpolitischen Magazin und bei der Vorbereitung der Jahrestagungen. Sie können Gleichgesinnte treffen und neue thematische oder regionale Kooperationen begründen.

Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP)
Prof. Dr. Dietrich Henckel, Technische Universität Berlin
Institut für Stadt- und Regionalplanung, Sekretariat B 4
Hardenbergstr 40a, 10623 Berlin
www.zeitpolitik.de