Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Händeschütteln und andere Stolpersteine

Erziehungspartnerschaft mit Zuwandererfamilien

von Elke Schlösser

In den letzten Jahren findet die Kooperation zwischen Erzieher(inne)n und Eltern immer mehr Beachtung. Gerade im elementarpädagogischen Bereich ist es zunehmend selbstverständlicher, mit zugewanderten Eltern oder Familien mit Migrationshintergrund zusammenzuarbeiten. Diese Kooperation birgt allerdings für viele Pädagog(inn)en Unsicherheiten und wirft Fragen auf. Zusammenarbeit mit Eltern, die durch eine andere Tradition, Religion oder Sprache geprägt sind, kann gelingen – zum Wohle der Kinder, mit Blick auf die Unterstützung der Eltern und zur beruflichen Zufriedenheit der pädagogischen Fachkräfte. Dies gilt besonders dann, wenn sowohl Bedürfnisse als auch Kompetenzen auf beiden Seiten in den Blick genommen werden.

Die fachpädagogischen Kompetenzen hierzu werden deutlich im Zusammenhang mit Aus- und Fortbildung, alltagspraktischer Erfahrung und in der Auseinandersetzung mit Qualitätsmanagement und konzeptioneller Entwicklung. Dass diese Facetten der interkulturellen Auslegung bedürfen, sollte mittlerweile Standard sein. Die elterlichen Kompetenzen demgegenüber erschließen sich nicht so offensichtlich und verlangen nach dem sensiblen Blick der Pädagog(inn)en. Diese müssen die Bereitschaft mitbringen, die traditionellen, sprachlichen und religiösen Prägungen der Eltern mit Migrationshintergrund offen wahrzunehmen.

Als pädagogischer Fachkraft sollte mir bewusst sein, dass ich selbst ebenso Prägungen dieser Art in meiner eigenen kulturellen Lebenswelt erfahren habe: dort, wo ich zufällig geboren bin, durch die Menschen, mit denen ich meine frühen prägenden Lebensjahre verbracht habe sowie im Rahmen einer bestimmten kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und historischen Situation.

So haben wir gelernt, die Welt durch eine bestimmte „kulturelle Brille“ zu sehen und zu sagen „So ist die Welt! Das ist normal! Das ist logisch! Jenes ist sinnvoll, anderes nicht! Das ist höflich!“ und so weiter. Unsere „Brille“ hat eine gewisse „Tönung“, die wir nicht selbst wählten, die uns tiefer prägt als wir selbst alltäglich merken. Dies gilt in gleicher Weise für Menschen anderer Herkunft.

Bestandteile interkultureller Annäherung sollten daher sein, (1) sich sowohl der eigenen kulturellen Prägungen als auch derjenigen des Gegenübers bewusst zu sein, (2) mehr Informationen über die Bedeutung und Wirkungen dieser Prägungen zu erlangen, (3) Beeinflussungen durch andere „Tönungen“ zuzulassen und (4) sich darüber bewusst zu werden, dass wir im Laufe unseres Lebens (durch Beziehungen, Informationen, Reisen, Literatur, Musik, Tanz, etc.) eine stetige Durchmischung unserer kulturellen „Tönung“ erleben.

Gesprächsbereitschaft ist ein Schritt zum besseren Verständnis
Unverkrampft und kommunikationssicher kulturelle Eigenarten anzusprechen, ist Kompetenzbeweis im Rahmen der Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund. Die andersartige Prägung und den Dialog darüber als reizvoll und wertvoll anzusehen, macht die Kompetenz der Erzieher(innen) aus. Diese Haltung verführt zu gesteigerter Metakommunikation – einer Kommunikation also über das, „was gerade geschieht“.

Ein Beispiel: Ein türkischer Vater kommt zum Gespräch zur Leiterin des Kindergartens. Sie bittet ihn ins Büro und streckt ihm – dort angekommen – zur Begrüßung die Hand entgegen. Diese Hand bleibt schwebend in der Luft stehen und wird nicht zum Gruß ergriffen. Die Situation wird vielleicht als peinlich erlebt, verunsichernd, man ist hilflos und im besten Falle spürt man, dass eine „Klärung“ der Situation dienlich wäre. Wie könnte eine solche „Klärung“ interkulturell sensibel aussehen?

Mit kommunikativer Kompetenz gelingt es, die möglicherweise peinliche Situation zu überbrücken, einen Kontakt aufzubauen beziehungsweise eine bereits bestehende Beziehung zu vertiefen. Die Leiterin kann die für sie unverständliche Situation ansprechen und zum Beispiel sagen: „Haben Sie bemerkt, ich wollte Ihnen gerade die Hand geben, und Sie haben sie nicht genommen. Das war mir etwas komisch, weil ich als Kind gelernt habe, dass es höflich ist, jemandem zur Begrüßung die Hand zu reichen. Vielleicht haben Sie als Kind etwas anderes gelernt, was Ihnen selbstverständlich ist!?“

In einem ähnlichen Fall antwortete ein türkischer Vater daraufhin, dass er bemerkt habe, dass die Gesprächspartnerin verheiratet sei. In diesem Falle gebe er dann – eben weil er es so gelernt habe – aus Respekt keinen Handschlag. So wird eine Situation besprochen, ohne ein Verhalten als falsch oder richtig zu beurteilen und ohne festzuhalten, wer mit seiner Reaktion im Recht ist. Kommunikative Sicherheit drückt sich hier über ein mutiges Ansprechen einer unverstandenen Situation aus und bewirkt – besonders wenn Ich-Botschaften vermittelt werden – mit großer Wahrscheinlichkeit, dass man sich besser kennen lernt und ohne Rechtfertigungszwang annähert.

Wo liegen die Grenzen interkulturellen Verständnisses?
Natürlich könnte es Einwände geben: Warum hat der Mann sich nicht „eingewöhnt“ und gibt die Hand, so wie es hier üblich ist? Sollte ich dies nicht als seinen Beitrag zur Integration einfordern? Der Pädagoge Bruno Bettelheim pflegte bei solchen Fragestellungen stets zu sagen: „Es kommt darauf an, was Sie wollen!“ Wenn wir wollen, dass wir uns verstehen und unsere Prägungen nachvollziehen können, unsere „Tönungen“ erkennen und den Austausch darüber befruchtend, erhellend und klärend empfinden, so werden wir die abgelehnte Höflichkeitsform nicht in den Mittelpunkt stellen. Wir werden deshalb nicht die Beziehung abbrechen, sondern dem Kontakt und der vertrauensvollen Kommunikation, die das Feld für unsere gemeinsame Arbeit zum Wohle des Kindes bereitet, den Vorrang geben.

Menschen mit Migrationshintergrund können ihre persönlichen Prägungen meist viel bewusster definieren und erläutern, als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte. Die eigene Kultur wird oft erst bewusst, wenn man länger in anderen Ländern lebt.

Häufig sind es die kleinen Signale der Aufmerksamkeit, die im Kindergarten wirken. Zu Eltern kann in dieser Bildungseinrichtung häufig noch der tägliche Kontakt gepflegt werden: zum Beispiel in Bring- und Abholsituationen. Jedoch ist auch hierbei manche Überraschung zu erleben! In gemeinsamen Fortbildungen für Eltern und Erzieher(innen) zum Thema „Förderung der Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache“ wurde das Tür- und Angelgespräch thematisiert. Bestürzt erfuhren die Erzieher(innen), dass manche Mütter Tür- und Angelgespräche nicht als von den Pädagog(inn)en einkalkulierte Form der Kooperation ansahen, obwohl sie die beteiligten Mütter oft schon lange kannten. Umgekehrt war vielen Eltern mit Migrationshintergrund nicht klar, dass mit der Bring- und Abholsituation Erwartungen an sie verknüpft sein können.

Missverständnisse können zu Vorurteilen führen
Eine türkische Mutter war der Meinung, dass diejenigen Mütter, die mit der Erzieherin regelmäßig an der Tür sprachen, mit ihr privat befreundet seien. Da schob die ausgesiedelte, russischsprachige Mutter ihr Kind monatelang stumm in den Kindergarten und überschritt die Schwelle nicht, um so ihre Akzeptanz der Erzieher(innen) auszudrücken. Aus ihrem kulturellen Verständnis heraus wäre das Gespräch an der Tür zum Gruppenraum ein Ausdruck des Zweifels an der Fachlichkeit und Verlässlichkeit der Erzieherin gewesen. Die staatliche oder kirchliche Institution übernehme doch „ab dem Eingang“ die Verantwortung für das Kind und sie müsse da doch vertrauen. Das eigene Kind so abzugeben im noch fremden Land war für sie eine Demonstration von Respekt, die ihr viel Mut abverlangte.

Und wir Pädagog(inn)en? Wir sprechen schnell davon, dass diese Eltern kein echtes Interesse am Kind zeigen, sich nicht engagieren oder sogar sich nicht integrieren wollen. Hier einen Perspektivwechsel zu wagen und Vorannahmen zu überprüfen, ist ein lohnenswerter Prozess.

Von hoher Bedeutung ist es, diesen wechselseitigen Prozess des Austauschs über kulturelle, traditionelle und religiöse Vorannahmen früh zu beginnen. Anmelde- und Aufnahmegespräch sind der Auftakt dazu. Es gilt, interessiert zu fragen, dabei aber eine reflektierte Haltung einzunehmen. Hilfreich ist die Regel: „Stelle nie eine Frage, wenn du nicht erklären kannst, was die Antwort dir nutzt.“ Gehen wir so vor, erfahren wir nicht nur Erhellendes über die Person des Kindes und dessen Eltern, ihren Migrationsweg und ihre Erfahrungen, ihre Kompetenzen und ihre Bedürfnisse. Nein, wir erklären gleichzeitig, was wir mit diesen Informationen tun, wie sie auf uns wirken und wie wir die Erkenntnisse in unserer Zusammenarbeit mit dem Kind wirksam werden lassen.

Eltern bewegt in der Regel sehr, wie genau man sich für ihr Kind und sie selbst als Familie interessiert und wie wichtig uns die Unterstützung der Familie ist, sofern ihnen diese Anliegen erläutert werden, am besten zu Beginn des Kontakts und bei sprachlichen Hindernissen auch mit Dolmetscher.

Wenn Erzieher(innen) in dieser Weise auf Eltern mit Migrationshintergrund zugehen, entfalten diese ihre Kompetenz, (1) einen lebenswichtigen Entschluss, in ein anderes Land zu übersiedeln, nicht nur gefasst, sondern auch umgesetzt zu haben, (2) fremde Bildungs-, Sozial- und Gesellschaftssysteme kennen gelernt zu haben, oft nach Phasen tiefer Verunsicherung, (3) die Trennung von Verwandten, Freunden, Bekannten und Arbeitskolleg(inn)en in Kauf genommen zu haben ohne Garantie auf Beziehungsersatz in unserem Land, (4) sich auf eine andere Sprache und Kultur eingelassen zu haben und gleichzeitig die bisherige(n) Sprache(n) zu pflegen, (5) Beurteilungen und zum Teil Verurteilungen aus- und diesen standzuhalten, (6) permanent um Anerkennung und Chancengleichheit zu kämpfen – zum Teil auch um das rechtliche Bleiberecht.

Das Wissen von Migranteneltern in den Kita-Alltag integrieren
Vor diesem Hintergrund können zugewanderte Eltern in der Kindertageseinrichtung nicht nur Nehmende sein, sondern auch Gebende. Sie können
– kulturelle, traditionelle und sprachliche Kenntnisse an Kinder und Eltern weitergeben;
– bei sprachlicher Kompetenz im Deutschen Einzelkontakte, thematische Gruppenarbeit und Projekte mit Kindern und/oder Eltern unterstützten;
– im Kontakt zu anderen Eltern dolmetschen, nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur;
– ihr religiöses Wissen als „Weltwissen“ weitergeben und zweisprachige Erzähl-, Musik- und Tanzprojekte, Schrift- und Malprojekte unterstützen;
– uns insgesamt demonstrieren und nachspüren lassen, was Migration individuell und mit gesellschaftlicher Auswirkung bedeutet.

Um diese Kompetenzen zu nutzen, brauchen Kindertageseinrichtungen eine insgesamt noch bewusstere Wertschätzung der Zusammenarbeit mit Eltern, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Erzieher(innen) benötigen Rückenstärkung von den Kita-Trägern und den die Kindergartenarbeit bestimmenden Gremien und Organisationen: bezüglich einer Ausbildung, welche die Methoden der Gesprächsführung mit Erwachsenen und die Methodik und Didaktik der Erwachsenenbildung selbstverständlich und solide berücksichtigt; bezüglich einer personellen Ausstattung, die eine strukturierte Zusammenarbeit mit Eltern stressfrei und selbstverständlich ermöglicht; bezüglich der räumlichen Ressourcen und Mobiliarausstattung (oft gibt es noch nicht einmal ausreichend Stühle für Erwachsene, als sollten sie sich gar nicht für längere Zeiträume in der Kita aufhalten), die einladend und zweckmäßig ist.

Positive Erfahrungen in der Erziehungspartnerschaft mit Zuwandererfamilien eröffnen die Chance, dass die gelingende Integration im „Mikrokosmos Kindergarten“ auf die nächsten Bildungsstationen übertragen werden und in der Folge sogar Auswirkungen auf die Integration im „Makrokosmos der Gesellschaft“ haben. Eine lohnenswerte Perspektive!

Der Beitrag ist eine veränderte Fassung des gleichnamigen Artikels, erschienen in „Kinderzeit“ 10/2007. Wir danken für die Genehmigung.

Elke Schlösser ist Diplom-Sozialarbeiterin und freiberufliche Fortbildnerin im Bereich Interkulturelle Pädagogik in Eschweiler. Informationen unter www.wir-verstehen-uns-gut.de.