Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Migranten-Milieus in Deutschland

Ergebnisse aktueller Studien von Sinus Sociovision

von Tanja Merkle

Möchte man Menschen in ihrem Alltag, ihrem Alltagshandeln und ihren Entscheidungsprozessen (z. B. in Bezug auf Bildung und politische Bildung, in Bezug auf bürgerschaftliches Engagement und politische Partizipation) sowie ihrem Verständnis (etwa in Bezug auf Ausländerpolitik, Einwanderung, Integration, Demokratie, Geschichte) verstehen, sollte man sich mit ihrer Lebenswelt, d. h. allen wichtigen Alltagsbereichen, auseinandersetzen, und zwar aus der jeweils subjektiven Sicht dieser Menschen. Genau dies ist Aufgabe der Lebensweltforschung, welche mittels qualitativer Methoden und in Form ganzheitlichen Verstehens einen tiefer gehenden Blick „hinter die Kulissen“ wirft.

Was ist das Besondere an der Lebensweltforschung? Sind nicht auch herkömmliche Ansätze und Typologien anhand soziodemografischer Faktoren wie Alter, Schulbildung, Beruf und Einkommen eine bewährte Herangehensweise, um Menschen im Allgemeinen und Zielgruppen im Speziellen kennen und verstehen zu lernen? Solcherlei rein demografische Rahmenbedingungen bewegen sich primär auf deskriptivem Niveau und tragen letztlich nur in begrenztem Umfang zu einem tatsächlichen Verstehen der Menschen bei. Die Soziodemografie allein klärt nicht die Hintergründe dessen auf, was Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können.

„Soziodemografische Zwillinge“ können sich, dies wird anhand des nachfolgenden Beispiels deutlich, hinsichtlich ihrer Lebensstile, ihrer Grundorientierungen und Werteinstellungen völlig unterscheiden: Charles, Prince of Wales, und Ozzy Osbourne, der „Prince of Darkness“, sind im gleichen Jahr geboren, beide sind in Großbritannien aufgewachsen, beide sind verheiratet und haben erwachsene Kinder, beide leben nicht mehr mit den Müttern ihrer Kinder zusammen, beide sind beruflich erfolgreich und vermögend. Und doch, dies ist mehr als offensichtlich, könnten ihre Lebensstile und Vorlieben kaum unterschiedlicher sein. Sie gehören verschiedenen Milieus an, die äußerst unterschiedlich „ticken“.

Sinus und die Sinus-Milieus®
Das Sinus-Institut in Heidelberg hat dies schon vor langer Zeit erkannt und den Schritt vom Beschreiben zum Verstehen getan. Die Sinus-Milieus® sind das Ergebnis von mehr als drei Jahrzehnten sozialwissenschaftlicher Forschung (www.sinus-sociovision.de/). Sie sind eine Basissegmentation der Gesellschaft auf der Grundlage von Wertorientierungen (subjektive Einstellungen, Interessen, Maximen, Werturteile, Ziele), Lebensstilen (Verhaltensgewohnheiten, Routinen, Rituale, Geschmackspräferenzen, ästhetische Prägungen) und sozialen Lagen. Sie fassen „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen, die sich hinsichtlich dieser Dimensionen ähneln. Bedeutsam ist, dass in die Analyse auch Alltagseinstellungen (zur Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu Geld und Konsum), Wunschvorstellungen, Ängste und Zukunftserwartungen eingehen. Im Gegensatz zu sozialen Schichten beschreiben die Sinus-Milieus® real existierende Subkulturen in unserer Gesellschaft mit gemeinsamen Sinn- und Kommunikationszusammenhängen in ihrer Alltagswelt.

Das Sinus-Milieumodell ist nicht statisch. Parallel zum Wertewandel in unserer Gesellschaft wird es regelmäßig aktualisiert und weiterentwickelt. Basis hierfür sind die Sinus-Trendforschung sowie kontinuierliche Studien zu den Lebenswelten der Menschen. Derzeit werden pro Jahr ca. 100.000 Interviews in mehreren unabhängigen Stichproben durchgeführt, um das Modell zu überprüfen und – in Bezug auf die statistische Verteilung wie auf die inhaltlichen Beschreibungen – neu zu justieren. Das Modell beruht somit auf einem breiten empirischen Fundament. In Westdeutschland wird die Milieulandschaft seit 1979 kontinuierlich beobachtet, in Ostdeutschland seit Anfang der 1990er Jahre. Seit 2001 gibt es erstmals ein gesamtdeutsches Milieumodell, das zehn Milieus umfasst.

Die Grenzen zwischen diesen zehn Milieus sind fließend. Es liegt in der Natur der sozialen Wirklichkeit, dass Lebenswelten nicht so exakt eingrenzbar sind wie soziale Schichten (etwa nach Einkommen oder Schulabschluss). Sinus nennt das die Unschärferelation der Alltagswirklichkeit. Dabei handelt es sich um einen grundlegenden Bestandteil des Milieu-Konzepts: Zwischen den verschiedenen Milieus gibt es Berührungspunkte und Übergänge. Wäre das nicht der Fall, könnte man schwerlich von einem lebensechten Modell sprechen. Diese Überlappungspotenziale sowie die Position der Sinus-Milieus® in der deutschen Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung werden in Abbildung 1 deutlich: Je höher das entsprechende Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter es sich nach rechts erstreckt, desto moderner im soziokulturellen Sinn ist die Grundorientierung des jeweiligen Milieus.

Die Migranten-Milieus in Deutschland
Neben dem Sinus-Milieumodell in Deutschland wurden für 18 weitere Länder, von den USA bis China, entsprechende Modelle entwickelt; der Ansatz ist also auch international etabliert. Darüber hinaus wurde in jüngster Vergangenheit auf anderer Ebene kulturübergreifend geforscht: Getragen von einem Auftraggeber-Gremium aus Politik, Medien und Verbänden hat Sinus Sociovision im Zeitraum von 2006 bis 2008 eine qualitative ethnografische Leitstudie sowie eine Quantifizierung auf repräsentativer Basis zu den Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland durchgeführt.

Grundgesamtheit der Studie sind, analog der Definition des Statistischen Bundesamts 2006, neben den in Deutschland lebenden Ausländer(inne)n alle in Deutschland lebenden Zuwanderer(innen) (u. a. Spätaussiedler(innen), Eingebürgerte) und ihre in Deutschland lebenden Nachkommen.

Im Rahmen der Studie wurden zum ersten Mal die Lebenswelten und Lebensstile von Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund mit dem gesellschaftswissenschaftlichen Ansatz der Sinus-Milieus® untersucht. Ein wichtiges konzeptionelles Element war es, Migranten nicht aufgrund ihrer Ethnie vorab einem Segment zuzuordnen, d. h. die Ethnie nicht als Vorfilter zu betrachten, sondern lediglich als ein Deutungsmittel. Ziel war es, eine empirisch fundierte Sehhilfe zu liefern, um das Selbstverständnis und die Alltagskulturen der Menschen mit Migrationshintergrund besser zu verstehen. Das Ergebnis der Studie ist die Identifikation und Beschreibung von acht Migranten-Milieus, ihrer Lebensziele, Wünsche, Zukunftserwartungen, ihrer Wertorientierungen, Lebensstile und Integrationsniveaus.

Zentrale Ergebnisse
Zentraler Befund der Studie ist, dass es in der Population der Menschen mit Migrationshintergrund eine bemerkenswerte Vielfalt von Lebensauffassungen und Lebensweisen gibt. Gründe hierfür mögen u. a. der langfristige Wertewandel in Deutschland und die bis in die 1950er Jahre zurückreichende Migrationsgeschichte in der Nachkriegszeit sein, die zu einer Prägung der kulturellen Identität der Migrantinnen und Migranten beitrugen. Jeder neue Migrationsschub führte zu Diffusion, Imitation und auch Distinktion innerhalb der Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund. In Tabelle 2 werden die verschiedenen Grundorientierungen, die aktuell die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund prägen, veranschaulicht.

Neben der Identifikation dieses vielfältigen und fassettenreichen Bildes konnten eine Reihe hierzulande verbreiteter Negativ-Klischees über Zugewanderte widerlegt werden. So scheint der in Deutschland geführte Integrationsdiskurs im Licht der Untersuchungsbefunde doch allzu stark auf eine Defizitperspektive verengt. Meist werden die Ressourcen an kulturellem Kapital von Migrant(inn)en, ihre Anpassungsleistungen und der Stand ihrer Etablierung in der Mitte der Gesellschaft unterschätzt, ebenso fehlt es häufig an Differenziertheit. Oft werden (formal oder augenscheinlich) Nicht-Deutsche in die Container-Kategorie der „Migranten“ eingeordnet, begleitet von der impliziten Erwartung, man wisse damit bereits etwas über ihre Werte, ihre soziale Lage und ihren Lebensstil. Aber: Die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind, genauso wenig wie die autochthone deutsche Bevölkerung, eine soziokulturell homogene Gruppe.

Im Rahmen der Studie wurde deutlich: Die Migranten-Milieus unterscheiden sich weniger nach ethnischer Herkunft und sozialer Lage als vielmehr nach ihren Wertvorstellungen, Lebensstilen und ästhetischen Vorlieben. Gemeinsame lebensweltliche Muster und Grundorientierungen finden sich bei Migrant(inn)en aus den unterschiedlichsten Herkunftskulturen. Das heißt: Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus. Man kann somit nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schließen, genauso wenig, wie man vom Milieu auf die Herkunftskultur schließen kann.

Betrachtet man die Herkunftsländer der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund – Ausländer(innen) und Eingebürgerte – (Tabelle 3), so wird deutlich, dass die Länder der Ex-Sowjetunion an der Spitze stehen und mittlerweile die Türkei abgelöst haben.

In allen Milieus gibt es – je spezifische – Integrationsbarrieren und Verflechtungsbeziehungen. Integrationsdefizite finden sich, wie auch bei der autochthonen deutschen Bevölkerung, am ehesten in den unterschichtigen Milieus. Die Barrieren gegenüber kultureller Anpassung sind am größten im Religiös-verwurzelten Milieu. Die meisten Migrant(inn)en verstehen sich aber als Angehörige der multi-ethnischen deutschen Gesellschaft und wollen sich aktiv einfügen – ohne ihre kulturellen Wurzeln zu vergessen. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigt einen uneingeschränkten Integrationswillen. 87 Prozent sagen: Alles in allem war es richtig, dass ich bzw. meine Familie nach Deutschland gekommen ist.

Insbesondere in den soziokulturell modernen Milieus wird das Label „Migranten“ als oftmals pauschalisierende, stigmatisierende und zum Teil auch diskriminierende Globalkategorie erlebt. Viele haben ein bikulturelles Selbstbewusstsein und eine postintegrative Perspektive. Sie sind längst in dieser Gesellschaft angekommen, Integration ist für sie kein Thema mehr. Und viele erleben Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit als Bereicherung – für sich selbst und für die Gesellschaft.

61 Prozent der Befragten sagen von sich, sie hätten einen bunt gemischten internationalen Freundeskreis. In den gehobenen Milieus liegt dieser Anteil deutlich über 70 Prozent. Vor diesem Hintergrund beklagen viele – quer durch die Milieus – die mangelnde Integrationsbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft und das geringe Interesse an den Eingewanderten. Etwa ein Viertel der befragten Menschen mit Migrationshintergrund fühlt sich isoliert und ausgegrenzt – insbesondere Angehörige der unterschichtigen Milieus. Das bedeutet jedoch andererseits, dass Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung nur für einen kleineren Teil der Migrant(inn)en alltagsrelevant sind.

Erfolgreiche Etablierung in der Aufnahmegesellschaft ist wesentlich von der Bildung der jeweiligen Migrant(inn)en abhängig. Grundsätzlich gilt: Je höher das Bildungsniveau und je urbaner die Herkunftsregion, desto leichter und besser gelingt dies. Der großen Mehrheit der Einwanderer ist dieser Zusammenhang bewusst. Die meisten haben einen entsprechend ausgeprägten Bildungsoptimismus – der allerdings aufgrund von strukturellen Hürden, Informationsdefiziten und Fehleinschätzungen nicht immer in adäquate Abschlüsse und Berufspositionen mündet.

Ein wichtiger Integrationsfaktor ist die Beherrschung der deutschen Sprache – so sehen es auch die allermeisten Migrant(inn)en. 85 Prozent sagen: Ohne die deutsche Sprache kann man als Zuwanderer in Deutschland keinen Erfolg haben. 68 Prozent der Befragten schätzen ihre deutschen Sprachkenntnisse als sehr gut oder gut ein. Weitere 26 Prozent haben mittlere oder zumindest Grundkenntnisse. Bei 65 Prozent wird im engeren familiären Umfeld überwiegend Deutsch gesprochen, für 82 Prozent ist Deutsch die Verkehrssprache im Freundes- und Bekanntenkreis.

In der Migranten-Population deutlich stärker ausgeprägt als in der autochthonen deutschen Bevölkerung ist die Bereitschaft zu Leistung und der Wille zum gesellschaftlichen Aufstieg. Mehr als zwei Drittel zeigen ein modernes, individualisiertes Leistungsethos. 69 Prozent sind (im Vergleich zu nur 57 Prozent in der Gesamtbevölkerung) der Meinung: „Jeder, der sich anstrengt, kann sich hocharbeiten.“ Im Ergebnis sind die Unterschiede in der sozialen Lage, d. h. hinsichtlich Einkommens- und Bildungsniveau, zwischen Migrant(inn)en und Einheimischen nicht sehr groß. Lediglich das Segment der gehobenen Mitte ist in der Migranten-Population etwas weniger ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung.

Dagegen ist das Spektrum der Grundorientierungen bei den Migrant(inn)en breiter, d. h. heterogener als bei den Bürger(inne)n ohne Zuwanderungsgeschichte. Es reicht vom Verhaftetsein in vormodernen, bäuerlich geprägten Traditionen über das Streben nach materieller Sicherheit und Konsumteilhabe, nach Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg, nach individueller Selbstverwirklichung und Emanzipation bis hin zu Entwurzelung und Unangepasstheit. Es gibt also in der Migrantenpopulation sowohl traditionellere als auch soziokulturell modernere Segmente als bei einheimischen Deutschen. Gleichzeitig liegen Migranten-Milieus im Gegensatz zum Milieumodell für die deutsche Gesamtbevölkerung meist nicht eindeutig in einem Werteabschnitt, sondern erstrecken sich oft über zwei Werteachsen. Diese Lagerungen sind möglicherweise Resultat einer multikulturellen Adaption (Leben mit und zwischen alten und neuen Welten und Wertemustern).

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Untersuchung, dass es sich bei den in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund nicht um ein besonderes und schon gar nicht um ein einheitliches Segment in der Gesellschaft handelt. Ein solcher Blick wird der empirischen Wirklichkeit nicht länger gerecht. Die den verbreiteten Negativklischees entsprechenden Teilgruppen gibt es zwar, und sie sind im vorliegenden Migranten-Milieumodell auch lokalisierbar. Aber: Es sind sowohl soziodemografisch als auch soziokulturell marginale Randgruppen.

Das Migranten-Milieumodell
Analog zum Milieumodell in Deutschland sind auch die Grenzen zwischen den Migranten-Milieus fließend. Sowohl die Überlappungspotenziale als auch die Position der Migranten-Milieus in der deutschen Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung werden in Grafik 2 veranschaulicht. Auch hier gilt: Je höher ein Milieu in der Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter rechts es positioniert ist, desto moderner ist die Grundorientierung. Tabelle 4 enthält eine Kurzcharakterisierung der Milieus.

Der Artikel ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung des Beitrags „Lebenswelten in Deutschland – Ergebnisse aktueller Studien von Sinus Sociovision“, erschienen in: Dirk Lange und Ayca Polat (Hrsg.): Unsere Wirklichkeit ist anders. Migration und Alltag. Bundeszentrale für politische Bildung 2009. Wir danken der Bundeszentrale für politische Bildung für die Genehmigung.

Die vollständige Fassung einschließlich der Literaturangaben ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Tanja Merkle ist Soziologin, Politologin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie arbeitet als Senior Research and Consulting am sozialwissenschaftlichen Institut SINUS-Sociovision in Heidelberg.