Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Vom Trauma zum Erfolg
Lebenswege von Flüchtlingen nach der Vertreibung durch die Nazis

Unter den Flüchtlingen, die sich in den 1930er und 1940er Jahren aus Deutschland und Österreich vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten in Sicherheit bringen konnten, befanden sich rund 30.000 Kinder und Jugendliche. Obwohl sie mit schwierigen Bedingungen wie Armut, fehlenden Sprachkenntnissen, oft ohne Eltern und traumatischen Erfahrungen in ihrem Heimatland und während der Flucht zu kämpfen hatten, gelang es ihnen zumeist, außerordentlich erfolgreich zu werden und bedeutende positive Beiträge in ihrer neuen Heimat zu leisten. Wie ist diese verblüffende Entwicklung zu erklären?

Mit ihrer breit angelegten sozialwissenschaftlichen Studie über diese spezifische Flüchtlingsgruppe ist es den Autoren Gerhard Sonnert und Gerald Holton gelungen, ein detailgenaues und aussagekräftiges Bild dieser Erfolgsgeschichten zu zeichnen. Die Untersuchung verknüpft die Ergebnisse zahlreicher Datenerhebungen unterschiedlicher Quellen mit den autobiografischen Aussagen der ehemaligen Flüchtlinge. Dabei wird erkennbar, dass der überdurchschnittliche Erfolg der ehemaligen Flüchtlingskinder als Zusammenspiel von vor allem drei Faktoren zu begreifen ist: ihrer Sozialisation in Mitteleuropa, den Erfahrungen von Diskriminierung und Flucht und der Chancenstruktur in Amerika, die sie vorfanden. Das sehr gut zu lesenden Buch beleuchtet die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Kultur, Gesellschaft, Psychologie, Geschichte und Identität. Dadurch wird es auch für eine aktuelle Diskussion der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik zu einer lohnenswerten Lektüre.

Marita Salewski

Gerhard Sonnert und Gerald Holton
Was geschah mit den Kindern?
Erfolg und Trauma junger Flüchtlinge, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden
Lit Verlag Wien, 2008
200 Seiten
29,90 €

Entwurzelung und Neuanfang
Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte

Was verbindet Gerhard Leo (Deutschland) mit Victor Aldunate (Chile), Paimana Heydar (Afghanistan) und Mohamed Agibu Jalloh (Liberia)? Zusammen mit vielen anderen ist ihnen das Schicksal gemeinsam, als junge Menschen vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Heimatland geflohen zu sein. Quer zu den Epochen und über Länder- und Regimegrenzen hinweg gibt es erstaunlich viele Parallelen.

Im Alter von zehn Jahren floh Gerhard Leo zusammen mit seinen Eltern im Herbst 1933 vor den Nazis nach Frankreich, wo es für die Familie anfangs äußerst schwierig war, eine neue Existenz aufzubauen. Sein erster Gang in Paris führte ihn zur Polizeipräfektur. „Die Beamten waren bürokratisch und feindselig. Sie hatten wohl die Anweisung, die Leute abzuschrecken“, erinnert er sich. Den umgekehrten Weg nahmen Victor Aldunate, Paimana Heydar und Mohamed Agibu Jalloh. Allein oder mit ihren Eltern mussten sie in den letzten zwei Jahrzehnten aus lebensgefährlichen Verhältnissen nach Deutschland fliehen. Und auch sie hatten – und haben – mit Unverständnis, Misstrauen und Schikanen zu kämpfen. In dem von der Flüchtlingshilfsorganisation PRO ASYL herausgegebenen Buch „Vom Fliehen und Ankommen“ berichten 14 (ehemalige) Flüchtlinge ihre Flucht-Erfahrungen aus sieben Jahrzehnten. Das Buch versammelt Reportagen, Ich-Erzählungen und Interviews, die im Frühjahr 2006 entstanden sind. Beeindruckend, wie sich die Geschichten gleichen: die dramatischen und oftmals traumatisierenden Erfahrungen im Land der Herkunft, die Erleichterung über die gelungene Flucht und schließlich der Kampf um den Neuanfang und die erfolgreiche – manchmal auch scheiternde – Eingliederung in ein zunächst völlig unbekanntes Land. Ein aufrüttelndes Buch, das eindringlich daran erinnert, dass es bei der Aufnahme von Flüchtlingen um die Verwirklichung eines elementaren Menschenrechts geht.

Dr. Jörg Maywald

PRO ASYL (Hrsg.)
Vom Fliehen und Ankommen
Flüchtlinge erzählen
von Loeper Literaturverlag 2006
142 Seiten
16,80 €