Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Starke Leistung für jedes Alter
Das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser

von Ursula von der Leyen

Der demographische Wandel schüttelt Deutschland mächtig durch. Das spüren wir in unseren Städten und Gemeinden. Immer öfter lesen wir, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Andererseits wächst der Bedarf nach altengerechten Wohnformen. Wir stehen nun vor der Herausforderung, diesen Wandel zu gestalten. Anstatt die vermeintliche „Überalterung“ der Gesellschaft zu beklagen, sollten wir die Potenziale und Chancen einer Gesellschaft des längeren Lebens in den Mittelpunkt stellen.

Denn die demographische Entwicklung hat auch eine erfreuliche Seite. Noch nie in der Geschichte gab es so viele ältere Menschen, die so viel zu geben hatten wie heute. Noch nie waren Ältere so gesund, so gebildet, hatten so viel Zeit und so viel Geld. Wer heute 65 ist hat im Schnitt noch 16 bis 20 Lebensjahre vor sich. Das ist ein gewaltiges soziales Kapital unserer Gesellschaft – ein Kapital allerdings, das noch allzu oft brach liegen bleibt. Stattdessen wird Einsamkeit immer mehr zum Altersproblem.

Mit der demografischen Entwicklung haben sich auch die Lebensverhältnisse verändert. Die traditionelle Großfamilie ist aus unserer Gesellschaft fast vollständig verschwunden. Eltern haben nicht mehr Unterstützung durch viele andere Erwachsene in ihrem Haushalt. Kinder haben nicht mehr selbstverständlich viele Geschwister, mit denen sie die Welt entdecken. Sie können sich nicht im Alltag mit Onkeln, Tanten, Vettern, Kusinen zanken, versöhnen, Rat annehmen oder eigene Vorstellungen durchsetzen. Das Feld des Übens im Umgang miteinander, im Zusammenspiel der Generationen ist kleiner geworden. Damit verschwinden auch informelle Netzwerke, Alltagskompetenzen und Erziehungswissen. Eine wachsende Anzahl von Kindern wird künftig in ihrer eigenen Generation wenige oder gar keine direkten Verwandten mehr haben. Hinzu kommt, dass Kinder, Eltern und Großeltern oft nicht an einem Ort wohnen.

Aber die Grundmuster von Familienleben mit vielen Generationen bleiben richtig, wir brauchen sie. Deshalb brauchen wir Orte, wo Generationen sich begegnen und helfen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind. Dazu brauchen wir neue Strukturen, die private und freiwillige Initiative stärken und sie sinnstiftend verbinden mit staatlichen Leistungen.

Ein sehr konkreter Weg, den der Bund eingeschlagen hat, ist das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser. Bis zum Ende des Jahres 2007 werden 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland entstehen – mindestens eines in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt. Dafür stehen in den nächsten fünf Jahren 98 Millionen Euro zur Verfügung.

Mehrgenerationenhäuser sind Orte, an denen sich die Generationen im Alltag begegnen. Sie wohnen nicht zusammen, aber sie verbringen im Alltag Zeit miteinander und ermöglichen viele Aktivitäten und Angebote dadurch. Das geht von der Krabbelgruppe oder Hausaufgabenhilfe, die von Älteren organisiert wird, über Eltern-Kind-Kurse, haushaltsnahe Dienstleistungen, Sprachkurse für Migranten, Bewerbungstraining für Jugendliche und im Gegenzug Internetkurse für Ältere, die Jugendliche organisieren. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Frage ist, was brauchen wir vor Ort und wer macht mit?

Hier finden Eltern Hilfe, hier können Kinder eigenständig von anderen lernen, hier sind ältere Menschen gebraucht und gewollt. Mehrgenerationenhäuser sind offene Treffpunkte – man kann auch gemeinsam essen, spielen, lernen und sich gegenseitig helfen. Jeder kann dabei seine Stärken, seine Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen. Und erhält im Gegenzug dafür etwas, was nicht immer mit Geld zu bezahlen ist: Zeit zum Zuhören zum Beispiel, die Möglichkeit, an einem gemeinsamen Mittagstisch mit vielen anderen teilzunehmen, das Erlernen neuer Fertigkeiten.

Mehrgenerationenhäuser sind wie „soziale Bienenstöcke“ in unserer Gesellschaft. Der Honig, den sie produzieren, das sind menschliche Beziehungen, die Weitergabe von Kulturwissen und unentgeltliche Hilfe untereinander. Diese Lebendigkeit und das Gemeinschaftsgefühl habe ich bei meinen vielen persönlichen Besuchen in Mehrgenerationenhäusern in ganz Deutschland erleben können.

Viele der Einrichtungen, die sich beworben haben, gehen aus bereits bestehenden Einrichtungen hervor. Manchmal steht ein Mütterzentrum Pate oder der Kindergarten tut sich mit der Altenbegegnungsstätte und dem Jugendtreff zusammen. Das Fundament ist die vorbildliche Arbeit, die seit Jahren geleistet wurde. Doch als Mehrgenerationenhaus öffnen sich diese Einrichtungen gegenüber allen Generationen und erweitern ihre Angebote bewusst zu einem Miteinander von Alt und Jung. Die Mehrgenerationenhäuser werden aber nicht nur Angebote für alle Generationen anbieten. Sie werden sich auch zu kleinen Dienstleistungsdrehscheiben in ihrer Region entwickeln. Sie vermitteln unterschiedliche Dienstleistungen, die Familien, junge und alte Menschen im Alltag entlasten und die wirklich gebraucht werden. Gleichzeitig gehen sie offen auf Unternehmen zu und schließen Kooperationen mit der lokalen Wirtschaft.

Auf ihrem Weg lassen wir die Mehrgenerationenhäuser nicht allein. Wir beraten und vernetzen die Häuser eng untereinander. Es gilt das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Zusätzlich findet ein reger Austausch auf einer Intranetplattform statt. In diesem Forum entsteht in den nächsten fünf Jahren auch ein Know-How Bereich – gleich einem virtuellen Handbuch: Wie gestalte ich einen offenen Treff? Wie sehen die rechtlichen Rahmenbedingungen aus? Wo liegen Stolpersteine? Die Mehrgenerationenhäuser werden beraten und beraten sich untereinander in Telefonkonferenzen, durch Patenschaften zwischen den Häusern oder in themenorientierten Fachtagen.

Unterstützt wird die Entwicklung von Mehrgenerationenhäusern durch Wirkungsforschung. Wir wollen gemeinsam untersuchen, was zum Erfolg oder Misserfolg führt. Durch eine systematische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit werden die Häuser vor Ort unterstützt. Die Menschen sollen wissen, was das Mehrgenerationenhaus tut und dass jeder willkommen ist, mitzumachen.

Was in den Mehrgenerationenhäusern passiert, stimmt schon jetzt optimistisch: Die Generationen gestalten ihre Zukunft aktiv. Ein neues Miteinander entsteht, auf dessen weitere Entwicklung wir gespannt sein können.

Dr. Ursula von der Leyen ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.