Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kreativ in jedem Alter
Mehrgenerationenhäuser in Berlin

von Katharina Buck

Auf dem Spielplatz toben die Kinder, im Café CoCo trinken Eltern und Anwohner Tee. Langsam füllt sich der Nebenraum mit Seniorinnen, die darauf warten, dass ihre wöchentliche Chorprobe beginnt. Und in den Gängen des Hauses kommt hinter einer Ecke eine Fee hervor, die mit hoher Stimme einer Gruppe aufgeregter Kinder von einem geheimnisvollen Rätsel erzählt, während die Eltern des Geburtstagskindes entspannt hinterherlaufen.

Die Angebote der Mehrgenerationenhäuser bieten für jeden etwas. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade wegen der Fülle der Angebote fühlt man sich doch etwas verloren, wenn man zum ersten Mal eine solche neue Institution betritt. Da ist es schön, wenn einen jemand bei der Hand nimmt und alles vorstellt. So jemand ist Djamila Younis. Sie ist die Koordinatorin für das Mehrgenerationenhaus Berlin Mitte. „Wir haben schon immer Generationen übergreifend gearbeitet“, erzählt sie. „Eines unserer ersten Angebote war ein Generationen übergreifendes Kreativangebot für Familien, das es auch heute noch gibt. Es nennt sich Kinder-Eltern-Kreativ-Sonntag (KEKS). Jeden Sonntag können Menschen jeden Alters die unterschiedlichen Angebote nutzen. Es gibt jedes Mal einen Schwerpunkt. Einmal kann dies ein Mitspieltheater sein, einmal Trickfilm- oder Hörspielproduktion oder kreatives Basteln, man kann sich in unserem Fundus verkleiden, das ist wirklich ganz verschieden.“

Seit 2001 ist das Kreativhaus an seinem Standort auf der Fischerinsel mitten in Berlin. Durch die dortige Anwohnerstruktur ergab es sich von selbst, dass sich auch die Angebote veränderten. Auf der Fischerinsel, welche im ehemaligen Ostteil Berlins liegt, wohnen großenteils ältere Menschen. Diese interessieren sich unter anderem für Themen der Ost-West-Begegnung, was sich beispielsweise in den Themenschwerpunkten des Erzählcafés widerspiegelt. Dabei handelt es sich um eine monatliche, moderierte Veranstaltung, in der Menschen mit einem interessanten Lebenslauf aus ihrem Leben berichten.

Im Mehrgenerationenhaus Pankow ist etwas Ähnliches geplant. Hier soll eine Art Generationenakademie etabliert werden, wo Referenten zu aktuellen Themen sprechen. Allerdings sollen hier vor allem Eltern angesprochen werden. Das erste Thema soll „Starke Eltern – starke Kinder“ sein. Durch die bereits bestehenden Hortangebote und die Tatsache, dass die Umwandlung in ein Mehrgenerationenhaus erst vor kurzer Zeit begonnen wurde, sind die Erfahrungen bislang noch stark auf Angebote für Kinder begrenzt. Das erste Programmheft mit Angeboten für alle Generationen ist zwar inzwischen veröffentlicht, doch die meisten Kurse haben noch nicht begonnen. Dennoch gibt es bereits seit längerem ein beliebtes und etabliertes Angebot.

Gabriele Klose, Koordinatorin im Mehrgenerationenhaus Pankow erzählt: „Wir haben Dienstags von 14 bis 16 Uhr eine Art Schach- und Brettspiel-Arbeitsgruppe. Zuerst war das eine sehr lockere Runde auf dem Hof. Sie ergab sich von selbst, als Kinder auf dem Hof gespielt haben und Senioren aus der AG Spurensuche dazugekommen sind. Dieser Kreis besteht seit ca. 8 Jahren. In ihm treffen sich Kinder und Ältere, um regionale Geschichte zu erforschen. Aus der lockeren Schach- und Brettspielgruppe ist dann ein fester Termin entstanden. Vor ein paar Wochen wurde ich von den Beteiligten angesprochen, dass die Gruppe nun einen festen Raum benötige, statt sich weiterhin auf dem Hof zu treffen. Inzwischen sind auch noch mehr ältere Leute dazugekommen, die mitmachen wollen.“

Eine Besonderheit ist im Mehrgenerationenhaus „Pankower Früchtchen“ besonders augenfällig: die Hortzeiten sind „geschützte Zeiten“, der Hort kann also tagsüber nicht für Außenstehende geöffnet werden, damit die Kinder in einem sicheren Rahmen ihre Angebote wahrnehmen können. Aus diesem Grund können die Mehrgenerationenhaus-Angebote nur abends und am Wochenende stattfinden. Deshalb gibt es hier auch im Augenblick kein offenes Café, das zu allen Tageszeiten für die Anwohner geöffnet ist. „Das Begegnungscafé, wie wir es nennen, ist immer nur in bestimmte Veranstaltungen integriert“, erklärt Frau Klose. „Das läuft so ab, dass das Café der Rahmen ist und der Inhalt zum Beispiel ein Vorlese- oder Hörspielabend. Das Café ist also eigentlich immer Mittel zum Zweck.“ Es sind aber Umbaumaßnahmen geplant, nach denen das Café in offener Form allen Besuchern zum Verweilen und Austauschen zur Verfügung stehen wird.

Das Kreativhaus Berlin Mitte ist eines der wenigen Mehrgenerationenhäuser mit starkem Schwerpunkt auf kulturellen Angeboten. Gerade darin sieht Frau Younis den großen Vorteil des Hauses: „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit kulturell ausgerichteten und kreativen Begegnungen. Wenn es ein gemeinsames Thema gibt, über das man sich unterhalten und worüber man vielleicht auch praktisch aktiv werden kann, ist die erste Hemmschwelle sehr schnell überwunden. So kommt man schnell ins Erzählen oder ins gemeinsame Basteln. Unsere Erfahrung ist, dass besonders ältere Menschen sehr gern mit Kindern zusammen sind, und sich wertvoll und sinnvoll beschäftigt fühlen, wenn sie sehen, dass es den Kindern und Familien etwas bringt.“

Außer freien Angeboten für alle Altersgruppen werden vom Kreativhaus auch einzelne Projekte zu einem bestimmten Thema und Anlass durchgeführt. Djamila Younis beschreibt diese Treffen als Mischung aus Zeitzeugenarbeit und gemeinsamem Erzählen und Kreativ sein. Eine generationenübergreifende Begegnung ist ihr hier besonders in Erinnerung geblieben: „Weihnachten 2006 hat zwischen einigen Senioren aus dem Fischerinselkiez und Kindern aus einem unserer Schulprojekte eine interkulturelle und intergenerative Begegnung stattgefunden. Die Kinder hatten davor bereits in der Schule das Thema Nachkriegszeit behandelt. Die älteren Leute haben dann erzählt, was sie zu Weihnachten nach dem Krieg geschenkt bekamen, oder wie sie mit ganz einfachen Mitteln Plätzchen hergestellt haben. Das Erzählen wurde von einer gemeinsamen Aktivität begleitet: Die Kinder und Senioren haben zusammen diese Plätzchen gebacken.“ Die Teilnehmer waren von dieser Aktion so begeistert, dass vom Kreativhaus daraus nun eine Veranstaltungsreihe entwickelt wurde.

In beiden Berliner Mehrgenerationenhäusern wird außerdem gerade ein Wunschgroßelterndienst aufgebaut, bei dem sich ältere Menschen engagieren können, indem sie zu einzelnen Kindern einen besonderen Kontakt aufbauen und sie teilweise auch betreuen. Dass sich schon jetzt über Kultur und Alter hinweg Kontakte und Freundschaften gebildet haben, zeigt deutlich, dass es in allen Altersgruppen den Wunsch gibt, sich besser kennen zu lernen. Die Weiterentwicklung und Etablierung der Mehrgenerationenhäuser ist dafür sehr wichtig. Djamila Younis formuliert das so: „Generationen begegnen sich in der Regel nicht einfach zufällig. Es gehört auch eine gewisse Konzeption dazu, sie zusammenzubringen.“

Katharina Buck ist Studentin der Ökotrophologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Mehrgenerationenhaus Berlin Mitte
Das Mehrgenerationenhaus Kreativhaus e.V. existiert seit 1992 als theaterpädagogisches Zentrum und Kultur- und Begegnungsstätte an verschiedenen Standorten in Berlin Mitte. Es bietet eine Vielzahl von kreativen, soziokulturellen Angeboten für alle Altersgruppen, insbesondere für Kinder. Seit Mai 2007 ist es Teil des Aktionsprogramms „Mehrgenerationenhäuser“ der Bundesregierung.

Mehrgenerationenhaus Berlin Pankow
Die Pankower Früchtchen gGmbH eröffnete 2002 einen Hort im Berliner Bezirk Pankow-Wilhelmsruh. Inzwischen gibt es drei Horteinrichtungen, die einen besonderen Schwerpunkt auf ein vielfältiges, breit gefächertes und qualitativ hochwertiges Angebot legen, ein altes Landhaus mit Ferienangeboten und neuerdings auch eine Privatschule. Seit Juni 2007 ist der Hort Wilhelmsruh im Gebäude der „Roten Schule“ offiziell als Mehrgenerationenhaus anerkannt.