Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

„Ich schaff das schon allein“

Kinder mit gestärktem Selbstvertrauen lernen früh, eigene Interessen anzumelden und zu vertreten. Dietmar Sturzbecher und Heidrun Großmann betonen in ihrem Praxishandbuch die Wichtigkeit, Kinder an der Gestaltung ihrer Lebenswelten zu beteiligen.

Durch Partizipation von Kindern an Entscheidungsprozessen im Alltag werden Identifikation, Verantwortung und kooperatives und teamfähiges Verhalten schon früh eingeübt. Die Autoren fordern gerade von Kindergarten und Grundschule verstärkt Freiräume für Kinder zu öffnen, um Frustration und aggressives „auf sich aufmerksam machen“ zu vermeiden.

Das Praxishandbuch formuliert einerseits notwendige Basiskompetenzen für frühkindliche Partizipation wie Selbstvertrauen, Perspektivenübernahme, moralisches Verhalten und Konfliktfähigkeit und bietet andererseits zum jeweiligen Thema eine Fülle von anschaulichen Beispielen. Dazu haben die Autoren eine eigene Rubrik „Materialien“ beigefügt, die den Erzieher(inne)n die Umsetzung des Konzepts erleichtern sollen.

Das Buch behandelt wichtige theoretische Zugänge zur Partizipationsförderung im Kindergarten umfassend und kompetent, beleuchtet die Perspektiven von Erzieher(in), Kind und Eltern gleichermaßen und bietet durch seine gut ausgewählten Beispiele einen praktischen Schatz für Erzieher(innen).

Margarete Jooß

Dietmar Sturzbecher und Heidrun Großmann (Hrsg.)
Praxis der sozialen Partizipation im Vor- und Grundschulalter
München, Basel 2003, 283 Seiten
19,90 Euro

Erwachsene tragen die Verantwortung für die Beziehungsqualität

Kinder wollen wahrgenommen und anerkannt werden. Sie können sich selbst erfahren und entwickeln in Beziehungen zu Erwachsenen, die mit ihnen und nicht zu ihnen sprechen.

In der traditionellen Gehorsamskultur ist das Kind Objekt: es wird diszipliniert, belehrt, ihm werden Grenzen gesetzt, sein Verhalten wird bewertet und es bekommt die Schuld zugewiesen, wenn die Beziehung nicht gelingt.

Jesper Juul und Helle Jensen, Familientherapeuten und Konfliktberater in Dänemark, plädieren für ein grundlegend neues Verständnis von Erziehung. Das Kind wird als Subjekt betrachtet und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem tritt als eigene Qualität in den Mittelpunkt. Dabei kommt es vor allem darauf an, die Integrität und authentische Lebenserfahrung beider Partner anzuerkennen und zu stärken; beide Seiten sind gleichwertig und gleich wichtig. Die Verantwortung für das gute Gelingen der Beziehung liegt aber beim Erwachsenen, da Kinder noch nicht in der Lage sind, den Prozess der Verständigung bewusst zu planen und zu lenken. Besonderes Augenmerk legen die Autoren auf die Beziehungskultur in den Institutionen Kindertagesstätte und Schule

Das Buch ist eine lohnende, wenn auch manchmal mühsame und nicht leicht verständliche Lektüre für Erzieher(innen) und Lehrer(innen) sowie für Eltern, denen an einem grundlegenden Verständnis von gelingender und wertschätzender Erziehung gelegen ist. Hilfreich für das Verständnis sind die vielseitigen und anschaulichen Beispiele aus der Praxis.

Marita Salewski

Jesper Juul und Helle Jensen
Vom Gehorsam zur Verantwortung
Für eine neue Erziehungskultur
Patmos Verlag 2004, 358 Seiten
24,90 Euro