Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wir haben angefangen, unser Bild der Kinder zu reflektieren …

von Margarete Jooß

Eindrücke aus dem Projekt „Demokratie leben“ in der Kindertagesstätte „Nesthäkchen“ in Eberswalde

Überall Tomatensoße. Im Gesicht, an den Händen, am Pulli. Auf dem grünen Tischchen eine kleine rote Plastiktasse und ein weißer Teller. An den Wänden stehen Regale mit bunten Büchern, Autos und kleinen Dosen, die mit allerhand spannenden Dingen wie Ringen und kleinen Dreiecken gefüllt sind. Der kleine Anton sitzt zufrieden am Tisch. Zwei Jahre ist er jetzt alt. Er isst brav mit dem roten Löffel und wenn er etwas verschüttet, wartet Erzieherin Gitti geduldig, bis er selbstständig einen Lappen zum Aufwischen holt. Er hilft auch beim Abräumen. Nur die großen Teller sind noch zu schwer für ihn. Da muss Gitti noch helfen.

Im Nebenzimmer backt Gisela mit den Vierjährigen einen Apfelkuchen. Es herrscht arbeitsames Schneiden, Wellen und Kneten. Einige Kinder der Gruppe sind in den Garten hinausgelaufen, um mehr Äpfel zu sammeln, andere toben auf dem blauen Segelboot, das im Kita-Garten vor Anker gegangen ist.

85 Kinder beherbergt die Kita „Nesthäkchen“ in Eberswalde täglich, ein Drittel ungefähr sind Krippenkinder, zweidrittel sind im Kindergarten-Alter. Die Kita Nesthäkchen unterscheidet sich von anderen in ihrem näheren Umkreis. Marion Brückner, Leiterin von „Nesthäkchen“ ist sich sehr wohl bewusst, dass ihre Kita-Kinder nicht nur finanziell, sondern auch sozial aus gut gestellten Haushalten kommen. Beinahe alle Eltern haben einen Arbeitsplatz. Das ist in ihren Augen ein Privileg, das die Mitarbeit an einem Projekt wie „Demokratie leben“ um ein Vielfaches vereinfacht.

Die Perspektive des Kindes einnehmen

Was die Kita auszeichnet und besonders macht, ist der beobachtende und wache Blick, mit dem die Erzieherinnen ihre Zöglinge betrachten, und der freundliche und respektvolle Ton, der zwischen Kindern und Erzieherinnen, aber auch unter den Kindern herrscht. Kein Befehlston, sondern ein demokratischer Ton, der versucht, zuerst die Situation des Kindes zu erfassen. Die Kita Nesthäkchen hat sich dem Projekt „Demokratie leben“ angeschlossen, das seit Januar 2002 in Eberswalde läuft. Es basiert auf dem Situationsansatz und will damit den Blick der Erzieherinnen dahingehend schärfen, dass sie die Kinder aus ihren Bedürfnissen heraus wahrnehmen und an anstehenden Entscheidungen aktiv beteiligen. Marion Brückner erzählt: „Wir haben ganz systematisch angefangen, unser eigenes Bild der Kinder zu reflektieren. Wir haben alle gedacht, wir würden das schon tun, aber so war es nicht. Gerade das Hineinversetzen in die Rolle der Kinder hat uns sehr geholfen, von außen auf unsere eigenen Verhaltensweisen draufzublicken. Einfach war und ist das nicht für uns, weil wir doch immer noch behüten wollen, anstatt die Kinder aus eigener Kraft heraus machen zu lassen. Die Projektleitung hat uns dabei sehr geholfen. Natürlich haben wir nicht unser ganzes Erziehungskonzept verändert, aber andere Schwerpunkte gesetzt. Es geht jetzt mehr darum zu sehen, was die Kinder können und wie wir sie darin fördern können ohne ihnen unsere Vorstellungen aufzudrücken.“ Während einer Vorbereitungszeit wurde in den Workshops auch trainiert, aktuelle Themen der Kinder aus der Beobachtung heraus zu generieren und sie für die Kinder aufzubereiten und mit neuen Anregungen zu füllen.

Das Abspülen wird zum Ereignis

In der Gruppe von Katrin Ucke hatte sich nach einiger Zeit herausgestellt, dass Wasser die Kinder unheimlich fasziniert und das Spülen des Geschirrs jedes Mal zu einem eigenen Ereignis wird. Daraus wurde dann ein eigenes Projekt. Die Themenfindung aus dem Beobachten heraus war für sie anfangs nicht einfach gewesen: „Ich war mir sehr unsicher, wann ich doch noch zu viel eingreife und die Kinder versuche zu lenken. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, dass ich meine Ziele verfolge und nicht die der Kinder. Aber inzwischen habe ich ein besseres Gespür dafür, was Themen der Kinder sein könnten. Ich merke auch schnell, wenn sie abschalten und nicht mehr interessiert sind. Dann lasse ich es sofort fallen.“ Die Projekte laufen deshalb meistens über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg. Fehler, die die Kinder machen, sind dabei sehr willkommen, um die Erkenntnis der Kinder zu fördern. „Wenn wir die gemachten Fehler der Kinder gemeinsam korrigieren, ist das viel wirksamer als ihnen immer alles vorher zu sagen“, erläutert Ucke. Da mit Kindern von zweieinhalb Jahren die verbalen Absprachen noch nicht ganz so gut funktionieren, gibt sie immer wieder Anregungen in den thematischen Spielprozess hinein. Sie stellt beispielsweise einen Trichter auf den Tisch oder eine Tauchglocke, deren Funktionsweisen sich die Kinder dann selbständig durch Probieren aneignen. Die Kinder bestimmen zu lassen, was gespielt wird und wie lange, das hat Karin Ucke in den Workshops ebenfalls erfahren und im Laufe der Zeit mit anderen Augen sehen gelernt: „Die Selbstversuche haben mir viel geholfen. Nämlich zu erfahren, dass ich selbst in Freiräumen eigentlich viel besser arbeiten kann als unter Zwang.“

„Die Kinder haben sich selbst geheilt“

Renate Wettermann hat durch verstärktes Beobachten ihrer Kinder bemerkt, dass sich durch eine schwierige Gruppendynamik die Atmosphäre verschlechtert hatte. Als sogar Einzelne aus der Gruppe ausgeschlossen wurden, beschloss sie, die Kinder direkt mit dem Problem zu konfrontieren: Im gemeinsamen Kreis haben die vierjährigen Jungen und Mädchen benannt, was ihnen an der internen Stimmung aufgefallen ist, was sie an dem Verhalten anderer stört und wie sie sich selbst in der Gruppe wahrnehmen. Danach wurden Lösungsvorschläge diskutiert. Zuerst wurde ein Platz in ihrem Raum gefunden, der für solche Besprechungen dienen soll und ein Podest dort aufgebaut. Die Eltern haben für jedes Kind ein eigenes Sitzkissen gestiftet. Dann kam die Idee auf, unter einem Sternenhimmel zu sitzen. Daraufhin wurde ein durchsichtiger Vorhang mit einer Sternlichterkette über dem Podest befestigt. Von da an ergab es sich ungefähr einmal in der Woche, dass die Kinder sich unter dem Sternhimmel versammeln wollten, um Gemeinschaftsaktionen zu planen. Daraus entstand zum Beispiel die Idee für ein Märchenspiel, das die Kinder einübten und am Elternnachmittag aufführten. Schon die Proben haben die Gruppe zusammengeschweißt. Renate Wettermann resümiert: „Es kam mir so vor, als hätten die Kinder sich selbst geheilt. Am Ende des Kindergartenjahres haben sie sich sogar eine gemeinsame Abschlussfahrt gewünscht.“

Unterwegs in die Stadt

Die baldigen Schulkinder haben bei einer Exkursion auch den Wunsch geäußert, einmal die Schule zu sehen, auf die sie im nächsten Jahr gehen werden. Daraus hat sich das Interesse an anderen Bauten, die auf dem Weg liegen, entwickelt wie z.B. die neuapostolische Kirche, die daraufhin besichtigt wurde. Zurück im Kindergarten haben die Kinder begonnen einen Ortsplan zu zeichnen, wo jedes Kind auch sein Haus einzeichnen konnte und alle anderen wichtigen Gebäude. So entstand bald ein zweites Projekt, das aus dem Interesse der Kinder heraus entstanden ist.

Mit dem Körper auf Entdeckungsreise

Ähnlich hat sich auch das Projekt der Viereinhalbjährigen in der Gruppe von Monika Buchwalder ergeben. Eines der Kinder kam aus dem Krankenhaus zurück, ein anderes hatte sich verletzt und schon wuchs das Interesse am Bereich „Krankheit, Krankenhaus“ enorm. Jeder wollte einmal Arzt oder Patient sein. Buchwalder nahm das Thema auf und versuchte Spiele hineinzugeben, die den Kindern den eigenen Körper bewusst machen, wie z.B. das Berühren der Arme mit einer Feder. Die kleinen Ärzte überlegten, welche Instrumente sie wohl für ihren Beruf gebrauchen könnten. Daraufhin wurde ein Besuch bei einer Kinderärztin organisiert und auch in einer Apotheke. In das große Themengebiet „Körper“ und „Gesundheit“ flossen dann auch Themen wie Ernährung und den damit verbundenen Einkauf ein. Monika Buchwalder erzählt, wie sie sich immer wieder bewusst Zeit nimmt, um die Kinder zu beobachten und herauszufinden, was in ihnen vorgeht. „Zusammen mit meiner damaligen Praktikantin habe ich mich hingesetzt und einfach mal aufgeschrieben, was die Kinder äußern. Worte und Sätze. Gerade nach dem Arztprojekt hatten wir bei einer weiteren Beobachtungsstunde den Eindruck, dass die Sprachentwicklung der Kinder stark vorangeschritten war.“

Die Eltern mit ins Boot holen

Bei all den vielen Projekten werden die Eltern aber nicht vergessen. In mehreren Elternversammlungen wurden sie über die Teilnahme an dem Projekt informiert und können auch durch Fotodokumentationen immer verfolgen, was gerade in der Kita passiert. Und da Feste und Feiern zum Kitaleben dazugehören, sind die Eltern oft präsent. Skeptisch gegenüber dem neuen Konzept waren sie anfänglich vor allem deswegen, weil sie bei den Kindern Schulunfähigkeit fürchteten.

Gemeinsam Regeln aushandeln

Dass der Umgang mit den Kindern in der Kita ein freundlicher ist, wird beim Betreten schnell deutlich. Und die Kinder scheinen sich ernst genommen zu fühlen. Im Garten und in der Turnhalle sind zwar auch Verhaltensregeln aufgestellt, doch die haben die Kinder eigens mit den Erzieherinnen ausgehandelt. Für Marion Brückner und ihre Mitarbeiterinnen hat sich die Mitarbeit an dem Projekt „Demokratie leben“ jedenfalls gelohnt, weil die kontinuierliche Arbeit an sich selbst und dem eigenen Bild des Kindes Früchte trägt: „Was wir bei den Krippenkindern erreichen, wächst immer weiter, so dass wir bei den Großen schließlich durch ihr Vertrauen, ihre Ideen und Vorschläge merken, dass sie sich ernst genommen fühlen.“

Dass es noch viel zu lernen und zu tun gibt auf dem Weg zu einem größeren Zugeständnis von Rechten an die Kinder und zur Veränderung festgefahrener Strukturen, ist den Mitarbeiterinnen klar. Aber sie haben den beschwerlichen Anfang schon geschafft, indem sie sich auf eine Reflexion und eine Änderung des eigenen Verhaltens eingelassen haben.

Margarete Jooß ist Studentin der Erziehungswissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin.