Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Scheidung muss keine Tragödie sein

Obwohl die Statistiken belegen, dass eine Scheidung bei jeder Eheschließung einkalkuliert werden sollte, blicken Betroffene oft unsicher in die Zukunft. Wie kommt man alleine zurecht? Wie werden Freunde und Familie reagieren? Was wird aus den Kindern?

„Scheidung prädestiniert keine Entwicklung. Kinder nicht anders als Erwachsene, schlagen nach einer Trennung oder Scheidung sehr verschiedene Wege aus der Scheidung ein; manche führen ins Unglück, andere zu einem sinnvollen und erfüllten Leben.“

E. Mavis Hetherington und John Kelly beweisen mit ihrer umfangreichen Studie, dass eine Scheidung auch positive Veränderungen bewirken kann. 1.400 Familien wurden in den USA im Rahmen einer Langzeituntersuchung begleitet, befragt und beobachtet. Die Ergebnisse zeigen, was Männern, Frauen und Kindern im ersten und zweiten Jahr nach der Scheidung widerfährt und was nach fünf, zehn, fünfzehn und zwanzig Jahren.

Alle Textabschnitte sind von Beispielen durchzogen, die Geschichten einzelner Familien werden mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert, schon bekannte Personen tauchen immer wieder auf. Damit wird das Buch zu einem angenehm lesbaren und berührenden Ratgeber, der viele mögliche Lebenswege aufzeigt und die Zukunftsangst nimmt. Denn zwanzig Jahre danach sind die Misstöne klar in der Minderheit, auch die meisten Kinder sehen die Scheidung ihrer Eltern nun als notwendige Entscheidung an, die für alle das Beste war. Sie haben gelernt, dass Scheidungen keine Einbahnstraßen sein müssen.

Jenny Tschiltschke

E. Mavis Hetherington und John Kelly
Scheidung. Die Perspektiven der Kinder
Weinheim 2003, 384 Seiten
19,90 Euro

Getrennt leben, gemeinsam erziehen

Scheidungskinder gehören zu den Verlierern, dieser Glaube war lange in den Köpfen fest verankert. Dass Kinder nach der Scheidung ihrer Eltern sich genauso gut glücklich entwickeln können, muss unsere Gesellschaft erst noch lernen.

„Kinder glücklich aufwachsen zu lassen ist weit weniger eine Frage des Familienmodells als vielmehr der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird. Die Gretchenfrage ist also nicht, «Scheidung Ja oder Nein?», sondern, «Wie können wir als verheiratete oder geschiedene Eltern das Verhalten unserer Kinder richtig lesen und ihre Bedürfnisse angemessen befriedigen?»“ Was der Kinderarzt Remo Largo und die Journalistin Monika Czernin in ihrem Buch mit dem herausfordernden Titel „Glückliche Scheidungskinder“ überzeugend darlegen, kommt einer kleinen Revolution gleich: weg von der Fixierung auf den Paarkonflikt, hin zur Konzentration auf die Bedürfnisse der Kinder.

Anstatt sich als Versager zu sehen und sich mit Schuldgefühlen zu plagen, sollten Eltern lieber die Chancen des neuen Aufbruchs nach der Trennung wahrnehmen. Getrennt leben und gemeinsam erziehen ist möglich, wenn Eltern ihr Verhalten am Wohl des Kindes ausrichten und in Erziehungsfragen miteinander kooperieren. In erfrischenden Dialogen, anschaulichen Fallbeispielen und auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament beschreibt das Schweizer Autorenteam, wie Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder „lesen“ und danach handeln können.

Jährlich sind allein in Deutschland rund 170.000 Kinder neu von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Nach der Lektüre mag man das Buch allen dazu gehörenden Eltern als Pflichtlektüre wünschen. Es ist das Beste, was es derzeit gibt.

Jörg Maywald

Remo H. Largo und Monika Czernin
Glückliche Scheidungskinder
Trennungen und wie Kinder damit fertig werden

München 2004, 336 Seiten
9,90 Euro