Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Stiefkindadoption – Lösung oder Problem?

von Verena Krähenbühl

Im Jahre 2002 waren 55 Prozent aller Minderjährigenadoptionen Stiefkindadoptionen. Schon seit einigen Jahren liegt der Anteil der Stiefkindadoptionen an allen Adoptionen bei über 50 Prozent. Bei den weitaus meisten Stiefkindadoptionen leben beide Elternteile noch. Die Adoptionspraxis zeigt, dass die Anträge für eine Stiefkindadoption in der Mehrzahl der Fälle innerhalb der ersten zwei Jahre nach Stieffamiliengründung, häufig sogar zusammen mit dem Heiratsaufgebot des neuen Paares gestellt werden. Ich beschreibe im Folgenden insbesondere die Situation der Kinder bei der Gründung einer Stieffamilie, um die Stiefkindadoption aus der Bedürfnislage der Schwächsten in diesem neuen Familienverbund zu diskutieren.

Die Perspektive der Kinder

„Von einem Tag zum anderen war meine Mama wie ausgewechselt“, berichtet die 12-jährige Elli in der Stiefkindergruppe. „Sie brachte mir Eis am Stiel mit nach Hause, während sie vorher jeden Euro zweimal umdrehte, bevor sie ihn ausgab. Ich hörte sie manchmal in der Küche singen und summen, und ich verstand die Welt nicht mehr. Und dann wurde mir alles klar: Meine Mutter hat einen Freund! An einem Wochenende war er plötzlich da, und die beiden tauschten verliebte Blicke aus, während ich innerlich auf Tauchstation ging.“

Es gibt kaum eine vergleichbare Situation, die ein Elternteil und seine Kinder so unterschiedlich erleben wie den Beginn einer Stieffamilie. Wenn der neue Partner in die bestehende Teilfamilie von Mutter und Kind(ern) kommt, bedeutet dies für die Mutter häufig eine große Erleichterung. Die Mutter ist als Partnerin erfüllt von der neuen Beziehung, die sie vieles vergessen lässt, was in der Vergangenheit schwierig und schmerzlich war. Mit dem Zusammenkommen und Zusammenleben ist auch ihre Hoffnung verbunden, dass das Leben nun einfacher wird. Aufgaben und Verantwortung lasten jetzt nicht mehr nur auf ihren Schultern, sondern können geteilt werden.

Dagegen begleiten Trauer und Angst die Stiefkinder in die neue Familiensituation. „Ich hatte immer gehofft, dass sich Mama und Papa wieder vertragen“, erzählt Annika in der Gruppe. „Es hat nichts genutzt, Mama so viel wie möglich abzunehmen und gute Noten im Zeugnis zu haben. Ich hasse den ‚Neuen‘! Hoffentlich haut er bald wieder ab!“ Annika geht es wie vielen Stiefkindern. Mit dem Einzug des neuen Partners der Mutter ist ihr Traum ausgeträumt, ihr Vater könnte wieder einziehen, die Eltern könnten sich wieder verstehen und alles würde wieder so sein wie vor der Trennung. Die meisten Kinder aus geschiedenen Ehen geben ihren Wunsch nie auf, dass die Eltern doch wieder zusammenkommen, so schwierig das Zusammenleben in der Vergangenheit auch war. Die Ursprungsfamilie von Vater-Mutter-Kind, die unter einem Dach lebt, ist und bleibt für das Kind der Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Das Kind trauert auch darüber, dass es seine Mutter nicht mehr für sich hat, sondern sie nun mit dem neuen Partner teilen muss.

Das Kind empfindet Ohnmacht in der neuen Situation. Es hat keine Macht, die Ereignisse aufzuhalten oder auch nur in seinem Sinn zu beeinflussen. Dies war bereits bei der Trennung der Eltern so; in den meisten Fällen wird die Trennung von den Kindern nicht gewollt. Auch die Gründung der Stieffamilie geht allein auf den Wunsch und die Entscheidung der Erwachsenen zurück. Micha aus der vorgestellten Gruppe berichtet, dass er manchmal in die Luft guckt, wenn seine Stiefmutter ihn etwas fragt. Er tut so, als wäre sie nicht da. Marcel hat schon einmal das Fahrrad seiner Mutter so „behandelt“, dass sie nicht zu ihrem Freund fahren konnte und zu Hause bleiben musste. So verhalten sich viele Kinder, weil sie nicht wollen, dass sich in der bestehenden Familie etwas ändert.

Die neue Beziehung ihres Elternteils empfinden die Kinder oft als Verrat am getrennt lebenden oder verstorbenen früheren Partner der Mutter. Sie befürchten, dass der neue Partner der Mutter nun den Anspruch erhebt, ihr Vater zu sein, und dass er nun ihre Erziehung übernimmt. Diese Unsicherheit stürzt die Kinder schon bei der kleinsten Annäherung des Stiefvaters in große Loyalitätskonflikte. Sie befürchten, dass sie die Beziehung zu ihrem Vater, mit dem sie nicht mehr ständig zusammenleben, nun aufgeben müssen. Das Stiefkind bleibt auf Distanz zum Stiefvater und darf Gefühle von Sympathie und Nähe nicht aufkeimen lassen aus Angst, seinen Vater zu verraten. Es kann sich nicht erlauben, gleichzeitig seinen Vater und den Stiefvater zu mögen.

Manche Kinder fühlen sich auch hintergangen. Sie haben nicht mitbekommen, dass ihr Elternteil eine neue Beziehung aufgenommen hat. Eines Tages steht dann ein fremder Mann (oder eine fremde Frau) vor dem Kind. Kinder fühlen sich verletzt, wenn ihr Elternteil solche tiefgreifenden Entscheidungen nicht mit ihnen bespricht und sie nicht langsam auf die damit verbundenen Veränderungen aufmerksam macht. Häufig richtet das Kind die Wut und den Zorn dann gegen den Stiefelternteil, auch wenn es diese neue Person sympathisch findet. „Gestern hat Regine, meine Stiefmutter, Pizza gebacken“, erzählt Micha in der Stiefkindergruppe. „Auf einmal habe ich so an Mama denken müssen – ich habe das Pizzastück auf den Boden geschmissen und bin in mein Zimmer gerannt. Und dann standen wir dann da, sie draußen und ich drinnen, und beide haben geheult.“

Für die Kinder ist also die Stieffamiliengründung zunächst meist kein freudiges Ereignis und kein Gewinn, sondern ein Verlust. So wehren sie sich häufig gegen alles, was nach „Familie“ aussehen könnte, um ihrem Protest gegen die Entscheidung der Erwachsenen Ausdruck zu verleihen. Im Verlauf des Zusammenlebens erlebt sich das Kind dann häufig zusätzlich zwischen zwei Fronten. Das neue Paar hat die große Aufgabe, auf einen Schlag sowohl die neue Paarbeziehung als auch die Familienbeziehungen zu entwickeln und unter einen Hut zu bekommen. Die neuen Partner, die sich bis vor kurzem fremd waren, müssen bald entdecken, dass ihre Paar- und Familienerfahrungen unterschiedlich sind. Solche Unterschiede machen sich häufig am Verhalten der Kinder fest und so liegt es nahe, die Gründe für die Schwierigkeiten beim Stiefkind zu sehen. Der Stiefelternteil, der andere Erziehungsvorstellungen hat als seine neue Partnerin, kritisiert beispielsweise die Stiefkinder, dass sie zu spät schlafen gegangen sind oder ihren Teller beim Mittagessen nicht leer gegessen haben. Der Konflikt, der eigentlich ein Konflikt zwischen dem Paar ist, das unterschiedliche Erziehungsauffassungen hat, wird auf die Ebene der Kinder umgelenkt und dort ausgetragen. Auch Unstimmigkeiten zwischen den getrennt lebenden Eltern belasten die Kinder. Dies macht es für Kinder schwer, unbeschwert zwischen ihren Elternhäuser zu pendeln.

Die Kinder in der Stieffamilie haben es also zu Beginn ihres Zusammenlebens in der neuen Familie besonders schwer. Sie brauchen in dieser Situation das offene und verständnisvolle Gespräch, die Aufmerksamkeit und Zuwendung insbesondere des Elternteils, bei dem sie die meiste Zeit leben (in den meisten Stieffamilien ist dies die Mutter). Sie hat die Aufgabe, die Ängste der Kinder aufzunehmen und wenn nötig abzubauen, Verständnis für ihre Bedürfnisse zu haben und ihnen zu helfen, Klärung in dem Chaos ihrer Gefühle herbei zu führen. Ein wohlwollendes Zusammenfinden der Stieffamilie hängt zu einem großen Teil auch davon ab, ob es dem Stiefvater (bzw. der Stiefmutter) gelingt, die für ihn und für die ganze Familie passende Rolle zu finden.

Die Position des Stiefelternteils

Auch der Stiefelternteil hat es nicht leicht, seinen Platz in der Stieffamilie zu finden. Er kommt als Fremder in einen Teilfamilienverband, in dem die Familienmitglieder sich schon über einige Jahre kennen und meist ein eingespieltes Team sind. Dazu kommt, dass eine weitere wichtige Familienperson immer indirekt mitbestimmt: der Elternteil, der an einem anderen Ort lebt und zu dem die Kinder eine mehr oder weniger starke Beziehung haben. Wenn der neue Partner der Mutter zu ihr zieht, mag es nach außen erscheinen, als wäre nun die Familie mit Mutter, Vater und Kind(ern) wieder vollständig. Nach innen ist von Anfang an deutlich, dass hier kein Vater, auch kein Ersatzvater, eingezogen ist. Dies geben ihm die Kinder schnell zu verstehen mit Bemerkungen wie:“Du hast mir nichts zu sagen“ oder „Du bist nicht mein Vater“! Bei allen Mitgliedern in der Stieffamilie besteht Unsicherheit darüber, wer nun welche Position in der Familie hat und wie die neuen Rollen auszufüllen sind. Trotzdem geht mancher Stiefvater von der Vorstellung aus oder er wird von seiner neuen Partnerin dazu eingeladen, die Erziehung der Stiefkinder zu übernehmen und ihnen Grenzen zu setzen.

Weshalb greifen Stiefväter oft so schnell und sozusagen unbesehen zu disziplinierenden Regelsetzungen, um sich in die Familie einzuführen? Wer als Fremder zu Fremden stößt, wird normalerweise kaum Pflicht und Ordnung einfordern, weil er weiß, dass ein solches Auftreten nicht zu Annäherung, sondern zu Distanz und Abwehr führt. Sein Dilemma ist deutlich: Die Stieffamilie ist anders als die so genannte Kernfamilie. Der Stiefvater kennt aus seiner eigenen Kindheit die Rolle des Vaters, nicht aber die des Stiefvaters. Dazu kommt, dass bis heute die Rolle des Stiefvaters kaum erforscht ist. Es gibt bisher nur wenige Untersuchungen, die die Aufgaben und Kompetenzen des Stiefvaters und seinen Platz in der Stieffamilie beschreiben. Mangels alternativer Rollenvorbilder nimmt der Stiefvater also häufig schon in der Gründungsphase der Stieffamilie den Platz des Vaters nach dem Muster der Kernfamilie ein. Dabei missachtet er, dass diese Rolle bereits besetzt ist. Die Kinder in der Stieffamilie haben einen Vater, mit dem sie allerdings nur zu bestimmten Zeiten zusammenleben, aber er ist und bleibt ihr Vater. Selbst bei Kindern, deren Vater gestorben ist, kann und darf ein Stiefvater nicht einfach die Vaterrolle übernehmen und Vaterfunktionen ausüben! Kinder spüren ganz genau, wann Erwachsene Rollen übernehmen, die nicht die ihren sind, und so wehren sie sich gegen einen Stiefvater, der sich Schuhe anzieht, die ihm nicht gehören.

Die meisten Kinder begegnen dem Stiefelternteil mit viel Misstrauen und Angst. In dieser Situation ist es ratsam, wenn der Stiefvater mit Sorgfalt und viel Einfühlungsvermögen auf seine Stiefkinder zugeht. Wenn er nun seine Rolle darin sieht, seine Stiefkinder mit „väterlicher“ Autorität zu erziehen, wird er nicht nur seine Stiefkinder, sondern sehr bald auch seine neue Partnerin gegen sich haben. Da bei den Kindern die gewachsene emotionale Basis für die erzieherischen Interventionen des Stiefvaters fehlt, lehnen sie seine „Maßnahmen“ häufig ab. Der Stiefvater muss dann sein Bemühen steigern, um erfolgreich zu sein, denn er möchte seiner neuen Partnerin ja zeigen, dass er sie unterstützt. Die Kinder reagieren auf dieses gesteigerte Bemühen mit verstärktem Widerstand und ziehen sich womöglich mehr und mehr aus der Familie zurück oder sie werden besonders aggressiv. Dies ruft die Mutter der Kinder auf den Plan, die sich Sorgen um sie macht und das Vorgehen des neuen Partners mehr und mehr kritisch beurteilt. Sie schlägt sich zunächst innerlich, bald auch offen auf die Seite der Kinder und weist den Partner und Stiefvater zurecht. Dieser fühlt sich in seinem Bemühen allein gelassen und gewinnt den Eindruck, seine Partnerin falle ihm mit ihrer Kritik in den Rücken. Ein solcher Teufelskreis bringt dann häufig die junge Partnerschaft und damit die neue Familie in Gefahr.

Aus der beschriebenen Rollenunsicherheit und den Erfahrungen mit den stark verunsicherten, verängstigten und manchmal auch „bockigen“ Stiefkindern heraus greifen insbesondere Stiefväter häufig zum Mittel der Stiefkindadoption in der Erwartung, auf diese Weise zu klären, wer zu wem gehört, und die Krise möglichst schnell und dauerhaft zu beenden. Ein möglicher Beweggrund der Mutter für einen solchen Schritt könnte sein, dass sie hofft, eine Adoption ihrer Kinder durch den Stiefelternteil könne eine definitive Trennung von dem wenig fürsorglichen und hilfsbereiten Vater besiegeln und auch zur Lösung finanzieller Nöte beitragen. Offenbar nehmen bis heute über 50 Prozent der Väter nach der Scheidung ihre Rechte als Vater nicht wahr. Sie suchen den Kontakt zu ihren Kindern nicht, manchmal verweigern sie auch den Unterhalt für sie oder sie „verschwinden“ ganz aus dem Leben ihrer Kinder. Hier scheint sich auch seit Einführung des neuen Kindschaftsrechts von 1998, welches das gemeinsame Sorgerecht zur Regel macht, nicht viel verändert zu haben. Eine Stiefkindadoption, die Autorität durch Gesetz herstellen soll, löst aber nicht das Problem, wie Stieffamilien gut zueinander finden, vielmehr gefährdet die vermeintliche Lösung die Entwicklung tragfähiger Beziehungen in der neu gebildeten Familie. Die Adoptionspraxis zeigt im übrigen, dass sich diese Vorgehensweise offenbar nicht bewährt: Bei über einem Drittel will der Adoptionselternteil und/oder das Adoptivkind die Adoption rückgängig machen. Dies ist rechtlich jedoch nicht möglich.

Stiefkindadoptionen kritisch betrachten

Es erstaunt, dass die Stiefkindadoption offenbar unvermindert kritiklos angewandt wird, obschon in den letzten Jahren die Information über die Situation von Stieffamilien zugenommen hat und heute ein breiteres Wissen über diese Familienform besteht. Landesjugendämter haben in den vergangenen Jahren wiederholt auf die Problematik von Stiefkindadoptionen aufmerksam gemacht und Fortbildung für die Mitarbeiter(innen) von Adoptionsvermittlungsstellen zu diesem Thema angeboten. Es ist dringend an der Zeit, die hier vorgetragenen Zusammenhänge weiter zu untersuchen und zwar vor allem aus der Perspektive der betroffenen Kinder.

Zum Schluss einige Bemerkungen an die Adresse der Adoptionsvermittlungsstellen: Könnte es sein, dass die Fachkräfte bei Stieffamilien noch häufig das Bild der Kernfamilie vor sich haben und das Stiefkind als bedürftig und benachteiligt einschätzen? Wie anders ist es zu erklären, dass sie offenbar die Stiefkindadoption mehrheitlich befürworten? Wer sich mit dieser Familienform bekannt gemacht hat, wird einsehen, dass die Stiefkindadoption dem Grundgedanken und den eigentlichen Absichten der Adoption widerspricht:

(1) Die Adoption ist ein hilfreiches Angebot in einer Mangelsituation, wenn beispielsweise ein Kind „Ersatzeltern“ braucht, weil seine Eltern nicht mehr leben oder nicht in der Lage sind, ihr Kind zu versorgen. Eine solche Situation ist in der Stieffamilie nicht gegeben. Hier besteht kein Mangel an Beziehungspersonen, sondern eher ein „Zu viel“ an Beziehungen. Stiefkinder haben mehr Bezugspersonen als Kinder in Kernfamilien. Viele Stiefkinder haben drei bis vier Großelternpaare, mehrere Onkel und Tanten, Geschwister und häufig auch Stiefgeschwister. Sie leben in zwei Familien. Die Schwierigkeiten in der Stieffamilie entstehen nicht, weil Bezugspersonen für die Kinder fehlen, sondern weil den Erwachsenen in der Stieffamilie unklar ist, wer welchen Platz in der neuen Familie einnehmen soll. Kinder in der Stieffamilie behalten nach wie vor beide Eltern, und das neue Kindschaftsrecht hat nochmals bekräftigt, dass der Elternteil, der nicht mehr in der Familie lebt, Elternteil bleibt und Elternpflichten und -rechte hat und behält.

(2) Adoptionsvermittlungsstellen suchen nicht Kinder für adoptionsbereite Paare, sondern liebevolle Eltern für Kinder, die sonst ohne Eltern aufwachsen müssten. Kinder behalten nach der Scheidung beide Eltern, auch wenn ein Elternteil nur noch zu bestimmten Zeiten mit ihnen zusammenlebt. Es ist die Aufgabe der getrennt lebenden Eltern, Wege zu finden, wie sie trotz Trennung Eltern bleiben können. Die Stiefkindadoption geht in der Regel – wenn nicht ausschließlich – von den Bedürfnissen des Paares in der Stieffamilie aus. Meist geht es ihm darum, möglichst schnell zu einer „richtigen“ Familie zu werden. Wenn Kinder wählen könnten, würden sie in aller Regel ihre getrennt lebenden Eltern behalten wollen, auch dann, wenn es Schwierigkeiten mit Vater und Mutter gibt. Kinder haben ein existentielles Recht auf beide Eltern. Dieses Recht wird durch die Adoption verletzt.

(3) In der Adoptionspraxis wird gelegentlich argumentiert, das Kind brauche für sein Aufwachsen und seine Identitätsbildung eine Vaterfigur und diese fehle ihm, wenn der Vater nun nicht mehr die meiste Zeit mit dem Kind zusammenlebt und vielleicht weiter weg wohnt. In unserer Zeit der neuen Austauschformen von Kommunikation, der Vernetzung von Information und der vielfachen Mobilität ist das Argument, dem Kind würden die Kontakte zum Vater (bzw. zur Mutter) fehlen, kein stichhaltiger Grund für eine Adoption. Mit etwas Fantasie und dem Willen zur Kooperation können heute auch große Entfernungen leicht überbrückt werden. Handy und Internet sind längst selbstverständliche Kommunikationsmittel geworden, die schon Kinder früh bedienen und nutzen können für den Kontakt mit ihrem Elternteil, der weiter weg lebt.

Stieffamilien entwickeln sich in einem längeren kommunikativen Prozess und nicht durch einen Rechtsakt, gleichsam durch einen Federstrich unter ein juristisches Dokument. Der „Zu-wachs“ von Beziehungen in der Stieffamilie braucht, wie es das Wort sagt, Zeit zum „Zu-einander-wachsen“. Die Mitglieder in der Stieffamilie brauchen für ihre Entwicklung und die Entwicklung ihrer Familienbeziehungen Offenheit, Vertrauen und viel, viel Zeit dafür, neue Verhaltensweisen zu diskutieren, zu entwickeln, auszuprobieren und zu installieren für das Zustandekommen einer Familie eigener Art und eigener Prägung. Zum wohlwollenden, wertschätzenden und klärenden Gespräch gibt es keine Alternative!

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Verena Krähenbühl ist freiberuflich als Paar- und Familientherapeutin tätig. Bis 1998 war sie Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt.